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Heilige Orte für alle Menschen

Millionen von Muslimen absolvieren dieser Tage die Pilgerfahrt nach Mekka. Es ist auffällig, dass sich alle Stellen, an denen der Koran von der Pilgerfahrt spricht, an alle MenschenrichtenundnichtnurandieMuslime. Zum Beispiel heißt es in Sure 22:27: "Ruf unter den Menschen zur Wallfahrt auf " und in Sure 3:97: "Die Menschen sollen Gottes wegen zum Haus wallfahren, falls es ihnen möglich ist." Im historischen Kontext dieser Verse sind die Araber auch in vorislamischer Zeit nach Mekka gepilgert. Die Menschen kannten also die Pilgerfahrt und waren mit diesem Ritus vertraut. Der Islam hat ihn adaptiert, allerdings mit monotheistischem Gehalt gefüllt. Mit anderen Worten können wir sagen, dass der Islam die Orte und Riten gewürdigt hat, die die alten Araber in seinem Verkündigungsraum für heilig hielten. Er versuchtediesenurvomdamalsverbreitetenAberglauben und von den polytheistischen Inhalten zu befreien.

Die Pilgerfahrt nach Mekka hat auch heute ihren wichtigen religiösen Stellenwert nicht erst durch die Verkündigung Mohammeds gewonnen, sondern schon dadurch, dass die Menschen in vorislamischer Zeit diesen Ort zur Pilgerstätte erklärt haben. Diese Tatsache schließt ein, dass der Islam bereit ist, auch die Pilgerstätten und-wege anderer Religionen anzuerkennen. Denn Orte werden erst dann heilig, wenn sie für die Menschen eine bestimmte Bedeutung haben, die sie an Gottesnähe, an Gottes Handeln in der Welt und an sein Dasein in ihr erinnert, weil sie Zeugnis davon ablegen.

Muslime sollten die koranische Einladung an alle Menschen, nach Mekka zu kommen, ernst nehmen, und statt Nichtmuslimen zu verbieten, diese Pilgerstätte zu betreten, gerade dort für interreligiöse Begegnungen sorgen.

Wenn nicht die heiligen Orte uns in Liebe und Frieden zusammenbringen, welche sollten dies sonst tun?

Der Autor leitet das Zentrum für Islamische Theologie an der Uni Münster

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