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Gelebte Frauensolidarität — von Afiesl bis Wien

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„50 Jahre - und kein bißchen leise" feiern Österreichs katholische Frauen. Dr. Inge Loidl, 1968-93 Oberösterreichs Frauenvorsitzende, 1978-87 auch gesamtösterreichische, war den Großteil der Zeit mit dabei.

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„50 Jahre - und kein bißchen leise" feiern Österreichs katholische Frauen. Dr. Inge Loidl, 1968-93 Oberösterreichs Frauenvorsitzende, 1978-87 auch gesamtösterreichische, war den Großteil der Zeit mit dabei.

DIEFURCHE 1947, Nachkriegszeit- Was war für Frauen in der Kirche wichtig? IngkLoidi.: Es waren die drei K's: Kirche, Kinder und Küche. Uns Jungen hat das schon nicht mehr entsprochen; wir hatten ja Berufe erlernt; es galt auch für die Frauen „draußen": Ihre Männer waren im Krieg, so hatten sie ihre „Frau" zu stehen. Das konnte niemand mehr zurückdrehen. So kam das Konzil: wir haben es mit offenen Herzen, Augen, Armen empfangen.

DIEFURCHE Hat die Frauenbewegung den Wzg zum Konzil mit aufbereitet' loipl: Vor allem durch das Vorantreiben der Erwachsenenbildung und Propagieren der Emanzipation: Mann und Frau als gleichwertige Geschöpfe Gottes; aber nicht allein das: die Emanzipation der Völker ist damit konform gegangen.

DIEFURCHE: War die Frauenbewegung politisch?

Loipl: Immer, wenn man Politik als Interesse für den Menschen versteht. Aber wir haben - bis heute - darauf geachtet, nicht parteipolitisch zu sein. Wir wollten der Frau - auf dem Land, in der Stadt, berufstätig oder nicht -helfen, sich ihrer Würde bewußt zu werden, daß sie ihre Forderungen ausspricht, daß sie sich zu reden traut.

DIEFURCHE Wie wurde diese Bewußtseinsbildung eingeleitet'

Loipl: Wir haben die Situation der Frauen zu analysieren versucht und die Programme daraufhin abgestimmt. Arbeitskreise - für Landfrauen, Alleinerzieherinnen, Arbeiterinnen ... - wurden gegründet. Anliegen war, von den Frauen auszugehen und Hilfen zu Lebensgestaltung und Entwicklung anzubieten.

DIEFURCHE Gab es Konflikte zwischen einem,, traditionellen " Frauenbild und einem fortschrittlichen "? loipl: Das hat es gegeben und gibt es" heute noch, da wird unsere Großzügigkeit angefragt, auf die wir großen Wert legen.

DIEFURCHE: Von außen gab es keine Widerstände?

Loipl: Keine These oder Veröffentlichung bleibt unwidersprochen. Wir wollten ja nicht nach jeder Richtung hin Verbeugungen machen, aber Toleranz war das Ziel; bei allen Schwierigkeiten ist das letztlich gelungen.

DIEFURCHE: Gibt es ein Ereignis das sehr prägend war für ihr Engagement' loipl: Ja, unser „Aufbruch" in die Dritte Welt. Ende der fünfziger Jahre fand in Rom ein Frauenkongreß statt, dort hat uns ein indischer Bischof gefragt: Was tut ihr für Menschen in der Dritten Welt?

Und wir mußten sagen: Nichts. Wir erkannten, daß etwas geschehen muß; und die Idee des „Familienfasttags" war geboren - von Anfang an als Aktion in Partnerschaft mit der Dritten Welt verstanden. Wir wollten erreichen, daß in den Frauengruppen von Wien bis Afiesl (ein kleines Dorf in Oberösterreich, Red.) Frauen die weltweite Verantwortung, die Herausforderung spüren, nicht nur für sich zu sorgen.

DIEFURCHE Anfang der siebziger Jahre gab es große gesellschaftliche Auseinandersetzungen, vor allem die Abtreibungsfrage.

LoiUL: Wrir haben die „Aktion Leben" unterstützt. Wir wollten keine Härte, sondern dem Leben zum Leben verhelfen; nicht die Frauen verurteilen, sondern diejenigen, die sie dazu verführen und nötigen. In fast in allen Diözesen wurden Fonds für Frauen in Not eingerichtet - Solidarität, die bis heute gelebt wird.

DIEFURCHE: Die Abtreibungsdebatte war aber eine politische Niederlage.

Loipl: Immerhin hat das Volksbegehren gegen die Fristenlösung fast eine Million Unterschriften erreicht. Das war insofern ein Erfolg, weil Frauen, die sich äußerten, sich dazu bekannten, daß Leben Leben ist, ob das • ungeborene oder das Leben im Alter.

DIEFURCHE: In den letzten Jahrzehnten ist auch der Feminismus gekommen. loipl: Als ich zur Frauenbewegung kam, war das kein Thema. Wir haben aber von unseren Theologinnen schon damals viel gelernt. Feministische Theologie ist eine Richtung, der Gehör zu schenken ist - gar nicht ungewollt: • oft wird da etwas gezeigt, was wir bisher nicht wußten.

DIEFURCHE Frauenbewegung als eine „ständische" Gliederung: Zeitgemäß? Loipl: Die Frage beschäftigt uns seit 20 Jahren. Wir haben aber gemeint, daß es einfach notwendig ist, den Frauen eine Stimme zu geben und ihre Anliegen zu artikulieren.

DIEFURCHE Mittlerweile ist Kirche gesellschaftlich an den Rand geraten. Die Organisationen sind geblieben Hat die Frauenbewegung sieh nicht überlebt? loipl: Es gab Tendenzen, Frauen- mit Familienorganisationen zusammenzutun. Aber wie sind alleinstehende oder unverheiratete Frauen in eine Familienbewegung zu bringen? Ich höre von vielen Frauen, daß sie die Frauenbewegung wollen.

DIEFURCHE Haben Frauen in der Kirche eine Zukunft?

Loipl: Auf alle Fällen dürfen sie nicht still sein. Unser Fest heißt „50 Jahre und kein bißchen leise"; dennoch ist es wichtig, Kontakt zur Kirchenführung zu halten. Ich habe das so gehalten und auch mit Bischöfen die Klingen gekreuzt; aber wenn man Verständnis für deren Position hat, muß man oft solidarisch sein und sagen: Warten wir halt noch ein wenig ...

DIEFURCHE: Und wenn sich in der Kirche wenig bewegt3

Loini,: Ja. Wenn man ehrlich ist, geht es - abgesehen von einigen Außenseitern - allmählich wirklich aufwärts. Wir müßten bloß zukunftsfroher sein.

DIEFURCHE: Was ist für Sie vordringlich für Frauen in der Kirche? Loipl: Ich glaube, daß es , in der Berufung zum ""Apostolat keinen Unterschied zwischen Laien und Priestern geben sollte - nicht nur weil zur Zeit wenig Priester berufen werden (das kann in ein paar Jahren anders sein). Außerdem meine ich, Frauen sollten zu seelsorglichen Diensten befähigt werden: Nicht so wie jetzt, wo etwa eine Pastoralassistentin im Krankenhaus, die,' Kranke begleitet, zur Krankensalbung einen Priester rufen muß.

DIEFURCHE: Wäre das Frauenpriester tum ein Ziel für Sie? loipl: Für mich persönlich nicht, da:i müßte (genauso wie beim Mann) Be -rufung sein. Ob Mann oder Frau dürf te vielleicht, so hoffe ich, in nicht ferner Zukunft keine Rolle mehr spielen.

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