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EU-Sünden und Tugenden

Ein EU-Kommissar, der nicht weiß, was die Union alles tut; zwei Journalisten, die nicht nur für die Schulbank schreiben und zwei und mehr EU-Kritiker.

Im sechsten Jahr meiner Mitgliedschaft in der Europäischen Kommission bin ich sicher, dass ich bei weitem nicht weiß, was sie alles tut, und dass ich von den meisten Entscheidungen niemals etwas erfahre", schreibt der deutsche eu-Kommissar Günter Verheugen - trotzdem hat sein Wissen über die europäischen Institutionen zu gut 230 Seiten für "eine Neubegründung der europäischen Idee" unter dem Titel "Europa in der Krise" gereicht.

Im Unterschied zu seinem früheren Kommissionskollegen Franz Fischler, der sein Buch in leicht verdauliche 100-Frage-Antwort-Happen unterteilt hat, braucht es bei den 20-bis 30-seitigen Verheugen-Kapiteln einen längeren Atem. Entschädigt werden die Leser dafür mit anekdotischen Innenansichten aus dem Arbeitsleben eines europäischen Spitzenfunktionärs, mit denen Verheugen seine eu-Analyse aufpeppt und sich damit wohl auch selbst das Leben ein wenig bunter macht - denn "in der eu-Kommission herrscht die gediegene Atmosphäre, manchmal auch Langeweile, eines englischen Klubs".

EUROPA IN DER KRISE

Für eine Neubegründung der

europäischen Idee.

Von Günter Verheugen, Verlag

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005, 231 Seiten, geb., e 19,40

Ob ich als Schüler mit dem "eu for You"-Schulbuch der Journalisten Wolfgang Böhm (Die Presse) und Otmar Lahodynsky (profil) eine besondere Freude gehabt hätte, weiß ich nicht. Eher nicht, ein Schulbuch bleibt für Schüler immer ein Schulbuch, so wie Schule immer Schule bleibt, auch wenn beides gut gemacht wird.

Mit Sicherheit gehört aber das eu-Vademekum von Böhm und Lahodynsky zu jenen Schulbüchern, die nicht nach Ende des Schuljahrs, ja nicht einmal nach Beendigung der Schulkarriere weggeschmissen werden, sondern die den Karrieresprung in das außerschulische Buchregal schaffen: so wie das Österreichische Wörterbuch, einige Langenscheidts, der aktuelle und der Historische Weltatlas ...

Eine Überprüfung, wer das eu-Schulbuch noch nötig hat, bietet der Wissens-Check am Ende jedes Kapitels. "Was bringt die Unionsbürgerschaft?" lautet dort eine Frage - und wer bei der Antwort zögert, sollte in der Buchhandlung nach dem neuen eu-Schulbuch fragen - oder es von den eigenen Kindern "abstauben".

EU FOR YOU

So funktioniert die

Europäische Union

Von Wolfgang Böhm und Otmar

Lahodynsky, öbv & hpt Verlag, Wien 2006, 128 Seiten, geb., e 16,80

Die Fehler im eu-System reichen aus, um nicht nur ein Buch, sondern eine ganze Bibliothek zu füllen, zeigen sich Michel Reimon und Helmut Weixler in ihrem Buch "Die sieben Todsünden der eu" überzeugt. Darum passt es gut, dass zeitgleich mit diesem eu-Verriss "Das kritische eu-Buch" von Attac herauskommt.

Beide Bücher wollen mit ihrer Kritik die eu nicht abschaffen, sondern aufzeigen, welche andere Union Europa, seine Bürgerinnen und Bürger wollen, nachdem "das Europa der Eliten" mit dem zweimaligen Verfassungsdebakel in Frankreich und den Niederlanden abgewählt wurde.

Beide Bücher geißeln den "neoliberalen und undemokratischen Kurs" der Europäischen Union und fordern die Umsetzung des in politischen Sonntagsreden (und leider nur dort) gerne hoch gehaltenen europäischen Sozialmodells: also mehr soziale Sicherheit, mehr Demokratie, mehr Umweltschutz.

Beide Bücher haben berühmte Vorwortschreiber: Daniel Cohn-Bendit, Susan George und Robert Menasse. Doch trotz so vieler Gemeinsamkeiten gibt es doch einen fundamentalen Unterschied: Für Reimon/Weixler ist die eu-Verfassung zwar ein Kompromiss, aber prinzipiell okay und Ansatzpunkt für eine andere, bessere eu. Für Attac jedoch ist diese Verfassung der in Worte gefasste Ausfluss dieser verwünschten eu und soll dort bleiben, wo sie ist: im Aus.

DIE SIEBEN TODSÜNDEN DER EU

Vom Ausverkauf einer großen Idee

Von Michel Reimon und Helmut

Weixler,Ueberreuter Verlag, Wien 2006, 192 Seiten, geb., e 19,95

DAS KRITISCHE EU-BUCH - Warum wir ein anderes Europa brauchen

Hg. von Attac, Deuticke Verlag, Wien 2006, 319 Seiten, brosch., e 20,50

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