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Ist die „Furche“ anders geworden?

Zehn Jahre bleiben nicht ohne Spuren in den Gesichtern der Menschen. Hier gräbt sich eine Falte ein, dort prägt ein besonderes Erlebnis irgendein Antlitz, Schatten überfallen manche Augen, andere leuchten von neuer, wiedergewonnener Lebensfreude. Auf unserer rastlosen Wanderung durch die Zeit nehmen wir diese Veränderungen im Aeußeren unserer Weggenossen kaum wahr — von unseren eigenen ganz zu schweigen. Deutlich wird einem die Drechslerarbeit der Zeit — was für einer Zeit! — erst dann, wenn uns ein Gefährte aus den harten und entbehrungsreichen Tagen von Anno 1945, den wir aus den Augen verloren haben, plötzlich wieder gegenübertritt. Die Ueberraschung und anfängliche Befangenheit ist bald überwunden, die Entscheidung aber fällt später: Erst im vertrauten Gespräch, wenn Aeußerlichkeiten nicht mehr zählen. Jetzt erkennen wir, ob unser Gefährte aus gemeinsamer schwerer Zeit „der alte“ geblieben ist, ob er sich denselben klaren Blick, die Grundsatztreue und das unbestechliche Urteil — alles Eigenschaften, die ihn einst ausgezeichnet und ihn uns liebenswert gemacht hatten — bewahrt hat und sie auf die Gegenwart anzuwenden weiß. Oder aber: ob er vielleicht auch geistig „saturiert“ geworden ist oder vornehm vor den Anforderungen einer anderen Zeit resigniert — was übrigens nicht immer Gegensätze sein müssen...

Auch mit einer Zeitung verhält es sich ähnlich. Ist sie durch lange Jahre unser ständiger Begleiter, so werden uns allmähliche Veränderungen in ihrem „Gesicht“ kaum auffallen. Auch die „Furche“ konnte — und wollte — sich diesem Gesetz des Lebens nicht entziehen. Neue Rubriken wurden geschaffen, an die Stelle der wissenschaftlichen Beilage „Die Warte“, die vor allem in den ersten Jahren nach 1945 die wichtige Funktion einer Bestandaufnahme des un-zerstörten und unzerstörbaren Kulturgutes unseres Landes diente, ist die Beilage „Der Krystall“ getreten. Hier hat das literarische Schaffen der besten Federn des In- und des Auslandes seinen Raum. Auch im Bilderschmuck unseres Blattes hat eine allmähliche Wandlung stattgefunden. Suchte das Auge inmitten der materiellen und geistigen Trümmer unserer Umwelt in den ersten Nachkriegsjahren vor allem Harmonie, Ordnung und Kraft — alles Eigenschaften, die die uns erhaltenen Kunstdenkmäler aus den großen Epochen unserer Geschichte ausstrahlen —, so war es später der deutlich vernehmbare Wunsch der „Furche“-Leser, an dem großen Aufbauwerk unserer Heimat auch im Bilde Anteil zu nehmen, und das künstlerische Schaffen der jüngsten Vergangenheit wie der Gegenwart kritisch mit eigenen Augen zu verfolgen. Neu gezeichnete „Köpfe“ einzelner Rubriken lösten Entwürfe der „Gründerzeit“ ab, verschiedene Satztypen waren Aen-derungen unterworfen — das sind die Falten und neuen Züge im Gesicht einer Zeitung, kaum bemerkt von den treuen Weggenossen.

Ueber den Charakter eines Blattes aber gibt allein das geschriebene Wort Auskunft. Linter welchem Gesetz die „Furche“ seinerzeit angetreten, wurde von berufener Seite schon an der Spitze dieser Nummer in Erinnerung gerufen. Diese Worte bedürfen keines Kommentars. Allein: vielleicht ist heute der richtige Tag, um ein Wort an jene „Freunde“ unseres Blattes zu richten, in dertn Kreisen man gerne davon spricht, daß die „Furche“ „anders“ geworden ist. Was hier geflüstert wird, das hat

das Blatt des politisch gescheiterten Ex-Nationalrates Dr. Ernst Strachwitz unlängst ausgesprochen, als es von unserem Blatt als der „nach links und deutschfeindlich abgleitenden .Furche' “ sprach.

Nach links abgeglitten? Hier ist zunächst mit Franz Werfel zu antworten: „Die Welt hat mit der alten öden Parlamentsgeographie von Rechts und Links vergessen, daß es ein Oben und ein Unten gibt.“ Lind Goethe setze fort: „Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen.“ In unserer nüchternen Sprache aber sei festgestellt: 1945, als nicht nur unsere großen Städte, sondern auch die Gesellschaft mitunter den Charakter einer Mondlandschaft angenommen hatte, mußte eine Stimme des sozialen Katholizismus als das Selbstverständlichste von der Welt hingenommen werden. Zehn Jahre später, in denen eine neoliberale Wirtschaftsordnung unbestreitbare materielle Fortschritte erzielen konnte — von dem fehlenden seelischen Nachziehverfahren sei hier nicht die Rede —, hört sich manches, was Anno 1945 selbstverständlich war, vielleicht „revolutionär“ an. Etwas anderes ist es, daß bei allen mit größter Entschiedenheit

und Stärke geführten Auseinandersetzungen mit der Welt des Kommunismus in den Spalten dieses Blattes nie in jenen unfruchtbaren ., Vulgärantimarxismus“ verfallen wurde, dem sich einige Zeit ein Teil der österreichischen Presse verschrieben hatte. Das ist nicht erst so 1955, das war bereits vor zehn Jahren genau dasselbe. Was noch bewiesen werden wird. Nicht die „Furche“, die Zeit ist „anders“ geworden.

„Deutschfeindlichkeit ?“ Ein nettes Schlagwort für die unbeeinflußte Vertretung österreichischer Interessen! Die „Furche“ hat seinerzeit bewußt alles vermieden, was — wie es im Lieberschwang der wiedergewonnenen Eigenstaatlichkeit mitunter geschab — nach der Kreierung eines „rotweißroten Nationalismus“ aussah. Ein österreichischer Nationalismus schien der Redaktion als letzter aller Nationalismen stets auch der lächerlichste. Nicht aber ein gesundes österreichisches Selbstbewußtsein, ein Wissen um die eigene Art und um die eigene Aufgabe vor der Geschichte. Verständnis und Aufgeschlossenheit gegenüber Deutschland sind etwas anderes als eine „Ein-Volk-in-zwei-Staa-ten-My'stik“ und eine „Schulter-an-Schulter“-Mentalität. In diesem Blatt wurde stets für das eine plädiert und gegen das andere Stellung bezogen. 1945 genau so wie 1955. Nicht die

„Furche“, gewisse Kreise unserer Mitbürger denken heute „anders“.

„Nationalsozialistenfrage“! Hier darf dieses Blatt für sich in Anspruch nehmen, als erstes gegen jede kollektive Maßnahme Front gemacht zu haben. Das Wort „Gesinnungsdelikt“ wurde von der „Furche“ geprägt. Es ist aber etwas anderes, dem „grauen Heet“, der kleinen Mitläufer und Anhänger des Nationalsozialismus, das Wort zu reden und — wie es heute von den Nationalräten einer im Parlament vertretenen Partei allen Ernstes gefordert wird — für eine Vermögensrückgabe und Pensionsnachzahlung an von österreichischen Gerichten abgeurteilte Kriegsverbrecher zu plädieren. Hier wurde entschieden für das eine, hier wird mit der gleichen Entschlossenheit gegen das andere eingetreten. Nicht die „Furche“ ...

Zum Thema „Widerstand und KZ“. 1945 war es mitunter jedem Häftling der NS-Zeit möglich, als Märtyrer aufzutreten. Ob es seine politische Ansicht oder ein kriminelles Delikt war, das ihm Verfolgung eingetragen hatte, wurde gelegentlich zu fragen vergessen. In den Spalten dieses Blattes wurde — unnütz zu betonen — diese „Konjunktur“ nicht mitgemacht. Nicht mitgemacht und scharf geschossen wird aber, wann und von welcher Seite immer man heute die Opfer des Nationalsozialismus und den Widerstand gegen Hitler zu diskreditieren versucht. Nicht die „Furche“ ...

Wer es noch immer nicht glauben will, der greife nach dem Jahrgang 1 der „Furche“. Er braucht nur die erste Nummer des bereits zu vergilben beginnenden Bandes aufzuschlagen, um die Probe aufs Exempel zu machen. Schon die ersten „Querschnitte“ schlagen Themen an, die später immer wiederkehren sollten. Querschnitt Nr. 1: „Schulpolitik an der österreichischen Sprachgrenze“. Da ist es auch schon, das stachelige Problem Südkärntens, das die „Furche“ erst vor Jahresfrist erneut beschäftigte und deren Sorge nach einem echten Ausgleich der Gegensätze 1945 vielleicht besser verstanden wurde als 1954. Querschnitt Nr. 2: „Rätsel aus Nürnberg.“ Der Mann, der diese Rätsel aufgab, war niemand anderer als Herr von Papen, gleichzeitig Prototyp jener katholisch-nationalen Kreise, die — mit oder wider ihr besseres Wissen — dem Unheil eine Gasse bahnten. Querschnitt Nr. 3: „Katholik und Kommunist.“ Hier wird die geistige Auseinandersetzung mit dem Kommunismus eröffnet — freilich in einem Ton, der der Redaktion kaum je ein Lob des inzwischen politisch verschiedenen Herrn McCarthy und seiner unter uns lebenden Jünger eingetragen hätte.

Der „Neugestaltung in Frankreich“, die — wie wir heute wissen, freilich nur auf kurze Zeit — durch das Erscheinen des MRP auf der politischen Bühne eingeleitet wurde, ist ein großer Artikel auf Seite 3 gewidmet. Und in einem Brief Georges Bidaults an die „Furche“ lesen wir: „Freiheit für die Initiative und den Unternehmergeist, aber zugleich keine Freiheit für private Monopole zum Schaden der allgemeinen Volksinteressen.“ Finden unsere „Freunde“ nicht, daß das „Abgleiten nach links“ — oder besser: das, was sie darunter verstehen — eigentlich schon sehr zeitlich seinen Anfang nahm?

Auf Seite 4 geht der Blick nach Osten. Nur mit Trauer kann man feststellen, daß wir heute hinter unseren Ausgangspunkt zurückgeworfen sind. Damals war es einem ungarischen Universitätsprofessor möglich, in

den Spalten der „Furche“ über „Das neue Ungarn und das neue Oesterreich“ einen grund legenden Artikel zu schreiben. Seine Erwartungen, „Hoffentlich ist die Zeit nicht zu fern, wo der Verkehr in normale Bahnen zurückkehrt und Nachbarn, die eine vielhundertjährige Geschichte zu gemeinsamen Schicksalen in guten und bösen Zeiten zusammengeführt hat, wieder einander zu gemeinsamem Sinnen und Schaffen die Hand reichen können“, blieben durch die bekannten Ereignisse bis heute unerfüllt. Allein die Aufgabe bleibt: ein ständiger Mahner und Wegweiser zu sein bei Oesterreichs Aufgabe im Donauraum. Die „Furche“ darf es für sich in Anspruch nehmen, dieser Mission in all den langen, schier aussichtslosen Jahren nicht untreu geworden zu sein.

Seite 5 der „Furche“ Nr. 1 ist als Ehrenblatt der Südtiroler Widerstandsbewegung gewidmet. Eine Auswahl von innen- und außenpolitischen Aufsätzen folgt — bis zu jenem Blick auf den akademischen Boden, der das Auftreten der neuen „Freien Oesterreichischen Studentenschaft“ (FOeSt) mit Interesse und Aufgeschlossenheit beobachtet.

Das große Pendel an der Uhr der Zeit gefällt sich darin, weit auszuschlagen. Hinüber und herüber. Niemals kommt es zur Ruhe — und kann es auch nicht. In der Unruhe der Zeit, im raschen Wechsel der Bilder des Tages, seiner Moden und seiner Konjunkturen einnotwendiges, ein unbequemes, ja mitunter sogar ein lästiges Regulativ zu sein: das ist nicht die schlechteste Aufgabe einer Redaktion, die von allem Anfang dazu erzogen wurde, zu keiner Stunde nach der Wetterfahne am Dach Ausschau zu halten.

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