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Digital In Arbeit

Immer aktiv, nur kein süßes Nichtstun

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Was fangt man bloß mit der vielen Freizeit an? Die Amerikaner huldigen einem neuen Trend: dem „Freizeit-Hopping". Der Terminkalender diktiert, wieviel sie in der arbeitsfreien Zeit schaffen müssen.

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Was fangt man bloß mit der vielen Freizeit an? Die Amerikaner huldigen einem neuen Trend: dem „Freizeit-Hopping". Der Terminkalender diktiert, wieviel sie in der arbeitsfreien Zeit schaffen müssen.

Leben wir heute in einer Arbeitsoder in einer Freizeitgesellschaft? Sicher fordert die jahrhundertealte Tradition, nur die Arbeit in den Mittelpunkt unseres Lebens zu stellen, nach wie vor ihren Tribut. Unsere Fähigkeit, Freizeit zu genießen und für uns selbst zu nutzen, ist vielfach verkümmert. Leider erleben viele, die arbeiten, ihre Freizeit vorwiegend als Einkaufsstreß oder anstrengendes Massenvergnügen, wenn sie zum Beispiel Surfbrett neben Surfbrett auf dem viel zu kleinen See balancieren oder in der Schlange der Schifahrer vor überlasteten Liften warten.

Wenn Arbeit, vielleicht sogar jenseits einer 35-Stunden-Woche bereits andiskutiert wird, wird die Debatte um die Gestaltung der Freizeit umso wichtiger. Kann ein größeres, noch nicht erfahrbares Maß an Freizeit unser Leben mit neuem Sinn ausfüllen? Oder bringt es bisher ungeahnte Schwierigkeiten, da auch für die Innovationen der Freizeit Grenzen bestehen?

Die Freizeitindustrie ist die Wachstumsindustrie par excellence. Es gibt Prognosen, denen zufolge sie im nächsten Jahrhundert zur wichtigsten aller Industrien avancieren könnte. Sie ist ja bereits heute einer unserer größten Arbeitsplatzbeschaffer. Unter diesem Aspekt ergibt sich ein Widerspruch: Die Freizeit, die eigene wie die der anderen, macht den Menschen zunehmend mehr Arbeit. Ist diese Arbeit sinnvoll?

Landschafts- und Naturzerstörung durch Urlaub und Freizeit haben sich mittlerweile zu einer ernsten Gefahr für unsere Umwelt entwickelt. Die Freizeitindustrie hat die arbeitsfreie Zeit vieler im Sinn der Profitmaxi-mierung verformt: Mit immer aufwendigeren Illusionsangeboten hält sie uns bei Laune. Angesichts einer als sinnlos erlebten Arbeit und einer konsumfixierten Freizeit sollte man die individuellen Freiräume der arbeitsfreien Zeit einer neuen Betrachtung unterziehen. Was kann freie Zeit sein, wenn sie mehr enthalten soll als Konsum-Zeit?

Wer denkt heute in seiner „freien Zeit" etwa noch an kreative Beschäftigungen wie Handarbeit, Musizieren, Malen, Schreiben? Wer denkt in der Freizeit an „Sozialzeit", Zeit für andere, sich Zeit nehmen für Einsame, Behinderte, Schwache, Isolierte? Diese Alternativen sind sicher vielfach vorhanden, leider oft nur in Ansätzen, immer in der Gefahr, von der Freizeitindustrie aufgesogen zu werden.

Heute haben wir - abzüglich Schlaf -bereits mehr arbeitsfreie Zeit als Arbeitszeit. Was wollen wir also noch mehr? Haben wir eigentlich auch gelernt, unsere Freizeit richtig zu genießen? Nein, denn einen großen Teil unserer arbeitsfreien Zeit haben wir nicht wirklich zur freien Verfügung. In diese Zeit fallen nämlich auch Essen und Trinken, Hygiene und Hausarbeit, Behördenwege und der Arztbesuch, gänzlich „unfreie" Tätigkeiten, oft alles andere als angenehm. Es sind Notwendigkeiten, eine sogenannte „Obligationszeit", die manchmal sogar noch mühsamer ist als unsere Arbeit im Geschäft oder im Büro. Umfang und Zahl solcher Alltagsarbeiten nehmen in dem Maße, in dem unsere Umwelt immer mannigfaltiger wird, zu. Zwischen Arbeits- und Freizeit ist eine diffuse Grauzone entstanden.

Für die Zeit zum Genießen, für die Zeit für uns, für die Zeit, die wir souverän gestalten können, bleiben uns oft nur der Samstagnachmittag, der Sonntag und der Urlaub. Da gilt es dann umsomehr, keine „Genußzeit" zu verlieren, um den fünf „S" der Soziologen gerecht zu werden. Selber -machen, Spontaneität, Sozialkontakte, Sich-entspannen und Spaß. Zu diesen fünf „S" aktiver Freizeitnutzung hat sich aber längst ein sechstes dazu-gesellt: der Freizeitstreß.

In der Arbeit oft gehetzt, können wir scheinbar auch in der Freizeit keine Ruhe finden. Wir neigen dazu, alles zu nehmen, was wir bekommen können und wollen jede Faser dieser für uns so wertvollen Zeit so intensiv wie nur möglich genießen. Die Segnungen der Freizeit können wir uns, wie es scheint, nur im Streß aneignen. So heißt das neueste Freizeitvergnügen in den USA „Hopping". Die meist jungen „Hopper" springen eilig von Party zu Party, wechseln im Großkino von Film zu Film, um den jeweiligen Höhepunkt nicht zu verpassen, nicht aber deshalb, weil die Party sterbenslangweilig ist oder weil der Film eine Enttäuschung ist, das „Hopping" geschieht nicht spontan, sondern nach einem präzisen, im voraus auf die Minute genau ausgearbeiteten Freizeit-Terminkalender. „Hopping" ist ein Sport, bei dem der gewinnt, der mit ausgeklügelter Zeiteinteilung an einem Abend ein Maximum an Terminen wahrnimmt. Die Touristikbranche beeilt sich, dem Trend zu folgen: Für Inselfreunde hat sie „Island-Hopping" im Angebot, bei dem die Urlauber soviel wie möglich an exotischen Ferieninseln „abhaken" können; für Schifans gibt es den „Drei-Länder-Schipaß", der berechtigt in einem einzigen Urlaub verschiedene Pisten in Österreich, der Schweiz und Italien hinabzuwedeln. Ein Urlaubs-Pflichtprogramm für diejenigen, die den altbekannten „Europa-in-fünf-Tagen"-Streß bereits hinter sich gebracht haben.

Kindische Dummheiten, für gänzlich Unkultivierte, nur von kurzem Reiz? Nein! „Hopping" hat ja bereits auch von unserem Alltag Besitz ergriffen. „Tele-Hopping" gehört heute für viele zur beliebten abendlichen Beschäftigung. Wem ein Programm nicht gefällt, springt mittels Fernbedienung in ein anderes, ohne sich vorher selektiv mittels Fernsehprogramm zu überlegen, welche Sendung überhaupt von Interesse ist.

Das Wissen um die eigene Entbehrlichkeit treibt die Freizeitindustrie zu rastloser Betriebsamkeit. Die goldenen Ketten, mit denen sie uns an sich fesselt, müssen immer enger gezurrt werden. Egal, ob einsame Insel oder Stadtpark, Sportclub oder Fernsehsessel: Wohin auch immer wir mit unserem Buhe-, Reise- oder Bewegungsbedürfnis fliehen, die Freizeitindustrie ist schon längst da. Die Manager, in der Angst, daß wir sie auf ihren Produkten sitzenlassen, gönnen uns keine ruhige Minute mehr, um uns vom Freizeitkonsum zu erholen, genauso wie der Computer immer schon die nächste Aufgabe parat hat, während wir noch nach der Lösung der vorangehenden suchen. Einen dauerhaften, weil wiederholbaren Erfolg verspricht es, die Produkte der Freizeit auf „Doppelnutzen" zu trimmen. So sind zum Beispiel die Zeiten der Nur-Surfer vorbei, wie auf einer Fachmesse der Sportartikelbranche frohlockt wurde. „Heute fahren die Leute mit Surfbrett, Tennisracket und Golfset im Kofferraum in den Urlaub. Sie gestalten ihren Urlaub vielseitiger." Zu jeder Sportart gehört natürlich auch ein spezielles modisch passendes Outfit

Schließlich haben wir auch bei vielen Beschäftigungen in der Freizeit (und im Haushalt) mindestens einen Sinn oder eine Hand ungenutzt, sprich „frei". Welche Chancen eröffnen sich hier für eine zusätzliche Verwendung! (Erinnert stark an Chaplins Film „Modern Times", in dem gleichzeitig Schrauben gedreht und er selbst mechanisch gefüttert wird.)

Heute ist man aufgefordert, beim Skifahren gleichzeitig Walkman zu hören, während der Wartezeiten am Lift kann man am aufgebauten Riesenbildschirm den neuesten Fernsehclipsehen. Kalifornische Waschsalons bieten unter dem Motto „clean and lean" (sauber und schlank) Fitneßcenter-Service: „Während sich Ihre Wäsche in der Trommel dreht, haben Sie schon eine Garnitur durchgeschwitzt." Einer der größten Medienkonzerne in den USA, „Turner TV", stellt versuchsweise Supermärkten Fernsehgeräte zur Verfügung, aufzustellen an der Kasse, um die Menschen in der Warteschlange mit den neuesten Videoclips zu zerstreuen - natürlich gegen Münzeinwurf. Warum in Zukunft also nicht zeitgleich Musik hören, Tennis spielen, Flippern, Fernsehen oder HiFi-Genuß per Kopfhörer mit Heimwerken verbinden?

An immerhin rund 40 Prozent der Menschen gehen die Angebote der Freizeitindustrie jedoch noch immer vorbei. Es ist die große Gruppe der „Sparkonsumenten" mit geringem Einkommen - das sind Familien mit mehreren Kindern und allenfalls durchschnittlichen Einkommen, Arbeitslose, Studenten und Pensionisten. Sie alle müssen ihr Geld zusammenhalten und geben nur wenig davon für die vielgerühmte „Freizeit" aus. Fernsehen und Heimwerken stehen im Mittelpunkt, ergänzt durch konsumschwache Freizeitbeschäfti -gungen wie Radfahren (mit ganz normalem Fahrrad statt mit dem Moun-tainbike), Wandern, Lesen und Resuch bei Freunden. Sie sind die Aschenbrödel der Freizeitindustrie. Für sie ist das Wort „Freizeitstreß" ein echtes Fremdwort geblieben.

Die Autorin ist

freie Publizistin in Wien

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