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Das neue FURCHE-booklet

Booklet Nov 10-11
Literatur

Jenseits des Textes lauert der Abgrund

1945 1960 1980 2000 2020

Der rumänische Erzähler Mircea Cărtărescu nimmt den Leser mit auf eine Reise auf dem fliegenden Teppich.

1945 1960 1980 2000 2020

Der rumänische Erzähler Mircea Cărtărescu nimmt den Leser mit auf eine Reise auf dem fliegenden Teppich.

Mit einigem Missvergnügen ist zu beobachten, dass von politischen Beobachtern neuerdings gerne das Wort „Erzählung“ ins Spiel gebracht wird. Politiker und Parteien, so lautet die Forderung, hätten schlüssige „Erzählungen“ zu liefern oder, sollten sie solche vermissen lassen, sollten sich schleunigst welche zulegen. Davor kann man nur warnen! Erzählungen, also literarische Werke, die diese Bezeichnung verdienen, zielen auf Überredung, Verführung, Überwältigung. Oder, wie es im neuesten Text des echten und berufenen Erzählers Mircea Cărtărescu heißt: „auf Levitation über der Buchseite“. Erzählungen, politische wie literarische, das wollen wir hier festhalten, sind niemals harmlose Angelegenheiten!

Läuse, Wanzen und ein vereiterter Nabel – wer nach dem ersten Kapitel von Mircea Cărtărescus Roman „Solenoid“ hofft, dass damit das Schlimmste schon ausgestanden sei, irrt: Zwar geht es nach dem abstoßenden Entree etwas appetitlicher weiter, bald aber schon kündigt sich Gewaltiges an (was, wird hier nicht verraten) und gegen Ende hin (nach erschöpfenden 900 Seiten!) wird es geradezu haarsträubend! Unterwegs macht man Bekanntschaft mit „dem Weltmeister im kontrollierten Erhängen“ (einem Forensiker namens Nicolae Minovici, einer historischen Figur), oder man ist dem Geheimnis der bis heute nicht deutbaren Schriftzeichen des VoynichManuskriptes auf der Spur.

Dabei ist eigentlich alles ganz einfach: Cărtărescus Ich-Erzähler ist Rumänischlehrer an einer Bukarester Schule. Er träumt davon, ein bedeutender rumänischer Schriftsteller, Dichter und Autor, also jemand wie Mircea Cărtărescu, zu sein. Der Ansatz ist nicht frei von Eitelkeit, gibt dem realen Autor aber die Möglichkeit, neben all den phantastischen Schauerlichkeiten, die der Roman vor dem Leser ausbreitet, auch eine veritable Nicht-Karriere zu beschreiben, eine Poetologie ex negativo. Auch wenn da jeder seine eigenen Erfahrungen macht: Hier kann man lernen, wie man nicht Schriftsteller wird!

Die erste und letzte Lesung seines Helden etwa, der Vortrag eines Langgedichtes mit dem passenden Titel „Der Niedergang“ im Bukarester Literaturkreis „Der Mond“, illustriert das trefflich und die Beschreibung dieses Abends, die dankenswerterweise ohne phantastische Weiterungen auskommt, liest sich äußerst amüsant. Auch wenn es an anderer Stelle trotzig heißt „Ich werde ohnehin nicht mein ganzes Leben Lehrer bleiben“, so weiß man doch, dass genau das sein Schicksal ist.

Es gehört zu den Tricks des Autors, den Leser immer wieder in der Sicherheit einer realistischen Erzähl weise zu wiegen. Die Schule in der Bukarester Vorstadt etwa, an der der namenlose Held unterrichtet, wird genau lokalisiert, mit Straße, Straßenbahnverbindung und Aussehen – bis zu dem Moment, an dem wir erfahren, dass der Weg des Lehrers in die Klasse durch unendlich viele Gänge vorbei an unendlich vielen Klassenzimmern führt. Nun versteht man schon, dass der Autor hier ein Bild für die Tristesse des Schulalltags gesucht hat, aber man sollte gewarnt sein. Sicherheiten sind für Cărtărescu dazu da, unterlaufen zu werden.

Mit einigem Missvergnügen ist zu beobachten, dass von politischen Beobachtern neuerdings gerne das Wort „Erzählung“ ins Spiel gebracht wird. Politiker und Parteien, so lautet die Forderung, hätten schlüssige „Erzählungen“ zu liefern oder, sollten sie solche vermissen lassen, sollten sich schleunigst welche zulegen. Davor kann man nur warnen! Erzählungen, also literarische Werke, die diese Bezeichnung verdienen, zielen auf Überredung, Verführung, Überwältigung. Oder, wie es im neuesten Text des echten und berufenen Erzählers Mircea Cărtărescu heißt: „auf Levitation über der Buchseite“. Erzählungen, politische wie literarische, das wollen wir hier festhalten, sind niemals harmlose Angelegenheiten!

Läuse, Wanzen und ein vereiterter Nabel – wer nach dem ersten Kapitel von Mircea Cărtărescus Roman „Solenoid“ hofft, dass damit das Schlimmste schon ausgestanden sei, irrt: Zwar geht es nach dem abstoßenden Entree etwas appetitlicher weiter, bald aber schon kündigt sich Gewaltiges an (was, wird hier nicht verraten) und gegen Ende hin (nach erschöpfenden 900 Seiten!) wird es geradezu haarsträubend! Unterwegs macht man Bekanntschaft mit „dem Weltmeister im kontrollierten Erhängen“ (einem Forensiker namens Nicolae Minovici, einer historischen Figur), oder man ist dem Geheimnis der bis heute nicht deutbaren Schriftzeichen des VoynichManuskriptes auf der Spur.

Dabei ist eigentlich alles ganz einfach: Cărtărescus Ich-Erzähler ist Rumänischlehrer an einer Bukarester Schule. Er träumt davon, ein bedeutender rumänischer Schriftsteller, Dichter und Autor, also jemand wie Mircea Cărtărescu, zu sein. Der Ansatz ist nicht frei von Eitelkeit, gibt dem realen Autor aber die Möglichkeit, neben all den phantastischen Schauerlichkeiten, die der Roman vor dem Leser ausbreitet, auch eine veritable Nicht-Karriere zu beschreiben, eine Poetologie ex negativo. Auch wenn da jeder seine eigenen Erfahrungen macht: Hier kann man lernen, wie man nicht Schriftsteller wird!

Die erste und letzte Lesung seines Helden etwa, der Vortrag eines Langgedichtes mit dem passenden Titel „Der Niedergang“ im Bukarester Literaturkreis „Der Mond“, illustriert das trefflich und die Beschreibung dieses Abends, die dankenswerterweise ohne phantastische Weiterungen auskommt, liest sich äußerst amüsant. Auch wenn es an anderer Stelle trotzig heißt „Ich werde ohnehin nicht mein ganzes Leben Lehrer bleiben“, so weiß man doch, dass genau das sein Schicksal ist.

Es gehört zu den Tricks des Autors, den Leser immer wieder in der Sicherheit einer realistischen Erzähl weise zu wiegen. Die Schule in der Bukarester Vorstadt etwa, an der der namenlose Held unterrichtet, wird genau lokalisiert, mit Straße, Straßenbahnverbindung und Aussehen – bis zu dem Moment, an dem wir erfahren, dass der Weg des Lehrers in die Klasse durch unendlich viele Gänge vorbei an unendlich vielen Klassenzimmern führt. Nun versteht man schon, dass der Autor hier ein Bild für die Tristesse des Schulalltags gesucht hat, aber man sollte gewarnt sein. Sicherheiten sind für Cărtărescu dazu da, unterlaufen zu werden.

Ich glaube nicht an Bücher, ich glaube an Seiten, an Sätze, Zeilen.

Mircea Cărtărescu: „Solenoid“

Dass hier überhaupt nichts mit rechten Dingen zugeht, wird deutlich, wenn es zur Beschreibung der Lebensumstände kommt: Der Lehrer hat von einem greisen Erfinder ein Haus in der Bukarester Vorstadt mehr oder weniger geschenkt bekommen und lebt, man kann es nicht anders sagen, in einer Art Architekturphantasie – in einem „schiffartigen“ Gebäude, in dessen Sockel das titelgebende Solenoid, eine riesige, magische Kräfte verleihende Kupferspirale, eingebaut wurde. Im Zentrum eines Turmes (ebenfalls Teil des Hauses!) steht, als Ort des Schreckens schlechthin, ein Zahnarztstuhl. Als der Lehrer schließlich die zum Obskurantismus neigende Physiklehrerin Irina freit und die beiden in diesem ominösen Habitat ihr Liebesglück feiern, wird die Physikerin (vor Glück?) in einer Art Plasma im Raum schweben. Aber da hat der Autor den Leser schon so weit in seinen Bann geschlagen, dass ihm eine Wunderlichkeit mehr oder weniger keine Probleme mehr bereitet!

Womit hat man es zu tun? Mit Science-Fiction? Einem phantastischen Roman? Was ist das Treibmittel dieser zugegebenermaßen manchmal auch anstrengenden Suada? Rauschhafte Zustände, Träume, Faselei, inspirierte Rede? Wohin geht die Reise auf diesem fliegenden Teppich? Es wird wohl die Sprache selbst sein, deren Forderungen sich der Autor hier überlässt. Freilich kontrolliert, in Kapitelstärke dosiert, immer wieder rückgekoppelt mit einer Durchschnittsbiographie, die den Abstand zum Unerhörten in der richtigen Relation hält. Wichtig bei dieser Art von Prosa ist, dass sie tendenziell immer weitergeht, dass der Text nie aufhört, dass hier jemand um sein Leben erzählt, plappert und raunt, weil jenseits des Textes ein Abgrund lauert, ein Alltag, Banalität, Grauen …

Spätestens hier kommt das Problem der Übersetzung ins Spiel. Der Übersetzer Ernest Wichner hat sicherlich Großes geleistet. Er hat versucht, die Treue zum Original zu wahren und der überbordenden Phantasie des Autors gerecht zu werden. Der Text ist ein großes, neunhundert Seiten langes Poem in Prosa, ein Rausch an detailbesessenen Beschreibungen und, weil es im Grunde ein Hymnus an die Sprache ist, wahrscheinlich unübersetzbar. Was im Rumänischen suggestiv und zwingend sein mag, im Deutschen ist es oft einfach nur zu lang!

Dabei ist der Sukkus der Geschichte eigentlich bestechend: Cărtărescu schickt seinen Doppelgänger ins Rennen und erzählt, in welche Wahnwelten, gelebte und imaginierte, er geraten wäre, hätte er nicht das Glück gehabt, diese Obsessionen in ein literarisches Werk zu bannen. Was sich der Dichter Mircea Cărtărescu schreibend vom Leib halten konnte, muss sein Doppelgänger, der arme, namenlose Rumänischlehrer in „Solenoid“, für ihn erleben und erleiden. Aber, und das tröstet und beruhigt auch wieder, glücklicherweise nur in einem Roman von Mircea Cărtărescu!

Solenoid - © Zsolnay
© Zsolnay
Literatur

Solenoid

Roman von Mircea Cărtărescu

Aus dem Rumän. von Ernest Wichner

Zsolnay 2019

903 S., geb., € 37,10