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Jeannie Ebner, die Unbeugsame

Heuer jährt sich ihr Geburtstag zum 100. Mal. Befragt man literaturinteressierte Menschen, so kennen nur noch wenige den Namen Jeannie Ebner.

Der Glaube an ihre Fähigkeit, Dauerndes zu schaffen, war erloschen. Auch ihr Werk war in ständiger Bewegung auf das Meer des Vergessens zu. (Jeannie Ebner)

Einzig das Vollkommene hatte noch Sinn, aber wer vermißt sich, es leisten zu wollen? Der Glaube an ihre Fähigkeit, Dauerndes zu schaffen, war erloschen. Auch ihr Werk war in ständiger Bewegung auf das Meer des Vergessens zu." So äußert sich Jeannie Ebner in ihrem Roman "Die Wildnis früher Sommer". Dieses Zitat offenbart die ganze Tragik ihres eigenen Wirkens.

Heuer jährt sich ihr Geburtstag zum 100. Mal. Befragt man literaturinteressierte Menschen, so kennen nur noch wenige den Namen Jeannie Ebner vom Hörensagen. Jene, die mit dem Werk der Autorin vertraut sind, stellen mit Bedauern fest, dass ihr bis heute nicht der ihr gebührende Platz in der österreichischen Literaturgeschichte zugestanden wird.

Autorin und Förderin

Jeannie Ebner verfasste Lyrik, Kurzprosa, Novellen, Erzählungen und Romane. Hilde Spiel verglich sie gar mit Autorinnenpersönlichkeiten wie Ingeborg Bachmann oder Ilse Aichinger, und dennoch scheinen Ebner und ihr Werk weitgehend unbekannt zu sein.

Jeannie Ebner war auch Förderin heute namhafter Autorinnen und Autoren wie Marlen Haushofer, Ingeborg Bachmann oder Thomas Bernhard. Mit Letzterem verband sie zunächst tiefe gegenseitige Wertschätzung. Für Bernhard war sie gewissermaßen eine erste kritische Instanz, deren poetischer und differenzierter Zugang zur Literatur für ihn außer Frage stand. Im Laufe der Jahre jedoch entfernten sich die beiden merklich voneinander und Jeannie Ebner ging schließlich als negativ konnotierte Figur namens "Jeannie Billroth" in Thomas Bernhards Roman "Holzfällen. Eine Erregung" ein.

Ebner arbeitete auch als Herausgeberin, als Übersetzerin und engagierte sich kulturpolitisch in mehreren Institutionen wie der Interessengemeinschaft Autorinnen Autoren, der literarischen Verwertungsgesellschaft oder dem Österreichischen PEN-Club.

Es gab kaum einen Aspekt menschlichen Daseins als auch österreichischer Geschichte und Politik, mit dem sie sich nicht auseinandersetzte. Der Zweite Weltkrieg und seine Auswirkungen beispielsweise finden ihren Niederschlag in den "Fluchtund Wanderwegen", einem essayistischen Tagebuch. Im Roman "Figuren in Schwarz und Weiß" versteckt der Buchhändler Abländer Bücherkisten noch rasch vor einem möglichen Zugriff durch die Nationalsozialisten in der unter seiner Buchhandlung gelegenen Krypta. "Schweigen Sie. Schweigen Sie, was immer geschieht", sagt er zu seiner Gehilfin Theres.

Gegenstand Ebners Werks sind auch die technologische Entwicklung und Veränderungsprozesse einer verängstigten Nachkriegsgesellschaft. "Vorbei, vorbei treibt die Stadt ihr Gefälle. Und du treibst mit", heißt es in ihrem ersten Buch "Gesang an das Heute". Auch die Rolle der Frau, das Verhältnis der Geschlechter und der damit einhergehende Selbstfindungs- und Selbstwerdungsprozess von Mädchen und Frauen waren der Autorin ein ernstes Anliegen.

Jeannie Ebners Werke spiegeln insgesamt ihren Tiefgang und ihre große Liebe zum Detail, stets ist der Duktus ein poetisch zündender. Ihr Werk reflektiert darüber hinaus auch zeitlose existenzielle Themen, denen der Übergang vom Realen zum Gleichnishaften oder vom Traum zur Wirklichkeit immanent ist.

Früh entwurzelt

Jeannie Ebner selbst fühlte sich stets auch zum Ungreifbaren, Mystischen und ebenso zur Natur in all ihren Erscheinungsformen hingezogen. Abgesehen vom spirituellen Sensorium, über das die Autorin von Kind an verfügte, entstand ihre Hinwendung zum Übernatürlichen möglicherweise auch aufgrund einer in ihrem Leben allzu früh einsetzenden Entwurzelung.

Geboren wurde Jeannie Ebner am 17. November 1918 in Sydney. Sie kehrte, gerade einmal zwei Jahre alt, mit ihren Eltern 1920 zurück nach Wiener Neustadt. Sie wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Als 1925 der über alles geliebte Vater und danach ihr Bruder starb, brach das materielle Fundament der Familie zusammen. Sie trat deshalb bereits 1932 nach der vierten Klasse Gymnasium als Lehrmädchen in die Speditionsfirma des Vaters ein und absolvierte zeitgleich die Handelsschule. 1939 übernahm sie die Firma und studierte nebenbei an der Kunstakademie in Wien. Als die Speditionsfirma 1945 zerstört wurde, floh Jeannie Ebner mit ihrer Mutter nach Tirol und hielt beide mittels Heimarbeit und Nachhilfestunden über Wasser; 1946 gingen sie nach Salzburg und von dort schließlich nach Wien, wo sie als Stenotypistin und Übersetzerin ihr Geld verdiente, 1949 wurde sie arbeitslos.

Zu diesem Zeitpunkt entschloss sie sich, freie Schriftstellerin zu werden. Sie bot der Zeitschrift Neue Wege Gedichte und Prosaskizzen an; diese wurden veröffentlicht und Ebner mit einem Leserpreis ausgezeichnet. Das dem Unterrichtsministerium unterstellte Mitteilungsblatt des Theaters der Jugend war gewissermaßen ein Spiegel der jungen Autorinnenund Autorengeneration der damaligen Zeit. Anlässlich einer Lesung aus ihren Texten lernte sie Hans Weigel kennen, der ihr Talent erkannte und fortan ihr Förderer war.

Das Café Raimund war zu jener Zeit Treffpunkt vieler zeitgenössischer Autorinnen und Autoren rund um Weigel, unter ihnen die bereits erwähnte Ilse Aichinger oder Herta Kräftner. Weigels Intention war, jenen ein Forum zu bieten, die während des NS-Regimes sowohl im Hinblick auf ihr Schreiben als auch auf ihre Veröffentlichungsmöglichkeiten eingeschränkt oder zensuriert waren.

Zu wenig Zeit zum Schreiben

Im Jahr 1952 erschien beim Jungbrunnen Verlag ihr bereits erwähntes erstes Buch "Gesang an das Heute", eine Sammlung von Gedichten und Geschichten, 1954 ihr erster Roman "Sie warten auf Antwort" bei Herold und 1958 "Die Wildnis früher Sommer" bei Kiepenheuer &Witsch in Köln.

Mit den Jahren bekam Ebner zahlreiche Auszeichnungen, das hoch dotierte Robert-Musil-Stipendium der Republik Österreich, den Würdigungspreis für Literatur der Stadt Wien oder den Kulturpreis des Landes Niederösterreich. Für sie selbst jedoch waren Auszeichnungen nie so wichtig, sie sah sich in erster Linie als "Künstlerin" und nicht als "Preisempfängerin", wie sie einmal beinahe spöttisch bemerkte, und ein andermal äußerte sie sich so: "Ich hasse den Hochmut der Begabten..."

Die zu ihren Lebzeiten in Teilen vorhandene Resonanz auf ihr Werk kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie selbst zu wenig Zeit zum Schreiben fand und bisweilen mit kränkender Ignoranz ihr Werk betreffend konfrontiert war.

Dabei rieb sich die Autorin nicht selten auf: "Diese verdammte, dumme Menschlichkeit wider besseres Wissen, kann man sich als Frau nicht abgewöhnen", schreibt sie in einem Tagebuch und ärgert sich über ihre "läppische Rücksichtnahme" beim Verfassen von Texten, der sie sich als Frau unterwirft, um niemandem wehzutun. "Kein Verlag sucht bei einer Frau nach Werken zum Verlegen", so äußert sich Jeannie Ebner in einem unveröffentlichten Tagebuch 1990. Dergestalt war sie im Laufe ihres Lebens immer wieder literarisch heimatlos.

Auch ihre jahrelange redaktionelle Alleinverantwortlichkeit für die Zeitschrift Literatur und Kritik (nach dem Tod von Gerhard Fritsch) erfuhr kaum mediale Resonanz. In einem Leserbrief an die Journalistin und Kolumnistin Eva Deissen reagierte Ebner auf deren Beitrag über das Verschwinden der Frau aus der Kultur. Ebner hatte -ganz im Gegensatz zu den männlichen Redakteuren -nie öffentliche Anerkennung gefunden.

Nicht nur Konflikte innerhalb des Literatur-und Kulturbetriebs, auch seelische Extreme führten bei Jeannie Ebner zu Phasen tiefster Verzweiflung und Depression. Diese Perioden standen ganz im Gegensatz zu jener Beherztheit, jenem Mut und Engagement, mit welchen sich die Autorin im Leben wie in ihrer Literatur für sozial Schwächere einsetzte. Nicht nur Texte wie die Erzählung "Erfrorene Rosen", in der ein Obdachloser warmherzige Aufnahme erfährt, macht diese Haltung transparent, auch aus Ebners unveröffentlichter Korrespondenz geht hervor, dass sie sich für jene, die unter Nöten litten, stets persönlich einsetzte.

Auch ihre jahrelange redaktionelle Alleinverantwortlichkeit für die Zeitschrift 'Literatur und Kritik' erfuhr kaum mediale Resonanz.

Kränkungen

Sie nahm sich trotz wiederkehrender Phasen vollkommener Überlastung immer wieder Zeit, auf Briefe von unbekannten Autorinnen und Autoren ausführlich und stets wertschätzend zu antworten.

Jeannie Ebner war es auch, die nach mehrfachen Treffen, bei welchen sie die beinahe gänzlich erblindete Christine Lavant einmal mehr von der Qualität ihrer Arbeit überzeugen konnte, einige von deren frühen Erzählungen abtippte, redigierte und herausgab.

Sie, deren Name dem Verlag zu gering schien, musste zudem im Vorfeld "Reklame" für das Buch machen, indem sie mittels aufwendiger Korrespondenz Autoren wie Elias Canetti oder Heinrich Böll als "werbende Stimmen" für den von ihr herausgegebenen Erzählband "Nell" von Lavant gewinnen konnte. "Leider geht ja heute fast nichts ohne Reklame", schrieb sie in ihren Briefen an sie. Dabei erfuhr sie eine der schweren Kränkungen ihres Lebens: Sie, die Herausgeberin, wurde vom Verlag nicht genannt. Mehr noch, sie entschuldige sich für diesen Tatbestand bei Canetti und den anderen namhaften Autoren, um nicht als Hochstaplerin zu gelten.

Doch Jeannie Ebner kämpfte weiter, mutig, offensiv und unbestechlich. Die Widerstände und Ressentiments, die sie als Autorin erfuhr, spiegelt ihr Werk.

Jeannie Ebner starb am 16. März 2004 in Wien. Ihr Wirken und ihre Offenherzigkeit waren gewissermaßen einzigartig: nicht nur im Hinblick auf die Qualität ihrer literarischen Arbeit, sondern auch ihre Rolle als Förderin betreffend. Dies zu erinnern und uns mit ihrem poetisch aufgeladenen Werk auseinanderzusetzen, sollte uns eine Selbstverständlichkeit werden.

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