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Er bewegt sieh doch ...

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Ein apolitischer, nichtsdestotrotz bitterböser Nachruf auf ExBundeskanzler Franz Vranitzky.

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Ein apolitischer, nichtsdestotrotz bitterböser Nachruf auf ExBundeskanzler Franz Vranitzky.

Am Anfang meines Germanistikstudiums, in den frühen achtziger Jahren, hatte ich mich mit wissenschaftlicher Sekundärliteratur zur Charakteristik Österreichs und österreichischer Literatur zu beschäftigen. „Habsburgischer Mythos", „Handlungsverzicht" und „Pathos der Immobilität" waren Schlagworte. Von Kaiser Franz Josef wird kolportiert, daß er sich hervorragend taub stellen konnte, wenn er etwas Unangenehmes nicht hören wollte. Damals war noch Bruno Kreisky Kanzler, und er verkörperte - wenigstens für mich - das genaue Gegenteil all der Attribute als Macher, Reformer, Visionär, Modernisierer. Er war angetreten, „weniger Hölle" zu schaffen (welcher Machthaber vor oder nach ihm hat das je so gesagt?) - wenn auch auf Kosten enormer Staatsverschuldung. Wissenschaftlich-ethnologisch-germanistisch war Kreisky für mich also völlig unbrauchbar. Nicht, daß seine rhetorischen Errungenschaften nicht brillant gewesen wären, aber seiner Rhetorik ist immer wieder der Fortschritt dazwischengekommen.

Trotzdem ist während seiner gesamten Amtszeit immer noch genügend Hölle gewesen, daß er stets ein wenig mürrisch bleiben konnte. Kreisky hat über Kreiskywitze nie gelacht. Kreisky war überhaupt nicht telegen, nichtsde- stotrotz aber medial genial: Gerade seine Fern-sehduelle mit den ÖVP-Ob, männern Schl-einzer, Taus und Mock waren auch für apolitische Zuschauer Juwelen der Kleinkunst. Als er 1983 schließlich abdankte - wortwörtlich resignierte —, ging er im Groll und wenn schon nicht wie Moses in die Wüste oder auf den Berg Sinai, so auf die Insel Mallorca, starrte aufs Mittelmeer und ließ sich einen gar nicht telegenen - Bart wachsen. Es ist so etwas wie ein ungeschriebenes politisches Gesetz, daß sich alle entmachteten Machthaber einen Bart wachsen lassen zum Zeichen, daß sie mit der Zeit nach ihnen von vornherein brechen. Als er schließlich in Wien begraben wurde, war sein Begräbnis fast so ein Begräbnis wie das Begräbnis der Kaiserin Zita.

Schon zu I Lebzeiten des Sonnenkönigs war klar, daß der Fortschritt und die allgemeine Verunösterreichisie-rung Österreichs ihre Grenzen haben und man nicht ewig auf Handlungsverzicht verzichten kann - man wollte das dem armen Kreisky takthalber nur noch nicht sagen. Als dann Franz Vranitzky vorgeblich als „Macher" inthronisiert wurde, stand dahinter schon ganz deutlich das konsensuale Bedürfnis nach dem „Pathos der Immobilität" und dem „Habsburgischen Mythos", das dringende Bedürfnis, endlich wieder einen Politiker zu haben, der auf den Tisch haut, ohne ihn zu berühren, nach einem, der den Totstellreflex politisch kultiviert und die gelassene Gesundbetung alles Krankgejammerten beherrscht. So war denn

Vranitzkys erste wirklich große Tat gleich eine Sprachtat: Er hat die Sozialisten in Sozialdemokraten umbenannt, wie sie schon dereinst einmal geheißen haben. Das war die dramatischste Beform seiner zehnjährigen Amtszeit.

Man hat ja von Anfang an nie wirklich den Eindruck gehabt, daß das etwas geheißen hat, was er gesagt hat oder daß er überhaupt etwas gesagt hat, wenn er geredet hat. Aber wie er geredet hat! Und wie das geklungen hat, wenn er geredet hat! Was uns der Großmeister des Wortgekringels im Lauf der Jahre in unseren Sprachnapf geworfen hat! Nie war ein Banker kreativer, wortschöpferischer. Welche Augen er gemacht, welche Gesichter er geschnitten, welche Dandbewe-gungen er erfunden hat, welche Brillenturnübungen er gemeistert hat parallel zu seinen Originaltönen und Wortspenden! Diesbezüglich stehen wir tief in seiner Schuld. Und wenn es seine Aufgabe gewesen wäre, das Wetter zu moderieren, er hätte es ganz bestimmt noch hervorragender gemacht als Robert Hochner. Nie ist seiner Rhetorik ein Inhalt in die Quere gekommen.

Er hat im Unausweichlichen immer noch ein Ausweichliches entdeckt: was Kurzkanzler Sinowatz, der Unglückswurm zwischen Kreisky und Vranitzky, bloß schnöde behauptet hat, nämlich, daß alles sehr kompliziert ist, hat er, Vranitzky, verziert und zelebriert.

Das eigentliche Verdienst dieses Kanzlers war: Er war da. Der Kanzler war so da wie kein Kanzler vor ihm. Der Kanzler war immer und überall da und hat uns nie etwas getan. Er war da und hat uns in Frieden gelassen. Er war bei Rapid Wien gegen Juventus Turin und Muster gegen Becker und beim Opernball, er war in Krumpendorf schwammen und in Tarvis essen. Er hat sich immer „den Blick für das Machbare bewahrt". Liveschaltungen nach Kor-fu und Bad Tatzmannsdorf, Brüssel und Ampfelwang. Er war bei Kreiskys Begräbnis. Er hat große Worte zum Tod von Thomas Bernhard gefunden. Er hat lange vor Handke Handke vorweggenommen. Er wrar mit seiner Frau am Golfplatz und hat zu Silvester zu Hause für sie gekocht, was kann man denn sonst noch verlangen? Wenn seine Frau einmal öffentlich etwas gesagt hat, was sie nicht hätte sagen sollen, hat er gesagt: Meine Frau ist nicht in der Bundesregierung, soviel ich weiß. Und er hat es ganz genau gewußt. Trotzdem tritt sie jetzt vermutlich ebenfalls zurück.

Er war gar nicht einer, bei dem man das Gefühl hat, daß alles an ihm abprallt. Er war vielmehr einer, bei dem man das Gefühl hat, daß er gar nichts so nah an sich herankommen läßt, daß es an ihm abprallen könnte. So einer vermittelt gerade in bewegten Zeiten - und die Zeiten sind immer ein bißchen bewegt - ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität: Ein Gigant ohne Gigantomanie, ein großer Kanzler in einer kleinen Kanzlei, ein großer Kanzler unter einer baupolizeilich gesperrten Kanzel. Er hat hervorragend regiert, obgleich kaum auszuloten ist, wen oder was. Österreich eher weniger. Daß er sich nun aus der Politik zurückzieht, ist ja völlig unerheblich. Aber daß er sich aus unseren Wohnzimmern zurückzieht, wie sollen wir damit fertigwerden?

Am treffendsten anläßlich des Rücktritts war vielleicht die schwermütige Aussage einer einfachen Passantin in der Löwelstraße: Das ist sehr schade. Man gewöhnt sich so an Menschen. Und jetzt geht der Mensch, nachdem er ein ganzes Jahrzehnt gestanden ist, infach so, ohne Ergebnis; er geht ohne Niederlage, ohne Druck, ohne abgewählt worden zu sein, ohne sein Volk, das ihn gewählt hat, um Erlaubnis zu bitten. Er geht fristlos, er setzt sich in Bewegung, unvorstellbar. Der Kaiser ist seinerzeit noch gestorben: Das war immerhin eine plausible Erklärung, wenn auch ebenfalls ziemlich unfaßbar. Jetzt geht der Kanzler - und niemand kann so genau sagen, wohin, aber wir werden wachsam sein und Ausschau halten

auf Inseln und Berggipfeln. Mehr als alles mit dem Neukanzler Zusammenhängende interessiert uns, ob, wenn Franz Vranitzky nach einiger Zeit des Innehaltens wieder auftaucht oder herabsteigt, bereits ein Vollbart wuchert in seinem Gesicht. Wohl nur eine Präsidentschaftskandidatur könnte dieses apokalyptische Szenario vereiteln oder hinauszögern.

Im nachhinein ist in Zusammenhang mit einer so langen Amtszeit häufig von einem „Stück Geschichte" die Rede. Es ist tatsächlich viel geschehen in der Ära des Kanzlers neben dem Kanzler, und wenn er schon nicht für jede einzelne Umwälzung persönlich verantwortlich ist, so doch für das unabdingbare Dahinwälzen von Umwälzung zu Umwälzung. Der Ostblock wäre wahrscheinlich auch ohne Franz Vranitzky zusammengebrochen, die Sowjetunion auch ohne ihn zerfallen, Deutschland hätte sich auch ohne ihn geeint, Waldh im auch ohne ihn an Weltkriegsalzheimer gelitten. Die Golfkriegsshow und der jugoslawische Bürgerkrieg wären wohl

auch ohne ihn ausgebrochen, Österreich auch ohne ihn ein europäisches Bundesland geworden. Steuern wären auch ohne ihn erfunden und erhöht, Sozialleistungen auch ohne ihn abgebaut oder gestrichen worden, die Armutsgrenze auch ohne ihn dicht besiedelt und die Fußballer auch ohne ihn an allen möglichen Qualifikationen gescheitert.

Aber ohne den Kanzler wäre es mir sicher gänzlich unmöglich gewesen, meine Diplomarbeit „Stifter, Grill-parzer, der Habsburgische Mythos und das Pathos der Immobilität" so authentisch gestaltet während seiner Amtszeit schließlich zu vollenden, sie als zwar kompliziertes, aber dennoch gerade bei einem Glas Wein empfehlenswertes Buch binden zu lassen und Germanist zu werden, wenn auch arbeitslos, einkommensschwach und den diesbezüglichen Sachzwängen ausgeliefert. Daran ist aber zweifelsohne Kreisky schuld; und dessen Altlasten.

Der Autor

lebt als Schriftsteller in Klagenjuri.

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