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Faust, Lustige Weiber, Europa-Studio

In der Idee der Salzburger Festspiele, wie sie Hofmannsthal, Richard Strauss und Max Reinhardt vorschwebte, hielten Oper und Schauspiel, Musik und Wort einander die Waage. Der Sinnenhaftig- keit der Oper war ein geistiges Widerspiel aus der Welt der großen Dichtung zugedacht, wodurch der Rang des Festivals gesichert, ein Absinken auf das Niveau eines gesellschaftlichen Ereignisses verhindert werden sollte. Aber mit der Zeit verschob sich der Schwerpunkt immer weiter in Richtung der Musik und des Musiktheaters, und erst in der jüngeren Vergangenheit machte sich die Tendenz geltend, auf das ursprüngliche Konzept zurückzukommen und die dra matische Dichtung wieder in ihre Rechte einzusetzen.

Diese Entwicklung hat nun heuer das Ergebnis gezeitigt, daß das offizielle Festprogramm neben dem „Jedermann” und einem Beitrag des Burgtheaters zum Shakespeare-Jahr beide Teile von Goethes „Faust” enthielt.

Beide Teile des „Faust”, wie sie heuer in der Inszenierung Leopold Lindtbergs dargeboten werden, hat man hier schon gesehen: den ersten 1961 im Neuen, den zweiten 1963 im Alten Festspielhaus, in dessen Rahmen nun auch jener, sehr zum Nutzen des Ganzen, gestellt wurde. Jeder Bühnenbearbeitung dieses Werkes muß Wesentliches von der geistigen Substanz geopfert werden.’ as’ eWtge - maß’en erhalten bleiben kann, ist die faßbare Gestalt, die Handlung und das Bild der Welt, in der sie abläuft. Darum nun bemüht sich die Inszenierung Lindt- bergs, und, wie man zugeben muß, nicht ohne Erfolg. Die unerläßlichen Kürzungen wurden klug und behutsam vorgenommen und verdichten das Handlungsgewebe. Die Begebnisse ziehen in einem Strom von Bildern vorüber. Teo Otto gestaltet die Szene mit faustischer Phantasie, die Bilder glühen im Dunkel wie mystische Visionen. Die Sphären der Engel und der Dämonen, die Menschen — und die Geisterwelt werden Erscheinung, und in den schönsten Lösungen (es gibt auch weniger geglückte) wird das Bühnenbild zum Sinnbild. Viele bedeutende Schauspieler sind aufgeboten, manche sind richtig, manche fehl am Platz. Thomas Holtzmann ist ein sehr vereinfachter Faust, er gibt uns nur dann Rätsel auf, wenn seine Sprache unverständlich wird. Aber man kann ihm Teilnahme und Sympathie nicht versagen. Dieser Faust ist zwar nur auf einen einzigen Ton gestimmt, aber er ist ganz und gar unkomödiantisch und in allen Stationen seines Erdenweges von tiefer und ergreifender Menschlichkeit. So sieht man ihm nach, daß das Ungeheure seines Schicksals, das Maßlose seiner Natur, das Getriebensein im Guten wie im Bösen in seiner Darstellung keinen Ausdruck findet. Der Mephisto Will Quad- fliegs wird zum Paradigma. Hatte man im Vorjahr noch Vorbehalte gegen ein Übermaß an aufgebotener Artistik, so gehört diesmal dem Geist, der stets verneint, unser uneingeschränktes Ja. Aglaja Schmid verzichtete als Gretchen auf alle sich anbietenden starken Effekte, blieb zurückhaltend und daher überzeugend naturhaft. Die Regie bewegte das Gewimmel von Gestalten und Erscheinungen durch alle Dimensionen des Seins und durch Chaos und Ordnung zur Apotheose.

Die Shakespeare-Huldigung — zum 400. Geburtstag des Dichters — war weder in der Wahl des Schauplatzes noch in der des Stückes und schon gar nicht in dessen Bühnengestalt glücklich. „Die lustigen Weiber von Windsor”, erst durch Verdis genialen „Falstaff” wahrhaft unsterblich, wirken als bestellte Gelegenheitsarbeit, die sie sind, auf der Sprechbühne doch schon recht abgenutzt. Vor allem, wenn sie im Hoftheaterstil, gewissermaßen für die höhere Gesellschaft glattgebügelt, über die Szene geht, fehlt dieser Komödie der grobkörnige Reiz. Die Felsenreitschule hat sich schon bei früheren Gelegenheiten für das Schauspiel, besonders aber für die Komödie als ungeeignet erwiesen.

Bühne und Zuschauerraum sind einfach zu weitläufig und geben keine Raumstimmung her. Lois Egg als Büh nenbildner hat sich mit diesem Dilemma redlich auseinandergesetzt, ohne es durch sein System von im stumpfen Winkel aneinandergereihten Wänden bewältigt zu haben. Die Mitglieder des Burgtheaters boten, was man von ihnen erwarten durfte: klare Sprache, gediegene Ensemblekunst. Aber den altbürgerlichen Rüpelhumor, das rustikal-derbe Behagen, konnte man ihnen nicht recht glauben. Sie trugen ihre Charaktere wie feine Leute ein ländliches Faschingskostüm. Die Damen Paula Wessely und Käthe Gold bemühten sich mit noblem Charme, auf ein tiefergelegenes Niveau farbigen Volkshumors hinabzusteigen, ohne es zu erreichen. Nur Jane Tilden als Mistreß Quick war ganz echt und reinrassig. Baiser gab sich als ein gemütlicher und liebenswürdiger Falstaff: rosige Genußfreude, großmäulig, gravitätisch, dabei ohne Gewicht. Ein sympathischer Vorfahre des Ochs von Lerchenau. — Theo Lingen als Landpfarrer hatte die Taschen voll Zucker für den Affen und gab davon mehr, als dem artigen Tier bekömmlich ist. Das Publikum glaubte indes auf seine Rechnung zu kommen und hielt sich die Seiten vor Lachen. Die Regie Rudolf Steinböcks ließ alles voll ausspielen ; eine konzipere Führung hätte den Abend kürzer und kurzweiliger gemacht. Immerhin bot er ein authentisches Bild von der gegenwärtigen Verfassung des Burgtheaters. Kein Erlebnis, aber eHÄuIlttini ihiSin ,yMSI’3 fen Vortagen Und Mängel man einen’ Kahon der Büh- nenkunst ableiten könnte.

Über den „Jedermann” braucht man nichts mehr zu sagen. Er hat seine historische Bedeututng, und es gibt kaum jemanden, der ihn nicht schon gesehen hat. Aber der beste Wein verliert Bukett und Feuer, wenn er zu alt wird. Unveränderlich schön ist in diesem Fall der Krug, der Domplatz. Er wartet geduldig auf neuen Tnhnlt.

Ein belebendes Element des Schauspiels hat sich an der Peripherie der Festspiele angesiedelt: Das „Europa-Studio”. Es wird von Reinhart Mohn (Bertelsman-Lesering) finanziert, von Burgtheaterdirektor Häussermann geleitet. Die Distanz zu den Festspielen ist durch das Wort „Studio” hinreichend markiert. Wiewohl die Leistungen durchaus großstädtischen Zuschnitt haben, wurde das Europa-Studio vom internationalen Publikum noch nicht recht zur Kenntnis genommen, was sich für Mohn zunächst in einem Defizit von fünf Millionen” Schilling auswirkt. Aber man darf zuversichtlich sein: Der Ertrag der Fernsehaufzeichnungen dieser drei Uraufführungen wird es ausgleichen. Die erste dieser Uraufführungen, „La Tragödie du Roi Christophe” von Aimė Cėsaire, war wohl das seltsamste Theaterereignis, das jemals während eines Festspielsommers in Salzburg iattgefunden hat. Das Stück eines Negerdichters, das durch die Tragik der aus dem Zustahd kreatürlicher Unschuld aufgestorten Rasse erschüttert, von Negern getrommelt, getanzt, gesungen und gespielt (in französischer Sprache), Urtheater, wie man es hier noch nie gesehen hat, ein Elementarschauspiel, dem man fasziniert und atemlos wie dern Ausbruch eines Vulkans beiwohnte.

Ein schillerndes Spiel mit den luftigsten Requisiten der Poesie, die aus dem Französischen übertragene Komödie „Mitternachtsmarkt” von Paul Willems, folgte als zweiter Versuch und nahm durch seine Leichtigkeit, seine musische Laune wie durch seine witzige, einfallsreiche Inszenierung für sich ein. Die liebenswürdige Nichtigkeit hat den Duft eines Pariser Chansons; wie die Papierdrachen und Seifenblasen der verliebten Jahrmarktstypen schweben die Szenen durch den von Jörg Zimmermann reizend improvisierten Bühnenraum, die Regie Werner Düggelins führt mit überlegener Kunst ein ad hoc zusammengstelltes Ensemble, aus dem man die Namen Wolfgang Reichmann, Brigitte Grothum und Peter Striebeck behalten sollte.

Die dritte Novität, „Da Pferd” von Julius Hay, steht zwischen politischer Satrie und Farce: für diese zuwenig lustig, für jene zuwenig scharf. Das alte Rom des Caligula leiht Kostüm und Milieu zur Darstellung der politischen wurde von Boy Gobert als talentiertem Regiedebütanten inszeniert, von Toni Businger mit einem smarten Bühnenbild und von Charlotte Flemming mit originellen Kostümen ausgestattet. Es wurde brav gespielt, am besten gefielen Peter Striebeck, Klausjürgen Wussovo als Caligula. Hannelore Schroth und Ulrike Thiel. Den stärksten Lacherfolg hatte Kurt Sowinetz als Teutonen-Kommiß- knöpf.

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