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Gerettete und verlorene Schätze

Mit Ausnahme des Domes ist in Salzburg kein kulturelles Bauwerk so schwer durch den Krieg getroffen worden, wie das Stadtmuseum. Zwei Drittel des Gebäudes wurden in einen Schutthaufen verwandelt, und was stehenblieb, ist dem Einsturz nahe und muß in absehbarer Zeit geräumt werden. Die Trümmer des Museums bildeten den größten Schutthaufen in der Stadt; ein riesiges Trümmerfeld unter dem Dach des stehengebliebenen Gebäudeteiles war entstanden durch nachträglichen Zusammenbruch des obersten Geschosses. Der Schutt im Freien ist weggebracht, wogegen die Räumungsarbeiten im Dachgeschoß erst teilweise bewältigt sind. Es waren Schutthaufen besonderer Art, denn sie bargen in sich mehr als den dritten Teil aller Museumsgegenstände.

In anderen Städten Österreichs war es selbstverständliche Gepflogenheit, den gesamten Bestand an Kunstgegenständen in Sicherheit zu bringen, um so mehr, da die Gefahr immer drohender wurde. In Salzburg ließ man sich Zeit, aus Frivolität und weil man im „kindlichen“ Glauben lebte, das weltberühmte Städtchen könne kein Ziel der Bomben werden. Gleich beim ersten Angriff am 16. Oktober und dann noch ärger am 17. November 1944 wurde man eines Besseren belehrt. Ein großer Teil des Museumsbestandes wurde dann endlich allgemach in verschiedenen Orten am Land geborgen, aber der Zahl nach schätzungsweise mehr als ein Drittel blieb zurück und — wurde verschüt-t e t. Da nun die Grabungsarbeiten bald abgeschlossen sind, ist es an der Zeit, eine breitere Öffentlichkeit vom Stand der Dinge, die weit mehr als lokales Interesse beanspruchen, zu unterrichten. Es wurden nicht etwa nur minderwertige Sachen verschüttet, sondern Dutzende von kostbaren Bildwerken des Mittelalters aus~Holz und aus Stein, darunter das romanische Tympanon, das zu den schönsten seiner Art in Europa zählt, desgleichen das Sattlersche Panorama, ein Riesengemälde, an dem die Maler Fr. Loos und Joh. Schindler mitarbeiteten; es stellt Stadt Salzburg vor 120 Jahren dar und ist historisch wie künstlerisch gleich wertvoll. Die Zahl der begrabenen Kleingegenstände geht in die Tausende. Nicht nur verstreut liegende Dinge, sondern ganze Bestände hatte man ihrem Schicksal überlassen und waren nun unter der Erde verschwunden. Salzburg hatte eine sehr reiche und wohlgeordnete vorgeschichtliche und römische Scherbensammlung, für die Erforschung der vorzeitlichen Kultur von unschätzbarem Wert. Beinahe nichts ist weggebracht worden. Die ganze reizvolle Sammlung alter Weihnachtskrippen, ein erheblicher Teil der Waffensammlung, viele Hunderte von Küchengeschirren aus Metall, Ton und Glas kamen unter die Erde. Verschüttet wurde eine stattliche Reihe von Räumen samt der vollständigen Einrichtung, prächtige Holztüren, viele geschnitzte Sessel, Tische, Schränke und Öfen. Ein reiches Depot von Dingen aller Art ging verloren, Musikinstrumente, nur noch an den Resten erkennbar. Nicht geborgen und daher verschüttet sind alle Steinsachen, darunter eine große Zahl von kostbaren Figuren vom Mittelalter bis zur Barockzeit. Neben dem

Bevor der hier veröffentlichte Aufsatz eintraf, ist uns von anderer Seite eine Meldung eingegangen, die von einem außerordentlich schmerzlichen Verlust berichtet: Der Salzburger Museumsbestand an Mozart-Original-Partituren hat eine katastrophale Einbuße erlitten. Die verantwortlichen nationalsozialistischen Verwalter verbrachten in der Zeit kurz vor dem Ende der Hitler-Herrschaft wertvollsten Museumsbesitz überstürzt in das Dürnberger Salzbergwerk; dort zerflatterten in den Tagen des Zusammenbruches die Manuskripte, die offenbar ungenügend verwahrt waren, als Makulaturpapier und noch Schlimmerem. Bruchstücke in schwerbeschädigtem Zustande wurden gerettet; viel ist unwiederbringlich dahin. Niemand soll gewußt haben, daß es sich hier um Schätze handelte. Die Schuldtragenden wurden nicht zur Verantwortung gezogen. „Die Furche“ erwähnten romanischen Tympanon sind besonders zu nennen die sechs Marmorfiguren, die Kaiser Maximilian I. für die Kaisergräber im Dom zu Speyer herstellen ließ; ferner zwei große frühgotische Marienstatuen, zahlreiche Grabsteine und Marmorreliefs und mindestens 30 bis 40 gotische Figuren und Reliefs aus Holz. So ist der Kunstbesitz Salzburgs aus seiner größten Zeit, dem Mittelalter, nunmehr in den letzten 15 Jahren geradezu vernichtet worden. Auch die Bibliothek hat riesige Verluste erlitten. Die Münzsammlung, die in ihrer Art einzig war und einen reichen Bestand von Salzburger Münzen aller Zeiten enthielt, hat ihr besonderes Schicksal. Sie wurde drei Tage vor Kriegsschluß — gerade der riditige Augenblick! — ohne alle Vorsichtsmaßnahmen in das Bergwerk von Hallein gebracht, blieb monatelang verschwunden und kam endlich in stark vermindertem Zustande zum Vorschein: Der goldene Vogel hat viele Federn verloren: Von mehr als 4000 Stück sind etwa 1 600 übrig geblieben; von den goldenen fehlen fast alle, von den silbernen viele.

Seit Oktober 1945 wird der Schutthaufen fachgemäß durchsucht. Man ging mit großer Sorgfalt vor. Ein Jahr lang waren die Gegenstände in der Erde gelegen, ehe man daranging sie zu heben'— das meiste blieb sogar zwei Winter vergraben! Erst nach langem Drängen der neuen Museumsleitung konnte die Gemeinde, die Herrin des Museums, bewogen werden, die Grabungen in größerem Ausmaß zu betreiben. So kam es, daß vieles durch Feuchtigkeit und Frost ganz oder halb verdarb.

Was ist nun das Ergebnis der Grabungen? Was ist gerettet und was zugrundegegangen? Hier kann nur eine Übersicht geboten werden. Das erwähnte Tympanon (Abb.) ist durch einen glücklichen Zufall fast unversehrt ausgegraben worden. Zwei Köpfe, die durch den Fall abgeschlagen wurden, können, da die Bruchfläche glatt ist, genau angesetzt werden. Das stark unter italienischem Einfluß stehende Bildwerk überragt die beiden ähnlichen Darstellungen in Salzburg bei weitem und kann sich den besten dieser Art in Europa an die Seite stellen. Sein Bestimmungsort wird wohl mit Recht im alten Salzburger' Dom, den Wolf Dietrich zerstörte, vermutet. Das Fragment eines ähnlichen kam bei dem Bombenangriff am 16. Oktober 1944 in der Kaigasse zum Vorschein. Die Marmorfiguren des Kaisergrabes sind gleichfalls mit verhältnismäßig geringen Beschädigungen aus der Erde gehoben worden. Von zwei großen frühgotischen Marienfiguren ist eine fast unbeschädigt, die andere, weil aus wei-diem Sandstein, in Teile zerfallen, aber noch zur Not zusammensetzbar. Zu den geretteten Dingen gehören viele Grabsteine, romanische Löwen, Renaissancefiguren ans Marmor und mehrere große steinerne Wandbrunnen, das Grabmal von Konrad Asper, eine wertvolle Marmorplastik in Form eines Totengerippes und die Marmorbüste des Dombaumeisters Santino Solari. Dazu kommen noch einige Dutzend Holzfiguren und Reliefs des Mittelalters, die leicht hätten gerettet werden können. Vielen fehlen die' Köpfe, Arme und Hände. Aber immerhin läßt sich auch da manches ganz oder teilweise wiederherstellen. Öfen und Möbel sind meist in Trümmern ausgegraben. Von fünf antiken Zimmerdecken, die in Magazinen aufgestapelt waren, hat sich die größte und wertvollste, ein Plafond aus der Zeit Markus Sitticus mit reicher Kassettenverzierung, gut erhalten und kann wieder verwendet werden. Die übrigen Decken sind nur teilweise zu gebrauchen. Das erwähnte Panorama von Michael Sattler (27 Meter lang, 5 Meter hoch) lag mehr als ein Jahr in gerolltem Zustand, ringsum von Erde umgeben, jedem Wetter ausgesetzt, bis es endlich in mühevoller Erdarbeit freigemacht wurde. Das Bild hat große Teilschäden, kann aber ohne wesentliche Erneuerung wiederhergestellt werden. De vorgeschichtliche Scherbensammlung wände völlig durcheinander geschleudert. Viele hundert Stücke wurden nun zum zweiten Male ausgegraben, aber ihr Wert ist infolge der zerstörten Ordnung nunmehr sehr beschränkt. Die Zahl der ausgegrabenen Schmiedeeisen - Gegenstände (Schlösser, Gitter, Werkzeug) ist groß; sie sind stark verrostet. Ihre Reinigung und Wiederherstellung ist bereits in Angriff genommen. An den frisch restaurierten Metallgegenständen läßt sich ersehen, was eine geschickte Hand vermag, ohne den Wert des Alten zu beeinträchtigen.

Unmittelbar an der Außenmauer des zerstörten Baues floß ein unterirdischer reißender Bach vorüber, der durch die herabfallenden Trümmer eine Überschwemmung verursachte und vieles mit sich in die Salzach führte. Für Freunde der Musik ist es interessant zu erfahren, daß auch eine Reihe von wertvollen musikalischen Handschriften dem Verderben entrissen wurden: Von Carl Maria Weber die Orginalhand-schrift der „Jugendmesse“, die er dem Erzbischof von Salzburg, Hieronymus Colloredo, mit einem persönlichen Handschreiben widmete; von Michael Haydn ein Heft mit kleineren Kompositionen; von Leopold Mozart ein Heft mit Violinstücken usw.

Monatelang herrschte unbeschreibliches Chaos, ehe man an Wiederaufbau denken konnte. Alles muß erneuert werden, die Inventare, die Bibliothek und der Wissenschaftliche Betrieb. Vieles ist noch in den Bergungsorten, weil es an Räumlichkeiten fehlt, die Sachen unterzubringen. Mit Ausnahme der kleinen Gegenstände war alles unverpackt hinausgeschickt worden. Kein Möbelstück war verpackt und kein einziges Bild, keine Fieur, nicht einmal so berühmte Stücke wie die keltische Kanne und der Keltenhelm. Aus einem Bergungsorte wurden sieben schöne Bilder geraubt. Wie put, daß Einbrecher selten Kunstkenner sind! Sonst hätten sie lieber die Keltenkanne und den Helm mitgenommen, die einen halben Meter entfernt verstaubt auf einem Häufchen beisammen lagen. Ihre Versicherungssumme beträgt gegenwärtig eine Million Schilling. Die keltische Bronzekanne, die vor etwa 17 Jahren in einem Fürstengrab trf dem Dürnberg bei Salzburg gefunden wurde, stellt ein Unikum dar, da nur noch ein Stück aus Diedenhofen im Elsaß von solcher Qualität bekannt ist. Ihre Entstehung fällt in dieselbe Zeit, in der die Meisterwerke der griechischen Kunst geschaffen wurden; trotz den Anklängen an diese, ist sie keltisch, in Formen und Ornamenten an skythisch-thrakische Vorbilder erinnernd, einzig dastehend; ein Meisterwerk an künstlerischer Form und Technik, denn sie vereinigt alle Arten der Metallarbeit, Treibarbeit, Guß und Gravierung in meisterhafter Art. Sie gibt noch manches Rätsel zu lösen. Älter noch und gleichfalls kostbar und selten ist der Bronzehelm, aus einem Depotfunde entstammend, am Paß Lueg gefunden, er ist gräko-etruskisch. Auch das Fragment der berühmten Salzburger „Astronomischen Uhr“, ein Unikum aus römisdier Zeit, ist gerettet.

Die Frage nach einem neuen Heim ist dringend geworden. Man denkt an die Festung Hohensalzburg; ein schöner Gedanke, das Heimatmuseum in dem herrlichen Bau unterzubringen, aber praktisch schwer durchführbar. Die Meinungen, ob für oder gegen die Festung, sind geteilt. Dafür spricht der alte Bau, die an sich präditigen Räume, der zu erwartende Massenbesuch. Dagegen die zu geringe Anzahl von brauchbaren Räumen im Vergleich zur gewaltigen Menge von Gegenständen, die Notwendigkeit großer Umbauten, die die Festungsräume einschneidend, nicht zu ihren Gunsten, verändern werden, sowie die Gefahr, die Entwicklungsmöglichkeit der Sammlung ein für alle Male zu beschränken.

Die Neuaufstellung der Sammlung muß dem Wesen als PIcimatmuseum entsprechen. Räume mit Zusammengehörisen Dingen, nach Zeiten geordnet, sind zu schaffen. Die vorhandenen Decken und Vertäfelungen müssen eingebaut werden und den Rahmen für die entsprechenden Räume bilden. Die Zimmer dürfen nicht, wie früher, vollgepfropft werden, vielmehr ist eine sparsame Auswahl nach Qualität zu treffen. Nur wo viele Dinge derselben Art vorhanden sind, soll die Ordnung reihenweise nach modernen Gesichtspunkten geschehen, und immer' muß daran gedacht werden, dem Museum sein zukünftiges Wachstum zu ermöglichen.

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