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Freude — das Ziel unserer Zeit

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Der Salzburger Dichter Georg Rendl nimmt mit seinem neuen Roman eine große Verantwortung auf sieh. Indem er den Versuch macht, den Problemen unserer Zeit ernsthaft entgegenzutreten, geht es ihm darum, Ausgangspunkt, Weg und Ziel unserer Bemühungen klarzulegen. Der Erfolg rechtfertigt das Unternehmen, denn der Roman kann als bedeutendes, künstlerisch und ethisch wertvolles Buch gelten.

„Wir sind am Ende, und dieses Ende ist nicht einmal dazu tauglich, daß wiy einen Anfang daraus machen können”, sagt der Maler Thomas Lorinser. Das ist die nur zu verständliche Haltung einer Generation, deren Gedanken und Vorstellungen beherrscht sind von Zerstörung und Vernichtung. Neben dem Sinn als Abschluß eines Vergangenen liegt das Wesentliche des Endes darin, daß es Raum schafft für ein Neues, das immer zugleich ein Besseres sein soll. Wir müssen diesen Inhalt finden, wenn wir nicht anders die eigene Kraftlosigkeit und das Sinnlose jeder menschlichen Bestrebung anerkennen wollen. Vertreter dieser Generation ist Thomas. Seine Aufgabe ist zunächst eine rein menschliche: der Glaube an den Menschen muß wiedergewonnen werden und der Glaube daran, daß es eine Aufgabe bedeutet, für diesen Mensdien zu wirken. Diese Erkenntnis wächst ihm aus dem tiefgreifenden Erlebnis, das ihm in der Gestalt des Mädchens Amata widerfährt. Erst die Wirkung auf einen anderen macht den vollwertigen Menschen. Sie ist der Ausgangspunkt für die Gemeinschaft, und auf diese und ihre Gestaltung wird es ankommen. Eine solche Gemeinschaft schließt sich bei der Verlobungsfeier der beiden jungen Menschen zusammen, die im Hause des befreundeten Generalkonsuls a. D. eines neutralen Staates stattfindet. Es ist eine Gesellschaft von Menschen mit hellwacher Sensibilität, die durch geistige Interessen zusammengehalten wird: der junge Dichter Sebastian Gerber und der sozialistische Redakteur, der liberale Journalist Dr. Kauler, der im Grauen des Konzentrationslagers sehend geworden ist, und sein Sohn Gustav, der verarmte Graf und die Trägerin einer kulturellen Mission, Madame Poutet, Menschen aus den verschiedensten geistigen Bezirken, die eine jener Zellen bilden, die ohne sichtbare äußere Organisation immer wieder zum Ausgangspunkt weittragender Entwicklungen werden. Notwendigerweise sind diese Menschen innerlich Revolutionäre; aber nicht aus Lust am Zerstören bekämpfen sie das Alte, sondern aus der klaren Einsicht, daß nur Bereitschaft zu dem gerade hier und jetzt Erforderlichen und der Wille, es nach Kräften zu verwirklichen, eine Möglichkeit zum Aufstieg bieten. Dieser Weg fordert Opfer und Verzicht, Selbstzucht und Demut. Das Leid wird zur Entscheidung für jeden einzelnen.

Vielfältig sind die Versuchungen, Gier nach Macht und Profit steht dem Streben nach Höherem im Wege und führt den Menschen in den Bannkreis des Verbrechens und der Schuld. Gerade in der grenzenlosen Unsicherheit alles Seienden, die uns Vergangenheit und Gegenwart lehren, ist Standhalten schwer. Nur der Glauhe an den Nächsten, an seine erstrebte Vollkommenheit gibt Halt, ja die wachsende Vollkommenheit des einzelnen ist das Ziel, das die Bemühungen rechtfertigt und die Freude des Herzens sdiafft, die auf richtet.

„Ich sudie die Freude.” Festungsverlag Salzburg. und reich macht. Er ist nicht leicht, dieser Glaube an die Vervollkommnung des Menschen; aber wenn er einmal als Postulat erkannt wurde, findet sich auch ein Weg zu ihm. Sebastian spricht es gegenüber dem Redakteur aus: „… meiner Meinung nach gibt es für den Menschen überhaupt keinen anderen Weg zur Freude als durch den Glauben an diesen (sehr vollkommenen) Menschen.” Und auf des anderen Einwurf, diesen Menschen gäbe es gar nicht, weiß er die Antwort: „Noch feiern wir jedes Jahr seine Geburt.” Damit bezeichnet er das Kernproblem der Zeit, das ein religiöses ist: die Frage nach dem persönlichen Verhältnis zu Gott. Thomas meint einmal: „Er (der Mensch) sagt zu Gott ,Du’.” Und Amata antwortet auf seine Frage, ob sie an diesen Gott glaube: „Ja, an den glaube ich, ich verstehe nur nicht, daß Sie meinen, man könne an .irgendeinen Gott” glauben, das wäre ja dann nicht mehr Gon. Oder?” Die Verwirklichung dieses innigen Verhältnisses zwischen Schöpfer und Geschöpf in Christus ist das große Ziel der Zeit. Doktor Kauler bekennt: „Ich weiß, daß es nur eine Rettung gibt: die Verdiristlichung des Lebens”, und sein Sohn — die lebendigste und psychologisch interessanteste Gestalt des Buches — findet den Weg vom verbitterten Zyniker und Schleichhändler über den suchenden Werkstudenten zum Künder der Heilsbotschaft. Äußerliches genügt nicht, der Mensch muß in Gon leben. Diese Verchristlichung beginnt beim einzelnen und endet bei der Menschheit. Sie formt eine Gemeinschaft in Christus, der Liebe und Hilfsbereitschaft lehrt. Nie konnten sich diese tätiger beweisen, als in unserer verarmten und gequälten Gegenwart, zu deren brennendster Tagesfrage das soziale Problem geworden ist.

Daran geht Rendl mit einigen allgemeinen Bemerkungen vorbei. Keine der Hauptgestalten des Buches lernt die Sorge um das tägliche Brot kennen, außer dem Grafen; aber auch bei ihm kommt es dem Dichter mehr auf die Behauptung der geistigen und sittlichen Persönlichkeit unter widrigen Umständen an, als darauf, die Not des Alltags, ihre Wurzeln und ihre Überwindung aufzuzeigen.

Dieser Mangel des Buches wird aufgewogen durch einen doppelten Wert.’ Vor allem stellt der Dichter eine klare Forderung von weltweiter Bedeutung: „Das Merkmal dieser Tage ist, so scheint es wenigstens mir, daß mitten im Sterben äußerer Formen, aber nicht durch dieses Sterben bedingt, jeder einzelne vor die Ent- sdieidung gestellt ist: für oder gegen Christus, mit oder ohne Christus. In allen Völkern des Abendlandes ist diese Frage vor jeden einzelnen aufgerichtet, auch dann, wenn Kräfte am Werke sind, die diese Frage dadurch entschärfen möchten, daß sie behaupten, sie sei überholt. Sie ist es nicht! Das Abendland hört nicht auf zu sein, solange die Frage gehört und alsgestellt empfunden w i r d.” Darüber hinaus findet er die Erlösung aus der Wirrnis und Mutlosigkeit unserer Zeit in dem Lichtgedanken der Auferstehung. Der Glaube an die Überwindung von Tod nnd Verzweiflung weckt die Herzen, welche nach der Freude hungern. Darum heißt es am Ende des Buches, als die Freunde das Bildnis von der Auferstehung in der kleinen Kirche sehen, da sie zum ersten Male nach dem schmerzlich schnellen Tode der jungen Frau Aamata den Maler auf dem Dorfe besuchen: „Sie wußten dann, daß Thomas trotz allem eine Freude geblieben war…”

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