Grand_Hotel - © Foto: Wikipedia/Florstein (cc by-sa 3.0)

Ilja Leonard Pfeijffer: Wo liegt Europa?

1945 1960 1980 2000 2020

Ilja Leonard Pfeijffers opulenter Roman „Grand Hotel Europa“ beschäftigt sich mit den Folgen des identitätszerstörenden, durchkommerzialisierten Tourismus – elegant erzählt und oft komisch.

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Ilja Leonard Pfeijffers opulenter Roman „Grand Hotel Europa“ beschäftigt sich mit den Folgen des identitätszerstörenden, durchkommerzialisierten Tourismus – elegant erzählt und oft komisch.

Hotels sind treffliche Schauplätze, um menschliches Verhalten in Ausnahmesituationen, in Zonen des Übergangs, der Ungebundenheit und des Außergewöhnlichen zu studieren. Wer sich für längere Zeit in einem Hotel einquartiert, klinkt sich aus dem Hier und Jetzt aus, schickt sich womöglich an, sein Leben Revue passieren zu lassen und danach zu neuen Ufern aufzubrechen.

Der 1968 in den Niederlanden geborene und in Genua lebende Ilja Leonard Pfeijffer weiß um die Möglichkeiten, die das Genre des Hotelromans bietet, und nutzt diese in seinem opulenten „Grand Hotel Europa“ weidlich aus.

Das – an einem nicht genau bestimmten südlichen Ort gelegene – Grand Hotel hat seine besten Tage hinter sich. Sein von alteuropäischem Charme durchtränktes Ambiente scheint nur noch für Gäste attraktiv, die lieber zurück als nach vorne blicken, und vermag es nicht mehr, die Reisenden aus aller Welt anzulocken.

Kein Wunder, dass sich die steinalte Besitzerin, die ihr Zimmer nicht mehr verlässt, entschlossen hat, ihr Hotel an einen reichen Chinesen zu verkaufen. Dass dieser mit gediegenen europäischen Traditionen wenig am Hut hat und das Hotel alsbald nach gängigen Wellness­-Standards umgestaltet, überrascht nicht. Die Stammgäste und der das Hotelgeschehen streng überwachende Majordomus Montebello sehen diesem Wandel mit Schrecken entgegen.

Fiktion in der Fiktion

Ilja Pfeijffer – so heißt nicht nur der Autor dieses Romans, sondern auch sein Hauptakteur, der sein Geld als Schriftsteller verdient und Bücher schreibt, die große Ähnlichkeit mit denen haben, die der nicht fiktionale Pfeijffer veröffentlicht. Vom Leben ist dieser Held von barocker Statur gebeutelt. Seine Freundin, eine Kunsthistorikerin mit dem vielsagenden Namen Clio, hat eine Stelle in der Louvre-­Dependance im fernen Abu Dhabi angenommen, was der Liebesbeziehung ein jähes Ende zu bereiten scheint.

In die Wüste mag Ilja Clio nicht folgen, denn mit Haut und Haaren gehört er dem alten Europa an und kann nicht leben, ohne dessen Geschichte auf Schritt und Tritt in sich aufzunehmen. Ganz anders als die chinesischen Touristen, die Europas Hotspots besuchen, um zu sehen, „wie unsere Vorfahren einmal gelebt haben“.

Ilja verwendet seinen Hotelaufenthalt darauf, sich an die entschwundene Clio, an ihr gemeinsames Leben in Venedig zu erinnern und gleichzeitig ein Buchprojekt voranzutreiben, das die verheerenden Auswirkungen der modernen Reiseindustrie beleuchten soll. Die reichhaltigen Mahlzeiten bieten ihm zudem die Gelegenheit, mit anderen Gästen, die meist im Herbst des Lebens stehen, große gesellschaftliche und kulturelle Themen bei schwerem Rotwein zu erörtern.

Als sich eine amerikanische Familie ins Grand Hotel Europa verirrt, ergreift der an allen sinnlichen Genüssen interessierte Ilja die Gelegenheit beim Schopf und zieht sich mit der halbwüchsigen Memphis aufs Hotelbett zurück. Die leicht klebrigen, eine hohe Orgasmusfrequenz aufweisenden Sexszenen zählen übrigens nicht zum Besten, was dieser Roman aufzuweisen hat.

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