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Gerhard Fritsch – Wider das

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An seinem 25. Todestag scheint der österreichische Schriftsteller Gerhard Fritsch, ohne den die österreichische Literaturgeschichte anders geschrieben worden wäre, Opfer des Vergessens geworden zu sein.

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An seinem 25. Todestag scheint der österreichische Schriftsteller Gerhard Fritsch, ohne den die österreichische Literaturgeschichte anders geschrieben worden wäre, Opfer des Vergessens geworden zu sein.

Ich selbst zerfließe wie dies letzte Licht/und bin auf einmal nur ein leises Lied/auf einer fremden Geige, ein Gedicht.“ Betrachtet man die Biographie und die Wirkungsgeschichte des österreichischen Schriftstellers Gerhard Fritsch genauer, wird man gerade diesen drei Zeilen aus dem ersten veröffentlichten Gedicht des Autors, „Abendmelodie“ am 8. November 1947 in der FURCHE, mehr Bedeutung beimessen. Von Gerhard Fritsch, dem Autor des Österreich-Romans der fünfziger Jahre, dem Autor von „Moos auf den Steinen“, will 1967, als seine kritische Auseinandersetzung mit dem Faschismus, sein Roman „Fasching“ erscheint, niemand mehr etwas wissen. Nach 20 Jahren bearbeitet er den Faschismus in einer Art, die einfach schockiert hat, muten doch seine ersten Arbeiten noch we sensible Schilderungen von unmittelbar Erlebtem an.

Kaum 18jährig wurde Fritsch im April 1942 sofort nach der Matura zum RAD (Reichsarbeitsdienst) einberufen, um ab Oktober in der Luftwaffe als Funker einer Transportfliegerstaffel seinen Kriegsdienst zu leisten.

Nüchternheit zeichnet die frühe Arbeit des jungen Autors aus. Mit 25 Jahren reflektiert er seinen Jahrgang in dem Gedicht „Geboren 1924“, in dem Vergangenes und Gegenwärtiges zu einem Bild seiner Generation verflochten sind. „Und immer daneben die ,treueste Pflicht‘./Die Hälfte von unserem Jahrgang hegt stumm an den Straßen Europas/in Erde und Sand./Die andere Hälfte hat es überlebt./Und jeder lebt, so gut er es noch kann./1924 schuftet, flucht und amüsiert sich/genau wie alle andern Zeitgenossen.“

Wiederaufbaustimmimg also, doch mitnichten. Fritsch erkannte die Ambiguität dieser Haltung bereits in ihrem Aufkeimen: „Und auch von uns sagt mancher,/als wäre nie etwas gewesen: ,Ein neuer Krieg ist unvermeidlich‘.“ In seiner frühen Lyrik und Prosa rekurriert Fritsch immer wieder auf die Problematik der Nachkriegsgeneration. Noch nahezu unter „Ausschluß der Öffentlichkeit“, wie der Autor selbst feststellte, erscheint 1952 sein erster Band „Zwischen Kirkenes und Bari“. Im selben Jahr, in dem Fritsch seinen Vertrag bei Otto Müller für seinen ersten Roman unterschrieb, wurde auch der österreichische Staatsvertrag unterzeichnet, dieser am 15. Mai 1955, jener am 16. November 1955. Damit liegt auch der zentrale österreichische Roman der fünfziger Jahre vor.

DER TRADTIONSBRUCH

Oft wurde und wird fälschlich angenommen, daß Fritsch das „Alte Osterreich“ mit dem neuen, also mit der Gegenwart der fünfziger Jahre verbinden wollte. De facto beweist er aber in seinem Roman anhand des Scheitems der Schloßrenovierung genau das Gegenteil. Fritsch zeigt darin die Unmöglichkeit, die Tradition des „Alten Österreich“ fortzusetzen. Vordergründig wurde dieser Roman auf seine lyrischen Landschaftsdarstellungen des Marchfeldes reduziert betrachtet. Gleichzeitig nimmt Fritsch aber auch in diesem Werk zum Wiederaufbaustreben in Österreich Stellung. Eine Fortsetzung der alten Traditionen in einer neuen Kulturindustrie ist nicht mehr möglich. Dennoch, „alles hat eine Zukunft auch das Vergangene“. Daß diese Zukunft aber Fiktion bleibt und nur in der Fiktion möglich ist, macht Fritsch deutlich. Parallel zu „Moos auf den Steinen“ erschien 1956 sein Artikel „Ebene der sterbenden Schlösser“ in der FURCHE (27.10.), der auch als Antwort auf seinen Roman gesehen werden kann: „Schlösser, die langsam verfallen. Gewiß, man wird sie allmählich restaurieren. Man hüte sich nur vor einer Fassadenkultur. Architekten können es allein nicht schaffen, die Ruinen reden eine

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