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"Freiheitsräume sind ganz wesentlich!"

1945 1960 1980 2000 2020

Am 5. Mai feiert Fritz Csoklich, langjähriger Chefredakteur der "Kleinen Zeitung", heute Präsident der steirischen Katholischen Aktion, seinen 70. Geburtstag. Die Furche führte mit ihm aus diesem Anlaß ein Gespräch über die Themen seines Lebens: Medien, Politik, Kirche.

1945 1960 1980 2000 2020

Am 5. Mai feiert Fritz Csoklich, langjähriger Chefredakteur der "Kleinen Zeitung", heute Präsident der steirischen Katholischen Aktion, seinen 70. Geburtstag. Die Furche führte mit ihm aus diesem Anlaß ein Gespräch über die Themen seines Lebens: Medien, Politik, Kirche.

dieFurche: Wie geht es Ihnen, wenn Sie heute, knapp fünf Jahre nach Ihrer Pensionierung, in der Früh die "Kleine Zeitung" lesen?

Fritz Csoklich: Mir geht es sehr gut dabei. Ich treffe immer wieder Kollegen, die auch pensioniert sind, die sagen, wie schrecklich alles ist. Ich empfinde das überhaupt nicht so. Ich bin sehr glücklich, daß die Zeitung so weiter geführt wird. Natürlich ist sie anders geworden, das ist selbstverständlich. Ich bestreite aber entschieden, daß alles schlechter wird. Eine meiner Berufserfahrungen war, daß laufend Leute angerufen haben und gesagt haben, sie müssen darauf aufmerksam machen, daß die Zeitung immer schlechter wird. Aber das war die ganzen 40 Jahre meiner Tätigkeit bei der "Kleinen Zeitung" so.

dieFurche: Was ist für Sie in Ihrer Zeit als Chefredakteur der größte Umbruch gewesen?

Csoklich: Für mich persönlich war das unsere Teilnahme am ersten österreichischen Volksbegehren, dem Rundfunkvolksbegehren (1964, gemeinsam mit "Wochenpresse" und "Kurier" initiiert, Ziel: Reform des Österreichischen Rundfunks; Anm.). Das Volksbegehren war für die "Kleine Zeitung" ein entscheidender Qualitätssprung: wir sind aus der Provinzialität herausgekommen und haben bei einem politischen Vorgang als Handelnde mitgetan.

dieFurche: Ist das uneingeschränkt positiv zu bewerten, wenn Medien selbst politisch agieren und nicht nur Politik publizistisch begleiten?

Csoklich: Wir haben damals redaktionsintern ziemliche Schwierigkeiten gehabt, vor allem Kurt Vorhofer (langjähriger Leiter der Wiener Redaktion der "Kleinen"; Anm.) hat kräftig opponiert. Ich meine aber, daß Medien unter bestimmten Bedingungen verpflichtet sind, politisch zu handeln und sich nicht nur auf die Beobachterrolle zurückziehen sollten.

dieFurche: Wieviel Nähe und Distanz zur Kirche ist in einem Medium wie der "Kleinen Zeitung" notwendig?

Csoklich: Wir haben versucht, eine große innere Nähe zu haben, aber eine äußere Distanz, das heißt eine Distanz zur Institution Kirche, aber nicht zu den Inhalten der Kirche. Daher habe ich es gut gefunden, daß es diese Einrichtung des Katholischen Preßvereins gibt, der ja der Eigentümer und Herausgeber der "Kleinen Zeitung" ist: Dieser Preßverein ist einerseits natürlich katholisch, aber mit diesem - staatlichen - Verein ist gesichert, daß wir nicht in die äußere Organisationsform der Kirche eingebunden sind - daß nicht der Prälat X sagen kann, ich verlange, daß das so und so erscheint. Das ist meiner Meinung nach eine wirklich exzellente Sache, die uns in manchen Streitfällen sehr geholfen hat, unseren Kurs durchzuhalten.

dieFurche: Auch da ist die Entwicklung weitergegangen, der Träger der "Kleinen Zeitung" ist heute eine Aktiengesellschaft ...

Csoklich: Ich bin kein Freund dieser Entwicklung, ich habe auch opponiert dagegen. Es ist nun beschlossen worden, und es ist sinnlos dagegen Stimmung zu machen, aber ich befürchte, daß durch diese Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft die ökonomischen Zwänge noch gravierender werden als sie schon bisher waren.

dieFurche: Haben Sie das Gefühl, daß die Ökonomisierung immer stärker zunimmt?

Csoklich: Ja, eindeutig, überall. Das halte ich insgesamt für eine verhängnisvolle Entwicklung.

dieFurche: Sie haben einmal gesagt, die österreichische Medienpolitik sei vom Gesetz der vollen Hosen bestimmt. Wie würden Sie das heute sehen?

Csoklich: Genauso. Es hat sich nach meinem Eindruck nichts verändert. Es hat sich auch nichts zum Schlechteren verändert, weil es ohnehin schon schlecht ist. Wenn ich mir den Konzentrationsprozeß auf dem österreichischen Zeitungsmarkt anschaue - das ist so verheerend und so beispiellos im Vergleich mit anderen Ländern; und daß man keinen Versuch unternommen hat, diesem Prozeß wenigstens allmählich durch Entflechtungsmaßnahmen gegenzusteuern, das ist eine der trübsten Entwicklungen der österreichischen Innenpolitik.

dieFurche: Graz und die Steiermark waren lange Zeit eine Art Denk- und Zukunftswerkstatt: Rund um das "Modell Steiermark" ist versucht worden, ein anderes Konzept von Politik zu entwerfen ...

Csoklich: Wenn ich das recht sehe, ist zur Zeit schon eine gewisse Dürreperiode in der Steiermark, nicht nur in der Politik, auch in der Kultur - und das ist noch schmerzlicher. Wenn man sich erinnert an die Zeiten eines Hanns Koren (u. a. Begründer des "steirischen herbstes"; Anm.), als Graz wirklich wie ein Mekka für junge Künstler war, wie die gekommen sind und hier die erstaunlichsten Dinge gemacht haben - das ist ebenso vorbei, wie diese fast avantgardistischen Versuche, auch in der Politik etwas Neues zu probieren. Das alles ist versandet. Die Steiermark spielt heute keine Rolle über die übliche Rolle eine Bundeslandes hinaus. Ich kann nicht sagen, warum das so ist. Es ist zur Zeit nicht abzusehen, daß eine neue Welle kommt, aber die Entwicklung geht eben in Wellen vor sich, und wir sind sicher in einem Tief.

dieFurche: Ist da ein Unterschied zwischen der Steiermark und dem übrigen Österreich?

Csoklich: Ja, ich würde zum Beispiel sagen, daß Wien schon seit einiger Zeit in einem gewissen Hoch ist. Wenn ich das vergleiche: Wien und Graz in den sechziger Jahren und heute: damals war Wien in einem Tal und die Steiermark in einem Hoch - heute würde ich das umgekehrt sehen.

dieFurche: Wie ist es für jemanden, der einen Krieg erlebt hat, am Ende des Jahrhunderts wieder Krieg in Europa erleben zu müssen?

Csoklich: Der Unterschied ist, daß bis jetzt eine akute Gefahr für Österreich noch nicht gegeben ist. Das ist ein entscheidender Unterschied zur Situation von 1945 und vorher. Die Lage schätze ich ernst ein, weil eine große Hilf- und Ratlosigkeit herrscht, was man nun im einzelnen wirklich tun kann. Ich halte diese Bombardierungen für schrecklich, denn was will man tun wenn Milosevi'c nicht geht, was wird weiter geschehen? Wird dieses Land völlig zusammengeschlagen werden? Da erinnere ich mich schon an 1945 und vorher, als ja die Alliierten ähnlich agiert und die Städte einfach zusammengebombt haben. Bei den Leuten, die ihr Haus von Bomben zerstört bekommen haben, läuft nicht die theoretische Überlegung im Hirn ab: Wer ist eigentlich schuld an all den Dingen? - sondern die Wut richtet sich auf die, die die Bomben heruntergeschmissen haben. Das schützt sogar in gewissem Sinn die Diktatoren, die die übelsten Dinge aufführen können, wenn sie solche Gefühle geschickt zu nützen verstehen.

dieFurche: Hätten Sie zum Zeitpunkt des Eingreifens der NATO Alternativen gesehen?

Csoklich: Ich habe keine gesehen, ich sehe auch heute keine, aber ich sehe auch keinen Sinn, heute noch weiter und stärker zu bombardieren, dort alles zusammenzuschlagen, und es zeigt sich, daß Milosevi'c auf Kosten seines Volkes diesen Krieg entschlossen weiterführt, ähnlich wie es Hitler gemacht hat.

dieFurche: Ihre legendäre Sonntagskolumne in der "Kleinen Zeitung" trug den Titel "Im Vertrauen gesagt". Gesetzt den Fall, Sie würden zu Ihrem Geburtstag noch einmal diese Kolumne schreiben - gäbe es ein Thema, das Sie in besonderer Weise umtreibt, vielleicht so etwas wie ein Lebensthema, dem Sie diese Kolumne widmen wollten?

Csoklich: Ich habe schon ein Grundthema, das mich von Anfang an interessiert hat, und das ist das Grundthema der Freiheit. Ich habe hier eine sehr persönliche Erinnerung, die mich ein ganzes Leben lang nicht losgelassen hat. Mit 12, 13 Jahren, während der NS-Zeit, bin ich in eine katholische Jugendgruppe hineingekommen - es waren alle Jugendgruppen verboten, aber das System hatte den Kirchen erlaubt, daß sie dort, wo Religionsunterricht nicht mehr möglich war, Jugendliche zu einer Katechese in Kirchenräumen einladen. In eine solche Gruppe bin ich gekommen, und ich hatte das Glück, mit einem besonders engagierten Kaplan zusammenzukommen. Dieser Kaplan hat uns eingebleut, wenn jemand links und rechts Scheuklappen hat wie ein Roß und noch ein Brett vor dem Kopf, dann kann er meinetwegen ein Geistlicher sein, aber katholisch ist er nicht, denn katholisch heißt weltoffen, universal, weltumspannend.

Das war das eine, was wir mitbekommen haben, und das andere, daß dort, in dieser Gruppe, mitten im NS-Regime, ein Freiheitsraum war, den es im gesamten übrigen Leben nicht gegeben hat, daß man offen miteinander reden konnte, daß sich niemand vor dem anderen gefürchtet hat. Kirche als Freiheitsraum, so habe ich Kirche kennengelernt. Und es tut mir wirklich weh, daß dieser Freiheitsraum Kirche heute bedroht ist durch innerkirchliche Strömungen, die diesen offenbar in einer Verblendung sondergleichen einschränken wollen oder durch einen Katalog ganz strenger Verbote eliminieren wollen. Freiheitsräume - nicht nur im kirchlichen Bereich, auch im politischen, siehe Rundfunkvolksbegehren - scheinen mir etwas ganz Wesentliches zu sein.

Das Gespräch führten Otto Friedrich und Rudolf Mitlöhner.

Fritz Csoklich zum 70. Geburtstag: Im Vertrauen gesagt ...

Er ist - immer noch - so etwas wie die Personifikation der "Kleinen Zeitung", ihrer Grundphilosophie, daß Breitenwirkung einerseits und Tiefgang, intellektueller und ethischer Anspruch sowie Seriosität andererseits kein Widerspruch sein müssen.

Ein Blick auf die Medienlandschaft zeigt, daß sie es freilich meistens doch sind; jedenfalls gibt es nicht viele Zeitungen, die, wie die "Kleine", die Herausforderung einer solchen Gratwanderung zwischen Qualität und Masse bewußt auf sich nehmen. Die "Kleine Zeitung" und Fritz Csoklich, Chefredakteur von 1960 bis 1994, verstehen diese Herausforderung bis heute auf dem Hintergrund eines katholischen Weltauftrags: "Katholisch heißt weltoffen, universal, weltumspannend", umreißt Csoklich im nebenstehenden Interview sein persönliches Credo. Daß dies heute irgendwie anachronistisch anmutet, sagt einiges über den Zustand der katholischen Kirche, nichts über die Zeitgemäßheit solchen Verständnisses aus.

"Den Boulevard nicht dem Boulevard überlassen" (also die "Leute von der Straße" nicht den Boulevardzeitungen), war Csoklichs Leitmotiv für seine Arbeit. Daraus folgt neben anderem auch das stete Bemühen um Nähe zu den Lesern. In diesem Zusammenhang muß auch der Titel der legendären Sonntagskolumne Fritz Csoklichs verstanden werden: "Im Vertrauen gesagt". In klaren, einfachen, schnörkellosen Sätzen legte da Csoklich über all die Jahre dar, was ihn umtrieb, was er für wesentlich hielt. Daß der Blick dieser Kolumne oft weit über die Grenzen der Steiermark (und Kärntens) hinausreichte, braucht nicht eigens betont zu werden: Wenn es gilt, den Begriff des "Weltsteirertums" zu veranschaulichen, so wird man dabei um Fritz Csoklich nicht herumkommen. RM

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