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Hause nicht länger

Rüdiger Görners Lyrikband spielt feinsinnig Licht-und Dunkelsaiten des Lebens.

Rüdiger Görner schreibt nicht nur Lyrik, sondern beschreibt sie auch - als Kritiker und Literaturwissenschaftler. Das merkt man seinen Gedichten an. Denn selten stößt man auf so durchkomponierte klare Strukturen, metaphorische Dichtheit und Konzentration. Seinem Lyrikband "Herzsplitter" ist ein elegischer, ja manchmal auch melancholischer Grundton eigen. Schlüsselwörter wie Schatten, Schweigen, Mond, Traumgewächs oder Licht fungieren - fest eingespannt in das Kontinuum Zeit - als Synapsen für den poetischen Scanner, mit dem Görner die Wirklichkeit abtastet. Dass er alten lyrischen Formen Reverenz erweist, zeigen gleich zu Beginn seine Interpretationen von Elegie, Ode oder Hymne.

Natur und Stimmung

Inhaltlich treiben seine Gedichte jedoch in unterschiedliche Richtungen. Zunächst sind es Naturerfahrungen und Stimmungen, die er aufgreift, so zum Beispiel den lyrisch viel beschworenen Herbst. Da ist die Aufforderung, den Atem warmzuhalten, "bevor er zum Schatten wird / oder zum Standbild des Schemen" oder der Hinweis auf das Gehör, das bald zum Klang mutiert. Statt des Laubs werden Zifferblätter rot und fallen welk in den "schwarzen Schritt".

Man begleitet Görner auf Spaziergängen, reist mit ihm ans Wattmeer, nach Wien, London, Japan oder Paris und besucht mit ihm den Jardin des Plantes mit dem Rilkschen "Panthergrab". Görners Blick ist stark von Erinnerungen geprägt: Rodaun "hat sich längst widerrufen". Auch hier tost das Licht im Dickicht des Laubs, ein Blick versilbert Rosen, obwohl "asthmatisch die Wortklause / erkeucht". Görners Reflexionen setzen sich aber nicht an der lyrischen Betrachtung von Natur fest, sondern spülen sich in die Tiefe persönlicher Erfahrungen, wo eine Ahnung von Metamorphose zeitigt: "Im rodaunfernen Rodaun / werde ich stimmlos. // Aber gefügig auch." Und später: "Ich kam nach Rodaun, / um mich / zu verwechseln."

In Görners Lyrik stecken Traumwelten, Persönliches und Reflexives. Ein Flanieren in einem Londoner Park mit einem Gang durch ein Treibhaus lässt Gewächse zu fiktionaler Flora werden und stößt Gedanken an Unbehaustheit und Unendlichkeit an: "Etwas in mir sagt: Enthause dich, / suche kein Wohin, kein Woher, / züchte Spätlinge in dir. / Enthause das Haus, / schweig dich durchs Leben, / die Flugschneise über dir / und Sternenstaub um dich. / Hause nicht länger, zerstreue dich. / Im April wirkt selbst der Tod launisch." Das Sinnieren über Lebensstimmungen und Gefühlsmomente rieselt als Thema immer wieder in seine Gedichte. Sie münden in das Begraben von Erlebtem oder Zeit, zum Beispiel versenkt in der Tiefe der Themse. Vieles könnte hier zitiert werden, so etwa seine Version von Utopie: "Zu Zwillingen werden, / zu Brennpunkten / einer Ellipse; denn / Sehnsüchte brauchen / ihre Umlaufbahn."

Bilder und Metaphern

Görners Lyrik zeigt sich als großer, fein gewebter Bildteppich. Verbmetaphern verlinken sich zu ungewöhnlichen Wirklichkeitsaneignungen, Parisbilder künden von "Rachenblüten", vom zerschellten Schweigen "an den Mauern des Atems", von "Wortknospen im trocknen Brunnenrand". Diese metaphorisch aufgeladene Sprache komprimiert Görner, indem er Wahrnehmungsflocken mit Erinnerungssedimenten oder Reflexionen überlagert. Das Resultat ist eine konzentrierte, feinsinnige Lyrik.

Und was wäre Lyrik schließlich ohne Liebe? Einige seiner Gedichte öffnen sich den Zonen des Herzens, dem Wagnis eines "Lebens in Pyramiden". Auch hier gelingt ihm eine innovative poetische Sprache der Liebe und des Schmerzes. Wie felsenfest ist doch die Überzeugung des Liebenden: "nirgends war mehr Süden als in uns"! Es muss so sein, denn "als Frucht / blühst du // erntelos".

Herzsplitter

Gedichte von Rüdiger Görner

Otto Müller Verlag, Salzburg 2006

104 Seiten, geb., e 17,-

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