Digital In Arbeit

Jahrhundert-Diagnose

Sándor Márais Jahrhundert-Roman "Wandlungen einer Ehe" erzählt von der Kluft zwischen den Geschlechtern und Gesellschaftsschichten und eine Geschichte des untergehenden bürgerlichen Ungarns.

Für den Rest meines Lebens gebe ich mich einer Art Leidenschaft hin. Der Wahrheit. Ich ertrage es nicht mehr, angelogen zu werden, ob von der Literatur oder von den Frauen, und am wenigsten würde ich es ertragen, mich selbst zu belügen."

Der 1900 geborene Ungar Sándor Márai ist seit der Neuauflage seines Romans "Die Glut" neugierumwittert. Elf Bücher hat der Piper Verlag seit Maráis Freitod durch Erschießen im Jahr 1989 herausgebracht. Der einst berühmte Autor floh 1948 vor den Kommunisten aus seiner Heimat, irrte jahrelang in Europa umher, fand keine Heimat, nur Einsamkeit in Kalifornien. Heimat bedeutete für ihn die ungarische Sprache.

Ungarn im Untergang

Bereits 1949 hätte man "Wandlungen einer Ehe" in deutscher Sprache lesen können. Aber wer hat? Wer es jetzt nicht tut, lässt sich den Blick in eine versunkene Welt entgehen. Drei Teile hat dieses fast 500 Seiten dicke Buch. Im ersten erzählt eine Frau einer Freundin, im zweiten ihr Ehemann einem Freund, im dritten die zweite Frau des Mannes ihrem Liebhaber: Dieselbe Geschichte aus drei Mündern.

Nein, drei Geschichten: die der unüberbrückbaren Kluft zwischen Mann und Frau, jene des nicht zu überspringenden Grabens zwischen verschiedenen Gesellschaftsschichten und schließlich die Geschichte des untergegangenen bürgerlichen Ungarn.

Rollenprosa. Zunächst blättert die Geschiedene, eine Bürgerliche, in ihrem Leben wie in einem Buch: Ihre Liebe, so glaubte sie, könne den Ehemann dazu bringen, sich wirklich zu öffnen. Anfänglich deutet sie die Trennwand sozial: "Ich war nach dem Prinzip erzogen, dass man sich durchs Leben schlagen muss. Er war nach dem Prinzip erzogen, dass man vor allem leben muss, fein, gesittet, geregelt, weil das am wichtigsten ist." Die Trennwand soll durch ein Kind aufgebrochen werden. Das Kind stirbt. Und eines Tages entdeckt diese liebessüchtige Frau das Geheimnis ihres Mannes: Er ist besessen vom Verlangen nach einer anderen, die aus einer ihm fremden Schicht stammt. Sie ist die Haushälterin seiner verwitweten Mutter. Nur: Diese Judit hat nichts vom süßen Schnitzlerschen Mädel an sich. Sie schafft den Weg ins Ehebett des "feinen Pinkels".

Lebensgeschichten

So erzählt, ist es eine banale Geschichte. Erst durch die Reflexionen der ersten Ehefrau öffnet sich der Speicher der Erkenntnis, dass die Liebe nicht alles vermag, besonders nicht die sogenannte absolute. Fazit aus der Sicht einer Frau, die zur Hingabe bereit ist: "Es gibt den Richtigen nicht. Weder auf Erden noch im Himmel ... Es gibt nur Menschen, und in jedem ist eine Prise vom Richtigen, aber keiner gibt einem das, was wir vom anderen erwarten und erhoffen. Es gibt keinen vollkommenen Menschen, und jener einzige, Wunderbare, Beglückende existiert nicht. Nur Menschen, in denen es soviel Schutt wie Licht gibt ..."

Der Monolog des Mannes: Ein schärferer Kontrast ist schwer denkbar. Da spricht ein vom Leben Ermüdeter, jeder Freude Entfremdeter, der um Selbsterkenntnis und Demut ringt. Ein unaufhaltsamer Strom von Gedanken überflutet ihn: Gedanken über die Vorzüge und Einengungen des bürgerlichen Lebens, das vor allem Bewahren heißt, Bewahren des Geldes, der Bildung, der Tradition, der Höflichkeit. Ein Einsamer, den einmal die Leidenschaft erfasst - zu einem Dienstmädchen. Dabei reizt diesen Mann nicht primär das Sexuelle, sondern das Unbekannte, nicht Wohltemperierte, das pralle, erdige Leben. Als er Judit schließlich zu seiner Frau machen kann, erweist sich die Anziehungskraft als Täuschung. Judit hat in den langen Jahren der "bürgerlichen Infektion" ihre Lektion gut gelernt. Sie bestiehlt ihren reichen Mann in großem Stil. Er trennt sich von ihr. Gemeinplätze stimmen immer: "Das Leben ist auch eine Straftat. Am Ende ergießt sich alles in die große Banalität."

Diesen beiden Komplementärgeschichten aus dem Jahr 1941 fügte Márai 1948 einen dritten Teil bei: Die harte, gnadenlose Abrechnung der intelligenten, lernfähigen, aber unkultivierten Dienstmagd, die es zur Gnädigen gebracht hat. Márai gibt indirekt zu erkennen, dass die vorigen Lebensbilder aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen stammen.

Bewahrer wie Gespenster

Judits Bekenntnisse reichen über den Zweiten Weltkrieg hinaus: Ungarn ist bereits in den Händen der Kommunisten, Budapest hat die Bombenangriffe hinter sich. Die Wohlerzogenen, Gebildeten, die Bewahrer irren wie Gespenster durch die Stadt. Nichts, so räsoniert das einstige Dienstmädchen, hat ihnen genützt: Weder die Anhäufung von überflüssigem Zeug, noch die umfassende Bildung, noch ihre pedantisch gepflegte Hygiene. Diese Frau, die aus ärmsten bäuerlichen Verhältnissen in die Hauptstadt kam, hat den illusionslosen Blick von außen, genauer, von unten. Ihre Wut richtet sich nicht nur gegen die ungerechte Verteilung materieller Güter: "Und so will ich dir gestehen", sagt sie als verblühende Frau ihrem jungen Gigolo, "dass ich die Reichen hasste, weil ich ihnen nur ihr Geld wegnehmen konnte. Das andere, das genauso den Sinn und das Geheimnis des Reichseins ausmachte, das genauso der unheimliche Zauber ihres Andersseins war, das Andere gaben sie nicht her."

Das Andere: Kultur

Was ist dieses Andere? Kultur. "Das, was wir einfachen Leute nicht kennen. Und was uns die Herren nie hergeben werden, nicht einmal jetzt, da alles anders ist, jetzt, da die Reichen den Armen all die Kinkerlitzchen aufdrängen, die gestern noch zu ihren Privilegien gehört haben ... Jetzt gibt es nur noch Fachleute. Und die vermögen offenbar die Freude nicht mehr zu vermitteln. Man hat nur noch Kenntnisse, und das ist nicht das gleiche. Die Kultur ist ein Erlebnis wie der Sonnenschein. Kenntnisse sind bloß eine Zulage. Kultiviertheit besteht daraus, dass ein Mensch oder ein Volk zur Freude fähig ist."

Der Superlativ "Jahrhundert-Roman" ist gerechtfertigt. Wer hätte dem 20. Jahrhundert mit seinen ungeheuren Umwälzungen eine klarere Diagnose gestellt? Und dabei weniger Schaum vor dem Mund gehabt?

85-jährig notierte Sándor Márai in sein Tagebuch: "Ich klage niemanden an, nicht Gott und keinen Menschen. Ich erwarte nichts. Ich habe akzeptiert, was geschehen ist, in all seiner Abscheulichkeit. In solchen Situationen betet man oder flucht man, oder man beginnt zu lauschen, in sich hinein."

Wandlungen einer Ehe

Roman von Sándor Márai

Aus dem Ungarischen von Christina Viragh

Piper Verlag, München 2003

462 Seiten, geb., e 20,50

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau