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Istrianische Splitter 69

ROVINJ heißt allzeit auch Rovigno. Die Straßemtafelm lauten hier nicht nur südslawisch, sondern auch italienisch —eiin bemerkenswerter Versuch, das Rad der Geschichte auf jenes völkerkerkerliche Niveau zurückzudrehen, auf welchem man bemüht war, Bosnien und die Herzegowina viersprachig zu beschriften. Von zweien der zahlreichen spielenden Kinder in dieser Stadt verlangt das eine nach einer kroatischen Marai, während das zweite mit lateinischer Beharrlichkeit „Mamma, guarda”, befiehlt, „Mamma guarda qui!” National sich gehabende Grenzen — welches Relikt und welche Absurdität in diesen (und unseren) Breiten!

Jakobinisch gleich und einheitlich, fernab der bunten menschlichen Vielfalt, sind doch nur die Konzerte der Zikaden, das Raubgeschrei der Möwen und die infernalischen Hoch- zeitsgesänge der Katzen nächtlicher- weiie.

EUPHEMIA, die Schutzheilige der Stadt, als gewaltige Kolossalstatue zuhöchst den höchsten Campanile auf der höchsten Terrasse krönend, Euphemia, weithinschauend, dreht sich nach dem Winde. Sie zeigt an, woher er weht. Aus Venedig kam er, vom Bosporus, aus Paris sogar, aus Wien, aus Laibach und Beograd. Die heilige Euphemia weiß vielleicht, was sie tut, und warum.

„Das hier”, hatte man uns kurz vorher im einer der grün und rostrot funkelnden Märchengrotten des Karats aufgeklärt, „das hier, bidde, war sechshundert Jahre lang bei Österreich, dann ein bißchen italiä- nisch. Seither, bidde, haben sich die Verhältnisse stabilisiert. Fehlt höchstens, daß der Iwan kommt.” ABWÄRTSSTEIGEND von Santa Euphemia über flache Steinstufem, kreuz-und quer durch schmale turmhohe Gassen, vorbei an Höfen. Winkeln, Sbützbogen, Durchgängen, schwindelnd steilen, schrägem Treppen, grünen Lauben, ausgespannter, bunt wehender Wäsche; heiße Mauern entlang, die in ungeahntem, herrlichen Farben verschmutzt sind, verfolgt von gesprenkeltem Gerüchen, im denen sich Fisch, gegrilltes Fleisch und Abfälle mischen, verweilend vor dem Regten winziger, uralter und längst vergessener Kapellen, die vielleicht von Seeräubern für glückliche, erfolgreiche Heimkehr gestiftet wurden; unter einem edlen Renaissancetor hindurch zu den verschlafenen Läden, in denen stets die gleichen, weil offenbar verstaatlichten, Andenken feilgeboten werden, hinaus auf die Piazza mit dem kleinen, gemütlichen Stadtturm samt Markuslöwen, zum nahen Verkaufslokal der Borba, wo weniger das Parteiorgan selbst als vielmehr sämtliche Zeitungen Westeuropas, aktuell und taufrisch, zu haben sind. Kein Fremdling muß hier geistig darben.

ERLAUBT IST nahezu alles in diesem merkwürdig kleinikapitalisti- schen Land, dessen kommunistische Herrenschicht allein sakrosankt ist und verfügungsberechtigt über die gigantischen Kapitalien des Staates. Keine undemokratische oder demokratische Parteigouvemante hebt sichitbarlich den Zeigefinger. Inschriften auf Denkmälern und geschichtliche Darstellungen in Werbebroschüren haben mit Tatsachen weniger zu tun als die Götter- und Heldensagen der Antike. Sie irritieren daher kaum. Auf dem Hafenplatz ein Polizist in weißer Gala, der einzige weit und breit, eingeklemmt zwischen Fahrzeugen, die sich träge und regungslos durcheinanderschle- ben. Dann und wann, zwischen den Bordwänden unverschämter Straßenkreuzer in härteste Bedrängnis geraten, entlockt er seinem Pfeif- chene angstvolle Triller.

In Pula-Pola wenige Tage vorher war das anders gewesen. Da standen plötzlich am Straßenrand in kurzen Abständen Matrosen, Soldaten, Milica und Polizisten. Schwitzende Herren in Zivil durchstöberten Gebüsche, schrien aufgeregt in Walky-Talkies und versicherten einander, daß weithin nichts zu sehen sei als Fremdenverkehr. Der Herr und Gebieter hatte in Nisch eine Rede geredet und war im Begriff, auf dem Flugplatz zu landen, die Stadt zu durchqueren, um des weiteren auf Brioni zu residieren. Aber nach einem ganz kurzen Stück Weges, außerhalb der Stadt, gab es nur noch die hochgewölbte Mittagshitze und die große Stille jenseits aller Zeiten. Hochbeladen, brav und nachdenklich trappelten Eselchen graziösen Ganges im glühenden Staub des Straßenrandes. Auf einer Landzunge, steil über dem Meer, weiß auf weißen Fels, zerbröckelt ein verlassenes Dorf zu klassischen Ruinen. Vollendet und gleichgültig.

WER BEZAHLT DAS? Ich meine: ihr Vorhandensein, ihre prinzipielle Beschäftigungslosigkeit, ihr Kommen und Gehen ohne Ziel, ihre überlegene Selbstsicherheit, ihre Unzufriedenheit mit allem Vorhandenen. Essen sie manchmal, schlafen sie manchmal? Oder genügen Sex und Marihuana? In unabsehbaren Scharen ziehen Hosenmädchen und rudimentär bedeckte Bartjünglinge am Rande des Hafenbeckens entlang, schlendernd, mit hochgewölbtem Rücken oder urplötzlich trippelnd-federnden Schrittes, tagsüber, nachtsüber. Nach einer knappen halben Stunde kehren sie alle wieder zurück. Und wieder zurück.

Auch an glühenden Gartenmauern lehnt dieser oder jener, sein verächtlicher Blick zielt nirgendwohin. Gelangweilt hockt ein Langhaarmädchen auf dam Pflaster, der schwatzende Korso umkreist sie. Ihr Gefährte steht drunten, bis zur Hüfte im Ebbegestank des innersten Hafens und läßt eine Schnur vom Stecken hinab ins ölige Dunkel baumeln. Er wartet auf Fische, sie wartet auf Fische. In der Welt des Films und der Illustrierten macht man das so, es ist ganz einfach. Die mangelhaft geratene Schöpfung, trotz flammender Proteste noch immer erfüllt von unkonitrollierbaren, autoritären Elementargewalten, bietet weniger Erfolgschanoen, dafür mehr Sonnenbrand, mehr nasses Unbehagen, Moskitos und eine nie geahnte Fülle übelster Gerüche.

FISCH ist nämlich sehr teuer, oder es gibt keinen, denn wahrscheinlich ist er verstaatlicht und dient großen Export zwecken.

Scampi, Austern und allerhand Cru- staceen finden sich freilich auf jeder der löblicherweise mehrsprachigen Speisekanten, und es breitet ein nicht geringes, gehr boshaftes Vergnügen, sie kurzerhand zu bestellen. Der sportliche Ehrgeiz des Gastes besteht dabei im Erraten der neuen bliütenreichen Ausrede, die sich der Kellner nach kurzer Kehrtwendung ausgedacht haben mag, und in der Hingabe an den Genuß der slawisch- sanften Überredungskünste, mit denen aufs neue die unvermeidlichen Spießchen mit bläulich-weißen Zwiebeln als Nationalgericht und unübertreffliche Spezialität angeraten werden. Sie sind herrlich, gewiß, wie der blutrote dalmatinische Wein, aber ungestillt und unstillbar bleibt trotz allem das Verlangen nach erschwinglichen Fischen; vielleicht sogar nach unerschwinglichen Langusten.

ALLE, und wenn sie mit Kindern und Katzen in Winkeln unter Treppen wohnen, in kahlen, ebenerdigen Kammern, in die man von den Straßen aus fast zwangsläufig hineinsieht wie in Schaufenster — alle haben sie Waschmaschinen (Modelle aus ganz Europa, mit prächtigen Klaviaturen), Elektroherde, unterschiedliche Fernsehempfänger, Heißwasserspeicher und elektrische Bügeleisen; und das ist gar nicht so wenig.

Es geht auch anders, aber so geht es auch.

CRVENI OTOK, die rote Insel, ist nicht rot. Dunkelgrün sind die hoch ausigespahinten Bäume und das niedrige Gebüsch, dunkles Süber sind die Felsen, dunkelbraun ist der weiche Teppich verdorrter Piniennadeln auf dem Gartenweg, der im Oval die Küste emtlangläuft, rund um Hotels, um Sportplätze, Snack-Bars und um ein Kloster, das zum Luxusrestaurant wurde. In diesen leisen Mißton mischen sich aber auch jene lauteren Mißtöne, an denen Beimaitliebe und Sympathie für Landsleute im Ausland ihre akustische Grenze finden. Mit steifer Zunge aus dem Schlund hervorgestoßenes Stakkato mit chromatisch geheulter Endsilbe im Erregungsfalle. Verschlampte Diphthonge und aufgewedchte Konsonanten kommen unter mittelländischer Sonne einem phonetischen Sakrileg gleich.

Aber schon im nächsten Augenblick ist alles verklungen und fortgewischt, als wäre es nie gewesen. Lauter wieder schrillen die unermüdlichen Zikaden, stärker duftet erhitztes Harz, wilder rennt die steigende Flut gegen die Felsen. Geschaukelt und getragen vom dunkelblauen Samt der Wellen, weiter draußen, weiß man von nichts anderem mehr als van Himmel und Wind, von Salz und Sonne, vom Schrei der Möwe und vom Zischen der Schaumkrone, die sich übenschlägt.

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