#Handke

Literaturnobelpreis für Peter Handke

Literatur

"Gehen Sie zum Teufel"

1945 1960 1980 2000 2020

Auf den Tischen im Garten liegen die Ernten, "Die Obstdiebin" ist erst angelesen: Zu Besuch bei Peter Handke, der am 6. Dezember seinen 75. Geburtstag feiert.

1945 1960 1980 2000 2020

Auf den Tischen im Garten liegen die Ernten, "Die Obstdiebin" ist erst angelesen: Zu Besuch bei Peter Handke, der am 6. Dezember seinen 75. Geburtstag feiert.

Natürlich war ich wieder 20 Minuten zu früh. Aber seit fast einem Jahr versuche ich, einen Termin bei Peter Handke zu bekommen. "Gehen Sie zum Teufel!", schallte es ein paar Tage zuvor aus dem Telefon. Zunächst ein Schock, aber Sekunden später höre ich einen Laut, der die Invektive in einen Witz verwandelt. Nein, ich solle kommen, er möchte mich "noch jetzt erleben". Und nun öffnet er das Tor, sitzt draußen im Garten und klebt eine Zeichnung auf ein Blatt Papier. Wir sollen die letzten Sonnenstrahlen draußen genießen. Überall liegen auf den Tischen im Garten seine Ernten. Äpfel, Pilze, kleine, blaue, wohlschmeckende Trauben, Nüsse, aber auch Bücher wie der neue Bildband von Wim Wenders. Ich hatte ihm mein neues Buch mit Aufsätzen über sein Werk geschickt. Er lobte das Buch, erkundigte sich, was der Verlag sonst noch mache. Meine eher negative Besprechung der Wenders-Adaption von "Die schönen Tage von Aranjuez" störte ihn nicht. Dass ich die deutsche Synchronisierung von Sophie Semin mit Eva Mattes kritisierte, gefiel ihm und seiner Frau ebenfalls. Aber jetzt müssten wir aufbrechen zum Essen. Es geht zum Portugiesen, sieben Minuten entfernt, eine Art "Arbeiterlokal"; einfach, aber er möge es.

"Die Obstdiebin" hatte ich nicht ganz geschafft. Aber immerhin das kurze Adamec-Kapitel. Seit 2006 beschäftigt Handke sich mit Zdenek Adamec, jenem 19-jährigen Tschechen, der sich im März 2003 in Prag auf dem Wenzelsplatz selbst angezündet hatte. Aus Verzweiflung an der Welt, wie er in einem Abschiedsbrief schrieb; in der Tradition von Jan Palach 1968 und doch ganz anders. Er denke oft an Zdenek, sagt er. Es gehe ihm nach. Und wie war das mit Fabjan Hafner, jenem Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Dichter, der 2016 Suizid begangen hatte? Adames' Freitod sei als Botschaft gedacht, Hafners Suizid sei persönlich, so Handke. Dabei habe der alles gekonnt, der Fabjan, sei auch fröhlich gewesen, aber man habe gewusst, dass da Schatten gewesen waren. Handke kommt auf seine Mutter zu sprechen. Die sei auch oft ein fröhlicher Mensch gewesen. Und manchmal habe er ihr zu sehr zugesetzt.

Natürlich war ich wieder 20 Minuten zu früh. Aber seit fast einem Jahr versuche ich, einen Termin bei Peter Handke zu bekommen. "Gehen Sie zum Teufel!", schallte es ein paar Tage zuvor aus dem Telefon. Zunächst ein Schock, aber Sekunden später höre ich einen Laut, der die Invektive in einen Witz verwandelt. Nein, ich solle kommen, er möchte mich "noch jetzt erleben". Und nun öffnet er das Tor, sitzt draußen im Garten und klebt eine Zeichnung auf ein Blatt Papier. Wir sollen die letzten Sonnenstrahlen draußen genießen. Überall liegen auf den Tischen im Garten seine Ernten. Äpfel, Pilze, kleine, blaue, wohlschmeckende Trauben, Nüsse, aber auch Bücher wie der neue Bildband von Wim Wenders. Ich hatte ihm mein neues Buch mit Aufsätzen über sein Werk geschickt. Er lobte das Buch, erkundigte sich, was der Verlag sonst noch mache. Meine eher negative Besprechung der Wenders-Adaption von "Die schönen Tage von Aranjuez" störte ihn nicht. Dass ich die deutsche Synchronisierung von Sophie Semin mit Eva Mattes kritisierte, gefiel ihm und seiner Frau ebenfalls. Aber jetzt müssten wir aufbrechen zum Essen. Es geht zum Portugiesen, sieben Minuten entfernt, eine Art "Arbeiterlokal"; einfach, aber er möge es.

"Die Obstdiebin" hatte ich nicht ganz geschafft. Aber immerhin das kurze Adamec-Kapitel. Seit 2006 beschäftigt Handke sich mit Zdenek Adamec, jenem 19-jährigen Tschechen, der sich im März 2003 in Prag auf dem Wenzelsplatz selbst angezündet hatte. Aus Verzweiflung an der Welt, wie er in einem Abschiedsbrief schrieb; in der Tradition von Jan Palach 1968 und doch ganz anders. Er denke oft an Zdenek, sagt er. Es gehe ihm nach. Und wie war das mit Fabjan Hafner, jenem Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Dichter, der 2016 Suizid begangen hatte? Adames' Freitod sei als Botschaft gedacht, Hafners Suizid sei persönlich, so Handke. Dabei habe der alles gekonnt, der Fabjan, sei auch fröhlich gewesen, aber man habe gewusst, dass da Schatten gewesen waren. Handke kommt auf seine Mutter zu sprechen. Die sei auch oft ein fröhlicher Mensch gewesen. Und manchmal habe er ihr zu sehr zugesetzt.

Selbst im Karst, den er einst als eine Art Refugium gesehen hat, hält es ihn nicht mehr lange Zeit. Es gebe keine Orte mehr. Und keine Bücher.

Auf dem Rückweg gehen wir in ein kleines Postamt. Er kauft Briefmarken, plaudert mit der Dame hinter dem Schalter. Sie habe eine neue Frisur, bemerkt er. Ein neuer Mann? Er habe nicht gefragt. Das Postamt kommt schon in der "Niemandsbucht" vor. Handke wirkt fast beschwingt. Ich sage ihm, dass in einer Kritik über die "Obstdiebin" die Hauptfigur mit seiner jüngsten Tochter gleichgesetzt wurde. "Was für eine Unverschämtheit", schimpft er. Natürlich verarbeite er auch Wirklichkeit (nicht Realität) und vielleicht sei auch ein "Ellenbogen" von Léocadie bei der "Obstdiebin". Aber man dürfte doch nicht vergessen, dass das alles eben Fiktion sei. Eine Familiengeschichte sei das geworden, fast ohne sein Zutun, es habe sich so ergeben, eine Familiengeschichte wie sie, so Handke, derart noch nie jemand geschrieben habe.

Als sei es eine längst vergangene Epoche

Sein "Letztes Epos"(mit großem "L") liegt seit wenigen Tagen vor. Ja, Familiengeschichte trifft es gut. Aber es ist auch Liebeserklärung an die Landschaft des Vexin, der Picardie, der einstigen Kornkammer von Paris, in der Handke vor einigen Jahren ein Haus gekauft hat. Dorthin reist er, wenn er "aufs Land" gehen möchte. Ein raues Klima sei dort, häufig komme er erkältet zurück. Aber auch hier sei kein Ort mehr für die Dauer, irgendwann müsse er wieder weg. Ob das mit dem Alter zu tun habe? Selbst im Karst, den er einst als eine Art Refugium gesehen hat, hält es ihn nicht mehr lange Zeit. Es gebe keine Orte mehr. Und keine Bücher. Außer vielleicht einige wenige.

In der "Obstdiebin" ist die Hauptfigur Alexia, wie so oft bei Handke, im Unterwegssein auf einer Suche. Seine anderen "Road Novels" kommen einem in den Sinn. "Der kurze Brief zum langen Abschied"(hier ist der Protagonist mit dem Greyhound-Bus unterwegs und am Ende begegnet er John Ford). Oder die Expeditionsgesellschaften im "Spiel vom Fragen" und "Die Abwesenheit". Und natürlich "Bildverlust", wo eine Bankfrau durch die spanische Sierra del Gredos auf der Suche nach einem neuen, anderen Leben, einer neuen Form von Gemeinschaft ist. Damals trug die spanische Landschaft balkaneske Züge; Handke schmerzte noch der Verlust seines Jugoslawiens. Alexia ist die Tochter dieser Bankfrau, die ihre Mutter sucht, die sie seit einem Jahr nicht mehr gesehen hat. Den Namen Obstdiebin hat sie bekommen, weil sie immer beim Eintreten in eine neue Landschaft, in einen neuen Ort, eine Frucht aufnimmt und sich derart dem Ort anverwandelt. Drei Tage ist sie unterwegs und der Erzähler, der anfangs als Ich beginnt und sich später zurücknimmt, begleitet sie von der Niemandsbucht bis zum Endort Chaumont-en-Vexin.

Auf Google-Maps kann man den Weg Alexias nachvollziehen; es sind etwas mehr als 70 km. Drei Tage, die es in sich haben. Es sind tatsächlich Abenteuer, die sie erlebt, Abenteuer, wie sie den technisierten Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts fast fremd anmuten. "Das Abenteuer wartet. All die falschen Abenteurer und Abenteuerinnen. Ernste Abenteurer! Nebendraußen, da ist es", so lässt Handke den Vater der Obstdiebin am Ende deklamieren. Fast magisch schließt sich der Kreis, trifft sich die Familie, es gibt ein Fest, wie es nur Handke erzählen kann. Orts-,Landschafts-,Abenteuer-,Reise-und Familienerzählung -all das ist "Die Obstdiebin" auf ihrer "Einfachen Fahrt ins Landesinnere". Immer wieder fällt der Name Wolfram von Eschenbach und es ist zu spüren, wie Handke hier ein Epos unserer Zeit erschaffen möchte, ein Epos, das dauert, denn mehrmals wird von der Zeit, als dies spielt (2016), erzählt, als sei es eine längst vergangene Epoche.

Stifter, hypnotisch!

Die "Obstdiebin" bildet werkgenetisch einen Dreiklang mit "Mein Jahr in der Niemandsbucht" und "Der Bildverlust". Und wieder einmal ist eine Frau eine Hauptfigur. Sehr viele Motive Handkes tauchen auch hier auf: von den Spatzen bis hin zur Suche nach Gemeinschaft. Die Freuden des Gehens und Unterwegsseins . Ein wenig Kritik am Journalismus und Zeitgeist (wir leben in einer Welt der Hysterien, sagt Handke beim Spazierengehen). Beschwörungen, eine "Dreiecksgeschichte zwischen einem selber, der Natur und den Anderen". Aber auch: Selbstironie und Heiterkeit.

Im Restaurant läuft ein Fernseher, aber ohne Ton. Eine Joggerin ist Ende Oktober ermordet und danach verbrannt worden. Der Fall beschäftigt ganz Frankreich, auch Handke. Wenn er jetzt im Wald eine Frau sehe, mache er extra einen großen Bogen um sie, damit sie sich nicht fürchte. Der Name der toten Frau ist Alexia. Welch ein Zufall.

Wir kommen auf den Idioten zu sprechen, der so häufig in Handkes Werken vorkommt. Er ist für ihn Sinnbild des Reinen, Unverdorbenen.

Er ist ganz begeistert von Stifters "Witiko". Bisher habe er sich nicht an dieses Buch herangetraut. Aber jetzt: So hypnotisch; er könne kaum aufhören. Sogar eine Bettlektüre, was bei ihm sehr selten vorkomme. Die Dialoge! Und wie Stifter die Himmelsrichtungen nach den Tageszeiten bezeichne. Wir kommen auf den Idioten zu sprechen, der so häufig in Handkes Werken vorkommt. Er ist für ihn Sinnbild des Reinen, Unverdorbenen, fähig, noch ursprünglich zu empfinden, ohne Arglist und Hinterhalt. Erst vor ein paar Tagen habe er nach langer Zeit den Dorfidioten von Chaville wieder gesehen und es habe ihn gefreut. Der Mann habe vor langer Zeit im Drogen-oder Alkoholrausch gedacht, er könne fliegen, und sei heruntergestürzt. Glücklicherweise hatten seine Eltern vorgesorgt und er hat in deren Haus auf Lebenszeit eine kleine Wohnung. Kaum sagt er das, betritt der Mann das Lokal. Handke ist elektrisiert, holt sofort das winzige Notizbuch heraus und beginnt eine Zeichnung. Wer weiß, so Handke, vielleicht finden sich bei dem Idioten nach dessen Tod Zeichnungen. Oder er war ein akribischer Tagebuchschreiber oder -chronist. Vielleicht sei er ein Künstler und man erfahre es erst dann. Oder niemals.

Ein Kontinuum in Handkes Schreiben, dieses Nachsuchen: Wie er an seine Mutter mit "Wunschloses Unglück", später in der "Morawischen Nacht" und "Immer noch Sturm" erinnert, seinen beiden Onkeln, die im Krieg 1943 gefallen sind, immer wieder ein Denkmal setzt, über den Dorfidioten von Chaville oder den Selbstmörder Zdenek Adamec schreibt -stets treibt ihn um, was aus ihnen hätte werden können, welche Talente nicht hatten ausgelebt werden können. Es ist ein Verewigen derjenigen, die warum auch immer keine Chancen hatten, weil sie sich nicht in der Masse durchsetzen konnten. Handke enthebt diese Menschen dem Vergessen und verhilft ihnen zur Unsterblichkeit.

Am Abend wollte er unbedingt ausgehen und lud mich ein. Im Zug lese ich ihm einige literaturtheoretische Überlegungen aus Knausgårds "Sterben" vor. Handke winkt ab. Er sei ein "hübscher Kerl", aber liefe dauernd als Schriftsteller durch die Gegend und das lehne er ab. Und ich solle mich weniger mit Literatur, sondern auch mit dem Leben beschäftigen. Überhaupt sitze ich wahrscheinlich tagaus, tagein vor dem Internet. Er beginnt von der Topografie der Landschaft zu erzählen, die der Zug durchfährt. Halt in Clamart, wo er in den 1970er-Jahren gewohnt hatte. Am Ende der Zugfahrt habe ich ihn von meiner veritablen Orientierungslosigkeit überzeugt, die ihn sichtbar amüsiert. Von nun an fühlt er sich "verantwortlich" für mich.

Ein schöner Tag, "aber nicht wegen Ihnen"

Am Montparnasse sitzen die Menschen trotz zehn Grad draußen. Heizstrahler machen es möglich. Es ist der dritte Donnerstag im November, der erste Tag des 2017er-Beaujolais. Wir gehen in eine kleine Bar, in der ein Flipper steht. Handke trinkt einen Chablis. Kurz darauf kommt Sophie Semin mit dem Artikel von Jan Wiele aus der FAZ zur "Obstdiebin"."Ein Leser", kommentiert Handke. Wir brechen auf, aber das Stammlokal der beiden ist überfüllt, wir suchen und bleiben schließlich im "Le Select". Auch hier ein Beaujolais Primeur, den Handke probiert. Ansonsten bleibt er bei einem Weißwein. Er wirkt ausgeglichen, nur als ich den Namen eines FAZ-Feuilletonisten nenne, wird er ärgerlich: "Wir sitzen hier so schön zusammen -und dann dieser Name". Schließlich erzählt er Witze, schaut sich die Fotos an, die er mit einer Einwegkamera gemacht hatte. Und Sophie Semin erzählt von einem Gespräch Handkes mit Macron in deren beider Lieblingsrestaurant.

Auf die Zeichnung, die er auf ein Blatt Papier geklebt hat und mir zum Geschenk macht, schreibt er eine Widmung, "trotz seiner 99 Fragen zur Literatur". Am Nachmittag hatte er mir Zeichnungen aus seinem aktuellen Notizbuch gezeigt. Das letzte Abendlicht in Versailles. Oder ein Stamm eines Baumes mit fast parallel verlaufenden Ästen. Ob mit der Hand wieder alles in Ordnung sei, frage ich. Der Handbruch liegt mehr als zwei Jahre zurück und hatte ihn sehr stark behindert. Nein, sagt Handke, beim Aufwachen morgens sei die Schreibhand häufig taub. Er spüre es immer noch; es werde nie mehr so, wie es war. Vielleicht deshalb am Nachmittag die Frage, ob ich wisse, wo man neue Schreibmaschinen bekommen könne, ob es so etwas überhaupt noch gebe. Und natürlich keine elektrischen.

Die Rückfahrt mit dem letzten (?) Zug um 23.35 Uhr. Fast hätte er seinen Fahrausweis verloren, als er die Sperre überwinden wollte, weil sie den Chip nicht angenommen hatte. Eine Frau hatte die Karte gefunden. Er war glücklich. Jetzt sei es ein schöner Tag, aber "nicht wegen Ihnen". Sein Humor. Beim Abschied neckte er mich damit, dass das Hotel womöglich schon geschlossen habe. Ich würde dann bei ihm anklopfen, sagte ich. Ja, meinte er, das könne ich, aber er würde nicht aufmachen. "My home is my castle."

Als ich kurz nach Mitternacht ankomme, ist tatsächlich die Eingangstüre verschlossen. Ein Mann reinigt den Raum, der Bar und Rezeption gleichzeitig ist. Ich klopfe und er öffnet mir. Und jetzt war es auch für mich ein schöner Tag.

Der Autor hat bereits mehrere Bücher zu Peter Handke verfasst, zuletzt erschien „Erzähler, Leser, Träumer“.

Peter Handke im Gespräch Cover - © Edition Kleine Zeitung
© Edition Kleine Zeitung
Buch

Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere

Von Peter Handke

Suhrkamp 2017

559 S., geb., 35,–