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Gesprach mit TWntonVfyilder

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Der amerikanische Dichter Tbornton Wilder, 1897 in Madison (Wisconsin) geboren, wuchs in China auf, wo sein Vater Generalkonsul war. Nach Abschluß seiner Studien an der Yale-Uni-versität wurde Wilder Lehrer und Dozent. Die Bühnenwerke „Unsere kleine Stadt“, „Wir find noch einmal davongekommen“ und die „Einakter und Dreiminutenspiele“ machten den Dichter Thornton Wilder weltbekannt. Vielgelesen sind auch seine Prosabücher „Die Brücke von San Luis Rey“, „Dem Himmel bin ich auserkoren“ und „Die Iden des Man“. — Die Werke des vielgereisten Autor sind imprägniert von europäischer Geistigkeit und abendländischer Kultur. Die kühne Neuheit ihrer Formen, die Frische der Diktion und ihren humanitären Optimismus empfinden wir alt „typisch amerikanisch“. — Das hier nach dem Gedächtnis aufgezeichnete Gespräch fand im Jänner dieses Jahres auf dem Semmering statt.

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Der amerikanische Dichter Tbornton Wilder, 1897 in Madison (Wisconsin) geboren, wuchs in China auf, wo sein Vater Generalkonsul war. Nach Abschluß seiner Studien an der Yale-Uni-versität wurde Wilder Lehrer und Dozent. Die Bühnenwerke „Unsere kleine Stadt“, „Wir find noch einmal davongekommen“ und die „Einakter und Dreiminutenspiele“ machten den Dichter Thornton Wilder weltbekannt. Vielgelesen sind auch seine Prosabücher „Die Brücke von San Luis Rey“, „Dem Himmel bin ich auserkoren“ und „Die Iden des Man“. — Die Werke des vielgereisten Autor sind imprägniert von europäischer Geistigkeit und abendländischer Kultur. Die kühne Neuheit ihrer Formen, die Frische der Diktion und ihren humanitären Optimismus empfinden wir alt „typisch amerikanisch“. — Das hier nach dem Gedächtnis aufgezeichnete Gespräch fand im Jänner dieses Jahres auf dem Semmering statt.

Ich bin ganz privat, das heißt, um ein wenig zu arbeiten, für einige Wochen nach Oesterreich gekommen. Ich war einige Tage in Wien, jetzt bleibe ich eine Woche hier auf dem Semmering, um an einem Operntext für eine talentierte junge amerikanische Komponistin zu schreiben — sie heißt Luise Talmar und hält sich gegenwärtig im Rom auf —, dann fahre ich nochmals auf etwa eine Woche nach Wien.

Mit dem Operntext tun Sie ein gutes Werk, in mehrfacher Hinsicht. Die Komponisten sind immer in Not und auf der Suche nach literarisch wertvollen Libretti. — Vor kurzem, während seines letzten Besuches in Wien, beklagte sich Paul Hindemith darüber, daß er mit dem „Dichten“ soviel Zeit verlieren muß. So war es ihm mit dem ,,Mathis“ ergangen, so auch jetzt wieder mit dem Text zu der neuen Kepler-Oper. Hätten wir, so meinte Hindemith, nur einen deutschen Dramatiker vom Range Gottfried Benns — der aber leider nur Lyrik und Prosa schreibt —, so wären wir aus dem Wasser...

Ja, das stimmt. Ich kenne Hindemiths Textsorgen. Wir waren an der Yale-Universität beisammen, und Hindemith hat auch mich um einen Operntext gebeten, aber .ich war mit anderen Arbeiten beschäftigt, und es kam zu keiner Zusammenarbeit.

Richard Strausswar glücklicher. Er hatte Hofmannsthal. Was halten Sie von dieser Kollaboration?

Ich schätze Hofmannsthal sehr, auch kenne ich Hofmannsthals Sohn, Herrn Raimund, und ich kenne auch den Herausgeber der Gesamtausgabe, Dr. Herbert Steiner. Man zeigte mir eines Tages einen Entwurf aus Hofmannsthals Nachlaß für ein Lustspiel und fragte, ob ich ihn nicht ausführen könnte. Aber dazu müßte man ein Oesterreicher, womöglich Wiener sein ... Was Hofmannsthal betrifft: Ich glaube doch, daß er später einmal — entgegen der Meinung mancher Fachleute — als der Dichter mit dem vollendeten Jugendwerk in die Literaturgeschichte eingehen wird. Was später kam, war nicht mehr so direkt. Und manches ist von nicht ganz gutem Geschmack. Nach dem „Schwierigen“, den ich sehr hoch schätze, war „Der Unbestechliche“ für mich eine Enttäuschung. Und denken Sie auch an manche Stellen im „Rosenkavalier“ und besonders in „Arabella“ ...

Immerhin hat Hofmannsthal später noch „Das Salzburger Große Welttheatcr“ und den ,,Turm“ geschrieben, von seiner Prosa nicht zu reden. Aber geht das, was Sie stört, nicht mehr auf die Rechnung der Musik?

Kann sein, aber der zwiespältige Eindruck bleibt. — Für das Wiener Theater habe ich mich immer sehr interessiert. Mein erster deutscher Verleger war übrigens Wiener. Und in Wien entdeckte ich auch Nestroy. Ich habe es ja auch gewagt, Nestroy zu bearbeiten. Aus „Einen Jux will er sich machen“ wurde „The Matchmaker“. Ich habe die Handlung zu den Holländern verlegt, die sich bei uns am Hudson angesiedelt haben, und habe die weibliche Hauptperson frei erfunden. In dieser Form wurde das Stück in New York aufgeführt. Uebrigens ist dieser Stoff damit gewissermaßen ins Englische zurückgekehrt, denn er stammt aus einer Farce von John Oxenford mit dem Titel „A Day Well Spent“, die 1834 im English Opera House zum erstenmal aufgeführt wurde.

Eine englische Theatergruppe hat vor einem Jahr Ihr Nestroy-Stück bei den Berliner Festwochen aufgeführt, und jetzt steht es auf dem Spielplan des Grazer Theaters.

Leider kann ich nicht hinfahren, ich möchte noch für eine Woche nach Wien, um einige Aufführungen der Oper und des Burgtheatcvs zu sehen.

Aber, Sie haben die neue Oper und das Burgtheater schon besucht? Wie haben Ihnen die Vorstellungen gefallen?

Wenn ich das als Gast frei sagen darf: Was ich gehört habe, hat auf mich einen sehr großen Eindruck gemacht. Was ich gesehen habe, hat mir weniger gut gefallen. Die Bühnenbilder und Kostüme scheinen mir doch zuweilen recht veraltet. Man muß, glaube ich, weg vom naturalistischen Stil. Der falsch verstandene Shakespeare hat auf den deutschen Bühnen viel Schaden angerichtet. Man hat Shakespeare ursprünglich ganz unnaturalistisch gespielt, und man sollte zum echten Stil zurückkehren. Was ich vorhin vom „Sehen“ sagte, bezieht sich auch auf einige andere Eindrücke bei meinem letzten Wiener Besuch: die Kleidung, die Auslagen der Geschäfte und anderes. Jedenfalls war, was ich gehört habe, erfreulicher. Ich darf das sagen, weil ich die Wiener Kultur sehr hoch schätze. Die Zeit der Jahrhundertwende war überreich und großartig, auch noch die späteren Jahre. Ich meine die Dichtung: die vielen bekannten großen Namen, die Architektur: Loos und Wagner, die Glanzzeit der Wiener Oper, die Maler Klimt und Schiele, der große Arzt und Seelenforscher Sigmund Freud, später dann Kafka, Musil und Broch, die nächste Generation. Man sagt oft: Paris ist in dieser Hinsicht die Hauptstadt der Welt. Gewiß, Paris ist groß, aber ich glaube, daß die Wiener Kultur, rein was die Qualität anbetrifft, an erster Stelle steht. Die Kulturgeschichte dieser Zeit sollte unbedingt geschrieben werden, aber es dürfte keine trockene wissenschaftliche Arbeit sein, man müßte das dichterisch darstellen!

Darf mau wissen, woher Ihre genauen Kenntnisse der Wiener Kultur stammen?

Ich habe natürlich viel gelesen, aber ich habe auch Freunde, die mir vieles erzählt haben. Zum Beispiel Beer-Hofmann, dessen Wohnung in New York eine kulturelle Insel war, mit schönen Bildern, Möbeln und Geräten. Es war ein Stück Alt-Wieh, das ich da kennenlernte. Er hatte eine sehr gepflegte Konversation und sprach ein wenig wie der alte Goethe. Ueber-haupt finde ich, daß die deutschen Dichter in ihrem Alter gern ein wenig den alten Goethe kopieren, denken Sie an Gerhart Hauptmann oder an Thomas Mann. Man hat sicher viel Eckermann gelesen ...

Unvergeßlich ist mir ein Tag in Salzburg, bei den Festspielen. Ich war mit Fritz Kreisler beisammen, und dieser sagte mir: „Sehen Sie, der Herr Rose, am ersten Pult, ist eigentlich schuld daran, daß ich Virtuose geworden bin. Beim Piobespiel — ich wollte Philharmoniker werden — hat er mich als untauglich abgewiesen. Dann bin ich eben Sologeiger geworden!“ Der gleiche Fritz Kreisler erzählte mir nicht nur selbsterlebte Geschichten von Anton Bruckner, sondern wußte auch noch zu berichten, wie ihm und seinen Freunden Hugo Wolf eben entstandene Lieder vorgespielt hat . .. Sehen Sie, das ist Wiens einzigartige Kultur . . . Aber es gibt auch andernorts merkwürdige Zusammenhänge. Wissen Sie zum Beispiel, daß Albert Schweitzer und Jean-Paul Sartre Cousins sind?

Nein, das ist ja grotesk!

Ja, das ist wohl sehr merkwürdig. Ihre Mütter sind Schwestern. Und Albert Schweitzer erzählte mir, wie er den kleinen Jean-Paul oft im Kinderwagen spazierengefahren hat ...

Wenn er gewußt hätte, was aus Sartre später wird, hätte er ihn vielleicht aus dem Wäger/ gekippt . . .

Mancher andere hätte das getan. Sie vielleicht oder ich. Aber Albert Schweitzer eben gerade nicht. Er ist ein großer Menschenfreund, er liebt alle Menschen!

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