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Goethe, Eliot, Weisenborn

Goethes „Clavigo“ in der Josefstadt: Diese Aufführung ist ein Wagnis und ein -Verdienst. Ein Wagnis, weil die Hauptrollen diese Trauerspiels zu den am schwersten zu meisternden des deutschen Dramas gehören; ein Verdienst, weil e eine echte Bemühung um diese Kostbarkeit ist. Goethe hat in diesem Bericht vom Siechtum und Sterben eines von seinem Geliebten verlassenen Mädchens rückhaltlos offen eine Beichte abgelegt. Friederike in Sesenbeim ist das blutvolle Urbild der von dem jungen Dichter und“ Literaten Clavigo verlassenen Marie Beaumarchais. Naturgemäß wendet sich alle Neugierde und Grausamkeit des Publikums der Darstellerin der Maria zu: Dieser Rolle ist ja nur höchstes Können und die Begnadung des Genies ganz gewachsen. Ulla Jacobsson, vom Film her bekannt, ist weit besser, als viele erwartet hatten: Kurt Heintel, als ihr Bruder Beaumarchais, ist wohl bärbeißig-trotzig, nicht jedoch voll jener inneren Kraft des Richters und Rächers, die Goethe hier präsent zeigen will. Sehr eindrucksvoll Walter Reyer als Clavigo: ein Jüngling, in seiner' Schwäche und in der Größe seiner Träume, von Ehrgeiz und Leidenschaft, „hinauf“ zu kommen, zerrissen. Der hochbegabte Günther Tabor verkörpert als sein Freund Carlos mehr einen Intriganten und Fanatiker als die Stimme des „reinen“ Intellekts. Grete Zimmer ist eine sehr frauliche Schwester Marien. Franz Rejcherts Regie bemüht sich um Straffung und zügigen Atem des Dramas,

Im Sonderabonnement des Volkstheaters sehen ' 'wir jetzt Günther Weisenborns dramatische Ballade „Das verloreneGe sieht“. Der Roman Victor Hugos vom „Manne, der lacht“, bildet.die .großartige Vorlage, der die expressionistischen Deklamationen des rheinischen Autors nicht gerecht werden. Grusel- und Schauerromantik, gemischt mit Sozialrevolutionären Tönen, denen doch der ersehnte Klang des Echt-Revolutionären fehlt: Brecht und Büchner sind gespenstisch im Hintergrund verborgen. Die Story: der Zusammenprall der „Elenden“, des rechtlosen .Niedervolkes, mit einer ebenso korrupten wie herrschsüchtigen Klasse im feudalen England um 1710. Der als Kind verstümmelte, im Gesicht verschnittene „lachende Mami“ soll eine seit Jahrtausenden unterdrückte Menschheit verkörpern,der das Menschengesicht genommen wurde. Der Regie Walter Davys gelingt eine stark wirkende Aufführung. Sieghardt Rupp ist ein Schmerzensmann und ein Revolutionär, ein glaubwürdiger Kämpfer an der ewigen Front des Menschen gegen die Grausamkeit des Menschen. Kurt Sowinetz als Verwachsener und Harry Fuß als kleiner, kluger Beamter sind hervorragende Charakterstudien. Maria Gabler als blindes Mädchen und Tänzerin wirkt ergreifend. Überlegen, ak Prinzipal und Büßer, Hans Frank. Sehr gut, wuchtig, wirkt in ihrer mörderischen Überhebung auch die Gegenwelt: Paula Pfluger als Herzogin, Aladar Kun-rad als Lord. — Der starke Beifall gilt den Schauspielern mehr als dem Autor.

Das Kleine Theater der Josefstadt im Konzerthaus, sehr ehrgeizig, bringt T. S. E 1 i o t s „Der F a m i 1 i e n t a g“, Die sehr bemühte Übersetzung dieses poetischen Versdramas von Rudolf Alexander Schröder und Peter Suhrkamp verhärtet den Schmelz und die Melodie teilweise, läßt die innere Musik dieses großartigen Werkes nicht mehr ganz aufklingen. So wirkt die deutsche Übertragung mehr als Sprachkunstwerk denn als Schicksalssymphonie. Eliot verwebt hier, so nahtlos wie es möglich ist, antike Tragödie und christliches Drama, Fluch, Schicksal, Schuld und Sühne: durch Gnade und Erhellung des Bewußtseins. Das Haus Agamemnons wirft seine riesenhaften Schatten auf das Landhaus der Lady Monchensey, in dem anläßlich ihres letzten Geburtstages die „liebe Familie“ zusammenkommt, um einen Mord, den der Erbe, tord Harry, ein, Jahr zuvor an seiner Gattin begangen hat. zu übersehen und wegzureden. Harry und seine Mutter sind die Hauptpersonen des Stückes: Walter Kohut wirkt etwas zu jung für den Lord, spielt aber ausgezeichnet; in großer Meisterschaft gestaltet Helene Thimig die greise Lady. Nur ihre jüngste Schwester, Agatha, Angela Salloker, kann sich neben ihr und gegen sie behaupten. Etwas zu jung und zu hübsch für ihre Rolle und dadurch auch unsicher wirkt Elisabeth Berzobohaty als Mary, das ältliche Mädchen, das auf Harry wartet. Hans Jungbauer bemüht sich als Regisseur sehr, den Chor und die Versform dieses Schauspieles herauszuarbeiten. Eine sehr sehenswerte Aufführung.

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