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Entfaszination

Patrice Bollons Essay rekonstruiert die intellektuelle Biographie des jungen E. M. Cioran: Der luzide Skeptiker war in seiner Jugend fasziniert von Gewalt und ein Hitler-Verehrer.

Als großer Einzelgänger abseits der Pariser Schriftsteller-und Intellektuellenszene ist E. M. Cioran bekannt geworden, seine radikale Skepsis in Verbindung mit einer lebenslangen Auseinandersetzung mit der Mystik sowie sein Faible für die außenseiterischen Traditionen des Christentums, vor allem aber die Form seiner luziden Aphorismen machten ihn einzigartig. Sehr spät erst wurde Ciorans rumänisches Jugendwerk in Übersetzungen zugänglich. Ein Buch ist bis heute nur auf Rumänisch zu lesen: "Die Verklärung Rumäniens" von 1936; ebenso seine Zeitschriftenartikel. Seit Ciorans Tod 1995 dreht sich die Auseinandersetzung mit ihm vor allem um diese Schriften. Dabei geht es nicht nur darum, wie intensiv Cioran mit der "Eisernen Garde", der rumänischen Variante des Faschismus, sympathisiert hat, sondern vor allem um seine Aussagen über Hitler in den Jahren 1933 und 1934, als er sich in Nazi-Deutschland aufhielt und für die rumänische Zeitschrift Vremea von dort berichtete.

Faschismus-Faszination ...

Der französische Kulturjournalist und Autor Patrice Bollon hat 1997 einen Essay über Cioran vorgelegt, der nun endlich auf deutsch vorliegt und mehr Licht in seine rumänischen Jugendjahre bringt. Da wird zunächst einmal Ciorans Kindheitswelt im orthodoxen Pfarrhof des Dorfes RaØs¸inari, zwölf Kilometer von Hermannstadt entfernt, rekonstruiert, wo er 1911 geboren wurde. Eine für den westlichen Leser in vielem fremde intellektuelle Biographie wird sichtbar. Die Gymnasialzeit in Hermannstadt und die Universitätsjahre in Bukarest werden ausgeleuchtet, und dabei wird viel sichtbar von der Welt, aus der auch Mircea Eliade und Eugène Ionesco kommen. Es wird deutlich, dass antidemokratisches Denken und vor allem Gefühle etwas anderes bedeuten in einem Land, in dem keine demokratische Alternative gegeben war und die Faszination durch faschistische Ideen und vor allem Sozialformen in diesem Kontext etwas anderes ist als das Mitläufertum vieler deutscher Intellektueller in der Weimarer Republik.

Liest man Cioran im Kontext Rumäniens der 1920er und 1930er Jahre, verliert er an Originalität: Nicht nur seine Nietzsche-und Schopenhauer-Lektüre ist sehr zeitbedingt, auch die Kombination eines Irrationalismus aus deutscher Romantik und russischer Religionsphilosophie (vor allem Schestow) lag im Trend. Und auch wenn man seine radikalen Phantasien über das in unlösbaren Problemen steckende und politisch unbedeutende Rumänien noch aus den Zeitumständen erklären kann, so sind seine Glorifizierungen Hitlers ein herber Schock. Auch wenn man denken mag, dass Bollon ihnen an manchen Stellen zu viel Verständnis entgegen bringt - er präsentiert sie so, dass man Ciorans Aussagen von seinen Interpretationen unterscheiden kann.

Bedauerlich ist, dass Bollon die Rekonstruktion von Ciorans Biographie mit dessen Übersiedlung nach Frankreich abbricht. Die Interpretation, zu der er dann ansetzt, ist mäßig originell und lässt allzu vieles unberücksichtig, was zu Cioran bereits gesagt wurde. Das liegt nicht zuletzt daran, dass er die deutschsprachige Literatur zu Cioran (wie auch zu Rumänien und zur "Eisernen Garde") ignoriert. Ferdinand Leopold, der bewährte Übersetzer der rumänischen Werke Ciorans, hat zwar eine deutsche Literaturliste zusammengestellt, aber auch darin fehlen zentrale Titel. Dennoch hat Leopold eine immense Arbeit geleistet, vor allem dadurch, dass er alle Cioran-Zitate überprüft und die rumänischen aus dem Original übersetzt hat.

... als Motor des Werkes?

Ausführlich untersucht Bollon die Konsequenzen des Sprachwechsels für Cioran. Seine Grundthese, Cioran schreibe im französischen Werk konsequent gegen seine früheren Irrtümer, kann man mit Blick auf antidemokratische Aussagen auch des französischen Cioran und seine bleibende Fixierung auf Nationen als Geschichtssubjekte bestreiten. Wie weit das Changieren zwischen philosemitischer Glorifizierung und rabiatem Antisemitismus wirklich dadurch aufgearbeitet ist, dass nur die Glorifizierung übrig bleibt und die Negativfolie getilgt wird, kann man mit guten Gründen bezweifeln. Ob also Ciorans politischer Fehltritt tatsächlich zum positiven Motor seiner weiteren Denkens wurde oder ob es nicht doch nachhaltig beschädigt hat, darüber kann man mit Patrice Bollon streiten. Ohne sein Buch kann man sich mit dieser Frage jedenfalls nicht mehr auseinandersetzen.

Cioran, der Ketzer

Von Patrice Bollon. Aus dem Französischen von Ferdinand Leopold.

Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006, geb., 362 Seiten, e 25,50

Der Autor veröffentlichte 1985 unter dem Titel "Skepsis, Mystik und Dualismus"die erste deutschsprachige Cioran-Monographie.

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