Lyrik Dicht-Fest - © Foto: Sisyphus Verlag (bearbeitet)

Neue Lyrik: Weisheit des Schauens und poetisches Bestiarium

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Richard Wall und Alexandra Bernhardt liefern neue Gedichtbände mit Sprachspiel und poetischer Kraft.

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Richard Wall und Alexandra Bernhardt liefern neue Gedichtbände mit Sprachspiel und poetischer Kraft.

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„allein hier. gut so./was ich nicht alles höre/nur durch mein schweigen“. So lautet das erste Haiku aus dem neuen Gedichtband „eleftheria“ von Richard Wall, in dem 58 japanische Dreizeiler in drei Kapitel versammelt sind. Streng gebaut (5-7-5 Silben), nehmen sie sich inhaltlich größere Freiheiten, wie es auch die Haikus noch vor Matsuo Bashōs Einfluss taten. Naturbetrachtungen, Gedanken, kritische Reflexionen wie zum Beispiel „längst ausgefischt die/bucht. das boot zieht das netz durchs/wasser vergeblich“, sind zu lesen, aber auch humorvolle und sprachspielerische Momente, die alle die Insel Kreta als Hintergrund und Betrachtungspunkt haben.

Die Gestaltung des Bandes ist interessant: Japanische Fadenbindung, bräunlicher Druck auf getöntem Papier, die Bleistiftskizzen vom Dichter und bildenden Künstler Wall selbst und das Format lassen in den Details die Grundkonzeption sinnlich erfahrbar machen. Es finden sich Verwebungen von japanischen und griechischen Atmosphären wieder, die weitergedacht, kulturell und geistig fruchtbar werden. Erklärende Anmerkungen zu einzelnen Begriffen und zu den Skizzen geben kurze Informationen und der fünfteilige Essay am Ende des Bandes lässt Einblicke in einige Überlegungen Richard Walls, als eine Art „Poesie des Schauens“, zu. Sie springen, kriechen, schleichen, fliegen, galoppieren, flattern, trippeln, tappen, hüpfen, krabbeln, gleiten und schwimmen uns entgegen.

Tierische Porträts

Die Gedichte von Alexandra Bernhardt, aus ihrem neuen Gedichtband „Zoon poietikon“, sind an der Oberfläche tierische Porträts. „Der/du bist/ zu kreisen/auszubahnen/zu ermessen/Schluchten Wasser/Höhen : aufgestiegen/in die Himmel/ auszuweiden/rohe Erde :/Luft zu/sein“. So lautet das Gedichte mit dem Titel „Adler“. Tiefer geblickt sind die Gedichte jedoch weit mehr als Tierporträts. Sie lassen sich gleichzeitig als eine differenzierte Typologie vom Menschen lesen. „Der Mensch/ein Tier/ gemacht/dem Wort/gesponnen/aus dem/ Widersinn/ gedacht/der Sprache/machtvoll/Fleisch.

So lautet das allen anderen vorangestellte Gedicht „Zoon poietikon“, das die multiple sprachliche Transformation vollzieht und zu „Fleisch“ werden lässt. Der Gedichtband versammelt 50 kurze, reduzierte, oft elliptische, syntaktisch gebrochene Gedichte in freien Versen, beinahe ganz ohne Interpunktion notiert. Reime, Alliterationen und Assonanzen sind zu entdecken. Jedes Gedicht ist auf eine Seite gesetzt, behauptet auf diese Weise sein abgestecktes Territorium und generiert sowohl konkret als auch symbolisch eine überzeugende poetische Kraft.

„ganz dicht“ stellt jeweils vor einem Dicht-Fest in der Alten Schmiede (nächstes: 20.6.2024) Lyrik vor.

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