Lampedusa - © Foto: Wikipedia / Casimiro Piccolo (Gemeinfrei)
Literatur

Gesellschaft im Umbruch

1945 1960 1980 2000 2020

Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman „Der Leopard“ bietet nach über 60 Jahren nicht nur ungetrübtes Lesevergnügen, sondern auch frische Ironie und politische Einsichten.

1945 1960 1980 2000 2020

Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman „Der Leopard“ bietet nach über 60 Jahren nicht nur ungetrübtes Lesevergnügen, sondern auch frische Ironie und politische Einsichten.

„Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss alles sich ändern.“ Es gibt Sätze, die ein Eigenleben entwickeln jenseits des Werkes. Dieser Satz gehört dazu. Gelegenheiten, ihn zu verwenden, bieten sich oft: bei einem Regierungswechsel etwa, und auch der Papst zitierte ihn in seiner jüngsten Weihnachtsansprache. Wandel und Umbruch allerorten. Der Kontext des Satzes ist oft weniger bekannt. Giuseppe Tomasi di Lampedusa erzählt in seinem Roman „Der Leopard“ Geschehnisse in Sizilien kurz vor und nach der Gründung des Königreichs Italien 1861. Aufstände, enorme gesellschaftliche Umbrüche. Befürchtungen des Klerus und des Adels, Privilegien und Vermögen zu verlieren. In diesem Zusammenhang spricht Tancredi, der Neffe des Fürsten von Salina, den berühmten Satz. Er weiß, dass es schlau ist, sich den Aufständischen anzuschließen.

Denn: „Wenn wir bei denen nicht mitmischen, dann bescheren sie uns die Republik. Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss alles sich ändern.“ Mit dieser Einstellung, sich dem Wandel opportunistisch anzupassen, um die bisherigen Privilegien zu retten bzw. neue zu erhalten, wird es Tancredi noch weit bringen. „Der Leopard“ gehört zu den wichtigsten Werken der italienischen Literatur. Veröffentlicht 1958, ein Jahr nach dem Tod des Autors, schien der Roman damals manchen wie aus der Zeit gefallen. 1963 setzte ihn Luchino Visconti mit Burt Lancester, Alain Delon und Claudia Cardinale in Szene und ließ, weil ihm die echten sizilianischen Örtlichkeiten zu wenig Kulisse boten, dieselbe aufwändig dorthin schaffen. Nun, Jahrzehnte später und mit der Neuübersetzung von Burkhart Kroeber, staunt man über die Beobachtungsgabe und Beschreibungskunst des Autors und über seine Ironie.

Spuren der Vergänglichkeit

Nur auf den ersten Blick schwelgt der Adel noch im Reichtum, auf den zweiten sehen aufmerksame Leser am feierlich gedeckten Tisch das Service: zusammengestückelt aus vielen Resten. Der wild wuchernde Garten duftet wunderbar, doch die Erinnerung an den Geruch der Leiche eines Soldaten, die einen Monat zuvor hier gelegen ist, wird nicht vergehen. Spuren von Vergänglichkeit, von Krieg und Gewalt also bereits zu Romanbeginn.

„Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss alles sich ändern.“ Es gibt Sätze, die ein Eigenleben entwickeln jenseits des Werkes. Dieser Satz gehört dazu. Gelegenheiten, ihn zu verwenden, bieten sich oft: bei einem Regierungswechsel etwa, und auch der Papst zitierte ihn in seiner jüngsten Weihnachtsansprache. Wandel und Umbruch allerorten. Der Kontext des Satzes ist oft weniger bekannt. Giuseppe Tomasi di Lampedusa erzählt in seinem Roman „Der Leopard“ Geschehnisse in Sizilien kurz vor und nach der Gründung des Königreichs Italien 1861. Aufstände, enorme gesellschaftliche Umbrüche. Befürchtungen des Klerus und des Adels, Privilegien und Vermögen zu verlieren. In diesem Zusammenhang spricht Tancredi, der Neffe des Fürsten von Salina, den berühmten Satz. Er weiß, dass es schlau ist, sich den Aufständischen anzuschließen.

Denn: „Wenn wir bei denen nicht mitmischen, dann bescheren sie uns die Republik. Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss alles sich ändern.“ Mit dieser Einstellung, sich dem Wandel opportunistisch anzupassen, um die bisherigen Privilegien zu retten bzw. neue zu erhalten, wird es Tancredi noch weit bringen. „Der Leopard“ gehört zu den wichtigsten Werken der italienischen Literatur. Veröffentlicht 1958, ein Jahr nach dem Tod des Autors, schien der Roman damals manchen wie aus der Zeit gefallen. 1963 setzte ihn Luchino Visconti mit Burt Lancester, Alain Delon und Claudia Cardinale in Szene und ließ, weil ihm die echten sizilianischen Örtlichkeiten zu wenig Kulisse boten, dieselbe aufwändig dorthin schaffen. Nun, Jahrzehnte später und mit der Neuübersetzung von Burkhart Kroeber, staunt man über die Beobachtungsgabe und Beschreibungskunst des Autors und über seine Ironie.

Spuren der Vergänglichkeit

Nur auf den ersten Blick schwelgt der Adel noch im Reichtum, auf den zweiten sehen aufmerksame Leser am feierlich gedeckten Tisch das Service: zusammengestückelt aus vielen Resten. Der wild wuchernde Garten duftet wunderbar, doch die Erinnerung an den Geruch der Leiche eines Soldaten, die einen Monat zuvor hier gelegen ist, wird nicht vergehen. Spuren von Vergänglichkeit, von Krieg und Gewalt also bereits zu Romanbeginn.

„Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss alles sich ändern.“

Giuseppe Tomasi di Lampedusa

Der gesellschaftliche Wandel hat die nächste Generation erreicht: Der zweitgeborene Sohn hat sich von der fürstlichen Familie verabschiedet und nach London abgesetzt: „er ziehe das bescheidene Leben eines Angestellten in einer Kohlenhandlung dem ,allzu umsorgten‘ (lies: angeketteten) Dasein zwischen den Bequemlichkeiten in Palermo vor“. Während so manch Adeliger versucht, so zu leben wie immer, und hofft, nichts würde sich ändern, haben sich andere längst daran gemacht, Geld, Macht und Einfluss zu generieren. Jener Bürgermeister etwa, dessen Tochter dann Tancredi heiraten wird. Er weiß, wie man Besitz vermehrt. Nachdem der Fürst sich dessen Methoden erklären ließ (was unmittelbare ökonomische Wirkung zeigt), ereilt ihn bald der Ruf, seine Untergebenen auszupressen, „ohne dass dadurch übrigens der Zerfall seines Vermögens aufgehalten wurde“. Ironie, die auch in Viscontis Film unübersehbar war, ist eine Frage des Stils (hier auch des Satzbaus) und der Erzählposition.

Burkhart Kroeber hebt sie in der nun dritten deutschen Übersetzung auf besondere Weise ans Licht. Vieles ist aus Sicht des Fürsten von Salina geschrieben, doch nicht alles; grandios gemeis tert wurden die Wechsel vom Denken einer Figur zu einer plötzlich kommentierenden, teils fast spöttischen Erzählerstimme. Die unterschiedlichen Arten zu reden und zu denken (des Fürsten, des Bürgermeisters, des Jesuiten oder jener, die für ihre Politik werben wollen) werden in ihrer Phrasenhaftigkeit bloßgestellt. Der Autor bedenkt auch den Adel mit seinem ironischen Blick. Und so liest sich „Der Leopard“ trotz der gewollten Anklänge an das 19. Jahrhundert nicht pathetisch oder melancholisch, sondern im Gegenteil politisch klug und frisch. Bezeichnend ist ein Gespräch in der Mitte des Romans. Der Fürst fragt den Organisten Don Ciccio, mit dem er regelmäßig auf die Jagd geht, wie dieser denn bei der Volksabstimmung gewählt habe.

Er habe gegen die Einheit gestimmt, antwortet Don Ciccio. Doch als Ergebnis des Ortes war verkündet worden, dass sich 100 Prozent für das neue Italien entschieden hätten. Kaum hat Don Ciccio also durch die neuen Umstände eine eigene Stimme erhalten, wurde sie ihm schon genommen. Was wurde hier, in der Geburtsstunde Italiens, erwürgt, fragt sich der Fürst. Ein „Neugeborenes, das Vertrauen“, das man eigentlich sorgfältig hätte pflegen müssen. „Ein Teil der Trägheit und Nachgiebigkeit, die man in den folgenden Jahrzehnten den Leuten im und aus dem Süden Italiens vorwerfen sollte, beruhte genau auf der törichten Annullierung jenes ersten Ausdrucks von Freiheit, der sich diesem Volk jemals geboten hatte.“

Prinzip der Verachtung

„Der Leopard“ ist kein restaurativer Roman, eher ein resignativer. Nach den Leoparden und Löwen werden die Schakale und Hyänen kommen, „aber sie alle, Leoparden, Schakale und Schafe, sie werden weiterhin glauben, sie seien das Salz der Erde“, denkt der Fürst. Man darf annehmen, dass der Autor, als Fürst von Lampedusa selbst Spross einer verarmten Adelsfamilie, beim Schreiben auch Faschismus und Nationalsozialismus vor Augen hatte.

Deutlich ist die Erzählposition ein Jahrhundert später und geschrieben wurde aus dem Wissen, wohin das alles führte. Aber selbst die Zukunft, unsere Gegenwart, scheint damit erzählt zu werden. Eine Klasse herrsche über die andere, so erläutert der Jesuit Pater Pirrone einem Freund das allzumenschliche Prinzip der Unterdrückung und Verachtung. Leider ist sein Gegenüber bereits eingeschlafen und so spricht er nur für uns Lesende. Sollte eine Klasse, etwa der Adel, verschwinden, bilde sich gleich eine andere ähnliche heraus. „Vielleicht würde sie nicht mehr behaupten, auf das Geblüt gegründet zu sein, sondern – was weiß ich – auf die Dauer ihrer Ortsansässigkeit oder auf eine behauptete bessere Kenntnis irgendeines angeblich heiligen Textes.“

Lampedusa - © Foto: Piper
© Foto: Piper
Buch

Der Leopard

Roman von Giuseppe Tomasi di Lampedusa
Übersetzt von Burkhart Kroeber
Piper 2019 400 S., geb., € 24,70