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Literatur

Keinem Lehrsatz bleibt seine Gestalt

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Margit Schreiners Essays stellen „Grundwahrheiten“ auf den Kopf oder eigentlich auf die Beine, wenn auch immer auf andere.

Schon nehmen die Überschwemmungen zu und die großen Stürme, schon privatisieren wir unser Wasser und die Post, versagt die Bahn, wird das Öffentlich-Rechtliche privatisiert und kommerzialisiert. Schon wird Bildung auf Wissen reduziert und Kultur kommt als Information in die Schiene. Schon wackelt der Sozialstaat. Schon regiert der Quotenwahn.“ So ist es und da gibt es eigentlich nur einen Trost: In die nächste Buchhandlung gehen – falls die nicht schon den Großketten erlegen ist – und Margit Schreiners Essayband „Schreibt Thomas Bernhard Frauenliteratur?“ kaufen. Dann sind dem schlechten Lauf der Dinge zumindest einige garantiert vergnügliche Stunden abgetrotzt.

Herzhaftes Lachen

Das Buch versammelt Essays, Aufsätze und Artikel aus den Jahren 2000 bis 2008. Solche Kompilationen gehen oft gar nicht gut aus, bei Margit Schreiner allerdings sehr wohl. Dem Band ist nicht zu entnehmen, ob die Texte überarbeitet wurden – wenn nicht, dann Chapeau. Diese Autorin wiederholt sich nicht.

Ein einziges Mal auf den über 300 Seiten stößt man auf bereits Erwähntes, aber wohl nur, weil Schreiner das Zitat von Gina Kaus einfach zu gut gefällt: Eine Frau rät hier ihrem Geliebten ab, sich wegen ihr scheiden zu lassen. Die Ehe sei schließlich das einzige Mittel gegen das Heiraten, seine Ehefrau also wie eine Pockenimpfung: Er spüre sie gar nicht mehr, aber sie schütze ihn vor einer schwereren Infektion.

Es ist charakteristisch für Margit Schreiner, dass sie darüber genauso herzlich lachen kann wie über „all die männlichen Monomanen bei Bernhard mit ihren durch und durch weiblichen Problemen: furchtbare Empfindlichkeiten bei Gesprächen, Angst vor unerwartetem Besuch, vor dem Staub überall, dem Föhn, der Schlaflosigkeit, ständige Selbstvorwürfe gepaart mit nachtragender Rachsucht, Entscheidungsunfähigkeit, Entschlusslosigkeit, Eifersucht, Nörgelei, Rechthaberei … ständiges Kränkeln, Unwohlsein, Unbehagen, Unlust, Unverständnis …“ Margit Schreiner geht einfach an alles und jedes mit einer unglaublichen Respektlosigkeit und einer großen Portion Humor heran – und beides wird in der Rezeption ihrer Bücher häufig übersehen oder doch zu wenig beachtet.

Mit Vorliebe und Vergnügen stellt sie alles, was gut und heilig ist, auf den Kopf oder eigentlich auf die Beine, wenn auch immer auf andere. Ob es feministische „Grundwahrheiten“ sind oder literaturwissenschaftliche – keinem Lehrsatz bleibt seine Gestalt. Sie entzaubert den Berlin-Kult der 1990er Jahre, beantwortet endlich die Frage, weshalb es keine weiblichen Genies gibt, rüttelt gelassen an den Grundfesten dessen, was aktuell den Literaturbetrieb ausmacht, erstellt neue Suchbilder von Ingeborg Bachmann, demontiert im Vorbeigehen ein paar der Thomas Bernhard-Demontierer und analysiert die Folgekosten des tendenziell schon das ganze Land überziehenden österreichischen Vororts.

Entzaubert und rüttelt

Immer wieder erzählt sie dabei von sich, oder scheinbar von sich, aber eigentlich doch mehr von uns allen. Von der Pubertät, als Körper plötzlich erogene Zonen und Bücher „Stellen“ bekamen, von der Unmöglichkeit der Verständigung der Geschlechter, von allein erziehenden Müttern, die verheiratet sind oder von der Leidenschaft fürs Kreuzworträtsel-Lösen – eindeutig eine direkte Kriegsfolge: Stillhalten und warten, dass nichts passiert.

Das große Neue an der Literatur von Frauen, so Margit Schreiner, sei die Schamlosigkeit, „durch die Neigung zu Autobiographie und Philosophie, durch Vermischung von Persönlichem und Abstraktem“. Freilich ist die Schamlosigkeit der Medien, die selbst unschuldige Mütter von kurzfristigen Radsport- oder sonstigen Stars zu Interview-Frühstücken zerren, aktuell von der Literatur kaum zu übertreffen. Doch die Schamlosigkeit, die Margit Schreiner meint, setzt dort an, wo die Gesellschaft heute neue und letztlich viel radikalere Tabus setzt. Über die Unmöglichkeit des Zusammenlebens einer Pubertierenden mit einer Wechseljährigen zu schreiben, das ist bisher nur Margit Schreiner eingefallen. Denn genau darüber kann eine Gesellschaft nicht offen sprechen, die ihre Mitglieder zu ewiger Jugendlichkeit, späten Mutterschaften und fortwährend verlängerten Arbeitslebenszeiten verurteilt.

SCHREIBT THOMAS BERNHARD FRAUENLITERATUR?

Über Literatur, das Leben und andere Täuschungen

Von Margit Schreiner

Verlag Schöffling & Co, Frankfurt 2008

315 Seiten, geb., € 19,50

Margit Schreiners Essays stellen „Grundwahrheiten“ auf den Kopf oder eigentlich auf die Beine, wenn auch immer auf andere.

Schon nehmen die Überschwemmungen zu und die großen Stürme, schon privatisieren wir unser Wasser und die Post, versagt die Bahn, wird das Öffentlich-Rechtliche privatisiert und kommerzialisiert. Schon wird Bildung auf Wissen reduziert und Kultur kommt als Information in die Schiene. Schon wackelt der Sozialstaat. Schon regiert der Quotenwahn.“ So ist es und da gibt es eigentlich nur einen Trost: In die nächste Buchhandlung gehen – falls die nicht schon den Großketten erlegen ist – und Margit Schreiners Essayband „Schreibt Thomas Bernhard Frauenliteratur?“ kaufen. Dann sind dem schlechten Lauf der Dinge zumindest einige garantiert vergnügliche Stunden abgetrotzt.

Herzhaftes Lachen

Das Buch versammelt Essays, Aufsätze und Artikel aus den Jahren 2000 bis 2008. Solche Kompilationen gehen oft gar nicht gut aus, bei Margit Schreiner allerdings sehr wohl. Dem Band ist nicht zu entnehmen, ob die Texte überarbeitet wurden – wenn nicht, dann Chapeau. Diese Autorin wiederholt sich nicht.

Ein einziges Mal auf den über 300 Seiten stößt man auf bereits Erwähntes, aber wohl nur, weil Schreiner das Zitat von Gina Kaus einfach zu gut gefällt: Eine Frau rät hier ihrem Geliebten ab, sich wegen ihr scheiden zu lassen. Die Ehe sei schließlich das einzige Mittel gegen das Heiraten, seine Ehefrau also wie eine Pockenimpfung: Er spüre sie gar nicht mehr, aber sie schütze ihn vor einer schwereren Infektion.

Es ist charakteristisch für Margit Schreiner, dass sie darüber genauso herzlich lachen kann wie über „all die männlichen Monomanen bei Bernhard mit ihren durch und durch weiblichen Problemen: furchtbare Empfindlichkeiten bei Gesprächen, Angst vor unerwartetem Besuch, vor dem Staub überall, dem Föhn, der Schlaflosigkeit, ständige Selbstvorwürfe gepaart mit nachtragender Rachsucht, Entscheidungsunfähigkeit, Entschlusslosigkeit, Eifersucht, Nörgelei, Rechthaberei … ständiges Kränkeln, Unwohlsein, Unbehagen, Unlust, Unverständnis …“ Margit Schreiner geht einfach an alles und jedes mit einer unglaublichen Respektlosigkeit und einer großen Portion Humor heran – und beides wird in der Rezeption ihrer Bücher häufig übersehen oder doch zu wenig beachtet.

Mit Vorliebe und Vergnügen stellt sie alles, was gut und heilig ist, auf den Kopf oder eigentlich auf die Beine, wenn auch immer auf andere. Ob es feministische „Grundwahrheiten“ sind oder literaturwissenschaftliche – keinem Lehrsatz bleibt seine Gestalt. Sie entzaubert den Berlin-Kult der 1990er Jahre, beantwortet endlich die Frage, weshalb es keine weiblichen Genies gibt, rüttelt gelassen an den Grundfesten dessen, was aktuell den Literaturbetrieb ausmacht, erstellt neue Suchbilder von Ingeborg Bachmann, demontiert im Vorbeigehen ein paar der Thomas Bernhard-Demontierer und analysiert die Folgekosten des tendenziell schon das ganze Land überziehenden österreichischen Vororts.

Entzaubert und rüttelt

Immer wieder erzählt sie dabei von sich, oder scheinbar von sich, aber eigentlich doch mehr von uns allen. Von der Pubertät, als Körper plötzlich erogene Zonen und Bücher „Stellen“ bekamen, von der Unmöglichkeit der Verständigung der Geschlechter, von allein erziehenden Müttern, die verheiratet sind oder von der Leidenschaft fürs Kreuzworträtsel-Lösen – eindeutig eine direkte Kriegsfolge: Stillhalten und warten, dass nichts passiert.

Das große Neue an der Literatur von Frauen, so Margit Schreiner, sei die Schamlosigkeit, „durch die Neigung zu Autobiographie und Philosophie, durch Vermischung von Persönlichem und Abstraktem“. Freilich ist die Schamlosigkeit der Medien, die selbst unschuldige Mütter von kurzfristigen Radsport- oder sonstigen Stars zu Interview-Frühstücken zerren, aktuell von der Literatur kaum zu übertreffen. Doch die Schamlosigkeit, die Margit Schreiner meint, setzt dort an, wo die Gesellschaft heute neue und letztlich viel radikalere Tabus setzt. Über die Unmöglichkeit des Zusammenlebens einer Pubertierenden mit einer Wechseljährigen zu schreiben, das ist bisher nur Margit Schreiner eingefallen. Denn genau darüber kann eine Gesellschaft nicht offen sprechen, die ihre Mitglieder zu ewiger Jugendlichkeit, späten Mutterschaften und fortwährend verlängerten Arbeitslebenszeiten verurteilt.

SCHREIBT THOMAS BERNHARD FRAUENLITERATUR?

Über Literatur, das Leben und andere Täuschungen

Von Margit Schreiner

Verlag Schöffling & Co, Frankfurt 2008

315 Seiten, geb., € 19,50