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Fünf Jahre „österreichische Furche“

Ein halbes Jahrzehnt ist eine kurze Spanne Zeit. Doch das Jahrfünft, dem diese überschau gilt und an dessen Anfang diese Zeitschrift hr Erscheinen begann, war lang genug, um ein Jahrhundert mit Erlebnissen zu übersättigen. In seinem Raum hat sich ein Wandel vollzogen, der künftige Historiker veranlassen wird, von hier an ein neues Zeitalter der Menschheitsgeschichte zu datieren. In diesen schicksalsschweren Zeitenablauf Einschau zu halten, heißt wieder der eigenen Stellung, wie bescheiden sie auch sei, der eigenen Verantwortung gewahr werden, wie klein oder wie groß sie sein möge — eine besinnliche Prüfung.

Ein altes Haus in einer stillen Gasse der Inneren Stadt war in den letzten Apriltagen des Jahres 1945 der Treffpunkt einer kleinen bunten Gesellschaft: Akademiker verschiedener Berufe, meist junge Leute, die irgendwie an der Front waren, Widerstandskämpfer, Befreite aus Gefängnissen der Gestapo, der eine oder andere war knapp ihrem Blutgericht entgangen. Die wenigsten von uns hatten einander früher gekannt. Alle beseelte derselbe Wille, jetzt alles an das große Ziel zu setzen, nach der Demütigung und dem Auslöschen Österreichs: die Wiederherstellung des Vaterlandes und der Freiheit. Uns brannte das Herz in der Brust. Die Ruinen um uns entmutigten uns nicht. Die Armut des verwüsteten und ausgeplünderten Landes schreckte uns nicht, vor den fremden Soldaten fürchteten wir uns nicht. Denn unser Österreich würde wieder erstehen, auf unseren Händen emporgehoben zu einem neuen Tag. Jawohl, zu einem neuen Tag, in dem es keine Totalität, keine Tyrannen, keine Götzen mehr geben wird, der Mensch wieder ein freies Wort wagen darf, die christliche Gemeinde der Katakombe entstiegen ist, die menschliche Würde, das Recht, die soziale Gemeinschaft, die Kulturgüter der Heimat wiederhergestellt sind. Jetzt wird es Aufgabe sein, den inneren Frieden herzustellen, der nachfolgenden Generation über das furchtbare Erlebnis hinweg den Zusammenhang mit dem Vaterland, den Sinn seines Bestandes und seiner Geschichte und seiner Mission zu weisen und das Geheimnis seiner Kraft, Schlüssel europäischen Schicksals zu sein.

Die Stimme unseres Wollens sollte die „Furche“ werden. Wir bosselten an ihrer Arbeitsordnung: dem Richtmaß ihrer publizistischen Haltung.

Der sichere Ausgangspunkt war die Bejahung der schöpferischen Kräfte eines herzhaften Christentums, ausgehend von der Zelle aller Gemeinschaft: der Familie, und ihrem gesicherten Bestände. Wir wollten mithelfen, die soziale Ordnung der Gesellschaft von innen heraus zu erneuern, dnd wir wollten in den Tumult dieser von Vorurteilen, Eigensüchten, Parteiung und Haß zerfleischten Menschheit durch das tausendstimmige gedruckte Wort die christliche Liebe, die christliche

Gerechtigkeit und den Respekt vor der redlichen' Uberzeugung des anderen tragen. Dienst sollte es werden an der menschlichen Begegnung, dem Echtwerden der Volksgemeinschaft und an einem der größten Anliegen des heutigen Christen: den toten Raum zu überwinden, der zwischen Kirche und den großen Massen der industriellen Arbeiterschaft sich ausbreitet, die dürre Steppe deren Sanddünen, von den Stürmen emporgerissen, die wesentliche Existenz des christlichen Abendlandes zu verschütten drohen. Diese erstorbene Zone wieder mit Leben erfüllen zu wollen, heißt aber auch den Versäumnissen, Fehlern, schweren Sünden, auch von christlicher Seite begangen, nachgehen und zum Gutmachen beitragen.

Was wir in unserem Planen um die „Furche“ formulierten, das waren Erkenntnisse, gefaßt in schlaflosen Nächten der Haft, auf einsamer Wache, in den Steinbrüchen der SS, in denen wir fronten in nahem Zusammensein mit Sozialisten verschiedener Schattierungen, die unser Schicksal teilten, aber auch die Enge des abgründigen Spaltes wahrnehmen ließen, die oft die Menschen trennte, nicht selten nur, weil sie sich gegenseitig nicht gekannt hatten. So entstand die „Furche“,

Nun ist es fünf Jahre her. Manches ist seitdem in unserem Lande gereift, manches ist fortdauernder Ertrag geblieben. Denn viele Hunderttausende empfanden und dachten wie wir. Das Verhältnis zwischen Kirche und Staat hat sich nach dem Ende der Hitlerherrschaft wesentlich geändert, leider nicht restlos und nicht gesichert gegen störende Zwischenfälle. Katholiken und Protestanten haben einander, ohne daß irgendwelche Opfer an Grundsatzgut in Betracht gekommen wären, gefunden im Bewußtsein gemeinsamer verantwortungsvoller Aufgaben, Gefahren und innerer Bindungen, die sie aus der Abstammung aus dem gemeinsamen Vaterhaus mit sich tragen. Im öffentlichen Leben hat sich zwischen den großen Staatsparteien eine Arbeitsgemeinschaft ergeben, die, aus der Atmosphäre des Jahres 1945 und dem unbezwingbaren Vorhalt nüchterner Tatsachen erwachsen, seit dem Bestände des allgemeinen Wahlrechts nicht denkbar gewesen wäre, weil bei der kämpferischen Verkrampfung der politischen Fronten dafür die psychologischen Voraussetzungen fehlten; diese Arbeitskoalition war in ihren Anfängen eine europäische Sehenswürdigkeit und vielleicht das unsterbliche österreichische Wunder, das sich immer in Zeiten höchster Not einstellt. Noch lebt der Staat davon, und niemand hat, soviel an dieser Koalition schon verbrochen wurde, bisher vermocht und wird auch sobald vermögen, etwas Besseres zu zeigen, das ihre Stelle hätte einnehmen können. — Die politischen Grenzen sind heute nicht durchaus so scharf verkantet, daß eine sachliche Aussprache von hüben und drüben unmöglich wäre. So ist auch P. Lombard! weit über einen weltanschaulichen Kreis vernehmlich geworden. Wenn man den Menschen in ehrlicher Begegnung aus christlicher Gesinnung anspricht, so trifft man nicht selten wie unter einer Wünschelrute auf einen verborgenen Quell. Da und dort konnte die „Furche“ zum Guten in • der Entfaltung des öffentlichen Lebens, zu Versöhnlichkeit, besserem Verstehen, innerem Frieden in diesen fünf Jahren beitragen, selbst dann, wenn sie zeigen mußte, daß hier eine unabhängige, Unbestechliche Stimme protestierend sich erhob, wo politische Leidenschaften oder unwiderstehliche Einflüsse die Gesetzgebung beirrten und das Rechtsbewußtsein verletzten. So etwa, wenn sie — zuerst ein einsamer Zensor — die verhängnisvollen, inzwischen längst von der Erfahrung bestätigten Fehler der NS-Ge-setzgebung der Öffentlichkeit vorzulegen begann, nicht selten deshalb angegriffen und von großer Autorität öffentlich getadelt; der Plan, belastete Nationalsozialisten des Staatsbürgerrechts zu entkleiden und sie Staaten- und besitzlos in die Welt hinauszujagen, wurde unter diesen Angriffen im Keime erstickt.

Aus einem großen Überblick beurteilt, zeigt unzweifelhaft das öffentliche Leben unseres Landes gegenüber einer noch nahen Vergangenheit sympathische Züge. Doch von dem Ziel, dem vor fünf Jahren der Elan einer tief in die Volksmassen reichenden Bewegung gehörte, sind wir noch weit entfernt. Gewiß nicht allein aus eigener Schuld. Manche Knospe ist vor dem Aufbrechen verdorrt und manche rosenrote Wolke verblaßt, vom Winde vertragen. Manchem Gewinn kultureller, politischer und wirtschaftlicher Art stehen Enttäuschungen gegenüber.

Es wäre schlimm bestellt, wenn in dieser Lage dem österreichischen Volke nicht aus den Tiefen seines christlichen Wesens Kräfte zu Hilfe kämen, die es Unglück und Enttäuschung überwinden und immer aufs neue Geduld, Standhaftigkeit und

Zuversicht schöpfen lassen. Manchem Müden oder dem Vertrotzten, der sich mehr von Kampf und Streit als von Geduld, der sanften Hand und der Sieghaftig-keit gelebter christlicher Liebe verspräche, mag die gesetzte Aufgabe als undankbar erscheinen, weil sie karg ist an rauschenden Triumphen. Doch nicht alles menschliche Tun führt schon zu Reife und Ernte; es ist auch dann gesegnet, wenn es das Gute und Rechte zum Keimen und Wachsen bringt und dafür das Saatkorn in der Furche birgt. Das andere werden die Nachkommenden mit Gottes Hilfe besorgen, hier in diesem Lande eine gesunde, starke Jugend, die sich entgegen allen bösen Gewalten durchsetzen wird, denselben Zielen zustrebend, für welche die Alten vor ihr gelitten und gestritten haben, oft erst in halbem Vollbringen, wie es Menschen bestimmt ist, Ich vertraue darauf, diese tapfere Jugend wird es tun hn Geiste ihrer Väter und denken und sprechen wie Chesterton in seinem „Abenteuer des Glaubens“: .Die Welt ist nicht eine Mietskaserne in einem Elendsviertel, aus der wir ausziehen möchten, weil sie annselig ist. Sie ist die Burg unserer Väter, mit wehenden Fahnen am Turm, und je schlimmer es um sie steht, desto weniger sollten wir sie verlassen. Es steht hier nicht in Frage, ob die Welt zu traurig ist, um geliebt zu werden, oder zu heiter, um nicht geliebt zu werden, sondern es geht um folgendes: Wenn man eine Sache wirklich liebt, so ist ihre heitere Seite ein Grund, sie zu lieben, und ihre traurige Seite ein Grund, sie noch mehr zu lieben.“

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