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Freiheit — das wichtigste im Leben

1945 1960 1980 2000 2020

Gespräche mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen ergeben ein heterogenes Bild von Wünschen und Zukunftsträumen. „Jugendliche” Gemeinsamkeiten zeigen sich dennoch.

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Gespräche mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen ergeben ein heterogenes Bild von Wünschen und Zukunftsträumen. „Jugendliche” Gemeinsamkeiten zeigen sich dennoch.

Ich will auf meinen eigenen zwei I Füßen stehen und nicht von je-JL mand Drittem abhängig sein. Ich will mich selbst erhalten, Dinge selbst entscheiden und machen können, zu denen ich Lust habe”, sagt ein berufstätiger 22-jähriger - mit dieser Aussage steht er nicht allein. - „Ich denke, es ist mein Leben, das kann niemand anderer für mich aufbauen ... Ich will da nicht jemanden, der alles für mich checkt, das würde ich gar nicht wollen, da ist man dann gar nichts weiter”, meint ein zwanzigjähriges Mädchen, das noch in Ausbildung ist.

Um mehr über die Lebensvorstellungen, die Werte und die Träume der Generation der neunziger Jahre zu erfahren, interviewten Studenten der Theologischen Fakultät in Wien junge Leuten zwischen 15 und 25 Jahren. Die Interviews waren Teil eines Forschungsprojekts unter der Leitung des Pastoraltheologen Paul Zulehner.

Bei den Gesprächspartnern waren Berufstätige und noch in Ausbildung Befindliche gleich stark vertreten. Ein

Teil der Befragten war katholisch und kirchengebunden, der andere wollte nichts mit Religion zu tun haben. Trotz dieser Unterschiede zeigten die Aussagen beider Gruppen verblüffend viele Berührungspunkte.

Von Freiheit sprachen alle. „Freiheit ist das wichtigste für mich in meinem Leben. Ich will mir nicht von anderen Menschen sagen lassen, wo es lang geht.”- „Ich will frei sein, zu denken, zu sagen, zu tun, was ich will - das ist zwar absurd, aber ich will wenigstens die Freiheit haben zu denken und das auszudrücken.”

Beziehung ist wichtig

Keiner der Befragten will auf eine gute Beziehung verzichten: „Eine Beziehung ist irrsinnig wichtig, weil man sich immer aufrappeln kann, wenn jemand da ist, der einem beisteht, der nicht fortgeht, sondern eine schöne Zeit mit mir erleben kann ... Es ist deprimierend, wenn man allein dasteht.” „Ich glaube, man braucht einen Menschen, dem man vollkommen vertrauen kann. Und auch wenn das blöd klingt, es muß etwas Sexuelles dabei sein. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Das ist für mich totales Vertrauen. Der läßt mich ganz an sich heran und ich lasse den ganz an mich heran. Den kenne ich dann schon blind und genauso umgekehrt.”

Eine Befragte - sie ist Kirchgängerin - äußert sich über die Ehelosigkeit;

Gott als Abstraktion erscheint ihr aber nicht akzeptabel: „Ich glaube, daß man nicht wirklich glücklich sein kann, wenn man keine Beziehung hat, außer man lebt halt mit Gott.” „Allein mit Gott zu leben” kann aber auch sie sich nicht vorstellen.

Reale Zukunftsträume

Die Zukunftsträume, die aus den Aussagen sprechen, sind meist mit ganz realen Dingen verbunden. „Das Materielle reizt mich irrsinnig. Ich träume vom Motorradführerschein und Motorrad, das ist das eine, und das zweite ist das Cabrio - das klingt zwar verdammt dumm, aber es ist einfach so.” Bei anderen kommt die Vorstellung einer Familie hinzu: „Erstens ein Leben mit Gott und zweitens irgendwie ein Haus haben - und daß den Kindern alles ermöglicht wird, was sie machen wollen.”- „Haus im Grünen, Garten, alles auf eine Familie ausgelegt mit Frau und zwei Kindern. Ich schaffe mir kein Kind an, wenn ich mit meiner Person und materiell für das Kind nicht sorgen kann.” Vor allem ist wichtig, daß die Kasse stimmt: „Ich erwarte mir von der Zukunft, daß sie geregelt ist, daß ich jeden Monat mein fixes Gehalt auf dem Konto.” - „Ich will nicht für meinen Lebensunterhalt kämpfen müssen, daß ich nicht mehr weiß, was ich morgen fressen soll.” Viele wollen jedoch mehr als Sicherheit, die einen lediglich einen „Job, wo wenig zu tun ist und viel Geld herausschaut”. Andere Ansprüche hat ein Künstler, er wünscht sich, „die Kunst praktizieren zu können, ohne Gedanken darüber verschwenden zu müssen, woher das Geld kommt.”

Jugend und Kirche

Ende Mai fand in Wien ein internationaler Workshop „Jugendkulturen -Werte - Religiosität” statt, bei dem unter anderem auch oben zitierte Interviews ausgewertet wurden. In einer Diskussionsveranstaltung im Rahmen dieser Workshops lobte der Wiener Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier die Werbekampagnen der großen Firmen, weil diese ein viel besseres Gespür für die Bedürfnisse der Jugendlichen zeigten als die Kirche. Pastoraltheologe Zulehner hielt dem entgegen, es mache einen Unterschied, ob es um Gewinn oder um die Vermittlung von Werten gehe. Ferner konstatierte er eine „psychische Obdachlosigkeit”: Die jungen Leute hätten zu viel Freiheit und zu wenig Beziehungen. Vielleicht hängt damit zusammen, was Sibylle Hübner-Funk vom Deutschen Jugendinstitut München beobachtete: „Die Jugendlichen von heute weisen keine idealistische Naivität mehr auf, sondern realitätsbezogenen Zynismus ... Mit dem Kaufakt befriedigen sie ihre politischen und weltanschaulichen, aber auch religiösen Bedürfnisse.”

Der mitdiskutierende Wiener Weihbischof Krätzistelite fest, jene Jugendlichen, die sich als religiös verstehen, suchten Gott in ihrem Leben eher als „Du” zu entdecken. Zur Kirche kämen aber wenige. Die Jugendlichen hätten den Eindruck, diese würde in der Vergangenheit leben. Brauchen würden Jugendliche hingegen konkrete Hilfen für ihre Zukunft.

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