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"Ich wäre ein guter Diskjockey"

In einem seiner seltenen Interviews gewährt der Filmemacher Woody Allen interessante Einblicke in seine Arbeit, spricht über Hollywood und erzählt von seiner Leidenschaft für den Jazz und seiner Hoffnung, den amtierenden US-Präsidenten George W. Bush möglichst schnell loszuwerden.

Die Furche: Sie drehen jedes Jahr einen neuen Film. Wie viele Drehbücher haben Sie in der Lade liegen?

Woody Allen: Keines. Ich schreibe immer nur eines nach dem anderen und dann mache ich den Film. Ich hatte einmal ein Gespräch darüber mit François Truffaut, der genau das Gegenteil machte. Er schrieb zwei oder drei Drehbücher auf einmal und verfilmte sie dann. Ich würde da große Angstzustände bekommen, denn wenn ich ein Drehbuch fertig habe, muss ich es sofort verfilmen. Ich kann es nicht in die Schublade legen und etwas anderes beginnen.

Die Furche: Wenn Sie einen Film drehen, will halb Hollywood darin mitspielen. Haben Sie beim Schreiben Ihrer Geschichten bereits die Besetzung im Kopf?

Allen: Ich habe nie jemanden im Kopf, wenn ich schreibe. Das Problem, das es gibt, wenn man eine Story für einen bestimmten Schauspieler schreibt, ist, dass dieser dann auch dafür verfügbar sein muss. Wenn ich eine Rolle für Diane Keaton schreibe, dann ist das großartig, denn Diane ist eine gute Freundin und sie hat für meine Projekte immer Zeit. Aber wenn ich für Jack Nicholson schreibe und ihn anrufe, dann sagt er vielleicht: Ich habe Arbeit für die nächsten fünf Jahre.

Die Furche: Ihre Filme leben von Ihrem zweideutigen Humor. Wie wichtig sind Witze und Gags für Sie?

Allen: Ich glaube, dass in Witzen sehr viel Philosophie liegt. In guten Witzen gibt es einen großen Anteil an schnell formulierten Weisheiten. Ich bin sehr überrascht, wie viele Witze komplizierte Dinge in kürzester Form auf den Punkt bringen können. Das finde ich sehr erstaunlich.

Die Furche: In Ihren Filmen spielen Sie oft die Hauptrolle. Wie viel von Ihnen selbst steckt in diesen Figuren?

Allen: Ich stelle niemals eine Verbindung zwischen den Figuren, die ich auf der Leinwand darstelle, und mir her. Ich könnte natürlich immer einen anderen Schauspieler dafür besetzen, aber es ist oft der Weg des geringsten Widerstandes, solche Rollen selbst zu spielen, wenn ich sie mir zutraue und das richtige Alter habe. Natürlich wäre ich gerne noch ein junger Mann, um die jüngeren Figuren spielen zu können (lacht).

Die Furche: Ihre zweite große Leidenschaft ist der Jazz. Wie wichtig ist die Musik, die Sie spielen, für Ihre Filmarbeit? Gibt es da eine Verbindung?

Allen: Nein. Ich habe nur einmal Musik in einem meiner Filme gespielt - in "Sleeper" (1973), aber das ist die große Ausnahme gewesen. Was ich besonders mag: Die Musik für einen Film auszuwählen. Einen Film mit Musik zu unterlegen, bereitet mir den größten Spaß an der Filmarbeit. Wenn ich im Schneideraum sitze und der Film noch keinen Ton hat, keine Musik, wenn ich dann meine CDs auspacke und unter eine Szene ein Stück von Louis Armstrong lege - das ist großartig! Das ist soviel besser, als jemanden dafür zu bezahlen, damit er dir eine Filmmusik schreibt. Ich wäre übrigens sicher ein guter Diskjockey geworden, denn es bereitet mir sehr viel Spaß, Leuten zu sagen: Hör dir das mal an! Und dann das. Und das!

Die Furche: Wie beurteilen Sie die junge Filmszene in den USA?

Allen: In den USA ist es sehr hart für junge Filmemacher, gute Filme umzusetzen. Es kommt häufig vor, dass junge Regisseure sehr gute Erstlingsfilme drehen, doch danach hört man nichts mehr von ihnen. Eine Ausnahme ist Paul Thomas Anderson, der schon einige gute Filme gemacht hat; der dürfte ein echtes Talent sein. Aber die meisten viel versprechenden Regisseure kommen heute aus Europa, Asien oder Südamerika.

Die Furche: Warum ist das so?

Allen: Die Filmindustrie ist polarisiert: Auf der einen Seite gibt es Filme, die man nur schwer finanzieren kann, die nicht sehr viel einspielen und daher nur kurze Zeit im Kino zu sehen sind. Und dann gibt es Hollywood. Dort ist das Werbebudget eines einzigen Films so groß, dass damit ein genialer Filmregisseur wie Ingmar Bergman alle Filme seines Lebens machen hätte können! Es zeigt sich, dass Filme manchmal zum notwendigen Übel verkommen: Der Deal dahinter ist wichtiger als der Film. Es geht um die Ästhetik des Deals: Der Schauspieler Soundso bekommt 20 Millionen Dollar, einen eigenen Wohnwagen oder seinen privaten Trainer. Um den eigentlichen Film kümmert sich dann niemand. Am Ende kommt das Werbebudget, bei dem man wieder großspurig auftrumpft. Leider: Der Film ist das Unwichtigste dabei.

Die Furche: Wer ist an dieser Entwicklung schuld?

Allen: Das ist eine gute Frage. Ich denke, es sind die Leute, die den Film machen. Denen muss man die Schuld geben. Weil das Publikum diesen Teufelskreis niemals durchbrechen wird. Sie wollen dumme Filme, und man gibt ihnen dumme Filme. Wenn die Studios diesen Kreis durchbrechen würden und sich sagten: Wir machen jetzt etwas, auf das wir stolz sein können, dann würde sich mit der Zeit ein Publikum dafür finden. Das Publikum wird nie so organisiert sein und sagen: Wir gehen nicht in diese schlechten Filme, ihr müsst uns etwas Anspruchsvolleres geben! So etwas muss von oben kommen. Aber es wird nicht kommen, denn in diesem Geschäft steckt viel zu viel Geld drin.

Die Furche: Der US-Präsidentschafts-Wahlkampf hat eingesetzt. Viele Künstler ergreifen Partei. Sie auch?

Allen: Es gibt in Amerika viele Menschen wie mich, die sehnlich auf den Wahltag warten, an dem wir endlich einen neuen Präsidenten wählen können. Diese Regierung hat uns nichts Gutes gebracht. Nach dem 11. September gab es eine enorme Portion guten Willens für die Regierung. Ich glaube nicht, dass es bei der Wahl damals überall mit rechten Dingen zugegangen ist. Als die Regierung dann die Macht hatte, sagten alle: Oh, das wird schrecklich! Aber dann passierte der 11. September und alle versuchten, sich hinter den Präsidenten zu stellen, eine Art patriotisches Zusammenrücken. Und dann hat Bush diesen guten Willen sukzessive verschleudert. Niemand mag ihn, vertraut ihm oder glaubt ihm. Niemand traute der Regierung zu, die Situation im Irak auf kreative Weise zu beenden. Bush wurde von einem Präsidenten, dem vor einigen Monaten eine Wiederwahl sicher gewesen wäre, zu einem, dem man jetzt gute Chancen gibt, zu verlieren.

Das Gespräch führte Matthias Greuling.

Ein New Yorker, der HollywoodGlamour meidet

Woody Allen, Filmemacher und jüdischer Vorzeige-Intellektueller, wurde 1935 als Allan Stewart Konigsberg in New York geboren. In seiner bald 40-jährigen Karriere schuf er unvergessliche Filmmeisterwerke wie "Der Stadtneurotiker" (1977), "Hannah und ihre Schwestern" (1986) oder "Bullets Over Broadway" (1995). Bei seinen Filmen zeichnet Allen stets für Regie und Drehbuch verantwortlich. Nicht selten ist er als Darsteller schusseliger, tablettenabhängiger, verzweifelter Intellektueller zu sehen. Mehrfach spielte er einen Filmemacher, der an seiner Arbeit scheitert.

Sein neuer Film "Anything Else" kommt im Oktober in die österreichischen Kinos.

Allen ist ein Multitalent, das nicht nur die amerikanische Komödie, sondern auch das Bild eines multikulturellen New York, Schauplatz fast all seiner Filme, geprägt hat. Denn zu allererst ist Woody Allen ein New Yorker, dann erst ein Filmemacher, aber einer, der Hollywood-Glamour entschieden meidet. Der 68-Jährige, der Ingmar Bergman, Federico Fellini und Anton Tschechow als seine Idole bezeichnet, kann jedoch mehr: Seine Liebe gilt dem Jazz, den er mit seiner Band - er selbst spielt Klarinette - bei ausgedehnten Tourneen zum Besten gibt. MG

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