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Jackpotland und Armenhaus

Nach dem „Ende der Geschichte", der Geschichte mit den Russen und dem kalten Krieg fragen sich alle, welche Geschichte denn nun käme. Viele sagen, es werde eine fernöstliche Geschichte sein, und darin spiele China die Rolle einer neuen Supermacht und eines Wirtschaftsgiganten. Doch es gibt viele Anzeichen, die Chaos und Untergang vorausdeuten.

„Lassen wir das, das führt zu nichts", sagen viele wohlhabende Chinesen, wenn ihre europäischen Gesprächspartner über chinesische Politik reden wollen, „die Dissidenten sind Unruhestifter und verdienen ihr Unglück wie wir unseren Reichtum". Die vier bis fünf Millionen chinesischen Neureichen in den Sonderwirtschaftszonen lassen sich den Spaß am Geldverdienen von keinem verderben. Man hatte nun, was man immer wollte: Geld, Luxus, Reisen, Freiheit. Ist's der Beginn eines goldenen chinesischen Zeitalters oder der Tanz auf einem unter Druck stehenden Vulkan? Keiner weiß, keinen kümmert es.

Wenn einige viel gewinnen, müssen viele andere einiges verlieren. Im selben ersten Halbjahr 1993 wurden 28 Rolls-Royce-Limousinen zugelassen und 1,4 Millionen Arbeiter entlassen. 40 Prozent der Staatsbetriebe arbeiten mit Verlust, und dem Staat fehlt immer öfter das Geld für die Löhne. Noch zögert die Regierung vor den unvermeidlichen Massenentlassungen, denn sie sieht Unruhen heraufziehen.

Elend & Unruhen

Einen Vorgeschmack auf das, was kommen kann, geben die zunehmenden Arbeiterunruhen. Entlassene Arbeiter schießen auf einstige Vorgesetzte, zünden deren Häuser an, schädigen ihre einstigen Betriebe durch Sabotageakte und Sprengstoffattentate. Auf dem Land nehmen die Unruhen oft Ausmaße von Rebellionen an. Bauernelend hat in China Tradition, Bauernaufstände aber auch. Bei den 6.230 Bauernaufständen im Jahr 1993 gab es nicht nur ungezählte tote Bauern, sondern auch Hunderte toter Soldaten und Polizisten.

Zu Millionen verlassen Bauern ihre Felder und ziehen in die Sonderwirtschaftszonen des Südens. Es bildet sich ein neues Lumpenproletariat aus Millionen von Wanderarbeitern und selbst für chinesische Verhältnisse miserabel bezahlten Fabrikarbeitern, die alle bei einem Nachlassen des Booms ohne soziale Sicherung auf der Straße stehen - ein unberechenbares Konfliktpotential. Um die Jahrhundertwende, so das chinesische Arbeitsmi-nisterium, werden in China an die 270 Millionen Menschen ohne feste Arbeit sein.

Die Stabilität Chinas ist also von einer Fortdauer des Booms abhängig, zugleich aber bedroht der Boom Chinas Stabilität. Denn die rücksichtslose Produktionssteigerung vernichtet das Land. 80 Prozent der Ober-flächengewässer sind vergiftet, über den Städten filtert Smog das Sonnenlicht, giftige Abfälle werden sorglos ausgekippt. Bis zur Jahrhundertwende werden alle Naturwälder verschwunden sein, die Ackerböden erschöpfen oder werden von den schnellwachsenden Städten zubetoniert. Schon jetzt muß das Land mit sieben Prozent der Weltanbaufläche 22 Prozent der Weltbevölkerung ernähren. Bald wird das Essen knapp, das Trinkwasser ist es bereits. Und die chinesische Population wächst weiter - trotz brutaler Geburtenrestriktionen: Ren tai duo („es gibt zu viele Menschen") ist ein stehender Satz in China.

Der kommunistischen Partei waren Intellektuelle immer suspekt, sie ließ sie verfolgen, einsperren, ermorden. Nicht umsonst ist das chinesische Bildungssystem eines der schlechtesten der Welt, ein Jammer, wenn man die alten Bildungstraditionen dieses Landes betrachtet. Das rächt sich jetzt, denn man hat einen Mangel an Fachkräften Von den 220.000 Studenten, die seit Reformbeginn ins Ausland geschickt wurden, kehrten nur 70.000 wieder zurück, bei Fachwissenschaftlern liegt die Fluchtrate bei 80 Prozent. Das Vertrauen der Gebildeten in ihren Staat ist - so sie nicht selbst der herrschenden Parteikaderklasse angehören - auf Dauer zerstört, und der enorme Brain-Drain stellt eine große Hypothek auf Chinas Zukunft dar.

Die Macht der.kommunistischen Partei ist durch die Idee der Demokratie noch nicht gefährdet, wohl aber durch die sich verstärkende Begiona-lisierung. Die „International Herald Tribüne" berichtete im September 1993 von einer internen Studie der chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften. Grundtenor der Studie:

das Auseinanderbrechen Chinas! Die Zentrale im nördlichen Peking, so die Studie, verliere immer mehr Macht an die südlichen Provinzen. Werde die Regionalisierung nicht gestoppt, käme es binnen der nächsten zehn bis 20 Jahre zu einem wirtschaftlichen Kollaps, dem die nationale Desintegration folgen würde. Schon jetzt sprechen chinesische Ökonomen von sich der Zentralgewalt entziehenden „ Fürstentümer-W irtschaften ", wenn sie von den Sonderzonen des Südens sprechen. Und tatsächlich treten die reichen südlichen Provinzen umso selbstbewußter gegenüber Peking auf, je reicher sie werden.

Rote Mandarine

Guangdong, das Perlflußdelta, Ma-cao, Hongkong und selbst Taiwan -von wo aus riesige Geldsummen ins Land fließen - sind untereinander wesentlich enger verbunden als mit dem fernen Peking, über dessen rote Mandarine man lacht. Und die Eingliederung Hongkongs könnte das Gewicht weiter nach Süden verlagern und für Peking zum Desaster werden.

Der mächtigste Mann Chinas war 92, als er starb. Wenn Deng Xiaoping sprach, war es nur mehr ein Flüstern, das kaum einer verstand, aber 1,2 Milliarden Menschen gehorchten. Er konnte nur mehr von zwei Helfern; gestützt gehen, aber keiner kam gegen ihn an.

Autoritäten sind in China stärker als Institutionen, und ein entschlossener Mann kann viel verändern. Deng Xiaoping bewirkte die Öffnung des Landes, ein anderer könnte kommen und alles rückgängig zu machen versuchen egal, welche Folgen das für das Land hätte. Jiang Zemin, Dengs Nachfolger, gilt bei vielen nur als Übergangslösung, denn er hat kaum Rückhalt in der Armee.

Kontinuität ist keine chinesische Eigenschaft mehr, und so bemühen Chinaexperten ausschließlich den Konjunktiv, wenn sie über die Zukunft des Landes sprechen; vom katastrophalen Niedergang bis hin zur Su-permachtwerduhg ist alles möglich. Darum drängt sich die Frage auf: Was macht der neureiche Chinese mit seinem frisch erworbenen Vermögen? Er kennt sein Land wohl am besten, schließlich hat er in ihm ja den Aufstieg geschafft. Investiert er also in seine boomende Heimat? - Weit gefehlt! Wie ein Spieler schafft er sein Schnellerworbenes möglichst rasch beiseite und außer Landes und legt es in den stabilen Ländern des Westens mit ihren berechenbaren Regierungen an. Der Kapitalabfluß, der dadurch entstand, hat beinahe die Höhe der durch Boominvestitionen ins Land getragenen Geldmenge erreicht.

Man kann also nicht sagen, welche Art von Geschichte die chinesische Geschichte sein wird. Hoffen wir, daß es kein Polit-Thriller wird.

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