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Englands Europäer

Hilaire Belloc ist nicht mehr. Er starb (vgl. „Furche“, Nr. 30, Seite 8) wenige Wochen vor seinem 83. Geburtstag, nach einem langen Leben, dessen Fülle mit den Ereignissen und geistigen Strömungen der vergangenen acht Jahrzehnte in engster Berührung stand. Die Persönlichkeit und das Werk Bellocs waren nicht für ein Zeitalter des Spezialistentums bestimmt. Er war Dichter, Sänger, Essayist, Historiker, Philosoph, Politiker, Journalist, Redner, Humorist, Soldat, Seemann und Wanderer. Er war gebürtiger Franzose — sein Vater war Rechtsanwalt, seine Mutter Engländerin und französische Uebersetzerin von „Onkel Toms Hütte“ — und ließ sich im Alter von dreißig naturalisieren, nachdem er schon eine französische Offizierskarriere hinter sich, im Balliol College, Oxford, seine Geschichtsstudien mit Auszeichnung beendet hatte, und bereits liberales Parlamentsmitglied in Westminster gewesen war. Ein solches Leben auf einen Nenner zu bringen wäre ein gewagtes Unternehmen. Eines steht fest: Bellocs kämpferische Natur und Katholizismus gaben seinem Leben Richtung und Ziel.

Und einem anderen Leben auch: G. K. Chestertons. In einem kleinen Restaurant in Soho lernten sich die beiden im Jahre 1900 kennen — Chesterton war 26, Belloc vier Jahre älter. Eine Flasche Moulin au Vent besiegelte die lebenslange Freundschaft, der Shaw später den Spitznamen des zweiköpfigen Monsters, des Chesterbellocs, gab. „Seine Arme und Taschen waren vollgestopft mit französischen nationalistischen und atheistischen Zeitungen“, beschrieb Chesterton diese erste Begegnung. „Er trug einen Strohhut, der seine Augen, die Augen eines Seemanns, beschattete und sein napoleonisches Kinn hervorhob, Das kleine Restaurant war eine Zuflucht jener wenigen geworden, die starke aber unpopuläre Ansichten über den Burenkrieg hegten. Belloc redete bis tief in die Nacht und ließ einen leuchtenden Pfad guter Dinge in ihr zurück. Ich will damit sagen: Dinge, die wirklich gut sind, gewiß nicht nur Bonmots, und damit habe ich alles gesagt, das von der ernstesten Seite dieses Mannes zu sagen ist, der unter allen meinen Zeitgenossen am stärksten für gute Dinge gekämpft hat... Er brachte zu unserem Traum einen römischen Appetit für die Wirklichkeit und die Vernunft in der Aktion, und wenn er durch die Tür trat, kam mit ihm der Geruch der Gefahr.“ .

Belloc, frühreif und frühverheiratet, gab dem jungen Chesterton etwas von seinem Wirklichkeitssinn, seinem Zynismus über Politik, das heißt, über Politiker. Er zeigte ihm eine christliche Antwort auf Sozialismus (den Chesterton zeitgemäß vertrat), die nichts mit Kapitalismus gemeinsam hatte, sondern eine Neuverteilung des Eigentums anstrebte. Um die Zeit des ersten Weltkrieges herum entwickelte Belloc seine Soziologie im „Servile State“ und dann, 1936, in „The Restoration of Property“. Seinem Zeitalter, dessen geistige Führer, Shaw und Wells, sich der Staatsmacht und dem Sozialismus verschworen hatten, hielt Belloc, vergeblich, aber unermüdlich, seine Warnungen vor dem Sklavenstaat und vor der fatalen Verbindung von Liberalismus ur.d Sozialismus und den Gefahren der Massendemokratie vor Augen.

Immer wieder klagte er seine taube Mitwelt an: die Reformation setzte die Macht des Geldes an Stelle der Macht der Kirche; England wurde zur Plutokratie, anstatt wie einst im Mittelalter den meisten seiner Bürger einen Eigentumsanteil im Lande zu ermöglichen. Die Neureichen gaben der indu- ■ striellen Revolution des 19. Jahrhunderts ihren schmachvollen Zug und entfesselten den Burenkrieg. J'accusj. Ich klage an: die Banken und jüdischen Geschäftsinteressen,

weil sie das Parlament kontrollieren und sich des Staates bemächtigt haben. Ich klage die Universitäten an, weil sie die katholische Vergangenheit Englands und Europas verfälschen und die Geister der Jugend vergiften. Ich klage H. G. Wells an, als Verfasser einer Weltgeschichte, die den Kampf ums Dasein dem schöpferischen Willen Gottes entgegenstellt. Ich klage die Bankiers und die Imperialisten an, daß sie die Wiederaufrüstung Deutschlands nach dem erster! Weltkrieg zuließen und Frankreich aufgaben. Ich klage die Korruption unseres politischen Lebens an. Ich klage an ...

Belloc schrieb einmal in einem anderen Zusammenhang: „Alle Herausforderer leiden notwendigerweise unter den Versuchungen des Hochmuts. Sie gehören dem Schlag jener an, die Gewißheit und Einfalt besitzen, das heißt jener menschlichen Art, die durch Angriffslust, Selbstbehauptung und Heftigkeit unvollkommen wird.“ Das Wort kann treffend auf sein eigenes Werk als Historiker und Soziologe angewendet werden. Er war einseitig bis zur Ungerechtigkeit, wie viele große Visionäre, aber wie sie, sah auch er manchmal unheimlich klar. In einer Zeit des triumphierenden Agnostizismus erkannte er die geistige Unzulänglichkeit jener Vorr kriegsgeneration, die das katholische und protestantische Glaubensgut ihrer Eltern beiseite gelegt hatte und selbstzufrieden mit der diesem Glaubensgut entstammenden Moral allein auszukommen glaubte.

Belloc sah England als Teil einer zusammenbrechenden europäischen Welt. Einem anderen, Spengler, gleich, rief er im Jahre 1920 aus: „Europa wird zum Glauben zurückkehren oder es wird untergehen.“ Und er malte in meisterhafter Sprache ein Bild der abendländischen Vergangenheit und jener christlichen Ueberlieferung, der auch das Inselreich einst angehört hatte. Den akademischen Historikern jener Zeit, die zu Götzendienern der Rationalismen eines Gibbons, der eleganten Ungenauigkeiten eines Macaulay, des selbstzufriedenen Stolzes eines J. R. Greens geworden waren, schienen Bellocs Thesen von der „Reformationskatastrophe“ ein intellektueller Skandal. Es war wie eine Kriegserklärung, als dieser katholische Halbengländer in der Reformation den Ursprung sah, der „Leugnung einer allgemeinen moralischen Autorität über die Länder der Christenheit, der Bekräftigung des souveränen Staates, der Zerstörung des ständisch-geordneten sozialen Lebens und der herrschenden Tyrannei des Reichtums“. Gewiß, Bellocs lateinische Interpretation der

europäischen Geschichte war genau so einseitig und ungenau wie die seiner protestantischen und liberalen Gegner, aber es ging nicht darum — und es darf seinen katholischen Anhängern auch nicht darum gehen —, seine Schau der Geschichte als d i e richtige herauszustellen. Belloc hatte das Gefühl und den psychologischen Einblick des Historikers, aber seine wahre Aufgabe war die eines Erweckers der Gewissen, der zeigte, in der Soziologie wie in der Geschichte, daß es auch eine andere als die überlieferte Sicht gab und damit recht behalten sollte.

Die Lebendigkeit der Darstellung seiner biographischen Helden, Cromwell, Richelieu, Wilhelm der Eroberer usw., drängt verführerisch zur Annahme der These Bellocs, daß „Europa der Glaube“ ist und „der Glaube Europa“. Aber für die Ueberspitzt-heit dieses Ausdrucks sind wir heute offener geworden als je zuvor. Die Kirche hat die zeitlichen und kulturellen Formen der europäischen Entwicklung bestimmt, ist aber nicht von ihr abhängig oder gar mit ihr identisch. Bellocs Sicht der französischen und deutschen modernen Geschichte stand überdies unglücklicherweise stark von der von Charles Maurras beeinflußt. Man vermißt bei Belloc jene theologische Präzision und Logik, die seinem französischen Geist in anderer Weise so verwandt war.

Seine unsterbliche Leistung ruht in erster Linie auf seinem dichterischen Werk. Seine Prosa besitzt eine seltene Reinheit und Stärke; sein Humor ist voller Lebensfreude; seine Ironie leicht wie ein Hauch. Viele seiner Gedichte zeigen ihn, den Realisten, als den Romantiker, der er im Grunde war. Er verkörperte in sich eine Mischung von Cyrano de Bergerac und Karl Kraus. Er war ein Kämpfer, der von sich sagen konnte: „Caritas non conturbat me“, der aber demütig in einem freudigen Humanismus und in den wilden Schönheiten der Berge und des Meeres auf seiner Pilgerfahrt nach Rom den Spuren göttlicher Liebe nachging.

Seine warnende und prophetische Stimme war schon seit einigen Jahren verstummt. Der Greis, der als Knabe Schüler Newmans in Birmingham gewesen war, der zwei Söhne in den beiden letzten Weltkriegen verloren hatte, saß still und von seinen Freunden, Büchern und Erinnerungen umgeben, im Kerzenlicht seines geliebten Hauses in Sussex, das so treffend „Kings Land“ heißt. „Wenn die Engländer“, schrieb ein Freund Bellocs von ihm, „als Sieger des zweiten Weltkrieges so mangelhaft ausgerüstet für ein Verständnis des übrigen Europas auftreten mußten, dann war dies der Tatsache zuzuschreiben, daß sie ein halbes Jahrhundert in ihrer Mitte eine Stimme hatten, die zu hören ihnen gut getan hätte.“ Diese Stimme ist jedoch mit dem Tode Hilaire Bellocs nicht verhallt.

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