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Jüdisches Schicksal, jüdische Größe

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DIE JÜDISCHE FRAGE. Vom Mysterium Israels. Von F. W. Foerster. Herder, Freiburg. Herder Bücherei, Band 55, 140 Seiten. — DAS PARLAMENT ISRAELS. Von Meir Faerber. Verlag „Atasa“, Tel Aviv. 160 Seiten. — NAHLIM GOLDMANN. Ein Leben für Israel. Von Jacob Draenger. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main. 1. Band: 275 Seiten, 2. Band: 275 Seiten.

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DIE JÜDISCHE FRAGE. Vom Mysterium Israels. Von F. W. Foerster. Herder, Freiburg. Herder Bücherei, Band 55, 140 Seiten. — DAS PARLAMENT ISRAELS. Von Meir Faerber. Verlag „Atasa“, Tel Aviv. 160 Seiten. — NAHLIM GOLDMANN. Ein Leben für Israel. Von Jacob Draenger. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main. 1. Band: 275 Seiten, 2. Band: 275 Seiten.

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Wer am Problem Israels und des Judentums vorbeigeht, geht an seiner Zeit, geht an sich selbst vorbei; bekommt sich, so er Christ ist, selbst nicht zu Gesicht. Das schwierigste Problem in Landen deutscher Zunge ist heute nicht ein offener Antisemitismus, sondern der verdeckte Antisemitismus von Christen und Nichtchristen, die sich selbst einreden, daß sie „eigentlich gar nichts gegen die Juden haben“. In diesem Sumpf gedeihen Giftblüten besonderer Art. Es ist ein Verdienst des Herder-Verlages, mutig, ja kühn eine Schrift des großen Pädagogen Friedrich Wilhelm Foerster herausgebracht zu haben, die er direkt für die Herder-Bücherei geschrieben hat. Foerster hat zeitlebens die heißesten Eisen der Zeit angefaßt und es vorgezogen, sich an ihnen Finger und Herz zu verbrennen, wohl wissend, daß diese heißen Eisen die Völker verbrennen und ihre Städte in Schutt und Asche legen, wenn sie nicht rechtzeitig geborgen und abgekühlt werden: indem sie ins Bewußtsein gehoben werden. Das heiße Eisen, das er hier anfaßt, ist im wesentlichen der christliche Antisemitismus, der in ununterbrochener Kontinuität Hitler seelisch, klimatisch vorbereitet hat. „Hitler war eine unmittelbare Ausgeburt dieses .christlichen' Antisemitismus.“ Das und einiges andere über den österreichischen Antisemitismus im besonderen ist auf Seite 108 und Umgebung nachzulesen. Wenn man dazu noch die Schilderung des Preßburger Ghettos von 1840 liest — beklemmend an die Lagerstädte, in die die Juden im zweiten Weltkrieg gepfercht wurden, erinnernd, und nicht ganz vergißt, daß der Kommandant von Auschwitz, der ruhig schildert, wie er Millionen Juden in den Tod sandte, von Haus aus katholischer Priester werden sollte, dann hat man einiges Material zum Nachdenken beisammen. — Nachdenklich stimmen den Christen auch die Zeugnisse jüdischer Feindesliebe, die Foerster zusammenstellt. Wobei er daran erinnert, daß in der jüdischen Liturgie der tägliche große Lobgesang gerade an dem Tage ausfällt, an dem nach der Ueber- lieferung die Erzfeinde der Juden, die Aegypter im Meer ertranken. — Im Traktat „Sanhedrin"stehen dazu noch die Worte: „Am Tage, da die Aegypter im Meer ertranken, wollten die Engel vor Gott ihr Lied anstimmen. Da sprach Gott zu ihnen: „Das im euer Lied’anstimmen?

In eine leidenschaftslosere, nüchterne Atmosphäre führt Meir Faerber, Parlamentsjournalist in Israel, mit seinem Bericht über die Knesseth, das Parlament Israels. Das ist ein guter, instruktiver Lieberblick über Struktur und Arbeit der Knesseth, über die Parteien in Israel. Von 130 Abgeordneten stammen neun aus Deutschland, drei aus dem Raum des alten Oesterreich. Zehn gegnerische Parteien stehen einander gegenüber und tragen ihre Kämpfe zumeist mit einer auch für europäische Verhältnisse erstaunlichen Diszipliniertheit aus, was besonders bemerkenswert ist, da der Staat Israel einer belagerten Festung gleicht. Für den Oesterreicher nicht uninteressant sind Hinweise wie folgende:

„Die Ausschüsse sind das Gehirn der Knesseth, das Plenum ist ihr Mund. Es gibt Leute, die behaupten, daß die Arbeit des Parlaments eigentlich nur in den Ausschüssen geleistet wird. Im Plenum hält man Reden, aber im Ausschuß studiert man das Material, hört Berichte von Fachleuten, verhandelt und berät sachlich“ (S. 53).

So in Jerusalem, so in guten Zeiten auch in Wien.

Analog interessant ist das Kapitel „Der Herr des Hauses". Das Kapitel also über den „großen Alten" (der in diesen Tagen abdar.k« wieder einmal, um sicher wiederzukehren).

„Der Herr des Hauses, das den Staat bedeutet, ist David Ben-Gurion.“ — „Keiner konzentriert wie er die Aufmerksamkeit des Hauses auf die Knesseth-Tribüne, wenn er dort, oben steht und in . seiner kraß betonten, scharf skandierten Sprechweise, aggressiv und kampflustig, seine durch kein Konzept zu bändigenden rednerischen Ausbrüche über Anhänger und Gegner ergießt. Wie der Knall einer Dompteurpeitsche klingen die gesteigert hervorgestoßenen letzten Silben der Sätze oder der Aussprüche, die Spannung wachhaltend, die Gegner zu Widerspruch aufreizend…“

Das könnte nicht nur in einem Bericht über Dr. Adenauer stehen, sondern gemahnt an die große, schwere Problematik: Führerpersönlichkeiten in Demokratie und Parlament.

Eine faszinierende Persönlichkeit wird uns in den beiden Bänden der Biographie Nahum Goldmanns von Jacob Draenger vorgestellt (ein dritter Band folgt). Der große Führer des Weltjudentums heute, Nahum Goldmann, Präsident der Zionistischen Weltorganisation und des Jüdischen Weltkongresses, tritt uns hier leibhaftig entgegen, in der Kühnheit seines Geistes, der Schärfe seines Verstandes, in der Größe eines politischen Charakters und nicht zuletzt im Vollbesitz einer Bildung, daß man nur traurig den Kopf schütteln kann, wenn man an die Männer denkt, die heute bei uns Politik „machen“.

Nahum Goldmann ist ein Sohn des russischen Ostjudentums. Das Kind wird aus der Welt der Pogrome nach Deutschland gerettet. Frankfurt, „Klein-Jerusalem“ des deutschen Judentums, wird seine geistige Heimat zunächst. Der Dreizehnjährige setzt sich in einer großangelegten Rede über „Judentum und Hellenismus" mit der seine: Ueberzeugung nach falschen und gefährlichen Assimilierung der Juden in Europa auseinander. Der Siebzehnjährige hält- eine große Friedrich-Hebbel-Gedächtnisrede, zuvor aber, als fünfzehnjähriger Gymnasiast, greift er unter einem Pseudonym die leuchtendste Koryphäe des französischen gelehrten und politischen Judentums, Salomon Reinach, in einem Aufsatz an, der später dessen Sturz als führende Persönlichkeit des Weltjudentums zur Folge hat. Hören wir den fünfzehnjährigen Nahum Goldmann im Angriff gegen diesen großen alten Mann des Weltjudentums:

„Salomon Reinach ist seiner Geburt nach Jude, seiner religiösen Ueberzeugung nach Freidenker, seiner jüdischen Tätigkeit nach Assimilator und seinem Beruf nach Archäologe für griechische Altertümer, Er ist Direktor des Museums französischer Altertümer in Saint-Germain, ist Vorsitzender der hellenistischen Vereinigung in Frankreich, schwärmt also für den Panhellenismus und schreibt ein Buch über die Geschichte der Religionen im allgemeinen, über die des Judentums im besonderen.“

In dieser Skizzierung eines „von Assimilationssucht und Selbstzerstörungswut“ hin- und hergezerrten Juden, nämlich Reinachs, erkennt man unschwer ein demagogisches Talent, das Dr. Goebbels und anderen aggressiven politischen Propagandisten zumindest ebenbürtig ist. Nahum Goldmann ist den Weg dieser Versuchungen nicht gegangen. Der junge Mann macht sich an ein Riesenwerk, an die Herausgabe einer großen jüdischen Enzyklopädie, sammelt dafür Mitarbeiter und Geld in der ganzen westlichen Welt. Das ist hochcharaktcristisch für Goldmannn: seine Ueberzeugung, daß ohne feste geistige Grundlegung das Werk der Zukunft, die Schaffung eines Staates Israel, nicht gelingen kann. Diese Enzyklopädie soll dem Weltjudentum helfen, sich religiös und geistig selbst zu finden, selbst zu erhellen, sich wieder ein- züwurzeln in seinem Wesen und seiner tausendjährigen Geschichte.

Bedeutsam ist dabei, daß Goldmann selbst ebensosehr in der Geistigkeit und strengen Religiosität des Ostjudentums verwurzelt ist, wie er sich in vielen Jahren ernsten Studiums in das deutsche Geistesleben einlebt. Seine politischen Ideen, für die Erziehung seines Volkes, sind tief beeinflußt von Kant und Pestalozzi, seine Geistigkeit nimmt Meister Eckhart und die deutsche Mystik in sich-auf. Der junge Goldmann ist, wohl auch im Ringen mit einer eigenen Versuchung, sich bereits klär geworden, daß nichts so gefährlich ist für ein Volk, das einen langen gefahrvollen Weg in die Zukunft vor sich hat, wie „Nur-Politiker“. Hören wir den 25jährigen Nahum Goldmann; seine Worte gehören ins Stammbuch unserer Politiker und angehenden Politiker: in die politische Arena darf man sich nur begeben, wenn man

„in anderen, tiefer fundierten Welten verwurzelt ist und dort seine Reserven hat. . . Der Nichts-als- Politiker, der Nurpolitiker, ist unweigerlich, früher oder später, dem Untergang preisgegeben. Das Politische ist eine Welt sekundären Ranges; nur Menschen, Gemeinschaften, Ideen und Postulate, die in den primären Welten des Ethos, des Religiösen, des Seelischen verankert sind, können — als Auswirkungen und Uebertragungen — im Politischen wirksam sein und ungefährdet dessen trügerische Atmosphäre ertragen. Menschen, Gemeinschaften, Ideen jedoch, die keine Reserven außerhalb des Politischen haben, die ohne Hintergrund und Fond nichts als politisch sind, gehen am Politischen zugrunde.“

Nahum Goldmann kämpft für eine „Politik mit Reserven“: er weiß, daß nur eine solche dem jüdi schen Volk helfen kann, das, was ihm als Wichtigstes erscheint, das Zusammenleben mit den Arabern, positiv zu gestalten. Immer wieder stellt er bei seinem Aufstieg und im Aufstieg der zionistischen Bewegung fest: Erfolge sind nicht genug! „Erfolge sind für eine idealistische Bewegung immer in einem gewissen Sinn gefährlich, gefährlicher meist als ein Mißerfolg; und ein jeder Blick in die Geschichte beweist, daß die meisten idealistischen und revolutionären Bewegungen durch ihre Mißerfolge groß geworden, an ihren Erfolgen aber zugrunde gegangen sind. Man muß schon sehr stark, sehr reif und seiner selbst sehr, bewußt sein, um einen großen-und besonders einen plötzlichen, überraschenden Erfolg ohne inneren Schaden ertragen zu können. Wir haben diese Stärke nicht gehabt.“

So Goldmann 1923 über die zionistische Bewegung.

Es ist interessant, daß das wilhelminische Deutschland mitten im ersten Weltkrieg die große Begabung des jungen „feindlichen Ausländers“ (Goldmann wat russischer Staatsbürger) erkennt, ihn als Mitarbeiter- ins Auswärtige Amt (für Ostfragen) beruft. Ebenso interessant, wie Gpldmann den Weg Walther Ra- thenaus ablehnt, in offener Aussprache mit diesem: ein Jude habe nicht das Recht, die Angelegenheiten eines anderen Volkes zu repräsentieren.

Aus dem 2. Band dieser Biographie, der den Aufstieg Goldmanns in der zionistischen Bewegung, bis 1936 behandelt, wefden den österreichischen Leser unter anderem besonders ein langes Gespräch Goldmanns mit Mussolini interessieren. Mussolini hatte wenige Wochen zuvor Hitler in Venedig getroffen und sprach sich mit Goldmann sehr freimütig, über Hitler, den er damals für einen Narren hielt, aus. Freundliche und anerkennende Worte fallen über Schuschnigg. — Dieser zweite Band zeigt, wie die politische Begabung Goldmanns sich in schweren Auseinandersetzungen vor allem innerhalb und um die zionistische Bewegung langsam durchsetzt. Leitmotiv seiner Politik ist: „Mit der einen Hand Palästina bauen, mit der anderen in der Galuth kämpfen.“ Die Galuth: das ist die Diaspoia, in der die Söhne Israels fast 2OO0 Jahre lang leben. Sie heimzuführen aus diesen langen Zeiten großer Leiden und nie erlahmender Hoffnungen ist das Lebesziel des Mannes Nahum Goldmann, in dem das jüdische Volk eine Führerpersönlichkeit außerordentlichen Rangės erhalten hat.

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