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Fünfzig steirische Schicksale

1945 1960 1980 2000 2020

2.000 Tote und 20.000 zerstörte Wohnungen durch Luftangriffe allein in Graz - auch in der Steiermark sagte man 1945: Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Hier ein Vorabdruck aus den Aussagen von Zeitzeugen über das Kriegsende, die demnächst im Styria-Verlag als Buch erscheinen: „50 Jahre danach, 50 Schicksale”, herausgegeben von Dieter Dorner.

1945 1960 1980 2000 2020

2.000 Tote und 20.000 zerstörte Wohnungen durch Luftangriffe allein in Graz - auch in der Steiermark sagte man 1945: Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Hier ein Vorabdruck aus den Aussagen von Zeitzeugen über das Kriegsende, die demnächst im Styria-Verlag als Buch erscheinen: „50 Jahre danach, 50 Schicksale”, herausgegeben von Dieter Dorner.

Wie ich die Gretel befreite

Zurück blieb lediglich die Gretel, eine alte Braunstute, gemütlich, die mir sehr ans Herz gewachsen war. Nach einigen lagen, die Russen waren ja einquartiert in der Bäckerei, weil sie dort ihr Brot gebacken haben, fuhr mein Onkel mit der Stute auf den Acker, um dort umzubauen. Es war ja Frühjahr. Nach Stunden kam er immer noch nicht zurück, weder Pferd noch Wagen noch Onkel. Nach einiger Zeit aber kam er erschöpft zu Fuß, hinkend, fluchend und schwitzend. Auf unsere Frage, was denn los sei, sagte er uns: „Die Russen haben die Gretel mitgenommen!” - „Und, wo ist der Wagen?”

- „Der steht noch am Acker.” Das war für mich natürlich ein furchtbares Erlebnis. Dann begab ich mich auf die Suche, wo denn meine liebe Gretel sei. Aber ich fand sie nicht. Nach einigen Tagen kam so ein Russenfuhrwerk mit einem Pferd und fuhr an unserem Haus nahe der Kirche vorbei. Aber da wollte das Pferd nicht mehr weitergehen. Es wieherte und stand stur wie ein Bock. Das sah ich, und was sah ich zu meiner größten Freude, es war die Gretel. Ich rief nach ihr, daraufhin wieherte das Pferd wieder, aber der Russe hat mit einer Peitsche auf sie eingeschlagen und fuhr davon. Und nun war ich sicher, daß die Gretel noch irgendwo in der Nähe ist. Sie könnte also nur auf dieser Russenkoppel sein. Und so habe ich mich also wieder auf den Weg gemacht, ohne daß meine Mutter oder mein Onkel das wußten, und habe das ausspioniert. Ich habe die Gretel dann auch wirklich in dieser Koppel gefunden. Ich habe sie gerufen, sie hat wiehernd geantwortet und kam auf mich zu. Ich packte sie einfach am Zaumzeug und ging mit ihr davon, durch ganz Mariazell durch, über die große Stiege neben der Basilika hinauf in unseren Stall.

Aber nach einiger Zeit kamen zwei Russen polternd bei der Haustür herein. „Du mitkommen zur Kömmandatura”, sagten sie zu meinem Onkel. „Und du auch!” sagten sie zu mir. So mußten der Onkel und ich zur Kömmandatura, eskortiert von zwei Russen mit MPs.

„Du stehlen Pferd! Du Bäcker. Du brauchen nicht Pferd!”

„Ich brauchen Pferd ... für holen Holz ... zu heizen Backofen!”

„Was'diese Bub hat gestohlen?”

„Oh, Klein Peter mag gerne Pferd

- Gretel!”

„Bub mag Pferd?” ... „Ja”, sagte auch ich.

„Dann du nehmen Pferd und ge-

hen, und nix mehr brauchen stehlen andere Pferde!”

Peter Feischi, Halbenrain

Bangen um den Vater

Ich war damals 15 Jahre alt und habe natürlich in lebhafter Erinnerung vor allem den Tag, als die Russen in unser Dorf kamen, nach Gasselsdorf. Da wir eine kleine Ziegelei hatten und eine Landwirtschaft und dort Russen gearbeitet haben, Kriegsgefangene, für die meine Mutter zum Beispiel gekocht hat während des Krieges, haben die natürlich zunächst die russischen Truppen mit Begeisterung aufgenommen. Es hat sich aber in Kürze gezeigt, daß sie eigentlich verfemt waren. Man hat ja später gehört, daß diese sogenannten Ausgesiedelten und kriegsgefangenen sowjetischen Soldaten in Lager gekommen sind. Also, das ist mir in lebhafter Erinnerung, wie die gekommen sind. Sie haben sich für sonstige Erfahrungen mit sowjetischen Truppen, das waren ja Kampftruppen, die aus der Oststeiermark kamen, in unserem Dorf anständig verhalten, auch bei uns daheim. Die nächste Welle waren dann bulgarische Truppen, und die dritte Welle waren Soldaten der Tito-Armee, also Partisanen. Gefährdet war die Familie bis zum 8. Mai, weil ja mein Vater politisch verfolgt wurde und auch geflohen war. Durch die Freundschaft mit Bauern am Radipaß konnte er die letzten Kriegsmonate überleben. So war der 8. Mai für uns ein Tag, an dem wir uns alle sehr gefreut haben, daß der Vater wieder zurück war.

Josef Krainer, Landeshauptmann

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Es wird ein Wunder geschehn ...

Und ich kann mich noch sehr gut erinnern, es gab ja einen Tag des Interregnums. Da waren die deutschen Truppen schon von Graz weg, und die Russen noch nicht da. Ich bin gegenüber der Universität in einem Gasthaus gesessen, sehr interessiert habe ich dort Radio gehört, auch zufällig die letzte Ansprache des letzten NS-Vertreters in der Steiermark. Das war der Dr. Armin Dadieu, Gauhauptmann seines Zeichens. Nachdem alle anderen Naziführer die Steiermark schon fluchtartig verlassen hatten, war er der letzte und hat eigentlich eine offizielle Abschiedsrede für das Regime gehalten. Dann war kurze Zeit Funkstille und Schallplattenmusik. Naja, er hat gesagt, der Krieg sei jetzt praktisch zu Ende, und er verabschiede sich jetzt von der Bevölkerung der Steiermark. Und ich weiß nicht, ob mich meine Erinnerung trügt, aber ich glaube auch noch gehört zu haben, daß er sagte, der Wiedererrichtung eines unabhängigen Österreich stehe hiermit nichts mel]r im Wege.

Der tschechische Kapellmeister, •mit dem ich im April unterwegs war, hat gesagt, er kenne jemanden beim Sender Graz, und der habe ihm gesagt, wenn alles anders würde, bekäme er die Leitung der Tanzkapelle. Er würde also jetzt zum Sender gehen, das müßte so um den 14. Mai 1945 herum gewesen sein. Und ich sollte ihn doch begleiten, dann hätte ich einmal gesehen, wie eine Rund-

funkstation von innen aussieht. Ich bin mit ihm mitgegangen. Wir wurden dort von dem damaligen Intendanten begrüßt. Der war noch aus der Zeit vorher übernommen. Er klagte entsetzlich, daß er keinen Sprecher dort habe außer dem Operettenregisseur und Ruffo Otto Langer, der aber bald wieder weggehen müsse. Woraufhin der tschechische Kollege meinte: „Mach doch die Sprecherprobe, dann kannst sagen, du bist einmal im Leben vor einem Mikrophon gesessen.” Gesagt — getan, ich habe meinen Text heruntergelesen. Wer beschreibt mein Erstaunen, als es hieß: „Sie können morgen bei uns anfangen.”

Artur Kremsner, später u.a. Chefredakteur im ORF und Diplomat

Klavierstunde mit Russen

Da sind wir dann zum Bahnhof gegangen und wollten heimfahren. Plötzlich Alarm, und wir sind dann dort hineingegangen in den Luftschutzkeller am Hauptbahnhof. Wunderschön ' alles eingerichtet. Dort sind wir halt eine Zeitlang gesessen, und inzwischen war Zwischenentwarnung, wir durften normal nicht aus dem Keller raus, aber wie - was weiß ich, wie das war -1 plötzlich bin ich aufgesprungen. „Wo gehst du hin?” - Hab ich gsagt: „Ich geh da raus.” Und die sind mit mir mit dann, da sind wir durch die Keplerstraße gelaufen zum Stollen hin, zum Schloßbergstollen. Wir waren kaum drinnen, kracht's schon, und es hat sehr lange gedauert, bis das dann eben zu Ende war. Bis wir rausdurften, war's stockfinster, und dann wollt ma heimfahren. Da sind wir zum Bahnhof, und wir haben keinen Bahnhof gefunden. Es war alles zerbombt und es war alles kaputt. Wir haben nachher erfahren, daß am Bahnhof der Luftschutzkeller, wo wir drinnen waren, total zer1 bombt war. Da war ein Hauptwasserrohr, und das ist geplatzt, und die, die drinnen waren in dem Luftschutzkeller, waren alle tot, sind alle ertrunken.

Ich wollte grad Klavierstunde gehen in den Markt hinauf, und mir is nur aufgefallen, daß alle Straßen, alle Gassen, alles leer war. I)enk ich mir, komisch, kein Mensch auf der Straße. Ich geh dann rein ins Klavierzimmer und wart auf die Klavierlehrerin, plötzlich klopft jemand ans Fenster. Denk ich mir, die Uniform hab ich auch noch nie gsehn -jetzt waren's die Russen. Die sind dann hereingestürmt, und wir mußten den Russen vorspielen. Meine Klavierlehrerin mußte ganz schwere Stücke spielen, und dann haben sie verlangt, wir müssen beide spielen. Mir is nur aufgefallen, es waren Offiziere. Die haben sich hingstellt, ich kann mich erinnern, und da hat er dirigiert, und wir haben gespielt, und ich hab einmal danebengriffen in meiner Aufregung, hat er mit schon auf die Schulter geklopft, also sie waren sehr musikalisch. Später hab ich erfahren, daß sie dort das Haus ausgräumt haben, das haben sie schon gmacht, aber wir persönlich haben wenig Schaden von den Russen erlitten: ich glaub, sie sind dann auch bald wieder weg.

Theresia Michelitsch, Graz

Österreicher heraustreten

Am 8. Mai, am Schlußtag des Krieges, hat der Chef des Lazaretts uns antreten lassen und dann das erste Mal gesagt: „Die Österreicher rechts heraustreten.” Wir sind dann entlassen worden, aber erst bis jemand das Wort Österreicher gesagt hat, hat man gewußt, daß der Krieg zu Ende ist und daß irgend etwas Neues beginnt. Dieses eine Wort, ich höre diesen reichsdeutschen Offizier immer noch in meinem Ohr klingen: „Österreicher heraustreten.” Wir waren drei oder vier, die nach Graz zurückwollten, und mußten natürlich zu Fuß über die Pack wandern. Wir sind dann in voller Uniform mitten in die Russen hineingefahren, aber wir waren in einem so miesen Zustand, verschmutzt, zerlumpt, unrasiert. Wir haben alle ausgesehen wie Landstreicher. Und dort ist es

uns gelungen - zwischen den hin und her strömenden Leuten, den eintreffenden russischen Besatzungstruppen -, mein Heimathaus in Graz unbeschädigt zu erreichen.

Es gab dann auf der Universität ein sogenanntes Bussensemester. Das waren ganz wenige Wochen, aber es ist gezählt worden. Und obwohl ich noch keine richtige Matura hatte, durfte ich die Universität besuchen. Das war etwas ganz Eigenartiges. Erstens einmal waren so wenige Studenten da, daß man fast jeden vom Sehen kannte. Ich hatte Germanistik und Geschichte zu studieren begonnen. Und dann dieses Tastende, vor allem von Professoren her, soweit sie vorhanden waren, viele sind auch als ehemalige Nationalsozialisten verhaftet worden. Und •von den Studenten ist fast jeder vom Krieg gekommen, diese Auseinandersetzung, trotz Hunger, trotz Unsicherheit, unter uns, wie denn das jetzt wäre mit diesem neuen Österreich. Das waren Wochen voll Kargheit, voll Unsicherheit, aber ich glaube nicht, daß ich jetzt nur Vergangenes verklärt sehe. Es waren faszinierende Wochen.

Johann Weber, Bischof

Russisches Roulette

Wie sich das deutsche Heer im April zurückgezogen hat, waren auch Angehörige der Wlassow-Armee dabei. Das waren Russen, die mit Hitlerdeutschland gekämpft haben. Diese waren mit schweren Geschützen bestückt und haben in Unterpremstätten Station gemacht und haben diese Geschütze in Stellung gebracht. Es war eine Spannung, man fragte sich: „Wie geht's jetzt weiter?” Es hat nicht lange gedauert, es war der 8. Mai, sind dann die Russen gekommen. Ich habe nur drei Minuten von der Kirche weg gewohnt und habe von einer Anhöhe aus alles mitangesehen - wie die Panzer aus dem Wald herausgekommen sind. In dieser Formation sind sie über die Felder in Richtung Premstätten gefahren.

Zu dieser Zeit war die Wlassow-Armee noch da. Das waren ja ganz fanatische und verbissene Leute, die hatten ja auch nichts mehr zu verlieren. Auf einmal kommen die auf die Idee und kurbeln ihre Geschützrohre runter auf Panzerbeschuß. Ich dachte mir: „Na, das kann ja was werden”, und habe mich natürlich schleunigst zurückgezogen. „Jetzt gibt es eine Panzerschlacht, die einen werden hinschießen, die anderen zurück, dann wird Unterpremstätten gut ausschauen!”

Tatsächlich, alle Rohre gehen herunter, und dann habe ich mich gleich aus dem Staub gemacht. Die Panzer sind weitergefahren. Aber dann bekamen die Wlassow-Solda-ten doch den Refehl, nicht zu schießen, sondern zu flüchten - und so war's auch.

Die haben alles stehen gelassen. Es hat nicht lange gedauert, und die Russen sind eingefallen in Unterpremstätten. Die haben sofort bemerkt, daß irgend etwas im Gange war. Sie haben sich gleich direkt Richtung Wald gewendet, und kurze Zeit später hörten wir schon Schüsse mit Gewehren und Maschinenpistolen, aber sonst hat man nichts Weiteres erfahren, ob sie auch auf Menschen geschossen haben. - Ja, das war der 8. Mai 1945.

Alfred Wolf, Altneudörfl bei Radkersburg

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