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Gefallener Sport-Engel

Burkhard Spinnen hat mit "Mehrkampf" ein Männerbuch geschrieben über den Drang, in der Mitte des Lebens noch einmal das Ruder herumzureißen.

In Deutschland ist der Fall legendär: Der Zehnkämpfer Jürgen Hingsen hatte bei den Olympischen Spielen in Seoul 1988 eine Goldmedaille in Griffweite, schied aber gleich bei der ersten Disziplin, dem 100-Meter-Lauf, aus, weil ihm drei Fehlstarts passierten. In Burkhard Spinnens Roman "Mehrkampf" heißt der tragische Held Roland Farwick. Er scheiterte als Weltrekordhalter 1984 in Los Angeles beim Weitsprung - durch zweimaliges Übertreten nach einem verpatzten Versuch. Gut zwanzig Jahre später wird auf dem Marktplatz einer deutschen Stadt auf ihn geschossen, sechsmal, zwei Treffer, er überlebt.

Hauptkommissar Grambach betritt den Plan, bald wird klar, dass sein Leben auf besondere Weise mit dem des Sportlers verknüpft ist. Grambach lief als Jugendlicher Mittelstrecke, war aber vor allem intellektuell hochbegabt, ein unentschlossenes Genie. Spinnen zeichnet ihn als Mann ohne Eigenschaften, dessen größtes Glück es ist, an nichts denken zu müssen, ein Zustand, der sich nur beim Laufen einstellt. Weil er sich so gar nicht festlegen will, begeistert er sich auch für nichts, außer für Tischfußball, und natürlich bringt er es auch dort zu seltener Meisterschaft. An dem Tag, als Roland Farwick die Goldmedaille verschenkt, kommt Grambach, dem promovierten Juristen, jede Motivation zu Höherem abhanden, und er beschließt, Polizist zu werden.

All das ist mit Farwicks Jugend und mit der Krimi-Handlung der Gegenwart verknüpft: acht Tage, acht Kapitel. Kommissar Grambach ermittelt, wie es sich gehört, und, wie es sich gehört, findet er lange keine handfeste Spur. In seinem Gram oder besser: Groll verrennt er sich in eine falsche Theorie. Farwick, der "Fachmann fürs Scheitern", erkennt, dass er mit seinem fluchtartigen Abschied aus der Arena des Spitzensports - er ging als Berater ins internationale Sportbusiness - in Wahrheit aufgehört hat zu leben, ein bloßer Verwalter des eigenen zweifelhaften Ruhms. Dabei war er "liebend gern" etwas Besonderes, eben der beste Zehnkämpfer der Welt. Dass er im entscheidenden Moment "übergetreten" ist, lässt sich auch bildlich verstehen, als ein Übertritt nicht nur ins Reich der Toten, sondern zunächst konkret in einen anderen Körper, den eines rekordhungrigen Weitspringers, der sich über die Zehnkampf-Verpflichtung zu gleichmäßiger Leistung hinwegsetzt.

Schifferlversenken

Im Paralleluniversum eines Computerspiels treffen die beiden Kontrahenten aufeinander, es geht (ganz ohne Politik) darum, deutsche U-Boote im Zweiten Weltkrieg zu kommandieren, und dieses metaphorisch beladene Schifferlversenken, trotz all dem Wasser eine trockene Materie, beschreibt Burkhard Spinnen großartig. "Mehrkampf" ist ein Männerbuch, ein Buch über die Gefahren der Stagnation, über den Drang, in der Mitte des Lebens noch einmal das Ruder herumzureißen, über Torschlusspanik: Es sind die Männer, die hier unbedingt sofort Kinder haben wollen, ehe es zu spät ist. Um den gefallenen Sport-Engel herrscht ein regelrechtes Griss, kein Wunder, schließlich ist er noch immer schön. Im Rennen sind seine unsympathische Exfrau, seine von ihm verlassene Lebensgefährtin und - tatsächlich! - die Krankenschwester, die sich des maroden Helden in jeder Hinsicht annimmt. Grambachs Dauerfreundin Caroline wiederum denkt auf den Kanaren über ihrer beider Beziehung nach.

Burkhard Spinnen hat sein Buch nicht "Kriminalroman" genannt, er will also höher hinaus. Der Titel "Mehrkampf" könnte andeuten, dass auch der Autor unter sportlichem Leistungszwang steht: Das Buch soll ein Krimi, aber auch eine sportpsychologische Studie sein, und es soll etwas über Männer in der Midlife Crisis aussagen, über das geglückte Leben und wie man es verfehlt. Hat Spinnen die hoch gelegte Latte übersprungen? Zweifellos versteht er sein Handwerk. Gerade in seiner Mikrostruktur, etwa in den Dialogen, ist das ein starker Text. Trotzdem könnte man - und der Autor hätte das als allbekannt eloquenter Juror des Bachmann-Wettbewerbs gewiss getan - nach der Subtilität der Charakterzeichnung und der Glaubwürdigkeit des Tatmotivs fragen. Nach dem tieferen Sinn des virtuellen U-Boot-Krieges oder nach der Ökonomie des Erzählten: Da und dort hätte die Geschichte ein wenig Straffung vertragen. Am Schluss bleibt der Leser atemlos zurück. Der Kopf schwirrt ihm, und der totale Durchblick bleibt ihm versagt.

Mehrkampf

Roman von Burkhard Spinnen

Verlag Schöffling & Co., Frankfurt 2007. 392 Seiten, geb., € 20,50

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