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Literatur

John le Carré im Pharmadschungel

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Eine Breitseite gegen die dunkle Seite des Pharmageschäfts: Vielversprechender Abschied vom Genre des Agentenromans.

John le Carré schriebe wohl noch heute Agentenromane, wenn der Ostblock nicht zusammengebrochen wäre. Wenn der Agentenkrieg zwischen Sowjetunion und USA nicht auf eine Dimension geschrumpft wäre, die ihn für einen Autor wie diesen einfach uninteressant macht. Gewiss bespitzeln sie einander nach wie vor, horchen einander ab auf Teufel komm raus, vor allem die USA alle anderen. Nicht, dass die Russen nicht wollten, wenn sie könnten. Aber ihre technischen Möglichkeiten hinken denen der CIA hoffnungslos hinterher. Die CIA aber interessiert sich für die wirtschaftlichen und technischen Geheimnisse der Firmen in den befreundeten Ländern längst viel mehr als für die Raketenstandorte der Russen. Ein kleines Regiment etablierter Schreiber von Agentenromanen hat sich von diesem Schlag nie ganz erholt. Umschulung ist halt auch in diesem Metier nicht jedermanns Sache.

John le Carré könnte freilich ruhig weiter Agentengeschichten erfinden, ohne sich um seine Auflagen Sorgen zu machen. Doch für den Autor des Klassikers "Der Spion, der aus der Kälte kam" war dies wohl unter seiner Würde. Jedenfalls hat sich der Großmeister des Spionage-Genres in anderen Gefilden umgeschaut und erfolgreich die Kurve genommen. Mit seinem Roman "Der ewige Gärtner" ist er lebensnäher denn je. Was hatten wir schon mit der Ost-West-Spionage zu tun. Die Wahrscheinlichkeit, in einen Schusswechsel mit abgefeimten Vaterlandsverrätern zu geraten, war gering. Da ist die Chance, an einem Medikament mit tödlichen Nebenwirkungen, die der Hersteller kennt, aber geheim hält, wohl größer.

Vielleicht sogar, trotz allem, die Chance, von einer schönen, mit allen nur denkbaren Reizen ausgestatteten, unwiderstehlichen und noch dazu jungen und stinkreichen Frau geheiratet zu werden. Nur, damit sie sich, von Idealismus übermannt, in einen Privatkrieg mit einem gewissenlosen Pharmakonzern verwickelt. Und, logo, für ihren Mann kaum mehr Zeit hat. Das kann passieren. Reiche können sich nun einmal viel mehr Gewissen leisten als Arme, rein finanziell gesehen. Und im Ernstfall viel mehr Konsequenz. Und ein winziger Promillesatz leistet sie sich auch.

Aber bekanntlich kann man auf so gut wie alles süchtig werden. Warum also nicht auch auf Gewissen, Gerechtigkeit und Ideale. Genau dies ist Tessa, der jungen Frau des in Nairobi stationierten alternden britischen Diplomaten Justin Quayle, passiert. Schon lang vor Beginn des Romans. Er beginnt mit ihrem Tod. Mit einem schaurigen, ungemein blutigen und unerträglichen Tod mit undurchsichtigen, aber auf den ersten Blick für ihren Mann nicht gerade schmeichelhaften Begleitumständen. Denn ein attraktiver Schwarzer war auch dabei. Der Mörder? Oder selbst Opfer?

Das Faszinierende am Roman "Der ewige Gärtner" ist, dass er eigentlich nur vordergründig von der Pharmaindustrie beziehungsweise der Skrupellosigkeit und Brutalität eines Konzerns handelt. Das aber durchgehend, die Handlung tragend und vorwärtstreibend: Dypraxa verspricht weltweiten Durchbruch bei der Bekämpfung der wieder vordringenden, immer öfter multiresistenten, auf immer weniger Medikamente ansprechenden Tuberkulose. Dahinter aber, im Menschlichen, das den Roman als Literatur ausmacht, ist von den Höhen und Tiefen und vom Unausgeloteten einer Beziehung die Rede. Wird eine schreckliche existenzielle Situation geschildert.

John le Carré beherrscht die erzähltechnischen Kniffe. Er ist ein früh und höchst erfolgreich in die Gefilde des Thrillers verschlagener Dichter. Die Umgebung schätzt Justin nach dem schrecklichen Tod seiner Frau für aktionsunfähig am Rande der Unzurechnungsfähigkeit ein. Doch wird über weite Strecken aus Justins Perspektive erzählt - auf eine Weise, die den Leser darüber im Unklaren lässt, wie es in ihm wirklich aussieht. Das Wesentliche erfahren wir zuletzt. Vorher nur in Andeutungen.

Rundherum drapiert John le Carré eine Menge interessantes Milieu. Er beschreibt die Problemchen und dümmlichen Aktionen in der Welt der britischen Botschaften und Residenzen, die sich wohl (nicht nur die britischen) von Kapstadt bis Oslo gleichen, zum Schreien komisch. Und wenn er erzählt, wie ein Leitender im Foreign Office Justin herumzukriegen versucht, sich so zu verhalten, wie es die kaltschnäuzige Chefin will, bleibt auch kein Auge trocken. Er versteht es, Menschen mit wenigen Sätzen zu erschaffen - oder zu vernichten. "Eine dicke Frau mittleren Alters, eine dieser ernsten Personen, die sich selbst als komische Gestalt inszenieren": Ihr ist jeder begegnet. Die den Royals abgeschaute Art besserer Damen, unnatürlich zu gehen: Da kann sich jeder was vorstellen, am meisten natürlich der britische Untertan.

Es geht hier um die absolute Gegenposition zu jeder Gewalt: um die Änderung eines inakzeptablen Systems von innen. Um das ererbte Gerechtigkeitsgefühl, die Werte von Menschen, die einer alten Oberschicht entstammen (Justin der britischen, Tessa der italienischen), und ihre gefestigte Überzeugung, "dass das System selbst gezwungen werden muss, diese Tugenden widerzuspiegeln, da es andernfalls keine Daseinsberechtigung hat." Tessa wollte die Verantwortlichen zwingen, verantwortlich zu handeln.

Damit geht le Carré einen entscheidenden Schritt über seinen "Schneider von Panama" hinaus, völlig weg vom Agentenmilieu, zu einem Thema, das jeden betrifft. "Ein Medikament namens Dypraxa gibt es nicht, gab es nicht und wird es nie geben" stellt er in einer "Nachbemerkung" klar. Aber es könnte Dypraxa geben. Vieles an der Geschichte ist wohl alles andere als Fiktion. Das Buch ist mit Empörung geschrieben. Empörung, zum Beispiel, über die Korruption in der Grauzone zwischen Pharmaindustrie und Medizin. Wenn man dem Autor glauben darf (und warum sollte man es nicht, er hat lang und gründlich recherchiert), sind Abhängigkeitsverhältnisse entstanden, die dafür sorgen, dass klinische Test so ausgehen, wie es Hersteller wollen, und unerwünschte Resultate unterdrückt oder diskreditiert werden. Der Autor im Nachwort: "Je tiefer ich in den pharmazeutischen Dschungel eindrang, desto klarer wurde mir, dass mein Roman, verglichen mit der Wirklichkeit, ungefähr so harmlos ist wie eine Urlaubspostkarte."

Nun war freilich gerade die Irrealität des Agentenromans eine seiner Stärken. Seine Abgehobenheit vom Alltag des Lesers. Etwas davon hat der Autor in den "Ewigen Gärtner" herübergerettet. Dypraxa wird in Afrika an Schwarzen erprobt. Dort sterben die menschlichen Versuchskaninchen. Also doch keine vor der Haustür spielende Geschichte, doch etwas Ferne. Und das ohne Abstriche von der Wirklichkeit.

DER EWIGE GÄRTNER

Roman von John le Carré

List Verlag, München 2001

558 Seiten, geb., öS 315,90/e 22,96

Eine Breitseite gegen die dunkle Seite des Pharmageschäfts: Vielversprechender Abschied vom Genre des Agentenromans.

John le Carré schriebe wohl noch heute Agentenromane, wenn der Ostblock nicht zusammengebrochen wäre. Wenn der Agentenkrieg zwischen Sowjetunion und USA nicht auf eine Dimension geschrumpft wäre, die ihn für einen Autor wie diesen einfach uninteressant macht. Gewiss bespitzeln sie einander nach wie vor, horchen einander ab auf Teufel komm raus, vor allem die USA alle anderen. Nicht, dass die Russen nicht wollten, wenn sie könnten. Aber ihre technischen Möglichkeiten hinken denen der CIA hoffnungslos hinterher. Die CIA aber interessiert sich für die wirtschaftlichen und technischen Geheimnisse der Firmen in den befreundeten Ländern längst viel mehr als für die Raketenstandorte der Russen. Ein kleines Regiment etablierter Schreiber von Agentenromanen hat sich von diesem Schlag nie ganz erholt. Umschulung ist halt auch in diesem Metier nicht jedermanns Sache.

John le Carré könnte freilich ruhig weiter Agentengeschichten erfinden, ohne sich um seine Auflagen Sorgen zu machen. Doch für den Autor des Klassikers "Der Spion, der aus der Kälte kam" war dies wohl unter seiner Würde. Jedenfalls hat sich der Großmeister des Spionage-Genres in anderen Gefilden umgeschaut und erfolgreich die Kurve genommen. Mit seinem Roman "Der ewige Gärtner" ist er lebensnäher denn je. Was hatten wir schon mit der Ost-West-Spionage zu tun. Die Wahrscheinlichkeit, in einen Schusswechsel mit abgefeimten Vaterlandsverrätern zu geraten, war gering. Da ist die Chance, an einem Medikament mit tödlichen Nebenwirkungen, die der Hersteller kennt, aber geheim hält, wohl größer.

Vielleicht sogar, trotz allem, die Chance, von einer schönen, mit allen nur denkbaren Reizen ausgestatteten, unwiderstehlichen und noch dazu jungen und stinkreichen Frau geheiratet zu werden. Nur, damit sie sich, von Idealismus übermannt, in einen Privatkrieg mit einem gewissenlosen Pharmakonzern verwickelt. Und, logo, für ihren Mann kaum mehr Zeit hat. Das kann passieren. Reiche können sich nun einmal viel mehr Gewissen leisten als Arme, rein finanziell gesehen. Und im Ernstfall viel mehr Konsequenz. Und ein winziger Promillesatz leistet sie sich auch.

Aber bekanntlich kann man auf so gut wie alles süchtig werden. Warum also nicht auch auf Gewissen, Gerechtigkeit und Ideale. Genau dies ist Tessa, der jungen Frau des in Nairobi stationierten alternden britischen Diplomaten Justin Quayle, passiert. Schon lang vor Beginn des Romans. Er beginnt mit ihrem Tod. Mit einem schaurigen, ungemein blutigen und unerträglichen Tod mit undurchsichtigen, aber auf den ersten Blick für ihren Mann nicht gerade schmeichelhaften Begleitumständen. Denn ein attraktiver Schwarzer war auch dabei. Der Mörder? Oder selbst Opfer?

Das Faszinierende am Roman "Der ewige Gärtner" ist, dass er eigentlich nur vordergründig von der Pharmaindustrie beziehungsweise der Skrupellosigkeit und Brutalität eines Konzerns handelt. Das aber durchgehend, die Handlung tragend und vorwärtstreibend: Dypraxa verspricht weltweiten Durchbruch bei der Bekämpfung der wieder vordringenden, immer öfter multiresistenten, auf immer weniger Medikamente ansprechenden Tuberkulose. Dahinter aber, im Menschlichen, das den Roman als Literatur ausmacht, ist von den Höhen und Tiefen und vom Unausgeloteten einer Beziehung die Rede. Wird eine schreckliche existenzielle Situation geschildert.

John le Carré beherrscht die erzähltechnischen Kniffe. Er ist ein früh und höchst erfolgreich in die Gefilde des Thrillers verschlagener Dichter. Die Umgebung schätzt Justin nach dem schrecklichen Tod seiner Frau für aktionsunfähig am Rande der Unzurechnungsfähigkeit ein. Doch wird über weite Strecken aus Justins Perspektive erzählt - auf eine Weise, die den Leser darüber im Unklaren lässt, wie es in ihm wirklich aussieht. Das Wesentliche erfahren wir zuletzt. Vorher nur in Andeutungen.

Rundherum drapiert John le Carré eine Menge interessantes Milieu. Er beschreibt die Problemchen und dümmlichen Aktionen in der Welt der britischen Botschaften und Residenzen, die sich wohl (nicht nur die britischen) von Kapstadt bis Oslo gleichen, zum Schreien komisch. Und wenn er erzählt, wie ein Leitender im Foreign Office Justin herumzukriegen versucht, sich so zu verhalten, wie es die kaltschnäuzige Chefin will, bleibt auch kein Auge trocken. Er versteht es, Menschen mit wenigen Sätzen zu erschaffen - oder zu vernichten. "Eine dicke Frau mittleren Alters, eine dieser ernsten Personen, die sich selbst als komische Gestalt inszenieren": Ihr ist jeder begegnet. Die den Royals abgeschaute Art besserer Damen, unnatürlich zu gehen: Da kann sich jeder was vorstellen, am meisten natürlich der britische Untertan.

Es geht hier um die absolute Gegenposition zu jeder Gewalt: um die Änderung eines inakzeptablen Systems von innen. Um das ererbte Gerechtigkeitsgefühl, die Werte von Menschen, die einer alten Oberschicht entstammen (Justin der britischen, Tessa der italienischen), und ihre gefestigte Überzeugung, "dass das System selbst gezwungen werden muss, diese Tugenden widerzuspiegeln, da es andernfalls keine Daseinsberechtigung hat." Tessa wollte die Verantwortlichen zwingen, verantwortlich zu handeln.

Damit geht le Carré einen entscheidenden Schritt über seinen "Schneider von Panama" hinaus, völlig weg vom Agentenmilieu, zu einem Thema, das jeden betrifft. "Ein Medikament namens Dypraxa gibt es nicht, gab es nicht und wird es nie geben" stellt er in einer "Nachbemerkung" klar. Aber es könnte Dypraxa geben. Vieles an der Geschichte ist wohl alles andere als Fiktion. Das Buch ist mit Empörung geschrieben. Empörung, zum Beispiel, über die Korruption in der Grauzone zwischen Pharmaindustrie und Medizin. Wenn man dem Autor glauben darf (und warum sollte man es nicht, er hat lang und gründlich recherchiert), sind Abhängigkeitsverhältnisse entstanden, die dafür sorgen, dass klinische Test so ausgehen, wie es Hersteller wollen, und unerwünschte Resultate unterdrückt oder diskreditiert werden. Der Autor im Nachwort: "Je tiefer ich in den pharmazeutischen Dschungel eindrang, desto klarer wurde mir, dass mein Roman, verglichen mit der Wirklichkeit, ungefähr so harmlos ist wie eine Urlaubspostkarte."

Nun war freilich gerade die Irrealität des Agentenromans eine seiner Stärken. Seine Abgehobenheit vom Alltag des Lesers. Etwas davon hat der Autor in den "Ewigen Gärtner" herübergerettet. Dypraxa wird in Afrika an Schwarzen erprobt. Dort sterben die menschlichen Versuchskaninchen. Also doch keine vor der Haustür spielende Geschichte, doch etwas Ferne. Und das ohne Abstriche von der Wirklichkeit.

DER EWIGE GÄRTNER

Roman von John le Carré

List Verlag, München 2001

558 Seiten, geb., öS 315,90/e 22,96