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Das neue FURCHE-booklet

Booklet Nov 12-13 - © Haymon
Literatur

Im Niemandsland und Nirgendheim

1945 1960 1980 2000 2020

Atmosphärische Dichte und erzählerische Intensität: Christoph W. Bauers neuer Roman „Niemandskinder“.

1945 1960 1980 2000 2020

Atmosphärische Dichte und erzählerische Intensität: Christoph W. Bauers neuer Roman „Niemandskinder“.

Man verliert eine Heimat nach der anderen.“ Dieser Satz von Joseph Roth, 1938 im Pariser Exil niedergeschrieben, geht dem Protagonisten von „Niemandskinder“ durch den Kopf, während er im „Tournon“, seinem Pariser Café, sitzt und zum Geschäft auf der gegenüberliegenden Straßenseite starrt, wo seine Geliebte Samira arbeitet. Von Anfang an ist die Liebe zwischen der Tochter marokkanischer Einwanderer, die sich für ihre Wohnadresse schämt, und dem jungen schwärmerischen Lyriker, der ihr Einkaufslisten wie Gedichte seiner Lieblingspoeten aufsagen könnte, eine schwierige Liebe. Die Lebensentwürfe und Erwartungen sind zu unterschiedlich, es kommt zum Zerwürfnis.

Fünfzehn Jahre später, kurz nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo im Jänner 2015, macht sich der Ich-Erzähler erneut in die Stadt auf, um sich auf die Spuren seiner verlorenen Liebe zu begeben, aber auch, um seinen Freund Stefan zu besuchen. Die beiden verbindet, dass sie als Zugezogene in einem Tiroler Wintersportdorf aufwuchsen. Stefan ist historischer Dokumentarfilmer und wegen seiner Liebe Sandrine nach Paris gezogen, der Ich-Erzähler hat seine Schriftstellerkarriere aufgegeben und ist Zeithistoriker. Stefan übergibt ihm ein wichtiges Dokument, das in Zusammenhang mit der Geschichte einer Frau steht, die den Protagonisten nicht mehr loslässt: die Biographie von Marianne, „geboren 1946, eine Innsbruckerin ihre Mutter, ihr Vater ein marokkanischer Soldat aus dem 4. Gebirgsregiment“. Als Tirol und Vorarlberg 1945 unter französische Besatzung kamen, bestanden die ersten Einheiten aus marokkanischen Soldaten, die, selbst auf der untersten militärischen Hierarchiestufe, bald wieder abgezogen wurden. Die Kinder, die aus der Verbindung von Österreicherinnen und marokkanischen Soldaten hervorgingen – aus Liebesbeziehungen, aber auch aufgrund von Vergewaltigungen –, führten, durch ihre dunkle Hautfarbe stigmatisiert, ein von der Tiroler Gesellschaft geächtetes Leben, erlebten Rassismus und Ausgrenzung.

Der Protagonist versucht, sich ein Bild von Marianne und ihrem Leben zu machen. Dabei trifft er auf Elisabeth, auch sie ein „Niemandskind“. Mittlerweile eine alte Frau, berichtet sie in mehreren Briefen von der Zeit unmittelbar nach dem Krieg. Der Erzähler bringt in Erfahrung, dass Marianne seit vielen Jahren abgängig gemeldet ist. Und so wird eine Verschwundene, die ihr Geheimnis allerdings nicht preisgeben wird, zum heimlichen Zentrum des Romans, von dem aus die Fäden in die unterschiedlichsten räumlichen und zeitlichen Richtungen gezogen werden (der Roman spielt auf mehreren Zeitebenen): vom Nachkriegs-Innsbruck zur Jahrtausendwende, die der Protagonist in Paris verlebt, wo – wie im Rest der EU – gegen das Haider-Österreich demonstriert wird, und von hier bis in die österreichische Gegenwart mit erneutem „Herkunftsgelaber“ und „Stammbaumgerede“.

Man verliert eine Heimat nach der anderen.“ Dieser Satz von Joseph Roth, 1938 im Pariser Exil niedergeschrieben, geht dem Protagonisten von „Niemandskinder“ durch den Kopf, während er im „Tournon“, seinem Pariser Café, sitzt und zum Geschäft auf der gegenüberliegenden Straßenseite starrt, wo seine Geliebte Samira arbeitet. Von Anfang an ist die Liebe zwischen der Tochter marokkanischer Einwanderer, die sich für ihre Wohnadresse schämt, und dem jungen schwärmerischen Lyriker, der ihr Einkaufslisten wie Gedichte seiner Lieblingspoeten aufsagen könnte, eine schwierige Liebe. Die Lebensentwürfe und Erwartungen sind zu unterschiedlich, es kommt zum Zerwürfnis.

Fünfzehn Jahre später, kurz nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo im Jänner 2015, macht sich der Ich-Erzähler erneut in die Stadt auf, um sich auf die Spuren seiner verlorenen Liebe zu begeben, aber auch, um seinen Freund Stefan zu besuchen. Die beiden verbindet, dass sie als Zugezogene in einem Tiroler Wintersportdorf aufwuchsen. Stefan ist historischer Dokumentarfilmer und wegen seiner Liebe Sandrine nach Paris gezogen, der Ich-Erzähler hat seine Schriftstellerkarriere aufgegeben und ist Zeithistoriker. Stefan übergibt ihm ein wichtiges Dokument, das in Zusammenhang mit der Geschichte einer Frau steht, die den Protagonisten nicht mehr loslässt: die Biographie von Marianne, „geboren 1946, eine Innsbruckerin ihre Mutter, ihr Vater ein marokkanischer Soldat aus dem 4. Gebirgsregiment“. Als Tirol und Vorarlberg 1945 unter französische Besatzung kamen, bestanden die ersten Einheiten aus marokkanischen Soldaten, die, selbst auf der untersten militärischen Hierarchiestufe, bald wieder abgezogen wurden. Die Kinder, die aus der Verbindung von Österreicherinnen und marokkanischen Soldaten hervorgingen – aus Liebesbeziehungen, aber auch aufgrund von Vergewaltigungen –, führten, durch ihre dunkle Hautfarbe stigmatisiert, ein von der Tiroler Gesellschaft geächtetes Leben, erlebten Rassismus und Ausgrenzung.

Der Protagonist versucht, sich ein Bild von Marianne und ihrem Leben zu machen. Dabei trifft er auf Elisabeth, auch sie ein „Niemandskind“. Mittlerweile eine alte Frau, berichtet sie in mehreren Briefen von der Zeit unmittelbar nach dem Krieg. Der Erzähler bringt in Erfahrung, dass Marianne seit vielen Jahren abgängig gemeldet ist. Und so wird eine Verschwundene, die ihr Geheimnis allerdings nicht preisgeben wird, zum heimlichen Zentrum des Romans, von dem aus die Fäden in die unterschiedlichsten räumlichen und zeitlichen Richtungen gezogen werden (der Roman spielt auf mehreren Zeitebenen): vom Nachkriegs-Innsbruck zur Jahrtausendwende, die der Protagonist in Paris verlebt, wo – wie im Rest der EU – gegen das Haider-Österreich demonstriert wird, und von hier bis in die österreichische Gegenwart mit erneutem „Herkunftsgelaber“ und „Stammbaumgerede“.

… nichts fiel mir ein außer ein Satz von Joseph Roth: Man verliert eine Heimat nach der anderen.

Christoph W. Bauer: „Niemandskinder“

Zum anderen aber auch in das Paris von heute, in dem Terror und die Angst davor herrschen und wo die unaufgearbeitete Kolonialgeschichte der Grande Nation die sozialen Konflikte in den Banlieues – und nicht nur dort – befeuert. Da ist zum Beispiel Sandrine, Stefans Frau, eine Bürgerliche par excellence, die politisch nach rechts abzudriften droht, oder Rachid, ein Freund Samiras, voller Zorn und Wut auf Frankreich, der sich von dessen Idealen verraten und ausgegrenzt fühlt.

Da ist aber auch das Paris der Dichter und Schriftsteller, das dem Protagonisten wesentliche, unhinterfragbare Heimat war, welche ihm aber verloren ging: Ein selbstvergessen poetisches Flanieren ist im Paris des neuen Jahrtausends nicht mehr möglich. Die Desillusionierung des Blicks bezieht sich dabei nicht nur auf die Stadt, sondern auch auf seine Liebe zu Samira.

Wie bereits in früheren Prosawerken greift Christoph W. Bauer auch in seinem neuen Roman verborgen gebliebene Aspekte der Geschichte Innsbrucks auf. In „Niemandskinder“ wagt er den Schritt hin zur Verbindung von Imagination und Historie und lässt die zahlreichen historischen Recherchen in fiktive Biographien münden. Dabei spannt er anhand der einzelnen Figuren große geschichtliche Bögen, deren Lebensgeschichten, vor allem jene der zumeist abwesenden Väter und Großväter, bis in die Gegenwart hineinwirken. Dadurch gehen die unterschiedlichen Zeitebenen ineinander über, verschwimmen letztendlich. Aufgrund der atmosphärischen Dichte und erzählerischen Intensität, die dadurch entstehen, kann der Roman zu Recht als das reifste, bisher sprachlich flüssigste und kompositorisch ausgefeilteste Prosawerk von Christoph W. Bauer bezeichnet werden.

„Niemandskinder“ ist aber auch ein Roman über das Scheitern an den Bildern, die man von den Anderen hat, ein Scheitern am Nicht-Wissen(-Wollen) und der Nicht-Auseinandersetzung, sowohl im Persönlichen als auch im Politischen. So reflektiert der Protagonist darüber, ob er in Samira nicht immer nur die „Andere“ und das Fremde sah, das ihn reizte; auf historischer Ebene ist es unter anderem die kurze Zeitspanne der gemeinsamen Geschichte von Westösterreich und Frankreich, die im kollektiven Gedächtnis der beiden Länder völlig unterschiedlich verankert ist.

Hauptprotagonistinnen sind dabei die zwei großen weiblichen Abwesenden, Samira und Marianne, beide Niemandskinder auf ihre spezifische Art und Weise, so wie letztendlich auch die anderen Figuren im Roman: Alle haben etwas verloren, sind nie angekommen, immer unterwegs, heimatlos, verunsichert, im Niemandsland und Nirgendheim. Das spiegelt der Roman, der jegliche Sicherheiten und Zuschreibungen hinterfragt und vieles ins Schweben bringt, auf ganz wunderbare Weise.

Niemandskinder - © Haymon
© Haymon
Literatur

Niemandskinder

Roman von Christoph W. Bauer

Haymon 2019

184 S., geb., € 19,90