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Französische Kulturen, LITERARISCH

Auffallend viel neue französische Literatur handelt vom Ringen um soziale, kulturelle und geschlechtliche Identität.

Hoch schlugen die Wellen um das trunkene Schiff, mit dem Frankreich heuer Kurs auf Frankfurt nahm: Der Ehrengast der Buchmesse segelte unter der schillernden Flagge der Francophonie - was neben der Grande Nation viele Länder mit einschloss, in denen man Französisch spricht: Belgien, die schweizerische Romandie, das kanadische Québec, die ehemaligen Kolonien in der Karibik, in Schwarzafrika und dem Maghreb. Zu diesem Anlass überboten sich die deutschsprachigen Verlage nachgerade mit Übersetzungen.

Groß war der Rummel naturgemäß um den neuen Houellebecq, "In Schopenhauers Gegenwart"(Dumont), in dem der politisch unkorrekte Franzose den Deutschen zum Eidhelfer macht: nicht so sehr für seinen eigenen Weltekel als für sein künstlerisches Ideal einer "von aller Reflexion und aller Begierde losgelöste(n) Betrachtung der Dinge der Welt in ihrer Gesamtheit".

Ringen um Identität

Generell wäre zu dem gebotenen Panorama festzustellen, dass sich darin weniger "Schulen" abzeichnen denn große Themen. Auffallend viele Bücher handeln vom Ringen um soziale, kulturelle und geschlechtliche Identität. Wie schon der Soziologe Didier Eribon ("Rückkehr nach Reims", Suhrkamp) thematisiert der Autor Édouard Louis in "Im Herzen der Gewalt"(S. Fischer) seine Homosexualität. Louis erzählt aber ein Trauma -das seiner Vergewaltigung durch einen Berber. Die Gewalttat war auch ein Angriff auf sein Selbstverständnis: Louis muss nun gegen rassistische Anwandlungen ankämpfen. Ein Weltbild, das er stets verurteilt hat und das üble Erinnerungen weckt: an seine Jugend als ausgegrenzter Homosexueller im nordfranzösischen Heimatdorf, aus dessen Enge er (wie Eribon) ausbrach und sich neu erfand. In Paris.

Zurück in ihre (nordfranzösische) Kindheit kehrt auch Annie Ernaux im Erzählband "Die Jahre"(Suhrkamp). Ihre bildstarke Rückschau spiegelt Familie und Gesellschaft im Wandel der (Nachkriegs-)Zeit. Bei aller Entzauberung und Sozialkritik geht es hier nicht um Aufarbeitung eines Traumas, sondern

um eine Verlusterfahrung und den Wunsch, "etwas von der Zeit (zu) retten, in der man nie wieder sein wird". Le temps perdu.

Gaël Faye und Alain Mabanckou wenden sich Afrika zu: Faye, Rapper/Autor mit französischem Vater und ruandesischer Mutter, kehrt in "Kleines Land" (Piper) zurück nach Burundi, von wo er mit seiner Familie nach Frankreich geflohen war -wegen des im Genozid endenden Hutu-Tutsi-Konfliktes. Seine Autofiktion ist der Versuch, das Kindheitsglück aus dem Kriegsschatten herauszulösen. Faye lebt nun in Ruanda. Alain Mabanckou würdigt in "Die Lichter von Pointe-Noire"(Liebeskind) seine Mutter und bekennt seine Bindung an das von Mythen und Aberglauben beseelte Afrika. Bei klarer Distanz zu manch Auswüchsen animistischer Magie achtet er den familiären Geisterglauben (die Vogelscheuche namens Massengo wird vom Dorfacker in die Stadtwohnung mitübersiedelt). Vor Jahrzehnten mit einem Jus-Stipendium aus der Republik Kongo nach Frankreich ausgewandert, durchstreift Mabanckou seine Heimatstadt, Verwandte und alte Gefährten

im Geleit. Seine "Narbe" des Verlustes bleibt sichtbar, verdeckt aber nicht die Sicht auf Armut oder Korruption. Humorvoll, sinnlich und mit Ehrfurcht huldigt der Ex-Wirtschaftsanwalt dieser vertraut-fremden Welt.

Auch Dany Lafferière kehrte nach seiner Flucht vor "Baby Doc" Duvalier irgendwann in seine Heimat Haiti zurück (und schrieb darüber ein Buch). Heute lebt der Autor, Mitglied der erlauchten Académie française, zwischen Montréal, Miami, New York und Paris. Erst jetzt liegt sein fulminantes Debüt von 1986 vor: "Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben, ohne zu ermüden" (Wunderhorn). Darin spielt er mit Aberwitz und Scharfsinn die Tücken der klischeebelasteten Selbst-und Fremdwahrnehmung durch: Als neuer Exilant in Montreal teilt er mit einem Gefährten die kleine, elende Bleibe. Während jener mit der Couch verwächst, Jazz im Ohr, Koran im Kopf und Freud auf den Lippen, hämmert Laferrière seine Zukunft in die Schreibmaschine -was die bürgerlichen Studentinnen einer Elite-Uni magisch anzieht. Machosprüche werden da geklopft, dass es nur so rumpelt, politisch unkorrekte Pointen geschleudert, und das buchstäbliche Aufeinandertreffen von Schwarz und Weiß wird in einer gnadenlosen, auch selbstironischen Rassismus-Persiflage bewältigt.

'Wir sind das Publikum' - und sollten unserer Kultiviertheit und Intelligenz misstrauen. Denn die Urteilskraft geht dem Spektakel gern auf den Leim.

Zweite Geburt in Paris

Filmemacherin Négar Djavadi bringt mit "Desorientale"(C. H. Beck) eine andere Exilgeschichte ein: Zwar erzählt auch sie eine Identitätssuche, aber zugleich die Saga ihrer Familie -und die Geschichte des Iran, als Spielball der Westmächte, der Schahs und der Mullahs. Spross eines alten persischen Feudalclans, genoss Djavadi in Teheran eine französische Bildung. Doch die oppositionelle Rolle der Eltern gegenüber dem Schah wie den Mullahs führte ins Pariser Exil (wo der lange Arm der Revolution den Vater tötete). Als Elfjährige war Djavadi mit Mutter und Schwestern auf Pferden durch Kurdistan in die Türkei geflohen. In Paris erlebte sie ihre "zweite Geburt", auch ihr Comingout als Lesbe; es ist der Ort, an dem sie den Ausgleich zwischen freiem Individualismus und kultureller Herkunft sucht.

Ihre ganz spezifische Form des Umgangs mit der Historie, weitgehend losgelöst von der eigenen Biografie, haben folgende Autoren gefunden: Patrick Deville, 1957 nahe Nantes geboren, schreibt seinen gigantischen Romanzyklus "Sic transit gloria mundi" fort, für den er rastlos um den Erdball tourt, um die großen Kausalzusammenhänge des Weltenlaufs an prominenten Lebensbildern zu spiegeln. Ein grandioses Gewebe aus Exofiktion und Autofiktion. In "Viva"(Bilgerverlag) geht es nach Mexiko, legendäres Gastland und Sehnsuchtsort der Zwischenkriegszeit. Dort kreuzen sich auch die Wege von Malcolm Lowry und Leo Trotzki. Der eine schreibt an seinem Roman "Unter dem Vulkan", der andere findet Zuflucht bei Diego Rivera und Frida Kahlo. Prall an Figuren und Fakten, Anekdoten, Sinneseindrücken und Aphorismen, reiht sich "Viva" in Devilles Spurensuche entlang der Ruhmespfade und Holzwege großer Entdecker, Erfinder und Revolutionäre. In seinem allerneuesten Roman, "Taba-Taba"(Longlist zum Prix Goncourt 2017) blickt auch dieser Autor in seine Kindheit zurück: Sie begann in einem Marinelazarett in Nantes.

Éric Vuillard, Filmemacher und Autor aus Lyon, erzählt in "Die Traurigkeit der Erde"(Matthes &Seitz) die Geschichte Buffalo Bills, der mit seiner Wildwest-Show ein Vermögen machte - und alles wieder verlor. Vuillard geht dem "Wesen des Spektakels" auf den Grund. Buffalo Bill hatte Neues geboten: echte Indianer, echte Pferde und Bisons, nachgestellte Schlachten. Lebensechte Pioniergeschichte, an der "Bürger der jungen amerikanischen Städte unmittelbar" teilhaben konnten. Es war die Geburt des Showbiz, des zynischen Dämons der Inszenierung: Überlebende Indianer des realen Massakers in Dakota spielten in der Show den eigenen Untergang nach. Vuillard reißt den Leser mit, bei erhobenem Zeigefinger: "Wir sind das Publikum" - und sollten unserer Kultiviertheit und Intelligenz misstrauen. Denn die Urteilskraft geht dem Spektakel gern auf den Leim.

Der Philosoph und Historiker Jean-Marie Blas de Roblès, 1954 in Algerien geboren, Weltreisender, Mitglied der Archäologischen Gesellschaft Frankreichs (und sommers Tiefseearchäologe im Mittelmeer) spielt in "Der Mitternachtsberg"(S. Fischer) die Geschichte gegen die Fiktion aus. Der asketische Bastien, Schulwart in Lyon, teilt mit Nachbarin Rose, einer jungen Historikerin, das Interesse für Tibet. Die beiden reisen nach Lhasa, besuchen Kultstätten, werden Zeuge der Unterdrückung religiös-kultureller Tradition -und driften in der Höhenluft ab in dunkle Kapitel des eigenen Daseins: Bastien war Teil jener "Tibetischen Brigaden" der SS, die am Dach der Welt einen spirituellen Überbau zur Erneuerung der arischen Kräfte entwickeln sollten. Dichtung oder Wahrheit? Bastien jedenfalls zahlt einen hohen Preis.

Vorhang zu, Vorhang auf

Ins Paris von heute führt Véronique Olmis Roman "Der Mann in der fünften Reihe" (Antje Kunstmann). Die Bretter, die die Welt bedeuten, sind Nellys Halt. Doch die geraten ins Wanken, als die Schauspielerin im Publikum Paul entdeckt, ihre große einstige Liebe. Die Wirklichkeit übernimmt die Regie, schlägt eine Bresche in den schützenden Kokon Theater. Nelly muss den Auftritt abbrechen und flieht in die Nacht, auf die Gare de l'Est, wo sie vor einer dösenden Obdachlosen dahinmonologisiert. Der eine Vorhang fällt, und der nächste hebt sich.

Wem der Sinn nach noch mehr Frankreich steht, dem seien empfohlen: die "Französische Bibliothek" von Suhrkamp (Klassiker der Moderne) und Matthes &Seitz ("klassische" Klassiker); die aktuellen Erzählungen "Blau Weiß Rot" (dtv); die Studie "Frankreich gegen Frankreich" von Wolfgang Matz über den alten gallischen Graben zwischen links und rechts (Wallstein) - und Jean-Christophe Baillys Essay "Fremd gewordenes Land", in dem er Frankreichs Identität in einem philosophisch-literarischen Mosaik neu kartografiert (Matthes & Seitz). - Bonne lecture!

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