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Ich heiße Teebeutel

Im neuen Roman des schwedischen Krimi-Autors Henning Mankell wird nicht gemordet. Um Leben und Tod geht es aber auch bei seinem Blick auf Europas Namenlose und Unsichtbare: auf Immigrantinnen.

Noch steht Henning Mankells letzter Krimi "Die Rückkehr des Tanzlehrers" auf den Bestsellerlisten ganz oben und wird in Kennerkreisen als einer seiner besten gehandelt, da kommt schon wieder ein neues Buch des schwedischen Vielschreibers auf den deutschsprachigen Buchmarkt. Mankell-Liebhaber wissen bereits, dass der Regisseur nicht bloß ein exzellenter Kriminalromanverfasser und in dieser Eigenschaft Erfinder des schwedischen Kommissars Wallander ist. Der meist die Hälfte des Jahres in Mosambik lebende Autor thematisierte oft genug auch Lebensumstände in Afrika - einfühlsam "dokumentiert" etwa im Roman "Chronist der Winde". Zunehmend setzt sich Henning Mankell, dessen Gesellschaftskritik auch in seinen Krimis zu finden ist, vor allem für die Anliegen von Ausländern und Ausländerinnen in Europa ein.

Das war auch in "Butterfly Blues" so, jenem Auftragswerk, das am 10. Januar 2003 im Schauspielhaus Graz uraufgeführt wurde. Die vielen inhaltlichen Zusammenhänge zwischen diesem Theaterstück und dem 2001 verfassten und nun auch auf deutsch vorliegenden Roman bekamen auch eine äußere Form, ziert doch das Cover des neuen Buches das ausdrucksstarke Gesicht einer Darstellerin aus dem Drama. Tea-Bag lautet ihr titelgebender Name, und es ist offensichtlich, dass sich die schwarze Einwandererin diesen Namen selbst gegeben hat. So heißt sie ja nur, weil im Moment der Frage "Wie heißt du?" ihr Blick auf einen Teebeutel gefallen ist. Eine Szene, die sich übrigens auch in Mankells Theaterstück "Butterfly Blues" findet. Tea-Bag wird den Leser, aber auch den Lyriker Jesper Humlin durch das ganze Buch begleiten.

Wer ist sie also, diese geheimnisvolle Frau mit dem bezaubernden Lächeln? Die Leser wissen nur, dass sie Glück hatte, vor der Küste Spaniens als eine von wenigen von einem sinkenden Flüchtlingsschiff gerettet zu werden. Dann, so erzählt sie später, sei sie zu Fuß nach Schweden gekommen.

Der Schriftsteller Jesper Humlin wird aber nicht nur mit dieser Einwandererin konfrontiert, sondern auch mit Tanja und Leyla, zwei Mädchen aus ganz unterschiedlichen Kulturen. Die eine wurde unter Vorspiegelung falscher Tatsachen aus der Heimat ins Bordell gelockt, die andere leidet unter der patriarchalen Familie. Jasper Humlin, seines Zeichens Lyriker mit mäßigem Erfolg, der nach Ansicht seines Verlegers einen Kriminalroman schreiben soll, um endlich die erforderlichen Zahlen aufzuweisen, begegnet diesen Mädchen gegen seinen Willen. Er soll in einem Boxclub Schreibkurse abhalten und wird offensichtlich zum ersten Mal in seinem Leben mit anderen Kulturen konfrontiert, mit Menschen, die neben und vor seiner Haustüre leben und die er bisher nicht wahrgenommen hat. Wie sollte er auch, haben sie doch weder Namen, noch sind sie sichtbar. Man scheint ihnen auch nie so nahe kommen zu können, dass man ihre Geschichte erfährt. Einiges scheint ausgeborgt, erworben auf der Tauschbörse der Identitäten, die zum Überleben der Flüchtlinge in Illegalität nötig sind.

Die Ironie der Geschichte: Der Lyriker Humlin wirkt selbst viel gesichtsloser als diejenigen, die ihn dann in das wirkliche Leben stoßen. Diese literarische Figur erlaubt Mankell, Fragen der Bedeutung des Schreibens einzuflechten und den Literaturbetrieb satirisch aufs Korn zu nehmen. Was hat ein Schriftsteller zu sagen? Hat es etwas mit dem Leben zu tun? Aus seiner eigenen Überzeugung macht Mankell kein Geheimnis: Schreiben ist Auseinandersetzung mit Wirklichkeit.

Ob Mankells wenig glaubwürdiger Kunstgriff, die Mädchen derart poetisch ihre Leidensgeschichten erzählen zu lassen, gelungen ist, oder eher als Griff in den falschen Stiltopf verstanden werden wird, das mögen die Leser entscheiden. Offensichtlich ist, was Mankell damit intendierte: Dass nicht die Lyrik dieses Dichters, sondern die Erzählungen der Einwandererinnen Literatur sind, denn sie haben etwas zu erzählen: ihr Leben. Sie brauchen keine Schreibwerkstatt im Sinne einer Schulung, nur einen Ort, an dem ihnen zugehört wird.

Eines ist unverkennbar: hier hat ein Schriftsteller eine Botschaft zu verkünden. Mankell schreibt für eine humane Gesellschaft, in der es nicht notwendig sein sollte, Identitäten zu fälschen um anständig leben zu dürfen. Seine Bekanntheit als Bestellerautor, die er vor allem durch seine Kriminalromane gewonnen hat, nützt Mankell aus, um politische Signale zu setzen. Angesichts des durchaus brisanten Themas und des überzeugenden Engagements wird man ihm literarische Schwächen verzeihen. Wer ist so hartgesotten, dass ihm bei Sätzen wie diesen nicht kalt wird:

"Ich weiß nicht, woran es lag, daß gerade ich überlebte, als dieses Schiff an den Felsen zerschellte und verzweifelte Menschen da unten im Dunkel des Laderaums mit Klauen und Nägeln kämpften, um hinauf- und herauszukommen. Aber ich weiß, daß diese Brücke, die wir alle zu sehen meinten, als wir da am Strand am nördlichsten Punkt von Afrika standen, dem Kontinent, von dem wir flohen und um den wir schon trauerten, ich weiß, daß diese Brücke gebaut werden wird. Denn so hoch wird der Berg von zusammengepreßten Leichen auf dem Boden des Meeres einmal werden, das versichere ich dir, daß der Gipfel sich wie ein neues Land aus dem Meer erheben wird, und das Fundament aus Schädeln und Rippen wird die Brücke zwischen den Kontinenten schlagen, die keine Wächter, keine Hunde, keine betrunkenen Seeleute, keine Menschenschmuggler werden niederreißen können. Erst dann wird dieser grausame Wahnsinn enden, bei dem man angstvoll Horden von Menschen, die desperat um ihr Leben fliehen, in die Tunnel der Unterwelt hinabzwingt, so daß sie zu den Höhlenmenschen der neuen Zeit werden."

TEA-BAG

Roman von Henning Mankell. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel

Paul Zsolnay Verlag, Wien 2003

380 Seiten, geb., e 24,20

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