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Jahrmarkt der Herzen

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ICH BESCHLOSS ZU HEIRATEN. Nicht, weil es mir im Moment so wichtig schien, mein sorgenfreies Junggesellendasein aufzugeben und den friedlichen Ehehafen anzusteuern. Nein, die Beweggründe zu diesem Entschluß waren vor allem Inserate, die mir beim Studium der Wochenendausgaben diverser Gazetten in die Augen stachen. In einer Stunde der Langeweile hatte ich mich, da der übrige Teil der Zeitung bereits durchgekaut war, auf Korrespondenz- und Heiratsanzeigen verlegt. Ich erinnerte mich eines Rates, den mir ein Bekannter gegeben und mir prophezeit hatte, die Lektüre dieser Seiten wäre äußerst aufschlußreich und obendrein noch amüsant. Um es vorauszuschicken: meine diesbezüglichen Erwartungen wurden keinesfalls enttäuscht.

Die Heiratswut treibt oft die tollsten Blüten. Ich traute meinen Augen nicht, als ich folgendes Inserat las: „Schleckapatzl, wenn du nur auf mein Vermögen ausgehst! Bin Landwirtstöchterl, jung, vermögend, aber nur für seriösen, netten Ehepartner mit Herz zu haben.“ Und dann stand weiter ein Name und eine Wiener Adresse. Dieses Wesen wollte ich kennenlernen. Flugs griff ich nach Feder und Papier, schrieb höflich und bescheiden um ein Rendezvous, und siehe da, ich brauchte auf Antwort nicht lange zu warten. Sozusagen postwendend kam ein Briefchen. Aber nicht von jenem Landwirtstöchterl, sondern von einem Eheanbahnungs-Institut. Ich wurde aufgefordert, zwecks näherer Aussprache doch einmal vorbeizukommen. Neugierig geworden, machte ich mich auf den Weg und stand schließlich mit klopfendem Herzen (vom Stiegensteigen) vor der Tür, hinter der sich die Paare fürs Leben finden. Eine Dame undefinierbaren Alters öffnete und führte mich in ein Sprechzimmer, hieß mich Platz nehmen, griff nach Formularen und Kugelschreiber und begann mit salbungsvoller Stimme auf mich einzureden. Sie plauderte so schön von Zweisam-keit, daß mir dabei ganz warm um mein vereinsamtes Junggesellenherz wurde. Im gleichen salbungsvollen Ton kam dann die Dame auch auf das Geschäftliche zu sprechen. Zu zahlen wären erst einmal 500 Schilling Spesengebühr und pro Monat 18 Schilling Mitgliedsbeitrag, erfuhr ich. Als Mitglied dieses Instituts bekäme ich dann ständig ein Verzeichnis der heiratswilligen Damen zugeschickt, so lange, bis sich mein Herz für eine entscheidet. „Allerdings“, so fügte die Dame hinzu, „müßte dann noch bei Zustandekommen einer Heirat eine Provision von 1500 Schilling bezahlt werden — aber dies ist ja nichts im Vergleich zu dem Glück, das Sie durch uns vermittelt bekommen haben.“ Diese Provision muß aber auch die Dame des Herzens, die man heiratet oder von der man geheiratet wird, auf den Tisch legen.

So selbstverständlich, als wüßte sie im voraus, daß ich ihre Vermitt-lungstätigkeit in Anspruch nehmen wolle, fragte sie nach meinen Personalien und trug sie in den Bogen ein und hielt ihn mir schließlich zur Unterschrift hin. Ich winkte ab und wollte erst etwas über das „Schleckapatzl-Mädchen“ erfahren. Da wurde ihre Stimme eisig und sie erklärte: „Nichtmitgliedern können wir keine Auskunft über unsere Mitglieder geben. Und im übrigen: diese junge Dame ist bereits in festen Händen. Sehen Sie, so rasch wird man bei uns glücklich. Wollen Sie nun unterschreiben oder nicht?' Ich wollte nicht und wurde daraufhin sehr kühl verabschiedet. Nichts mit bevorstehendem Eheglück.

DIE EHEANBAHNUNGSINSTITUTE sind nach dem Krieg, besonders aber in den letzten Jahren des Wohlstandes wie Pilze aus dem Boden geschossen und machen ihr Geschäft mit einsamen Herzen. In die Arbeitsmethoden dieser Ehemittler bekommt man als Außenstehender überhaupt keinen Einblick. Auch gibt es in Österreich keine offizielle Stelle, die diesen Büros und ihren Praktiken auf die Finger schaut. Dafür gibt es aber für diese Büros genügend „Material“. Ein Blick auf die Statistik zeigt, daß es gegenwärtig in Österreich etwa eineinhalb Millionen unverheiratete Frauen gibt. 700.000 sind ledig, 500.000 verwitwet und der Rest geschieden. Diesem Heer einsamer Frauen stehen — besonders in den mittleren Jahrgängen — um ein Drittel weniger Männer gegenüber.

ZEITUNGSANNONCEN BIETEN AUCH MÖGLICHKEITEN zum Eheglück, wenn kein Eheanbahnungsinstitut dahintersteckt. Mit etwas Geduld und guten Augen findet man so diverse Anzeigen, in denen ein einsames weibliches Wesen den Begleiter fürs Leben sucht. Skeptisch durch meine Erfahrungen, überlegte ich lange, ehe ich zu Feder und Papier griff, um eine „Bewerbung um Eheglück“ an Anonym loszulassen. Aber schließlich siegte die Neugierde. Die Unbekannte sollte — laut Anzeige — 23 Jahre alt sein, blonde Haare haben und im Bekanntenkreis als ausgesprochen hübsch gelten. Nun ja, ich bekam tatsächlich postwendend Antwort — und eine Telephonnummer dazu. Ich rief an. Eine nicht unsympathische Stimme meldete sich — und wir vereinbarten ein Rendezvous. So wie es sich gehört. Als Kennzeichen suchte ich für meine Unbekannte eine weiße Nelke im Knopfloch ihres Kostüms, während ich eine ganz bestimmte Zeitung in der Hand tragen wollte.

Erwartungsvoll kam ich zum Rendezvous. Um vorauszuschicken: die bewußte Zeitung, die als Kennzeichen dienen sollte, hatte ich damals prompt vergessen. Aber ich verließ mich auf die Nelke. Und da saß sie — die junge Dame. Ein recht nettes Mädchen. Nur hatte ich grundlegende Bedenken gegen das Alter; mir kam eher der Verdacht, daß ein Setzer bei der Altersangabe die Drei mit der Zwei vertauscht hatte. Die blonde Haarfarbe zeugte von einem sehr geschickten Friseur. Und was den Bekanntenkreis anging, nun ja, ich würde nicht unbedingt das Prädikat „ausgesprochen hübsch“ geprägt haben. Aber darauf kommt es ja im Grunde genommen nicht immer an. Ich ging zu dem Tisch der Dame, stellte mich vor, ließ mich nieder und wir kamen ins Gesprach. Nach einer Stunde zwang mich eine dringende berufliche Verabredung, dieses Rendezvous zu beenden ...

MAN DARF DIE HOFFNUNG NICHT AUFGEBEN, wenn man über den Inseratenweg einen Begleiter fürs Leben sucht. Da gibt es Hotelierstöchterln, Geschäftstöch-terln, Landwirtstöchterln oder Fabrikantentöchterln, die nach einem Ehegatten Ausschau halten. Oder einen Vater, der Ingenieure für seine Töchter sucht, damit die Zukunft des Betriebes gesichert ist und in Familienhand bleibt. Bei vielen „Töchterin“ ist auch gleich die Summe der Mitgift — in bar natürlich — angegeben. Aber es wird auch meist etwas gefordert, sei es nun ein Akademiker — Akademiker rangieren an erster Stelle — oder ein Beamter mit Pensionsberechtigung. Sicherheit wird nämlich wieder groß geschrieben.

Ehebekanntschaft über den Annoncenweg hat etwas Geschäftliches, Nüchternes an sich. Ebensogut kann man nach einem Motorroller, Personenwagen, gebrauchten Kasten oder einem Untermietzimmer suchen. In allen Fällen sind Preis, Qualität und Miet- beziehungsweise Kaufbedingungen angegeben. Ist es mit den menschlichen Gefühlen schon so weit, daß Liebe und Ehe wie ein Stück Handelsware angeboten und begehrt werden?

AUS WELCHEN GRÜNDEN WERDEN EHEPARTNER durch Inserate gesucht? Dieser Frage beschloß ich nachzugehen. Auf jedet mir interessant scheinende Eheangebot schrieb ich und bekam in vielen Fällen auch Antwort. Oft waren unter der Post Schreiben diverser Ehevermittlungsbüros. Nach meiner Erfahrung mit jenem Eheanbahnungsinstitut wanderten die neuen Angebote ungelesen in den Papierkorb. Die Antwortschreiben der unbekannten Partnersuchenden sortierte ich. In einigen war gleich ein Rendezvous angegeben, andere baten um Vorschläge, drei enthielten die Telephonnummer, bei der ich mich als Freier zu melden hätte. Ich hätte fast eine Wette eingehen können: zwei der Telephonnummern waren die Anschlüsse von Eheanbahnungsinstituten ... Auf Grund meines emsigen Postwechsels kam ich schließlich zu einigen Rendezvous. Die Kennzeichen zum gegenseitigen Identifizieren reichten von der Personenbeschreibung bis zu Getränken oder ausgefallenen Zigarettensorten. Eine Dame gab sogar ihren Pudel als Kennzeichen an. Pech, das ich hatte, saßen zwei Damen jüngeren Semesters in dem Lokal — und jede hatte einen schwarzen Pudel an der Leine. Eine sehr verzwickte Situation, aus der mich nur mein ratloses Gesicht rettete, das die eine Dame — es war die richtige — entdeckte und mir beiahend zulächelte.

Es war ein netter Spätnachmittag. Wir unterhielten uns — das heißt: sie plauderte, ich hörte geduldig zu — über Modetänze, neue Twistfiguren, Gschnasfestkostüme, Mode, Gesellschaftsklatsch, schicke Autos und Bars, in denen man sich bewegt — vorausgesetzt, man gehört zur feinen Gesellschaft. Lebensinhalt und Lebensziel dieser jungen Dame also war „dolce vita“ und das Inserat nichts anderes als ein Versuch, neue Bekannte zu „angeln“.

Zeitmangel zur Partnerwahl ist auch ein Grund, weshalb viele zu dem ungewöhnlichen Weg des Inserats greifen. Eine junge Architektin, beschäftigt bei einer Hoch-und Tiefbaugesellschaft, beendete ihr Studium in der vorgeschriebenen Zeit. Dann bekam sie einen gutbezahlten und verantwortungsvollen Posten bei dieser Gesellschaft. Sie arbeitete von frühmorgens bis spätabends. Zwei Jahre lang. Nun entdeckte sie ihre Einsamkeit. Zu Tanzveranstaltungen zu gehen, davor hatte sie zuviel Scheu und auch zuwenig Zeit. So setzte sie ein Inserat in eine Zeitung. Sie möchte heiraten.

Andere junge Damen verbringen ihre ganze Freizeit in einem bestimmten Bekanntenkreis. Die jungen Herren dieser Gesellschaft sind alle schon in festen Händen. Ausgehen dürfen und können die jungen Damen aber nicht allein. Um nun aber doch einen Partner zu finden, wissen sie sich zu helfen: durch ein Inserat.

HEIRATSANNONCEN SIND JAGDGRUNDE für Heiratsschwindler. Manchmal laden die Eheangebote direkt dazu ein. Einsame Herzen, die sich in letzter Hoffnung zu dem Insertionsschritt entschließen, sind es, die auf die Betrüger hereinfallen. Es würde zu weit führen, jetzt all jene Fälle anzuführen, die mit einem Inserat begannen und im Gerichtssaal endeten. Fast unmöglich aber ist es, jene Einsamen zu erfassen, die einem Heiratsschwindler — oder einer Heiratsschwindlerin — auf den Leim gegangen sind und nur aus Furcht vor Schande den Mund halten.

Durch Heiratskanzleien fanden auch Menschen zueinander, die heute in glücklicher Ehe miteinander leben. Allerdings zählen solche Eheschließungen noch zu den Seltenheiten, denn in den meisten Fällen kann man eine so zustandegekommene Heirat als „Geschäft“ bezeichnen. Bester Beweis dafür mag sein, daß eine junge Dame, diesmal ein Juwelierstöchterl, zum Rendezvous glatt den Herrn Papa mitgebracht hatte. Töchterl saß zart vor sich hinlächelnd mir gegenüber, während der Vater ein Kreuzverhör durchführte und alle möglichen und unmöglichen Sachen wissen wollte. Für ihn wäre ich aber ein miserabler Schwiegersohn gewesen, und so zog er nach einer Stunde — höflich lächelnd — mit seinem Töchterl ab.

ALS NÄCHSTES RENDEZVOUS stand auf meinem Terminkalender eine Einladung in eine Wohnung. Mit gemischten Gefühlen stand ich an der Wohnungstür und hatte kaum den Finger an der Glocke, da wurde auch schon die Tür auf und ich hineingerissen. Ich hatte den Eindruck, in eine Familienfeier hineingeplatzt zu sein. Rückziehansätze waren erfolglos, denn schließlich waren alle gekommen, um den Kandidaten fürs Töchterl — diesmal von einem Malermeister und Hausbesitzer — unter die Lupe zu nehmen. Ich erinnerte mich aller guten Sitten, zu denen man so im Laufe der Jahre genötigt wird, nahm Platz und plauderte erst mit der Tante. Wohlwollend ließ sich dann noch die Mutter nieder, während der Vater Leibwache beim Fräulein Tochter spielte und weder sie noch mich einen Augenblick aus den Augen ließ. Die anwesenden Damen fütterten mich mit Kaffee und Kuchen, und jede Ablehnung der leckeren Sachen wurde als Bescheidenheit aufgenommen und ich ge-schoppt wie ein Neujahrsgansl. Und bei jedem Bissen hörte ich Beteuerungen, welch ein wohlbehütetes Kind ich vor mir hätte.

Nach drei Stunden kam ich heil von diesem Familientreffen weg, hatte mittlerweile ein anderes Rendezvous versäumt und von meiner Rolle „Anwärter auf den Ehemann“ die Nase voll. Und übrigens: dieses wohlbehütete Malers- und Haus-besitzerstöchterl hatte ich schon ein paarmal gesehen. Beim Fünfuhrtee und einigen anderen Tanzgelegenheiten ...

PS: Ich bin noch immer Junggeselle!

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