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Fahrt nach Altamira

NOCH FAHREN WIR IM FRANZÖSISCHEN Süden. Die Luft ist schon mild. Man fühlt sich sündhaft glücklich, den Unbilden eines unerfreulichen späten nördlichen Winters entflohen zu sein. Ein Ort, er heißt: Boussens. Man sieht vom Zug aus die schneebedeckten Gipfel der Pyrenäen im fast unwahrscheinlichen Farbengewoge des Sonnenuntergangs. Aber uns im Tal entzückt das Prangen des frühen Frühlings. Wie zart ist noch dieses Grün der kindlichen Belaubung und des jungen Grases auf den Wiesen. Magnolien blühen in den Gärten neben Blumen in allen Farben. Pfirsich- und Mandelbäume stehen in Pracht. Eine Bahnstation: Orthez. Wer erinnert sich nicht des Heimatorts von Francis Jammes, des bukolischen Dichters der Basken, den Rilke so sehr geschätzt hat! Da grüßt ein üppig blühender Prunus, die Wasser kleiner Flüsse blitzen grell in der Sonne. Bei Guethary erblickt man das Meer, es ist grau und bewegt, die Uferhänge sind gelb von Ginster.

Nach den üblichen Grenzformalitäten in Irun erreiche ich gegen Abend San Sebastian. Die Avenida de Espana erstrahlt im Lichterglanz. Der abendliche Paseo (Corso) mit seinem lebhaften Menschengewirr und dem Lärm fremder Stimmen vermittelt die ersten Eindrücke von einem sorglos, die lauen Abende genießenden Volksschlag. Ich gerate irrtümlich in das Klublokal von Gastronomen, eine getäfelte Halle mit Wappen und Emblemen an den Wänden. Keller und Küche sind im selben Raum. Ich darf als Gast die ausgesuchten Gerichte dieser Gourmetküche verkosten. Etwas müde vom Weingenuß schlendere ich noch in den prächtigen Anlagen an der Uferpromenade.

Dieses Meer vor mir erblicke ich auch in seiner leuchtenden Bläue am nächsten Morgen, da ich ohne Mantel auf dem Balkon sitze und auf das Frühstück warte, das in Spanien nicht vor neun serviert wird.

DEM INNERN EINER MUSCHEL gleich — das Bild ist längst verbraucht, ich weiß es — liegt die Bucht vor uniseren Blicken. Das Cap gegenüber mit Häusern und Türmen ist hell von der Morgensonne bestrahlt. Ich denke der frierenden Freunde im naßkalten Winter des Nordens. Bloß eine Bahnfahrt von nur 48 Stunden vermag diesen klimatischen Szenenwechsel vor uns hinzuzaubern.

Ich habe die Absicht, am gleichen Tag noch in die Nähe von Altamira zu kommen. Mit der Bahn ist es unmöglich. Hoffentlich gibt’s noch einen Platz im Autobus nach Bilbao. Mit Mühe erringe ich den letzten Platz an der schütternden Rückwand.

Bald sind wir im Bergland. Die Straße windet sich entlang des Rio Oria bergauf und -ab. Noch ist der Blick frei auf weiteres Gelände, die Weideplätze sind saftig grün, die Obstbäume blühen wie jenseits der Pyrenäen. Ich habe also Glück und freue mich, nicht den mir zu Hause prophezeiten Unwettern in der regengepeitschten Bucht der Vizcaya zu begegnen. Es geht über Oria, und da sich von Zarauz ein schöner Blick auf den Hafen eröffnet, geht auch die Sorge um die Stürme an der kantabrischen Küste verloren. Sogar der berühmte andauernde Nieselregen, der Chirrimirri, will uns nicht beglücken.

IMMER WIEDER TREFFEN WIR REITER auf Maultieren, die beider- steite Lasten von Bündelholz tragen, und Ochsengespanne vor zwei- rädigen Karren. Wiesen wechseln mit schroffer Felslandschaft. Kühe weiden auf diesem neugeborenen Grün der Milchlandschaft Spaniens. Reizende Fischerstädtchen: Guetaria und Zumaya. Zitronengelb leuchten die Blütenfelder der mit dem Namen Nabo bezeichneten Futterpflanze. Vor dem Seebad Deva wird Rast gemacht, im Hotel Irionda ein Drink eingenommen. Nach Deva geht es wieder landeinwärts, das Flußufer entlang, bergauf. Kurvenreich windet sich die Straße durch das baskische Bergland. Das kleine Elgöibar bietet die malerischen Hinterfrontenseiner Häuser. Interessant die hohen Glasveranden mit den bunten Wäschestücken. Wir passieren die Grenze zwischen den baskischen Provinzen Guipüzcoa und Vizcaya — und aufwärts geht s durch herrlichen Wald zum Puerto de Areitio, dann wieder abwärts ins beglückende Tal von Durango. Im Bahnhofsrestaurant von Bilbao wird das Mittagessen eingenommen. Bilbao ist Industriestadt. Am Nervion drängen sich Fabriken und Werften, Steinbrüche, Erzgruben und Kohlenhalden. Neunstockhohe Häuser stehen an der Hauptstraße, die mit Anlagen von weiß und lila blühendem Goldlack gesäumt ist. Palmen sehen etwas schwindsüchtig auf den Beschauer. Sie leiden unter den eisigen Winden, die von den die Stadt umragenden Felsmassiven wehen. Die Vorstädte sind voll Staub und Schmutz. Die weitere Landschaft aber auf der Fahrt nach Santander mit ihren Ausblicken auf das Meer tröstet. Über die neuen Dächer von Laredo geht der Blick auf die verlockende Sandbucht. Man müßte einen herrlichen Sommer hier verbringen können.

Dazwischen ertönt von Zeit zu Zeit durch den Lautsprecher im Pullmann-Autobus die Melodie eines spanischen Schlagens, und die Passagiere singen mit kräftigen Stimmen mit oder schlagen mit den Händen den Takt. Draußen zieht ein Maultier im Acker den Pflug.

Wieder beginnt eine Landschaft kahlen Felsgesteins, an ihrem Ende gewahrt man die anmutige Bucht von Santander und den berühmten Badestrand El Sardinero. Hier ist es, wo der Zipfel Alt-Kastiliens seinen Zugang zum Meer besitzt. In den Bergen der Umgebung, der Montana, haben sich im 15. Jahrhundert jene Kräfte gesammelt, die das von den Arabern durch sieben Jahrhunderte festgehaltene Land wieder befreiten. Ein Großteil von Santander ist 1941 abgebrannt. Es zeigt darum vielerorts das Gepräge einer modernen, gepflegten Stadt. Hat sich der Himmel am frühen Nachmittag etwas eingetrübt, so erscheint nun gegen Abend wieder, wie fast an jedem Tag hier im Westen, die Sonne. Damit kann gerechnet werden. Es ist wie in der Bretagne, der Normandie.

Mit dem Bummelzug geht es nach Torrelavega. Draußen leuchten wieder die Fluren. Es ist warm. Das Gelände ist etwas eintönig und von Industriebauten unterbrochen. Vor dem Bahnhof in Torrelavega sitze ich bereits eine Stunde im Autobus und warte auf die Abfahrt nach Santillana del Mar. Mit mir eine Anzahl von Marktfrauen, deren lautes Geschwätz nicht eine Minute lang verstummt. Die Sonne ist inzwischen untergegangen. Geisterhaft erscheint der Anblick der schneebedeckten Gipfel des Kantabrischen Gebirges.

SANTILLANA IST EINE Oase der Erquickung nach einer anstrengenden Tagesreise, eine reizvolle Insel alter Kultur, ein Erlebnis, von wenigen erfahren. Als ob eine ruhmwürdige Vergangenheit sich hier in stolzer Zurückgezogenheit von der Politik des Alltags ausruhte. Hier haben die Nachkommen der Konquistadoren, der Spanienbefreier, ihre kleinen Paläste gebaut und das Erbe der Berühmtheit ihres Adels gepflegt. Eine ganze Straße lang stehen hier eng beisammen die Herrensitze mit den Wappen an den Fronten, den schönen Türmen, festen Toren und überragenden Dächern. Die wenigsten von ihnen sind bewohnt, aber sie werden von einem Verwalter instandgehalten. Er hütet die Tradition mit täglicher Ordnung und frischen Blumen in den Kupfervasen im Vorraum. Auf der holprigen Straße davor, die kaum einen Gehsteig freiläßt, ziehen die Ochsengespanne, und eine durchaus ländliche Umgebung ist mit Vorteil in diese etwas sagenhafte Verträumtheit eingebrochen. Viele der gewöhnlichen Wohnhäuser tragen schwarzgestrichene hölzerne Veranden, von denen Pelargonien in allen Farben locken. Auf dem Hauptplatz steht das alte Rathaus im Stil Herreras, des Eskorial-Erbauers, festgefügt und trutzig wie der Torre del Merino aus dem 13. Jahrhundert. Ihm gegenüber der Parador de Gil Blas, einvon der Regierung für den Fremdenverkehr adaptierter Palast, mit allem Komfort der sich denken läßt. Es ist ein vornehmes Wohnen unter der Täfelung der Jahrhunderte und mit dem erlesenen Geschmack einer glücklichen Vereinigung von Gestern und Heute. Ich stehe vor dem offenen Fenster, spüre die unendliche Stille. Der Vogelsang hat aufgehört, und der Himmel verwandelt sich in blaues Silber. Die Glok- kenschläge von der nahen Kollegien- kirche tönen herüber. Erinnerungen steigen auf an Viterbo, an Locronan in der Bretagne, ähnlich erhaltene Stätten des Mittelalters.

Seinen Namen hat Santillana nach der heiligen Juliana, der der schöne romanische Dom geweiht ist mit den gelben Löwen vor der Pforte und den herrlichen gotischen Kapitalen der Säulen im Kreuzgang. Ein Täfelchen des Altarbildes im Innern zeigt eine reliefartige Darstellung des Evangelisten Lukas, der ein „Monokel“ trägt und sich die Feder spitzt. Streng byzantinisch mutet eine eindrucksvolle Plastik des Erlösers aus dem 11. Jahrhundert an. Die Morgensonne vergoldet das alte ' Gemäuer. Ich reiße mich los von der Betrachtung dieses ehrwürdigen Bauwerks, um tiefer noch in die Zeit hinabzusteigen: zu einer Kunst, die ihre hohe Entfaltung offenbarte in Jahrtausenden vorher, in denen weder im fernen Osten, noch in Vonderasien und Ägypten bereits künstlerisches Leben erwacht war.

ICH WANDERE AUF DER LANDSTRASSE an diesem sonnigen Märzmorgen, an grünen! Wiesen und Feldern vorbei zu einer kaum merkbaren Erhebung, wo am Ende einer Allee von Laubbäumen ein Tor in den Berg eine Welt verschließt, die hier niemand von außen vermutet hätte. Daneben steht ein kleines Anwesen, und einer der Bewohner unterzieht sich nun der Führung.

Ein Fuchsbau hat hier im Jahre 1868 die Aufmerksamkeit eines Jägers hierher gelenkt, dessen Hund plötzlich unter der Erde verschwunden war. Als man ihn suchte, entdeckte man die Höhle. Aber man schenkte ihr kaum Beachtung. Die Angst vor bösen Geistern hinderte die bäuerliche Bevölkerung, die Höhle zu betreten. Erst 1879 erinnerte sich der Santandrener Archäologe Santuola ihrer und begann zu graben. Er hatte sein Töchterchen mit, und während er auf den Knien das Erdreich nach Knochen und Gebrauchsgegenständen durchsuchte, sah sie zur Decke und entdeckte die Malereien. Sie sah, was 20.000 Jahre der Welt verborgen war, Bisons, Hirsche und Eber, die dereiszeitliche Mensch an die Decke gemalt hat.

Die Geburtsstunde der Malerei war offenbar, und gar nicht unbeholfen, sondern mit sehr hoher Könnerschaft waren diese Tierbilder geschaffen; wirklichkeitstreu, oft im Augenblick der Bewegung erfaßt, und mit Ausnutzung der Buckel und Vorsprünge der Decke zu plastischer Wirkung gebracht. Das Auge des Betrachters muß sich vorerst ein wenig darauf einstellen, um die Darstellung sogleich in ihrem ganzen Umfang zu erkenne. Oft haben spätere Hände die früheren Arbeiten übermalt: Der Führer richtet die Scheinwerfer seiner Lampe auf die einzelnen Objekte. Man begreift die Schwierigkeiten, die sich dem Künstler entge- genstellten, der auf seinem Eisbärfell liegend mit dem Pinsel und den wenigen Farben, die ihm zur Verfügung standen, zu arbeiten hatte. Braun, Rot und Schwarz, Ocker vermischt mit Tierfett, Blut und Mangan mußten Zusammenwirken. Kein Blau, kein Grün, und dennoch von welcher Wirkung!

WIR WENIGEN BESUCHER HOCKEN auf einer tieferen Steinstufe und sind stumm geworden vor dieser Wunderwelt. Man staunt nicht mehr über die Zufälle, die zur Entdeckung geführt haben. Oberhalb der Höhle sollte einmal gesprengt und ein Steinbruch angelegt werden. Wie leicht wäre alles verschüttet worden!

Langsam beginnt man zu unterscheiden, nachdem einem die ersten Zweifel überhaupt genommen wurden. Kaum denkbar, daß jemand mit Farbe hier eingedrungen wäre und bei Latemenlicht diese vorgeschichtlichen Darstellungen mit sicherer Hand an die Decke gemalt hätte — und wozu? Fälscher wollen ihren Lohn. Dennoch waren gewaltige Schwierigkeiten zu bestehen, die wissenschaftliche Welt von damals von der Echtheit der Bilder zu überzeugen. Jahrzehntelang ließ die Forschung die Funde unbeachtet. Erst einer der jüngeren Forscher, der Abbe und Prähistoriker Andrė Breuil, der nach der Entdeckung ähnlicher Höhlen in Frankreich Altamira besuchte, hat der Welt die Echtheit bestätigt.

Nordspanien besitzt noch eine Reihe von Cuevas (Höhlen): El Castillo, Salitre, Hornos de la Pena und andere. Sie enthüllen merkwürdige Zusammenhänge mit den Höhlen in Südfrankreich, aber Altamira zeigt wie das spät entdeckte Lascaux eine besondere Vollkommenheit der Darstellungen und die Möglichkeit für eine Erkenntnis der Entwicklung der malerischen Gestaltung deutlicher als anderswo.

Der Führer demonstriert den Beginn: die Kratzspuren des Höhlenbären im weichen Kalkgestein und ihre spätere Nachahmung durch den Menschen aus Freude an der Wiedergabe und der plastischen Gestaltung. Von der Bemalung des eigenen Körpers kommt dem Primitiven der Gedanke, in Farbe darzustellen. Er nimmt seine Hände, taucht sie in Farbe und preßt sie an die Wand. Dieser einfache Abklatsch wechselt mit den Aussparungen einer höheren Bildungsstufe: die Farbe wird um die Hand herum an die Wand versprüht. Oft fehlt ein Finger. Das ist ein magisches Zeichen. Er ist das Opfer für Gott.. Gott wird in dem Werk angerufen, beschworen.

Bald wird das Göttliche im Tier gesehen, dessen Bild unter den Händen eines begabten Zauberers an die Wand geworfen wird.

Nahe beim Eingang hat man den menschlichen Wohnraum erkannt, die Zeichnungen befinden sich jeweils in einem Raum in der Tiefe. Wie ein Altar wurden die Bilder umtanzt, gefeiert, ja mit Speeren beschossen. — Auf die bloße Gravierung folgt die malerische Darstellung mit der Wirkung in die Tiefe, die Verwendung der Farbe und die Gestaltung in der Bewegung, des impressionistischen Augenblicks: des stürzenden Bisons, des laufenden Ebers. Einige Jahrtausende später bringen wieder die bloße Betonung der Kontur. Es zeigt sich ein Wechsel der Stile, wie wir ihn auch heute sehen.

INTERESSANTERWEISE hat man zu den Darstellungen in Altamira die Skizzen in anderen Höhlen gefunden: Gravuren mit Ocker auf Stein, und man nimmt an, daß die Künstler, die wir uns auch als die Zauberer des Stammes oder Priester zu denken haben, die Werkstätten der Kollegen besuchten und ihre Werke untereinander prüften. Der Gedanke an Kunstschulen vor 20.000 Jahren, in denen Begabte unterwiesen wurden, ist nicht absurd. Auch eine Reihe von gefundenen Übungs- und Vorlageblättern führt zu dieser Annahme. Kunstakademien — zwingt uns dieser Gedanke nicht ein Lächeln ab? — lange vor den Schulen der Wissenschaft.

Das Alter dieser Kultzeichnungen — das Gefühl für Schmuck geht dem vorgeschichtlichen Menschen ab — erstreckt sich auf 10.000 bis 20.000 Jahre. Diese Konstatierung resultiert aus der Schichtung des Gesteins pnd aus ähnlichen Zeichnungen auf Funden, zum Beispiel auf Knochen von Tieren oder Werkzeugen, die derselben Zeitperiode angehören. Das Au- rignacien und das Magdalėnien der vierten Eiszeit sind die Ursprungszeiten dieser künstlerischen Gestaltung, der frühesten unseres Wissens auf dem Erdball. Die späteren großartigen Darstellungen in der außereuropäischen Welt haben alle ein strenges, hieratisches Gepräge und unterscheiden sich wensentlich von den naturnahen Vorstellungen der Höhlenmenschen in Europa.

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