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Heutiges in fremde Epochen projiziert

Historische Romane sind oft Übungen, wie Hermann Hesse sie empfiehlt: Der Schreiber komponiert sich in eine Epoche hinein, um dort sich selbst oder sein Anliegen vorzustellen.

Die beiden hier besprochenen Romane sind dieser Art. Beide Autoren sind Franzosen, beide Schauplätze sind habsburgisches Europa, und die Epochen berühren sich. „Der Tod zu Wien“ handelt im Pestjahr 1679, „Farinelli“ fällt, kurz später, in Kaiserin Maria Theresias Lebenszeit. Barock die Kulissen, doch zeitlos die eigentlichen Themen.

Farinelli (1705-82), der Opernstar der Zeit, hält Rückschau auf sein Leben. Der alte Sänger, reich und hochgeehrt, war zeitlebens einsam. Er hadert noch immer mit seinem Schicksal, das ihm, dem Kastraten, die eine Potenz genommen hat, um ihm eine andere aufzuzwingen: seinen alle Welt betörenden Sopran. Diese Verlagerung beschäftigt die Romanfigur, erst in die Kunst hinein, dann aber ins Kunsttherapeutische und Politische. Er verläßt seine Publikumskarriere und singt zwanzig Jahre lang allabendlich für den geisteskranken König Spaniens seine Arien. Daneben ist er Generalintendant der Staatstheater und Intimus des Königs, mit einer Macht, die er, als Freund der Habsburger, am Hof der spanischen Bour-bonen bewußt und ehrlich einsetzt.

Der opernhafte Lebenslauf paßt zur politischen Geschichte, wo Oper bei Hof mehr ist als Zeitvertreib. Die Königsdramen mit ihren Verstrickungen sind ernsthafte Allegorie des politischen Geschehens: opera se-ria. Der Opernlibrettist, etwa Farinellis Freund Metastasio in Wien, ist Hofdichter und hat auf der Bühne das politische Programm zu formulieren. Soweit die Historie. Bomanhandlung im engeren Sinn ist dann des Farinelli Versuch, im hohen Alter den irreparablen Schnitt seines Lebens zu überspielen: Eine väterlich-zarte Liebe zum jungen Mozart wird erwidert, wichtig für den Alten wie den Jungen. Der eine findet endlich einen Sohn, der andere einen gütigen statt dem strengen Vater. Überliefert ist ihre Begegnung von 1770 nur kurz in einem Brief von Mozarts Vater. Der Roman nutzt diese beiläufige Notiz, um ganz im Hesse'schen Sinn eine glaubwürdige Vater-Sohn-Romanze in die Zeit hineinzuinszenieren.

Der Autor war musikalischer Berater beim Farinelli-Film. Vermutlich hat ihn der eher einfältige Film geradezu getrieben, sein Buch in dessen Kielwasser nachzuliefern: anschaulicher, reichhaltiger, feinfühliger. Sowohl Mozart wie die Höflingsrolle fehlen im Film. Die Lektüre wäre also für vom Film Enttäuschte Barockbegeisterte eine Entschädigung. Der biographisch und operngeschichtlich genauer Interessierte wird vielleicht zusätzlich eine umfassende Biographie mit Verzeichnis lesen, etwa die von Patrick Barbier, erschienen 1994.

Im „Tod zu Wien“, kurz vor der zweiten Türkenbelagerung, steht der Tod im Mittelpunkt: der Pesttod, aber auch Totgeburten, Morde, die achtlosen Elendstode, das Krepieren und Verkommen, das Morden von Inquisition, Reformation und Gegenreformation. Dies aber nicht schauerlich breitgemalt oder religiös verklärt, sondern auf ähnliche Weise, wie das Barock den Tod ausgehalten hat: als Tod im Leben, wie wir es heute so schwer verstehen wollen.

Ein einfaches Handlungsgerüst verbindet übersichtlich die wenigen Personen des Romans, mit teils echten, teils geschickt montierten Namen (Fürst Lichtenburg verschnitten aus Lichtenberg und Liechtenstein). Im übrigen ist die Stadt- und kulturgeschichtliche Kulisse so genau, daß die Autorin etwa zu den Tragsänften in einer Fußnote angibt, daß in Wien Sänften erst ein Jahrzent später aufgekommen sind.

Sucht man das Anliegen der Autorin, gerät man durchs Gerüst der Handlung und die geschichtlichen Fassaden hindurch in immer innerere Höfe. Der Blick sieht die Stände-gesellschaft in ihrer Pracht und Grausamkeit, nicht modern-kritisch, sondern mit den Augen der Gaffenden, etwa am Rande eines Festzuges, wo sie durch ihre Bewunderung hindurch untergründig merken, daß ihr Elend eben doch mit dem Prunk dort zusammenhängt. Aber es fehlt ihnen jeder Impuls zur Auflehnung; der Ruf nach Empörung ist an uns Heutige gerichtet. In einem Seitenblick erscheint das leopoldinische Judenpogrom von 1670; damals schon unangenehme böse Erbschaft. Der Blick des Romans erfaßt die Kurzlebigkeit der Lehren aus den Holokausten, wenn gleich nach der Pest, mit ihren 12.000 Toten, Glanz und Elend ungebrochen weitergehen, „als hätte die Pest zu Wien nie stattgefunden“.

Der Blick der Figuren geht, in unbeobachteten Momenten, oft ins Innere des Körpers, wo in minutiöser Reflexion das strömende Blut, die Organe, die Verdauung bedacht werden. Auch wieder barock und allzeit richtig: das Innere und Äußere gespiegelt sehen. Der Blick in den Körper kann poetisch sein oder finster, je nachdem. Abraham a Sancta Clara, seitenlang zitiert, benützt seine anatomischen Kenntnisse zu Ausfällen gegen Frauen: „die Haut des Weibes,... diese trügerische Hülle, diese lügnerische Verkleidung, dieser seidne Sack, der den Unrat vor unsren Augen verbirgt!“ Höchst wirkungsvoll, wie das eifernde Auge des Hofpredigers die Diffamierung der Frau an ihre Eingeweide knüpft. Juden und Frauen: Opfer ein und derselben Blickverstellung.

Christiane Singer malt ihre großen Tafeln mit überraschenden Metaphern, mit kostbaren Details, mit der Lupe, ohne dabei die Proportionen zu verlieren. Große Prosa-Poesie, historische Dramatik, und zeitlose Zeitkritik: Die Franzosen haben diese Mischung mit großen Literaturpreisen honoriert. Christiane Singer ist Generalsekretärin des österreichischen PEN-Clubs; sie lebt und schreibt in Österreich. Die deutsche Übersetzung durch die inzwischen verstorbene Helga Treichl erfaßt die Eleganz des Originals vollkommen und ist ein Muster für literarische Übertragung. So kommt beides zu uns unverfälscht: das Bild einer tödlich glänzenden Epoche, und die drängenden Anliegen der Autorin.

FARINELLI

Roman von Marc David

Aus dem Französischen von Hans Pleschinski.

Limes Verlag, München 1996. 25) Seiten, geb., öS 295,-

DER TOD ZU WIEN

Roman von Christiane Singer. Aus dein Französischen von Helga Treichl

List Verlag, München 1996. 220 Seiten, geb., öS 252,-

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