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Kampf zwischen Löwe und Hahn

Der langjährige verbissene Kampf der Flamen für Freiheit und Gleichberechtigung zeitigte zu vielem Unerfreulichen, auch, wie es sich für die Heimat Till Eulenspiegels wohl von selbst versteht, eine reiche Ernte an Volks- und Galgenhumor. Wer die Witzblätter jener wildbewegten Jahre zurückschauend durchblättert,

spürt, wie immerfort der Geist des unsterblichen Narren am Werk ist, die Engstirnigkeit der Brüsseler Behörde anzuprangern. Vielbelacht wurde beispielsweise folgender Witz: Ein Bauer vom Land geht in einer Brüsseler Kirche beichten. Weil er in der überwiegend französischsprechenden Stadt befürchtet, nicht gleich richtig verstanden zu werden, leitet er sein Bekenntnis mit den Worten ein: „Ehrwürdiger Vater, ich bin Flame.“ Worauf der gute Beichtvater antwortet: „Aber das ist doch keine Sünde, mein Lieber, das ist ein Unglück.“

Die ungerechten gesellschaftlichen Verhältnisse im Mehrvölkerstaat Belgien, auf die solche Scherze zielen, gehören längst der Vergangenheit an. Es wäre abwegig, heute

noch vom unterdrückten flämischen Volk zu reden. Die unerträgliche Entmündigung der Flamen machte einer gemäßigten kulturellen Autonomie Platz. Die Emanzipation schreitet voran, wenn sie sich auch nicht immer reibungslos und ohne erheblichen Widerstand durchsetzt. Es gibt eben immer wieder Leute,

die die Uhr zurückstellen möchten. So erachtete der Bürgermeister von Lüttich es für nützlich, noch einmal darauf zurückzukommen, daß der belgische Staat auf dem Prinzip der Einsprachigkeit gegründet worden sei. Die Zweisprachigkeit verstoße somit gegen den Pakt vom Jahre 1830. Wir leben wieder im Jahre 1829, rief der erzürnte Stadtvater aus. Eine flämische Zeitung nahm sofort den Handschuh auf. „Dann sind wir neugierig“, schrieb das Blatt, „was im nächsten Jahr geschehen wird.“ Uber so viel Unverständnis Staunen sogar die Franzosen. Etienne Hirsch, französischer Kommissar bei Euratom, belehrte die Herren in Brüssel eines besseren: Von der Stunde an, da ein Teil der Nation eine andere Sprache

spricht, sollten die anderen diese Sprache respektieren und zu lernen versuchen, und wäre es die Sprache der Papuas, meinte er.

Das neue Sprachgesetz

Das neue Sprachgesetz, das am 1. September in Kraft trat, schien die diesbezüglichen Schwierigkeiten ein für allemal gelöst zu haben. Das Gesetz gewährleistet jedem der beiden, durch die „endgültige Sprachgrenze“ getrennten Teile, in seinem Gebiet die unumschränkte Herrschaft in sprachlichen Angelegenheiten. Wie aber verhält es sich in der Praxis mit der freundlichst empfohlenen zweiten Sprache? Es stand für die Flamen von vornherein fest, daß für sie nur das Französische in Betracht kam. Die Wallonen aber sträubten sich dagegen, das Flämische als Schulfach anzuerkennen. Aus Nützlichkeitsgründen bevorzugen sie begreiflicherweise die englische Sprache. Worauf die Flamen drohen, das Französische im Unterricht zu streichen, zugunsten des Englischen oder Deutschen. Hier sind die Flamen, das sollten sie verstehen lernen, unvermeidlich im Rückstand. Das Niederländische ist nun einmal keine Weltsprache wie das Französische.

Die Dualität des Staates läßt das Land kaum zur Ruhe gelangen. Die alten Zwistigkeiten spielen bei allen Streitfragen mit. So war es 1950 bei der Königsfrage, 1955 bei der Schulreform, und wieder in der Kongokrise (als die Flamen sich progressiver zeigten als Brüssel) wie bei der Krise in der EWG (wo die Wallonen geschlossen hinter de Gaulle standen).

Brüssel ist nicht neutral

Leider zeigt sich Brüssel seiner Aufgabe eines neutralen Unparteiischen keineswegs gewachsen. Die Stadt, die sich gern emporspielt als die künftige Hauptstadt der europäischen Gemeinschaft muß sich als Vermittler zwischen zwei Kulturen erst noch bewähren. Allzuoft neigt sie dazu, die Gegensätze zu verschärfen. Ist es da ein Wunder, daß als einzige Lösung aus all den Schwierigkeiten immer wieder das Zau

berwort Föderalismus auftaucht. Mit diesem Fremdwort kann die unvermeidliche, nützliche Dezentralisation gemeint sein. Die extremen Richtungen — gewisse Elemente in der flämisch-nationalen Volksunion und in ihrem Gegenstück, der Wallonischen Volksbewegung — verstehen darunter die völlige Desintegration, die Spaltung des Landes in Flandern und Wallonien. Zwischen diesen Polen steht als dritte Keilspitze, jedoch in direktem Gegensatz zu den beiden, das „Nationale Komitee für die belgische Einheit und Sprachenfreiheit“, worunter seine Anhänger allerdings die Herrschaft įder französischen Sprache, Kultur und Sitten verstanden wissen wollen. Damit steht Belgien wieder einmal im Strudel entgegengesetzter Meinungen und Agitationen.

Die Wallonen beschreiten mit ihrer jüngsten Aktion, der Sammlung von 200.000 Unterschriften unter einer für eine Föderation werbenden Petition, die sie dem Parlament unterbreiten wollen, den legalen Weg. Diese Aktion ließ die Flamen nicht ruhen, nötigte sie aber nun auch ihrerseits den Schein der Legalität möglichst zu wahren. Unter diesen Umständen nahmen sie von dem bereits geplanten Marsch auf Brüssel Abstand. Der häufig diskutierte Marsch auf Brüssel, der bisweilen in eine regelrechte Straßenrevolte zu entarten pflegt, hat nämlich eine lange Geschichte und keinen guten Leumund. Bereits im vergangenen Jahrhundert fanden Experimente dieser Art statt. Sie veranlaßten König Leopold I. zu dem bestürzten Ausruf: C'est la mort du rėgime parlamen- tair. Seitdem wählten abwechselnd Liberale, Sozialisten, Faschisten und Flaminganten diese antidemokratische Aktion, immer dann, wenn sie gegen die Mehrheit oder gegen die bestehende Ordnung ihren Sonderwillen durchzusetzen versuchten. Das gelang bisweilen. Man denke an die Revolte zur Zeit der Königsfrage 1950, als die Regierung vorder Gewalt einer revoltierenden sozialistischen Minderheit kapitulierte und den König Leopold entthronte. Ein illegales, höchst bedenkliches Mittel mithin.

Die „unterdrückte Mehrheit“

Auch die Tatsache, daß die aktiven Flamen sich nicht als eine Minderheit gebärden möchten — bezeichnete doch selbst der heutige Premierminister Lefėvre Belgien einmal scherzend als das einzige Land der Welt mit einer unterdrückten Mehrheit — mag dazu beigetragen haben, diesmal von dem Marsch auf Brüssel, der genau betrachtet, nur Sache der Minderheiten ist, abzulassen. Man entschied sich schließlich für eine Demonstration in Antwerpen, wo man gleichsam unter sich war und die Gefahr für Zusammenstöße mithin gering erschien. Auch gegen diese Veranstaltung hatte' das Aktionskomitee übrigens den Widerstand der flämischen Presse, der politischen Parteien und vieler flämischer Vereine zu überwinden.

So hatten sich an einem regnerischen November-Sonntag die Massen — schätzungsweise 100.000 Flamen an der Zahl — in der alten Hansestadt eingefunden, um für ein föderalistisches Belgien im föderalistischen Europa zu werben. In keiner Weise erinnerte die turbulente Kundgebung an die gehobene Stimmung, welche die Yser-Wallfahrten, vor allem der früheren Jahre, kennzeichnete, als von weither die Flamen heranpilgerten und begeistert und andachtsvoll zugleich am historischen Ehrenmal verweilten, indem sie in fast religiöser Ergriffenheit ihre Sprechchöre erschallen ließen: „Freiheit für Flandern, Flandern für Christus“ oder den Versen ihrer Dichter lauschten: „Hier ruhen die Toten als Samen im Sand, erhoffe die Ernte, o Flandernland.“

Die Poesie blieb zu Hause

Von Poesie und Romantik fand sich in Antwerpen nicht die Spur. Es war eine harte, prosaische Angelegenheit. Die Spruchbänder stellten klare, unmißverständliche Forderungen: „Mehr Flamen im Parlament“ — „Schluß mit der Brüsseler Bevormundung“ — „Flandern drängt zur Entscheidung“. Auch bitter-sarkastische Vorwürfe wurden laut: „Die Neger sind frei, die Flamen noch Knechte“ — „Sprachmauer, Geldmauer“. Man sang

Parodien auf die belgische Nationalhymne, die Brabaneonne, verunglimpfte die belgische Fahne. Dafür wehten da und dort die niederländischen Farben und wagte ein Verwegener gar eine Andeutung auf die vereinigten Großniederlande.

Der Vorsitzende des Aktionskomitees distanzierte sich in seiner Schlußrede zwar von den ausgefallenen Parolen und anderen bedauer-

Der „Marsch auf Brüssel“

Die Sensation des Tages war unzweifelhaft die Anwesenheit einer Delegation aus Wallonien, die, ihre eigene Fahne schwenkend, sich am Umzug beteiligte, so daß zum erstenmal in der Geschichte Flanderns Löwe und wallonischer Hahn brüderlich miteinander verkehrten. Freilich war die Voraussicht auf die baldige, endgültige Scheidung oder doch das Verlangen dazu, der eigentliche Anlaß zu dieser späten Umarmung. Man plant sogar eine gemeinsame Aktion und möchte

dann doch noch den versäumten Marsch auf Brüssel nachholen.

Indes: Der Stein kam ins Rollen, er rollt unentwegt weiter, lockert andere und zieht sie mit sich fort.

Ein kühner Vorschlag

Da legt schon ein junger Flame namens Walter Kunnen, ein begeisterter Anhänger der europäischen Bewegung, ein Projekt auf den Tisch, das an Originalität und Kühnheit alle vorangegangenen

liehen Entgleisungen, betonte aber den entschlossenen Willen, das dynamisch-progressive Programm nunmehr durchzuführen. Flandern heischt Selbstverwaltung in allen inneren Angelegenheiten. Die Auslandspolitik, die Fragen der Landesverteidigung, soziale und wirtschaftliche Fragen bleiben weiterhin der Brüsseler Regierung Vorbehalten.

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weit hinter sich läßt. Seiner Ansicht nach sollte Belgien in Zukunft sich nicht aus zwei, sondern gleich aus sechs autonomen „Ländern“ zusammensetzen: drei flämischen: Flandern, Limburg und Brabant, und drei wallonischen: Lüttich, Hene- gauen und den Ardennen. Brüssel, eine neutrale Bundesstadt, fiele keine andere Rolle zu als die eines großen Verwaltungsgebäudes mit dem entsprechenden Apparat. Brüssel soll den sechsgliedrigen Senat und ein gemeinsames Parlament beherbergen.

Mit solchen verwegenen Plänen tragen Belgier sich heute herum, man diskutiert sie in Studentenkreisen in aller Öffentlichkeit und in vollem Ernst.

Man kann diese Bestrebungen als Hirngespinste junger Phantasten abtun. Es wäre immerhin auch möglich, daß diese Jugend nur vorausläuft auf Dinge, die in ferner Zukunft heranreifen: das föderalistische Belgien im föderalistischen Europa.

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