Hans Eichhorn: Mit wachen Sinnen

1945 1960 1980 2000 2020

Über Hans Eichhorns Fantasie anregende Schule des Sehens und Denkens. Ihr Fortbewegungsmittel: die Sprache.

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Über Hans Eichhorns Fantasie anregende Schule des Sehens und Denkens. Ihr Fortbewegungsmittel: die Sprache.

Hans Eichhorn galt lange Zeit als eine Art Geheimtipp -vor allem mit seinen ruhigen lyrischen Trouvaillen aus seiner Heimat am Attersee; seit einigen Jahren liefert er Stück um Stück verblüffend keck gebaute Prosatexte. Sicherheit ist nirgends, scheint die Botschaft, nur in der Welt der Buchstaben, die sind wie Ameisen, so Elias Canetti, und sie haben ihren eigenen geheimen Staat.

In diesem Hoheitsgebiet der Buchstaben, dessen Ausdehnung potenziell ins Unendliche tendiert, so hat sich Hans Eichhorn vielleicht gedacht, kommt man mit einem Fortbewegungsmittel rascher voran. Am Cover ist ein schönes altes Fahrrad zu sehen, es scheint nicht ident mit dem "Dreigangmarkenfahrrad", das durch den Text geistert und das seinerseits nicht ident ist mit dem Buchtitel. Denn Eichhorns zentrales Fortbewegungsmittel ist die Sprache, die sich konsequent und lustvoll weigert, Ordnung in die Vorfälle und Zufälle der Erzählwelt zu bringen, seien sie real, fantasiert oder in einem schwebenden Dazwischen angesiedelt. An glatten Oberflächen und vereinfachenden Interpretationen herrscht schließlich kein Mangel, an offenen Augen und wachen Sinnen für die Schräglagen unsere Realität hingegen schon.

Impuls: ein Satzfragment

Das Ganze funktioniert so: Eines Mitternachts ist ein reichlich unspektakuläres Satzfragment da, es lautet: "Nichtraucher und Antialkoholiker auf der Suche nach ". Daraus entsteht die Geschichte, die uns der Autor dann konsequent vorenthält. Er verteilt die beiden Charakteristiken auf zwei Figuren, Mann und Frau, die zugehörigen Namen Renate und Georg Freising findet er nach einigen Mühen, sie sind plötzlich als Namensschilder im Lindenbaum zu sehen, und auch ein Plot zeichnet sich ab: Die beiden werden einander begegnen, einer wird mit dem Fahrrad zum Date kommen, wer ist schon nicht mehr klar zu entscheiden, aber das Treffen ist wohl unausbleiblich, schließlich bewerben sich beide um denselben Job. Die Begegnung wird am Schluss des Buches noch nicht stattgefunden haben, aber das ist nicht weiter wichtig.

Hans Eichhorn galt lange Zeit als eine Art Geheimtipp -vor allem mit seinen ruhigen lyrischen Trouvaillen aus seiner Heimat am Attersee; seit einigen Jahren liefert er Stück um Stück verblüffend keck gebaute Prosatexte. Sicherheit ist nirgends, scheint die Botschaft, nur in der Welt der Buchstaben, die sind wie Ameisen, so Elias Canetti, und sie haben ihren eigenen geheimen Staat.

In diesem Hoheitsgebiet der Buchstaben, dessen Ausdehnung potenziell ins Unendliche tendiert, so hat sich Hans Eichhorn vielleicht gedacht, kommt man mit einem Fortbewegungsmittel rascher voran. Am Cover ist ein schönes altes Fahrrad zu sehen, es scheint nicht ident mit dem "Dreigangmarkenfahrrad", das durch den Text geistert und das seinerseits nicht ident ist mit dem Buchtitel. Denn Eichhorns zentrales Fortbewegungsmittel ist die Sprache, die sich konsequent und lustvoll weigert, Ordnung in die Vorfälle und Zufälle der Erzählwelt zu bringen, seien sie real, fantasiert oder in einem schwebenden Dazwischen angesiedelt. An glatten Oberflächen und vereinfachenden Interpretationen herrscht schließlich kein Mangel, an offenen Augen und wachen Sinnen für die Schräglagen unsere Realität hingegen schon.

Impuls: ein Satzfragment

Das Ganze funktioniert so: Eines Mitternachts ist ein reichlich unspektakuläres Satzfragment da, es lautet: "Nichtraucher und Antialkoholiker auf der Suche nach ". Daraus entsteht die Geschichte, die uns der Autor dann konsequent vorenthält. Er verteilt die beiden Charakteristiken auf zwei Figuren, Mann und Frau, die zugehörigen Namen Renate und Georg Freising findet er nach einigen Mühen, sie sind plötzlich als Namensschilder im Lindenbaum zu sehen, und auch ein Plot zeichnet sich ab: Die beiden werden einander begegnen, einer wird mit dem Fahrrad zum Date kommen, wer ist schon nicht mehr klar zu entscheiden, aber das Treffen ist wohl unausbleiblich, schließlich bewerben sich beide um denselben Job. Die Begegnung wird am Schluss des Buches noch nicht stattgefunden haben, aber das ist nicht weiter wichtig.

Eichhorn sieht mit scharfem Blick auf eine Gesellschaft, in der Arbeitsbiografien nur mehr bruchstückhaft gelingen.

Wichtig sind eher der Lindenbaum und der impulsgebende Satzteil. Darin liegt schon vieles verborgen. Im Lindenbaum sehen wir den Sommer der erzählten Zeit vergehen, durch sein Laub hindurch sehen wir mit der Erzählstimme, die sich fortwährend gegen störende Einwände eines anderen Alter Ego des Autors behaupten muss, auf das Treiben in den Straßen der Kleinstadt in Seenähe und in der Welt überhaupt; der Impulssatz wiederum zeigt, worum es dem Autor geht: Er sieht mit scharfem Blick auf eine Gesellschaft, in der Arbeitsbiografien nur mehr bruchstückhaft gelingen, das Ausfüllen von Bewerbungsunterlagen also zum lebensbegleitenden Ritual wird, und die all die großen Katastrophen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft medial gern überlagert, und sei es mit dem puritanischen Kampf gegen die kleinen Laster der kleinen Leute. Nicht zufällig gewählt ist auch die Art der ausgeschriebenen Stelle, um die sich Renate und Georg bewerben; sie hat mit den Spuren der NS-Vergangenheit im Salzkammergut zu tun: Die Werbeagentur sucht Mitarbeiter für die touristische Vermarktung der Gedenkstätte zu den Todesmärschen jüdischer Zwangsarbeiter, eine Gedenkkultur als Feigenblatt mit einkalkulierten Umwegrentabilitätseffekten.

Blick auf das Altbekannte

Den Generalpass des Buches aber bilden der Alltag, das Altbekannte und das "Nichtssagende" in Form von "Augenblickslebensblasensätzen", und die Sprachgirlanden winden sich mühe-und fugenlos fort und fort. Mit der Zeit werden Themenknoten sichtbar, die sich myzeelartig ausbreiten, verdichten, dann wieder ins Unscharfe verlieren. Immer wieder schweift der Blick aus dem Fenster, durch die Terrassentür, Natur wird sichtbar und kundig beschrieben, die Wechselfälle des Wetters, das reifende Obst, die Straße, der Parkplatz, der Supermarkt, und was lässt sich von diesem Autor-Kopf aus nicht alles (zusammen)sehen, das gar nicht sichtbar ist. All diese Alltagssätze und -szenen werden kunstvoll verflochten mit den changierenden Spekulationen über die beiden Protagonisten, die keine sind und keine sein sollen. Und nicht nur weil immer wieder "Jalousienblätter" eingespielt werden, liegt die Assoziation zum nouveau roman nahe. Eine Fantasie anregende Schule des Sehens und Denkens liefert Eichhorns "Fortbewegungsmittel" in jedem Fall.

Literatur

Das Fortbewegungsmittel

Von Hans Eichhorn

Residenz 2009

160 S., kart., € 18,50

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