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Gespräche um den Sozialismus

Unserem sozialen Denken und Planen, Urteilen und Beurteilen fehlt heute vielfach das Zentrum, die ruhende Mitte, der klare Blick für das Wesen der Dinge. Es hat sein Schwergewicht an die in ständigem Wechsel dahinrasende Oberfläche des Lebens gelegt. Weil wir es verlernt haben, unser soziales Schicksal aus den Wesenstiefen des Menschlichen zu beherrschen, müssen wir unser Leben in allmählich untragbarer Ruhelosigkeit von Tag zu Tag einem anonymen Geschehen neu anpassen, weil wir es von Tag zu Tag von neuen äußeren Kräften bedroht sehen, und versuchen, in namenloser Oberflächlichkeit unserem Leben von Tag zu Tag ein neues Zentrum zu geben. So scheinen wir die Kraft der sozialen Lebensformung verloren zu haben, die nur aus dem ständigen Rück-fluten des Denkens zum Wesen der Dinge und zum Wesentlichen gewonnen werden kann.

Es ist darum ein erfreuliches Zeichen, daß sich unter dem Eindruck dieser Situation die Starrheit mancher politischen und sozialen Doktrinen löst, weil ihre Anhänger erkennen, daß der geistige oder ungeistige Grund, auf dem sie aufbauen, tatsächlich längst nicht mehr trägt, oder daß die Gestaltungskräfte der Gegenwart , den Aufbaugrundsätzen„ an denen sie festhalten zu müssen glaubten, längst über den Kopf geWsöfosäf *lnl!Pir 'Reute weitgehend eine geistige Regsamkeit, die darangeht, zu den Prinzipien vorzustoßen, die überkommenen Grundsätze politischer Doktrinen am tiefsten Inhalt des eigenen Wollens zu überprüfen. Zumal in der Jugend ist solch ein grundehrliches Ringen zu verspüren, das abseits von politischem Gruppenprestige und abseits von den ausgetretenen Pfaden herkömmlicher politischer Propaganda Stellen aufscheinen läßt, die zu ehrlichen Auseinandersetzungen bereit scheinen.

Es wäre zutiefst verfehlt, in diesem Ringen politische Gleichgültigkeit sehen zu wollen. Es ist eine Wendung von der Überschätzung des Zahlenmäßigen, äußerlich Organisatorischen zur rechten Einschätzung des Geistigen, das am Grunde der Politik liegt. Dies Ringen gehört zu den wahrhaft nicht allzu zahlreichen Äußerungen von Lebendigkeit auf europäischem Kulturboden. Darum wird es bei allen, die selbst von diesem Ringen ergriffen sind, und die die Rückbesinnung des Menschen auf sich selbst als den Anruf unserer Zeit empfinden, auch freudigen Widerhall wecken, wenn führende Männer und führende publizistische Organe im Lager des Sozialismus daran sind, das Menschenbild der sozialistischen Lehre zu überprüfen und damit nicht nur jene unglücklich unzureichende Schematisierung der Menschen nach der Oberfläche ihrer ökonomischen Interesselage zu verlassen, sondern ihren Anhängern auch die Möglichkeit zu geben, gleich ehrliches Streben anderer anzuerkennen, ohne es von vornherein jener unglücklichen Schematisierung zu unterwerfen und unfruchtbar zu machen. Es soll damit selbstverständlich nicht geleugnet werden, daß auch in anderen Lagern ähnliche Besinnungen am Platz wären, daß auch in anderen Lagern vielfach rein formale Ordnungsgedanken geherrscht haben, die das äußere Prinzip der Organisierung Stärker betonen als die innere Kraft des geistig-sittlichen Menschentums, ohne das die Organisierung blinde Technik ist. Denn darum geht es ja bei allen Gedanken einer sozialen Gesundung unserer Zeit, ob wir verstehen, daß die soziale Neuordnung auf einer Erneuerung unseres Menschentums gründen muß, oder ob wir uns selbstzufrieden mit der lückenlosen Planung und Durchsetzung äußerer Organisationsprinzipien begnügen zu können glauben. Wollen wir das erste, dann müssen wir aus der Tiefe menschlicher Lebenskräfte schöpfen. Wollen wir das andere, darin müssen wir uns im klaren darüber sein, daß die äußerlich vollkommenste Organisation die des totalen Staates ist, und all jene Folgen auf uns nehmen, die die Tiefen menschlicher Lebenskräfte verschütten. Nur durch das Absterben geistiger Gestaltungskraft, durch den Zerfall der i n n e r menschlichen Ordnungskräfte ist jener erdrückende und beschämende Organisationismi's möglich und vielleicht notwendig geworden —• man verzeihe das abscheuliche Wort, aber das Organisieren über die Köpfe der Menschen hinweg oder über kopflose Menschen hinweg, das rationale Zutodeplanen dos sozialen Lebens ist in unserer Zeit zu einem „Ismus“ geworden, dessen vollendeter Rej Präsentant der totale Staat ist.

Dieser erschrecjkenden geistigen Leere und Erstarrung gegenüber wird man Lebendigkeit und Echtheit geistigen Ringens immer daran erkennen, daß es die Fragen der Zeit mit ihrem ganzen Inhalt zu umfassen und zu bewältigen sucht und sie nicht nach bereitgehaltenen Antworten vorformt, denn das ist der Weg flacher „politischer“ Propaganda. Es ist darum ein bemerkenswertes* Zeichen ; gejstijge-ff Leben-digkeif und ein ““zutiefst begrüßenswertes, wenn sich selbst dort ein Ringen um dje Fragen der Zeit einstellt, wo sich ehedem das geistige Streben ausschließlich in die Ebene des Politischen verkrampft hatte und darum mit logischer Notwendigkeit den Weg zur Totalität des Politischen, zum totalen Staat, einschlug.

So drängen die geschichtlichen Erfahrungen unserer Zeit unser Denken über soziale Daseinsfragen dahin, gleichzeitig die Frage der inneren Freiheit, Würde und Selbstbestimmung der Persönlichkeit und die des Bestandes echter Gemeinschaft aus gleichem geistigem Grunde zu bewältigen, um so die Tendenzen zur Anarchie, die aus einer Mißdeutung des Freiheitsgehaltes der Persönlichkeit kommen, ebenso zu überwinden, wie die Tendenzen zur Despotie, die im Miß brauch der persönlichen Freiheit ihren Grund haben und die Gemeinschaft zu einem äußeren Zweckver band lückenloser Organisation erniedrigen. Auch der Sinn des „demokratischen“ Gedankens kann heute nur der sein; in der sozialen Ordnung die echte Freiheit der Persönlichkeit ebenso institutionell zu unterbauen, wie die Gemeinschaft als Gemeinschaft von Persönlichkeiten.

Unter dem Gesichtspunkt dieser Problematik gewinnen die Gespräche, die heute um den Sozialismus geführt werden, ihr besonderes Interesse. Wir wollen dabei davon absehen, daß schon das Wort Sozialismus als solches in Fluß geraten ist. Th. Brauer zählt in seinem Buch über den modernen deutschen Sozialismus nicht wehiger als vierzig Bedeutungen d.eses Wortes auf. Und wir selbst haben versch.dene Sozialismen erlebt, und es werden uns sehr ver: schiedene in Aussicht gestellt. Schön das mag auf beiden Seiten der Gespräche zur Oberwindung jener verkrampften Parteilichkeit beitragen, die an der Oberfläche haftet und den Tod ehrlicher Auseinandersetzungen bedeutet. Wesentlicher ist, daß man im Sozialismus und um den Sozialisuius Äußerungen vernehmen kann, die weit mehr Gewicht haben als der „Revisionismus“ von ehedem, die sich vielmehr emporzuziehen beginnen von den Äußerlichkeiten organisationspolitischer Dogmen zu jenem Ansatzpunkt des Den-kens, an dem allein es sich entfalten und fruchtbar werden kann. Mit anderen Worten: man besinnt sich : des eigentlichen Ausgangspunktes, des ursprünglichen Anliegens aller sozialistischen Bewegungen: Wahrung der Würde und des Freiheitsraumes der Persönlichkeit durch eine gerechte Ordnung des sozialen Lebens, in der auch 'Abhängigkeitsverhältnisse — nicht- zuletzt solche von der Staatsgewalt — der Würde und dem Freiheitsraume der Persönlichkeit Rechnung tragen. , Von diesem ursprünglichen Anliegen sollte jede Diskussion über den Sozialismus ausgehen. Dann kann sie zur Klarheit führen und aus dem Hexenkessel fachwissenschaftlicher Rechthaberei und dogmatischer Erstarrung herauskommen. Den Weg zu dieser grundsätzlichen ßesinnung weist nicht allein der Gang der Geistesgeschichte, sondern auch unsere Stellung vor ganz realpolitische Entscheidungen, die, so deutlich wie seit langem nicht mehr, ein Widerspiel geistiger Entscheidungen geworden sind. Stehen wir doch vor der Tatsache eines unheimlich rasanten Abgleitens u'iseres sozialen Lebens vom liberalen Individualismus, der die persönliche Freiheit in einen kulturellen Sprengstoff verwrndelte, zum Kollektivismus, der sie vernichtet — also vor der Aufgabe, die Persönlichkeit in ihrem Eigensinn aus ihrer Bedeutung für das soziale Leben, besser: für die soziale Lebendigkeit zu begründen.

Es ist für diese Situation bezeichnend, daß sich, wie es scheint, vor allem im sozialphilosophischen Denken Westeuropas Kräfte regen, die mit schlagender Formulierung, wie sie vor allem den Franzosen eigen ist, dem Ringen um die Persönlichkeit Ausdruck verleihen. In einer „europäischen Diskussion“, die im Frühherbst dieses Jahres Männer aller geistigen Richtungen in Genf zusammenführte — wir folgen einem Bericht der Wiener „Arbeiter-Zeitung“ vom 29. September — wendete sich der Sozialist Jean Guehenno, ein Schüler JaureY, gegen den „Geist der Propaganda“, der „an die Stelle der Wahrheit getreten sei“ und „aus den Menschen ein leicht regierbares Herdenvieh macht“, und meint, „das Streben des Europäers soll nicht darauf zielen, Hamlet zu sein, sondern Prometheus“. Wir wollen uns nicht an der Formulierung stoßen. Sie erinnert etwas an ein „Übermenschentum“, das sich so leicht des Untermenschentums für seine Zwecke bedient. Uns interessiert nur die Stoßrichtung als Symptom, ebenso auch die Reaktion gegen sie seitens des Kommunisten Ambüsch, der — nach dem gleichen Bericht — „durchaus für die Verherdung des Menschen eintritt“ und damit den „Verzicht auf jede Freiheitssphäre und Eingliederung in die Masse“, die „leicht regierbare“ fordert. Werfen solche Kontroversen ein Blitzlicht auf die Problematik der Zeit, die auch im Schöße des Soziall-mus ihr Recht fordert, so führt uns der Vortrag, den der sozialistische Ministerpräsident Hollands, Professor Schermerhorn, im Mai dieses Jahres an der Universität in Löwen gehalten hat, bereits in die TWe der Fragenstellung. Er stellte fest, daß weder Kapitalismus noch Kommunismus eine Antwort auf die fundamentale Frage nach der menschlichen Persönlichkeit zu geben wissen, daß sie vielmehr beide den Todes. keim für die Persönlichkeit in sich tragen. Und von dieser Frage her sollten auch die Maßnahmen einer sozialen Wirtschaftsreform beurteilt werden, die Fragen nach Eigentum, Verstaatlichung, Sozialisierung, Vergenossenschaftung und die Fragen des Lebensrechtes der kleinen Gemeinschaften gegenüber dem Staat. Schermerhorn spricht von einem „personalistischen Sozialismus“ und schließt mit einem Anruf an die Sozialreformer aus katholischem Geiste, sich dem Gedanken des personalistischen Sozialismus anzuschließen. Tatsächlich kann ein solcher auch nur im christlichen Menschenbild seine haltbare Begründung finden.

Es ist schwer zu sagen, inwiefern diese neue Sicht der sozialen Problematik auf dem Bewußtsein einer öffentlichen Meinung sozialistischer Kreise aufruht. Es ist aber jedenfalls bemerkenswert, daß sie notwendig ein Abrücken von einer materialistisch-kollektivistischen Grundhaltung des Sozialismus deutlich macht, und daß das Sozialprogramm damit einen ethischen Charakter erhält, mag man auch auf die Marxsche Theorie der kapitalistischen Entwicklung noch so großes Gewicht legen.

Unter diesem Gesichtspunkt sind die schönen Ausführungen des Bundespräsidenten in seinem Vortrag zur 950-Jahr-Feier bemerkenswert. Man wird in ihnen vergeblich nach dem Versuch spähen die Geschichte der österreichischen Lande in das Prokrustesbett der ökonomischen Geschichtsphilosophie zu pressen und, wo vom Primat der Wirtschaft die Rede ist, bezieht sich das auf eine Zeit, in der nicht nur die europäische Zivilisation tatsächlich ökonomisiert war — was übrigens ein geistiger, wenn auch entgeistigender Vorgang ist —, sondern auch die Einheit des Raumes des ehemaligen Kaiserreiches fast nur mehr vom überkommenen Gefüge der Volkswirtschaft getragen war. Was aber heute noch von diesem Gefüge wirksam ist, ist nicht mehr als eine Potenz, die nur vom Bewußtsein kultureller Gemeinsamkeit aktualisiert werden kann. Es ist bezeichnend, daß Dr. Renner unter solchen aktualisierenden Mächten der „Idee des katholischen Universalismus“, die „im Lande nie erstorben ist“, besondere Bedeutung beimißt.

Auch die scharfe Unterscheidung zwischen „dialektischem Materialismus“ vnd „historischem Materialismus“, die Leon Blum in seiner großen Rede vor dem Parteitag dieses Jahres zu machen versuchte, weist annähernd in die gleiche Richtung, wenn er betont, daß historischer Materialismus nitht philosophischer Materialismus sei. Dieser Interpretationsversuch der Marx-exeg'.-se ist nicht neu. Man wird bei der Behauptung eines Primates des ökonomischen “im Hergang der Geschichte auch nicht übersehen dürfen, daß Marx aus dem Geiste seiner Zeit heraus aber auch von ihm gefesselt und seiner namenlosen Einseitigkeit verfallen, mit seiner Geschichtsauffassung aus der Tatsache vorschnelle Schlüsse zog, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse auch die . innere Gestaltung und die geistige Haltung des Menschen, die Beweggründe seines Denkens und die Ziele seines Planens weitgehend mitbilden, freilich nur, weil die Wirtschaft i m kulturellen Leben steht und nicht, wie Marx meinte, als Motor der Geschichte über* ihm. Persönlichkeit ist nicht freischwebende Geistigkeit und kann von jedem Lebensbereich her, auch von der Wirtschaft und der technischen Gestaltung der wirtschaftlichen Arbeit her verkümmert, ja verkrüppelt Werden. Darum gehört zu einem echten Personalismus immer auch die Forderung der sozialen und wirtschaftlichen Gerechtigkeit.

Diese Erkenntnis war der grundsätzlich realistischen, weil total-menschlichen Soziallehre aus christlichem Geist immer eigen, mag auch ihre konkrete und darum zeitbedingte Ausgestaltung dieser Erkenntnis zuweilen nicht genügend Raum gegeben haben. Sozialwissenschaftliche Theorien drohen immer in der geistesgeschichtlichen und wohl auch der politischen Situation ihrer Entstehungszeit zu' erstarren. Man weiß, welcher Kraft des äußeren Anstoßes und des inneren Entschlusses es bedarf, der Problematik des wirklichen Lebens Rechnung zu tragen, wenn eine Sozialtheorie einmal die Probleme in der Weise ihrer geistigen Grundlagen und ihrer geschichtlichen Entstehungszeit entfaltet hat.

Die Wandlungen des Sozialismus, die wir in diesen Zeilen kurz zu kennzeichnen suchten, die Wendung zur Frage nach der Persönlichkeit und zur Respektierung der Wirklichkeit des Geistigen in der Geschichte, bedeuten vielleicht in solcher Weise ein mühsames Loslösen des ursprünglichen Anliegens des Sozialismus von der unzulänglichen Grundlage seines geistes- . geschichtlichen Ausgangspunktes, ein Hinwenden zu einem totalen, nicht vereinseitigten Menschenbild, von dem aus allein die Fragen unserer Zeit bewältigt werden können. Manches spricht dafür, daß damit die Bahn frei wird für eine fruchtbare Aussprache zwischen Sozialismus und Christentum. Schließlich zeigt ja die Geschichte des modernen Sozialismus nicht nur das Streben nach tieferer philosophischer Fundierung der eigenen Lehren, sondern darüber, hinaus in den immer wieder auftauchenden Versuchen eines „religiösen Sozialismus“ die Sehnsucht mancher seiner Besten, ihm einen zumindest ganzmenschlichen Grund zu geben Die Schwierigkeiten sollen dabei nicht übersehen werden, die auf beiden Seiten zu überwinden sind, und die sich aus den Hemmnissen soziologischer Situationen ebenso ergeben wie aus dem grundsätzlich gegenchristlichen Stammbaum des modernen Sozialismus. Schon vor einem Vierteljahrhundert hat Theodor Steinbüchel in seinem Buch „Der Sozialismus als sittliche Idee“ das bisher Beste über die Frage der Annäherung von Christentum und Sozialismus gesagt. Fr sieht diese Annäherung zunächst auf dem Gebiete der Ethik und Gesellschaftslehre — wohl auch auf dem praktischer Maßnahmen —, nicht aber auf dem des eigentlich Religiösen Das legt die Gefahr der Degradierung des Religiösen zu einem Neutrum im Leben der Kultur und damit seiner Relativierung seitens des Sozialismus nahe, die eigentlich die tiefste Mißachtung ist. Es wäre nicht zeitgemäß, das zu verschweigen. Der erste Schritt zu einer fruchtbaren Aussprache wird wohl darin liegen müssen, das eigentliche, tiefste Wollen und Streben des Sozialismus aus den Fesseln einer Ideologie zu befreien, die das Menschentum nicht minder mit Füßen tritt als der Gegner, den er bekämpfen -will. Denn schließlich wird sich ds Wort Steinbüchls bewahrheiten, daß in der Frage seines Verhältnisses zum Christentum das Grundproblem des Sozialismus überhaupt liegen wird.

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