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Erlebnisse auf dem Streifzug durch B.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Zeit des Totengedenkens ist immer auch eine Zeit des Nachdenkens über die eigene Vergangenheit und eine Zeit des allgemeinen „memento mori“.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Zeit des Totengedenkens ist immer auch eine Zeit des Nachdenkens über die eigene Vergangenheit und eine Zeit des allgemeinen „memento mori“.

Ich läute. Meine Mutter macht die Tür auf. Wir umarmen uns, als hätten wir uns eine Ewigkeit nicht gesehen. Dann läßt sie mich los. „Da ist noch wer.“

Ich falle meinem Vater um den Hals. Meine Mutter wischt sich über die Augen.

„Wollen wir nicht gleich gehen?“ Ich bin sofort dabei.

„Und du?“

„Eigentlich“, zögert mein Vater, „hätte ich noch zu tun.“

„Das hast du immer“, sagt meine Mutter resolut, „komm mit, sonst tut dir’s vielleicht leid.“

Wir brechen auf Ich staune, wie gut die Eltern aussehen, wie leicht sie gehen. Sie sind nicht mehr die Jüngsten.

„Sieh dich um“, sagt die Mutter, „du warst lange nicht hier.“ Ich sehe mich um. Deshalb bin ich gekommen. Wie die Bäume gewachsen sind. Hier, an der berühmtesten Straße der Stadt, wachsen sie in drei Reihen, bilden mitunter grüne Dächer, durchlässig für die Sonne. Platanen, Platanen, in den Nebenstraßen Linden. Etwas hat sich gründlich verändert, aber das ist wohl überall das gleiche. Die Stadt hat keine Straßen mehr, nur noch Parkplätze. Auto an Auto.

Wir gehen.

Ich sage: „Lachen tat ich, wenn Kasimir plötzlich auftauchen würde. Es ist doch seine Stadt.“ Als wäre das ein Stichwort, springt Kasimir hinter einem dicken Baumstamm hervor. Er trägt eine verblaßte Uniform, die er nicht ernst zu nehmen scheint. Die Eltern sind nicht überrascht, ich sehr. Sein jungenhaftes Lachen hat er behalten. Er freut sich, seine Freunde wiederzusehen. Er reist viel, war länger unterwegs. „Ist das schön“, er umarmt meine Mutter und mich gleichzeitig, schüttelt meinem Vater die Hand. Er sieht meine Mutter dankbar an.

„ Wie das ist, wenn man nach langer Zeit zurückkommt, immer ein frisches Bett, immer ein warmes Essen, eine Tasse Kaffee.“ Meine Mutter nickt ihm zu. Mein Vater klopft ihm auf die Schulter. Wir gehen.

Wir kommen an einem Eiscafe vorbei, Ecke Witzlebenstraße. „Lachen tat ich“, sage ich, aber ich komme nicht weiter. An einem der klei nen runden Tische sitzt Gretel, die Freundin vom ersten bis zum letzten Schultag, bis zum Abitur und darüber hinaus. Sie lacht.

„Ich bin ganz zufällig hier, und ihr?“

Wir auch. Wir sind alle ganz zufällig hier. Wir setzen uns zu ihr.

„Weißt du, was das für ein historisches Cafe ist?“ fragt sie. Natürlich weiß ich’s. Hier hat sie mir Interpunktion beigebracht. In drei Stunden und mit je drei Portionen Eis. Meine Aufsätze im Gymnasium waren immer sehr gut, die Interpunktion katastrophal.

„Und du willst ein Schreiber werden?“ hatte Gretel gesagt, „unmöglich. Also komm, das kann man lernen, wo ein Komma steht und wo nicht. Man kann’s auch mit der Interpunktion sagen.“

„Du warst großartig“, sage ich, „was jahrelang kein Lehrer geschafft hat, hast du in drei Stunden geschafft.“

Sie lächelt zufrieden, sieht mich aufmerksam an.

Plötzlich denke ich: sie weiß viel mehr als ich, nicht nur über Interpunktion. Ich frage:

„Was hast du gespielt in der letzten Zeit?“

Ich habe sie in ihrer ersten Rolle auf einer Studiobühne in dieser Stadt gesehen. Als „Rose Bernd“. Später an anderen Bühnen als Franziska in Les- sings „Minna von Bamhelm“, als Gretchen, als Maria Magdalena, als…

„Ein verrückter Beruf“, hab ich gesagt, „Schauspielerin.“ Und sie: „Dichter ist genau so verrückt.“

Ich frage noch einmal: „Was hast du gespielt?“

„Alles“, sagt sie kurz. Es klingt, als sagte sie die Wahrheit.

Ich frage: „Wohnst du noch in der Dernburgstraße N*. 9?“

Sie schüttelt den Kopf: „Schon lange nicht mehr.“

Sie schaut weg, sieht plötzlich blaß und angestrengt aus.

Ich sehe auf die Straße. Ein kleiner untersetzter Mann im graugestreiften Anzug kommt langsam näher. Gretel wird wieder munter.

„Ich werd’ verrückt, das ist doch der Heun.“

Er steht schon an unserem Tisch, mit blitzblauen Augen, korrekt gezogenem Scheitel, dem Zahnbürstel- Schnurrbart unter der Nase.

Er legt Gretel die Hand auf die Schulter.

„Brav. Mit dir hat’s nie Schwierigkeiten gegeben.“

Gretel sieht mich belustigt an, flüstert mir zu:

„Er hat sich gar nicht verändert.“

„Daß wir uns hier treffen, Herr Heun“, sagt meine Mutter.

„Warum?“ Er macht eine Handbewegung, als wäre das eine Erklärung.

„Die Schule ist ja nur ein paar Schritte weiter.“ Das stimmt. Das rote Backsteingebäude steht unverändert. Er wendet sich mir zu, packt mich am Kinn, wie er es immer mit Schülern tat, die ihn ärgerten, schüttelt meinen Kopf hin und her.

„Na, schreibst du noch immer mit der linken Hand?“

„Nein“, sage ich und mache mich los, „das haben Sie mir leider ausgetrieben.“ „Leider“, sagt er entrüstet.

„Dafür“, sage ich beharrlich, „bin ich sonst ausschließlich ein Linkshänder - bis aufs Schreiben.“

„Ärgere ihn nicht“, sagt mein Vater, „er hat’s gut gemeint.“

Wir gehen durch den nahegelegenen Park. Im Gehen fällt mir ein, was für ein Unterschied das ist, ob man sich in einer Stadt ergeht oder ob man sich eine Stadt er-geht.

Die Bäume, grün und gold, ich kenne sie fast alle. Sie sind älter als ich. Und als wäre auch das Gehen ein Stichwort, stehen wir vor dem bronzenen Denkmal mit der schlanken, aufrechten Gestalt, die Hände zum Mund erhoben, zum Ruf, gehen um den Sockel, lesen die Inschrift: „Ich gehe und gehe und rufe: Frieden, Frieden, Frieden“, Petrarca, 1304- 1374. Mein Vater nickt meiner Mutter zu. Beide sind plötzlich sehr ernst.

Wieder an Häusern vorbei, schönen alten Häusern, die zwei Kriege überlebt haben. An manchen Türen neben den Haupteingängen ein weißes Emailschild mit schwarzer Schrift: „Eingang für Dienstboten und Lieferanten“.

Kasimir bleibt stehen, liest mit zusammengezogenen Brauen.

„Eine Schande“.

„Komm“, sage ich, „darüber solltest du doch hinaus sein.“

Er schüttelt den Kopf.

„Wenn man als Kind gedemütigt worden ist, darüber kommt man nie hinaus.“

Ich bleibe etwas zurück, überwältigt von Erinnerungen. Plötzlich möchte ich nichts mehr sehen. Ich schließe die Augen. In diesem Au genblick höre ich laut und grell das Boschhorn des Rettungswagens. Ich reiße die Augen auf. Nichts. Die anderen scheinen nichts gehört zu haben. Ich versuche es wieder und wieder: immer wenn ich die Augen schließe, das gellende ta-tüü, ta-tüü- Noch etwas fällt mir auf, was unerklärlich ist: wir haben in ganz kurzer Zeit lange Strecken zurückgelegt, von einem Stadtteil zum anderen. Wie ist das zugegangen? Ich will den Vater fragen, komme aber nicht dazu, denn auf einer Parkbank unter einem blühenden Jasminbusch sitzt Lebbin. Er steht auf, als er unsere kleine Gruppe sieht, kommt auf uns zu, mittelgroß, dünn, sommersprossig, mit verbeulten Hosen, wie immer. Die rötlichen Locken trägt er ganz kurz geschoren. Warum hat er sich überhaupt nicht verändert? Ich habe doch alle so lange nicht gesehen. Jetzt steht er vor uns, lächelt mit schmalen Lippen, ist wie immer zu schüchtern, uns zu umarmen.

„Lebbin“, sagt mein Vater, „wo waren Sie die ganze Zeit?“

„Weit weg“, sagt Lebbin freundlich. Es ist immer dasselbe. Man bringt nichts aus ihm heraus.

„Sind Sie noch rausgekommen damals?“ fragt mein Vater.

„Wir haben Angst um sie gehabt“, sagt meine Mutter.

Lebbin lächelt ihr zu. Seine ganze Verehrung liegt in diesem Lächeln. Er nickt.

„Wie lange ist das her?“ fragt mein Vater und sieht meine Mutter hilfesuchend an. Ich sehe, daß sie Schwierigkeiten mit der Zeitrechnung haben, sogar Herr Heun.

Wir gehen schweigend weiter. Keiner sagt etwas. Als wir wieder an der Prachtstraße ankommen, fangen die Glocken der Gedächtniskirche an zu läuten. Ich drehe mich um.

„Von dem Turm fehlt ja die Spitze.“

„Na hör mal“, sagt meine Mutter, „das solltest du wissen. Dein De- dächtnis —“ sie bricht ab.

„Ich weiß es nicht mehr“, sage ich heftig, „ich hab das Gefühl, als zögen Nebel durch meinen Kopf und vor meine Augen.“

„Das geht vorbei“, sagte meine Mutter. Ihre Stimme klang entfernt.

Plötzlich zuckte es messerscharf durch mein Herz, ein schmerzender Schnitt. Mein Kopf war im Nebel, mein Herz dachte glasklar. Wo waren sie hergekommen, die Eltern, die Freunde, mit denen ich gelebt hatte, die längst nicht mehr lebten. Wo war die Antwort? Ich riß mich zusammen. Es kostete mich eine Anstrengung, die mir den Atem nahm.

„Wenn es hier zu Ende geht“, sagte ich in der Richtung, in der ich meine Mutter vermutete, „ich meine, wenn das hier alles aus ist —“

„Aus —“ ich hörte sie lachen, „laß dir nichts weismachen, Zukunft haben wir immer.“

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