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Friedliches Zypern

Vor einer Stunde bin ich in Salamis angekommen und habe in aller Eile mein Zelt aufgeschlagen, um mich dann im kühlen Meer von den ersten zyprischen Anstrengungen zu erholen...

Wenige Meter unterhalb des Zeltplatzes gleißt und glitzert das Meer wie ein einziger riesiger Spiegel, hinter mir erinnern mächtige Steinquadern und Bruchstücke Römischer SäüleB an die historische Vergangenheit dieses Ortes. Nur wenige Lebewesen teilen sich heute mit den Ruinen in die Einsamkeit. Es gibt hier einen sogenannten „forest guard", dessen Aufgabe es ist, die spärlichen Waldreste vor den umherziehenden Ziegenherden zu schützen und während der trockenen Jahreszeit Waldbrände zu verhindern. Ferner lebt hier ein „custodian of antiquities", der die Steine bewacht und allenfalls Fremde in den Ruinenfeldern umherführt. Auf, unter und zwischen den Steinquadern, die überall in Mengen umherliegen, haben sich im Laufe der ruhigeren Jahrhunderte der Geschichte von "Salamis verschiedene Echsen angesiedelt...

Die ersten Tage meiner zoologischen Beutezüge — dies der Zweck meiner Reise — verlaufen recht befriedigend. Meine Beutel aus Moskitonetz beginnen sich langsam mit Agamen und Geckos zu füllen. Was wunder, wenn man bei dieser Beschäftigung Durst verspürt und sich nach einem kalten Getränk sehnt. Ich setze mich also auf mein Fahrrad und fahre nach Ayos Seryos, einem kleinen Dorf unweit von Salamis, das etwa 10 Häuser hat, aber natürlich sein eigenes „Kaffeehaus" besitzt. Die Häuser sind armselige Lehmhütten, ohne Fensterscheiben: denn man lebt ja auf der Straße. Ermüdet lasse ich mich auf einem der Stühle des Cafžs nieder und bestelle eine Limonade. Die übrigen Gäste und andere Leute, die sich — dankbar für das seltene Schauspiel eines Fremden — angesammelt hatten, unterhalten sich lebhaft über meine Person. Und dann ist es soweit: ein Mann aus dem Publikum, der einige Worte englisch sprechen kann, beginnt ein Gespräch mit: „Hailoh. George!" (Man muß wissen, daß die Universalbezeichnung für jeden Engländer auf Zypern der Einfachheit halber „George" lautet.) Ich werde hier grundsätzlich für einen Engländer gehalten. Dies erklärt sich daraus, daß neben der Türkei, Griechenland und Zypern selbst für einen Zyprioten durchschnittlichen Bildungsgrades fast nur noch England existiert und daß tatsächlich außer Engländern kaum Fremde die Insel besuchen . .. Der Anfang der Unterhaltu-g ist also gemacht und der Wirt bringt für mich eine zweite Limonade: eine Aufmerksamkeit meines Tischnachbarn, der sich solcherart zum Sprachrohr der Menge macht. „Where do you come from?" fragt er mich weiter. „From Austria " Dies übersetzt er den Zuhörern. Die Gesichter bleiben erstaunt aus-

druckslos. „Ich habe dich nicht verstanden! Woher kommst du?“ „Aus Austria. Austria!“ Neuerdings setzt ein Kriegsrat ein. Dann gleitet endlich ein glückliches Lächeln des Verstehens über die Gesichter, und man murmelt im Kreis: „Australia, Australia“, womit man gleichzeitig dokumentiert., daß noch einige weitere Länder- kenntnisse vorhanden sind. Hier gebe ich dani meinen Geogräphieunterricht auf und unterhalte mich als „Australier“ weiter. Erst nach langer Zeit hat sich die Neugierde so weit befriedigt, daß ich ungehindert Abschied nehmen kann, nicht, ohne jedem die Hand geschüttelt zu haben...

Auf einer meiner Fahrten tauchte abends, gegen 18 Uhr, das weiße Gebäude „St. Andreas Monastery“ zwischen Olivenbäumen auf. Ich war froh, mein Tagesziel erreicht zu haben. Ueber den Klosterhof schritten die schwarzgekleideten Gestalten der orthodoxen Mönche. Jeder trägt sein langes, schwarzes Haar im Nacken zu einem Knoten gebunden. Dazu kommen noch lange Bärte, hohe schwarze Mützen. Kaum stieg ich vom Fahrrad, kam ein fast europäisch gekleideter Hüne auf mich zu und' fragte, ob ich die Nacht im Kloster verbringen wolle. Dankbar nahm ich die Einladung an. Er schloß für mich einen kleinen Raum auf, der auf den Klosterhof führte und mit einem sauberen Bett, Tisch, Stuhl und Waschschüssel ausgestattet war. Kurz darauf schleppte ein kleiner, kaffeebrauner Junge einen Krug frischen Wassers heran. „Do you want something to eat?" fragte mich der freundliche Riese. „Wir würden uns freuen, wenn wir Ihnen ein Huhn anbieten dürftenI Eine halbe Stunde später stand es bereits dampfend auf dem Tisch und schmeckte herrlich. Dazu gab es Reis und Brot. — Der heilige Andreas wird auf Zypern als großer Wundertäter der griechisch-orthodoxen Kirche verehrt. An seinem Namensfest ziehen Kranke aus allen Teilen der Insel zum Kloster und warten auf Heilung. Die Gegend wimmelt dann von Menschen, Karren, Hunden, und die Mönche haben alle Hände voll zu tun. Sonst ist es hier wesentlich ruhiger. Das Kloster ist noch nicht dem Stromnetz der Insel angeschlossen. Wenn es dunkel wird, rattert ein Benzinaggregat los, und überall glimmen schwache Lämpchen auf; selbst auf der höchsten Spitze des Kirchturms brennt ein Licht und macht dem Leuchtturm des Kaps schwache Konkurrenz.

Autobusfahrten auf Zypern stellen wahrhaftig kein Vergnügen dar. Die Fahrt von Nikosia nach Ktima benötigt einen ganzen Nachmittag, und auch die kurzen Rasten an den verschiedenen Kaffeehäusern vermögen die ausgestandenen Qualen auf Holzbänken, eingepfercht zwischen buntem Volk und gerädert im schlecht oder gar nicht gefederten Auto nicht zu kompensieren.

Mit polizeilicher Erlaubnis zelte ich im Stadt-

park von Ktima. Das feierabendliche Leben ist hier auf die Promenade beschränkt. Alt und jung wandelt auf und ab und betrachtet sich gegenseitig. Da sich dieses Vergnügen jeden Abend wiederholt, muß es doch einen gewissen Reiz haben, den man als Fremder nicht restlos ergründen kann. Uebrigens promenijjen Mädchen und :3tö pbea streng getrennt, denn die zyprischen

IWorälbiffriffe mtmeng.

Auf einer meiner Fahrten ins zyprische „Schlangenparadies“, das meine zoologischen Ambitionen am meisten reizte, gelange ich nach Polis, einem kleinen Städtchen in der Nordwestecke der Insel. Elektrisches Licht ist bis hierher noch nicht vorgedrungen und als Straßenbeleuchtung hängen riesige Petroleumlampen an Holzpflöcken den Hauptstraßen entlang. Es gibt hier eine Menge Geschäfte, alle mit Waren vollgestopft: Möbel, Teppiche, Hausrat, Lebensmittel. Alles wird tagsüber auf die Straße geschleppt und dort den Blicken der kauflustigen Menge möglichst nahegebracht. Polis ist übrigens von üppigsten Traubenkulturen umgeben. Hier wächst der weit über Zyperns Grenzen hinaus bekannte Commanderiawein. Immer wieder muß ich unterwegs anhalten, weil mir die Leute frischgepflückte Trauben anbieten wollen ... Hier erlebe ich auch den ersten Regen auf Zypern. Es ist eigentlich noch gar kein richtiger Regen. Aus lichten Wolken fallen einige Wassertropfen zur Erde, dennoch wird die staubige Luft rein und frisch, und die Erde strömt mit einem Male einen herrlich würzigen

Geruch aus. Die Weinbauern sind über den unerwarteten Regen weniger entzückt. Ueberall gn den Straßenrändern findet man Trauben ausgebreitet, die zu Rosinen getrocknet werden sollen. Wenn die halbgetroekneten Trauben vom Regen benetzt werden, beginnen sie zu schimmeln und sind unbrauchbar. — Uebrigens ist cs ganz gut, wenn man zu Hause zum Kaffee seinen Kuchen mit den Rosinen darin genußreich verzehren kann, ohne gesehen zu haben, welche Vorstadien diese bereits durchgemacht haben. Denn auf den staubigen Dorfplätzen, an den Landstraßen im größten Schmutz liegen die Trauben in weiten Flächen ausgebreitet da. Kinder, Hühner, Hunde und Katzen kriechen darüber und niemand sagt ihnen, daß sie dabei stubenrein sein müssen ...

Heute ist Beiram. Das ist — wie mir versichert wird — ein wichtiger Festtag der Türken. Die türkischen Polizisten haben daher auch dienstfrei und laufen in ihrem besten Sonntagsstaat umher. Was für die Christen Weihnachteri, sei für die Mohammedaner Beiram, sagen sie, und die Feiertagsstimmung steckt ordentlich an. Ich bin zu einem Frühstück und dann zur Jagd eingeladen. Diese ist seit dem 1. Oktober- für die įatiziė' Insel freigegeben, und so zieht jeder, der ein Gewehr besitzt, Jagend durch did Landschaft. Das kann Fremden auch unangenehm auffallen. Denn es passiert nicht selten, daß es in allernächster Nähe plötzlich kracht und man die Kugeln pfeifen hört. Wer rechnet hier schon mit Reptilienfängern? Und gewöhnliche Sterbliche halten sich an Straßen und Wege. — Beiram dauert drei Tage lang. Die Türken werden anläßlich dieses Festes noch gastfreundlicher, als sie es bisher mir gegenüber ohnedies schon waren. Hassan erklärt mir, daß Beiram ein Fest der Nächstenliebe sei. Jeder, mag er noch so wenig Geld in der Tasche haben, gibt einen Teil davon einem anderen, der noch weniger besitzt als er. Die Reichen schlachten Vieh, um es unter den Armen aufzuteilen. Selbst der schlaue Mustafa, der Wirt vom Kaffeehaus, ist wie umgewandelt und serviert mir alle Getränke während dieser drei Festtage frei, jede Bezahlung empört zurückweisend.

Zypern liegt nun schon weit hinter mir. Die See ist glatt wie ein Spiegel. Möwen umtanzen das Schiff, einige Bachstelzen und ein Hausrot- schwanz haben sich als blinde Passagiere an Bord geschmuggelt...

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