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"Kazimira" von Svenja Leiber: Durch den Bernstein gesehen

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Svenja Leibers Roman „Kazimira“ ist episch, wuchtig und vielschichtig.

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Svenja Leibers Roman „Kazimira“ ist episch, wuchtig und vielschichtig.

Das Gold der Ostsee hatte seine Hochphase im 17. und 18. Jahrhundert, das legendäre Bernsteinzimmer belegt seinen Wert als Symbol für Wohlstand und Macht. Heute wird das ausgetrocknete Harz größtenteils nach China exportiert, da es kein Edelstein ist, hat es seinen Reiz für die oberen Schichten Europas offenbar irgendwann verloren. Abgebaut wird Bernstein aber noch immer in rauen Mengen, im heute russischen, früher ostpreußischen Jatarny etwa. An dieser Geschichte des Bernsteinabbaus entlang erzählt Svenja Leiber die Geschichte einer Region, vom 19. bis ins 21. Jahrhundert.

Es beginnt mit der titelgebenden Kazimira, die ungewollt von ihrem Mann Antas, einem Bernsteindreher, schwanger wird, die aber viel lieber selbst in der Grube arbeiten würde, als ein typisches Frauenleben zu leben. „Üben wir jetzt also das Teetrinken“, sagt Kazimira zu ihrer Besucherin Jadwiga, und mehr als diesen einen Satz brauchen weder sie noch die Autorin, um eine vorsichtige, gegen Geschlechter- und Schichtkonventionen verstoßende Liebesgeschichte anzudeuten.

Üben, miteinander umzugehen, müssen diese beiden Frauen, weil sie kein Vorbild haben, keine gesellschaftliche Handlungsanweisung, keine Blaupause, wie sie einander lieben sollen. Happy End, das ist wenig überraschend, kann es für die beiden keines geben, und auch über die Region bricht das 20. Jahrhundert mit seinem tödlichen Antisemitismus und seinen zwei Weltkriegen herein.

Epischer historischer Roman

Der Besitzer des Bernstein-Tagbaus, Moritz Hirschberg, ein Jude, nennt seine Bernsteingrube nach seiner todkranken Tochter Anna. So wie die schwindsüchtige Anna Tag für Tag mehr dahinsiecht, wird der Antisemitismus immer stärker, bis Hirschberg und seine Frau Henriette schließlich aufgeben. Die Annagrube aber wird später in die Geschichte eingehen, im Januar 1945 wollten dort SS-Truppen tausende jüdische Frauen, die sie auf der Flucht vor den vorrückenden sowjetischen Truppen aus dem KZ Stutthof Richtung Westen trieben, einmauern. Ihr Vorhaben scheiterte, die Frauen wurden stattdessen auf dem Eis der Ostsee erschossen.

Svenja Leiber sagt ebenso viel wie sie ausspart, so zärtlich-subtil sie von Kazimiras und Jadwigas Liebesgeschichte erzählen kann, so brutal und poetisch verdichtet erzählt sie vom Massaker an den jüdischen Frauen. „Und sie treiben sie in die Nacht, Frauen, Mädchen, die sie bis jetzt gequält haben, sie treiben sie in den Frost.“ Die 1975 geborene Leiber ließ sich schon bisher literarisch nicht festlegen und fiel durch ihre stilistische Vielfalt auf.

„Kazimira“ ist ein epischer, wuchtiger, historischer Roman, kein glatter, durchsichtiger Diamant, sondern ein vielschichtiger, das Licht unterschiedlich reflektierender Bernstein.

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