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Es mankellt wieder

Henning Mankell schickt seinen Kommissar Kurt Wallander aus, samt Tochter Linda. Im Visier: fundamentalistische, mordende Sekten.

Bald kommt Linda" versprach ein Fenster auf der Homepage des Zsolnay-Verlages und zählte zugleich hilfreich den Counttown mit, noch 1 Tag, 2 Stunden, 21 Minuten, 20 Sekunden. Schon sind es nur mehr 19 ...

Gemeint war der 18. Juli, der offizielle Erscheinungstermin des neuen Kriminalromans von Henning Mankell. Das ist Inszenierung! Die Übergabe an die Tochter des Kommissars Kurt Wallander, Linda, war lang angekündigt. War es schon im letzten Roman "Die Rückkehr des Tanzlehrers" angenehm, zur Abwechslung mal gar nichts von dem kulturpessimistischen, in die Jahre gekommenen Ermittler zu hören, so spielt er auch hier zwar weiter seine Rolle, aber nur am Rande. Die eigentliche Ermittlerin ist Linda, obwohl sie erst Polizeianwärterin ist. Klar, dass es da zu Spannungen kommen muss, vor allem wenn Lindas Freundinnen mit dem Fall, den ihr Vater bearbeitet, offensichtlich zu tun haben. Da kann es nicht ausbleiben, dass sich die energische junge Frau selbst ans Recherchieren macht, auf eigenwillige Weise.

Nun können die Leser aus der Sicht der Tochter einen Blick auf den Ermittler werfen, eine interessante Abwechslung. Da erinnert Linda sich an Schläge, die die Mutter abbekommen hat, an den Jähzorn (in dem die Tochter ihrem Vater um nichts nachzustehen scheint) und so manches mehr. Und die Mutter, Wallanders Ex-Frau? Die ist inzwischen Alkoholikerin. Keine heile Welt also. Gewalt überall, nicht nur bei den "Bösen". Es scheint, als hätte Mankell dieses Mal die Familienkonstellation, der knisternde Spannungsbogen zwischen Tochter und Vater mehr interessiert als der aufzuklärende Fall. Auch Stefan Lindmann, der "Die Rückkehr des Tanzlehrers" bearbeitet hatte und von seinem Krebs inzwischen offensichtlich genesen ist, taucht auf. Dass sich Linda in ihn verlieben muss, wäre wirklich nicht nötig gewesen.

Massenmorde

Obwohl der Autor nach seinem bewährten Schema vorgeht, das darin besteht, zunächst in einem Prolog ein Jahre zurückliegendes Verbrechen zu nennen, und dann fast akribisch chronlogisch die Tage und Vorgänge und Ermittlungsfortschritte zu beschreiben, ist dieser Roman nicht gerade der letzte Schrei. Dabei hätte das Thema Brisanz genug in sich, sind doch religiös motivierte, fundamentalistische Mörder am Werk. Als Anfang und Ende des Romans wählt Mankell Daten, die ebenso historisch wahr wie grauenhaft sind: 1978 zwang Sektenführer Jim Jones seine Anhänger in Guayana zum Massenselbstmord und ließ jene, die fliehen wollten, erschießen. Mankells Hauptperson im Schatten ist ein Überlebender dieses Massakers. Der letzte Tag des Romans ist der 11. September 2001.

Nun sind religiös motivierte Massenselbstmorde (meist waren es Massenmorde!) ein aktuelles und brisantes Thema. Erinnert sei an die Davidianer in Texas 1993, die Goldtempler in der Schweiz, in Frankreich und Kanada 1994, an die "Himmelspforte" in Kalifornien 1997 oder an Uganda, wo es im Jahr 2000 über 500 Tote bei einem Massenmord der "Bewegung für die Einsetzung der 10 Gebote" gab. Beim Brand einer Kirche, einem Vergehen, das auch Mankells Hauptperson als Ziel vorschwebt. Trotzdem hat Mankell sein Können nicht recht ausgespielt, selbst die berühmte Spannung hält sich in Grenzen. Allzu deutlich der moralische Appell: Angesichts des 11.9. nicht übersehen, dass es auch Fundamentalisten mit christlicher Herkunft gibt!

Nicht sehr überzeugend

Nun mag man Mankells Ablehnung der amerikanischen Terrorpolitik teilen und mit ihm auch die Gefahren sehen, die aus amerikanischen Sekten drohten und drohen, etwas anderes ist die literarische Gestaltung. Vor allem die Darstellung der Charaktere ist (überraschenderweise) oft seltsam blass und wenig überzeugend, selbst die des Täters. Mankell hat da schon Besseres erschaffen, die Latten hoch gehängt, an denen er nun gemessen wird. Aber als Urlaubslektüre ist der Roman durchaus brauchbar.

Vor dem Frost

Roman von Henning Mankell

Aus dem Schwed. von Wolfgang Butt

Paul Zsolnay Verlag, Wien 2003

541 Seiten, geb. e 25,60

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