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Kleine Bücher des Goethe-Jahres

Das Jubiläumsjahr ist vorbei. Vorüber sind seine festlichen Höhepunkte und vielleicht auch schon die Depression der Müdigkeit ob all der Feiern und Lobpreisungen. Eine merkwürdige Zeit hat Goethe plötzlich in die Mitte ihres Interesses zu rücken versucht: eine Zeit allmählicher Genesung und unheimlicher neuer Spannungen, gläubiger Hoffnungen und entsetzlicher Erwartungen. Diese ! nsere Zeit kann Goethe nur mehr als ihr Gegenbild sehen (wenn es ihn nicht in die eigene Fraglichkeit hereinziehen will, wie Thomas Mann es versucht hatte): als ein schon im Dämmer des Gewesenen verfließendes Gegenbild, das einige in treuer Anhänglichkeit an ihr Jugenderlebnis „Goethe“ (ein damals schon verspätetes Erlebnis) der blinden Gegenwart noch tapfer entgegenhalten, in dem andere freilich — es ist groß und vieldeutig genug — schon die Züge eines Menschentums zu erkennen glauben, zu dem die Gegenwart sich erst wieder durchringen müsse, von dem die meisten aber sich endgültig abgewandt haben: in schwerem Ernst, als Verzichtende, als Höheres Fordernde, oder in der Sorglosigkeit der vom Tage Befangenen.

Und doch war es reizvoll und vielleicht das edelste literarische Erlebnis des vergangenen Jahres, sich durch Goethes Schriften selbst, aber auch durch das eine und andere der Bücher über Goethe zurückführen zu lassen zu diesem großen Geist, zu diesem mächtigen Menschentum.

Die kleine Reihe von Aufsätzen „Blicke in Goethes Welt“ von V. O. Ludwig (Verlag Lichtner, Wien) ist von jener treuen Verehrung des „Altmeisters“ getragen, die aljen seinen Beziehungen zu anderen Personen mit Liebe nachgeht, hier zum Prince de Ligne wie zu Sonnenthal und Billroth, die jede Äußerung über Goethe und sein Werk, auch entlegenere, da und dort aufgefundene, sorgsam aufhebt. So werden für den Leser, der sidi auf diese Spaziergänge führen läßt, manche sonst nicht beachtete oder schon vergessene Zusammenhänge sichtbar, so das Urteil des amerikanischen Bischofs Spalding über Goethe, Hermann Bahrs Versuch, Goethes Denken christlich zu verstehen, die Beziehungen des Ideengehaltes des „Faust“ zu Augustinus. So wird der verschollene „Faust“-Kommentar eines unbekannten Verfassers F. B. aus dem Jahre 1842 heraufgeholt.

Nach einer Mitteilung V. O. Ludwigs ist es allerdings unterdessen ihm und Dr. K. Pleyer gelungen, den Namen dieses Kommentators festzustellen. Es ist jener Freund der Familie Ottilie von Goethes (in Wien), Universitätspro-von Krakau, der Augustinerpater Franz Thomas Bratzanek, der auch die Briefe eines begeisterten jungen Polen, des Begleiters des Dichters Mickievvicz, über ihrer beiden Erlebnisse in Weimar 1829, übersetzt hat. Diese Briefe hat Max Meli neu herausgegeben: „Besuch in Weimar. Goethes achtzigster Geburtstag“

(Pilgram-Verlag, Wien-Linz-Zürich), ein amüsantes Bild des Goetheschen Hauses, in dem Frau Ottilie „den Papa bloß durch ihre Anmut und Schmiegsamkeit ganz allein zu lenken wußte“, und der internationalen Welt, die sich dort traf, der Engländer, Franzosen und Polen; interessant obendrein durch die Distanz, die die schwärmerischen, gläubigen Polen von dem Wesen des Greises empfinden, von seiner .eisigen, durchdringenden Kälte“, und von der religiösen Unbestimm-barkeit oder, wie sie wohl meinen: religiösen Indifferenz des „Natur“-Enthusiasten Goethe wie des „Faust'-Dichters.

Die kleine Auswahl „Goethe im Gespräch — und im Spiegel zeitgenössischer Berichte“ von Herbert Ki e r (im Ober-österreichischen Landesverlag, Linz) ist' ein geschmackvolles, gut überlegtes, anregendes, teilweise überraschendes Mosaik rasch aufblitzender oder auch sich entfaltender Ideen und Reaktionen Goethes; jedes Steinchen darin ist klug betitelt, das Ganze obendrein durch ein Namenregister und kurze orientierende Notizen erläutert.

Wieder von einem Oberösterreicher, dem frühverstorbenen Franz Krennbauer, einem Schüler von Professor Verdroß-Droß-berg, der das Geleitwort gab, ist die Studie „Goethe und der Staat. — Die Staatsidee des Unpolitischen“ (Springer-Verlag Wien). Ist in den einleitenden Abschnitten die Struktur von Klassik und Romantik zumeist H. A. Korff („Geist der Goethe-Zeit“) nachgezeichnet, die genaue Darstellung der juridischen und politischen Laufbahn Goethes den Arbeiten von Bradish, Srbik, Meinecke verpflichtet, so ze'gt doch die Darstellung im ganzen bereits die Selbständigkeit und Sicherheit eigenen Forschergeistes. Man erfährt manches, was sonst verschwiegen wird, über Goethes Verhältnis zu den Mächten der Zeit, zu Österreich und Preußen, zu Napoleon. Goethe erscheint, wie es sich gebührt, als großer Deutscher und als ein um die Größe seiner Nation besorgter Denker, es wird aber auch einiges von der Dämonie des historischen Geschehens (vor 150 und vor 10 Jahren) sichtbar; „Nation“ und „Welt, „Tradition“ und „Fortschritt stehen (im Sinne Goethes) in notwendiger Wechselwirkung; und Goethe selbst ist als „der Unpolitische über die Parteien hinausgehoben und über die Mißverständnisse, die ihm von jeder Parteigesinnung aus drohen: das sind zudem Zeichen einer erfreulichen geistigen Unabhängigkeit, zumal da das Buch vor 1945 geschrieben wurde.

Ein ganz anderes Bild von Goethe entwirft Hans Ehrenberg, der evangelische theologische Schriftsteller, der vom „Luthertum, deutsch und ökumenisch“ geschrieben und die zwei Bände „östliches Christentum“ herausgegeben hat. Sein Buch (eine Neubearbeitung): „Goethe, der Mensch. — Sieben Variationen über Tod und

Beben (Heliopölis-Verlag, Tübingen), erinnert an das (hier bereits besprochene) Buch on Fl. Chr. und B. Rang: „Goethes adelige Sehnsucht“. Beide Bücher gehen der verborgenen, „verschwiegenen“ Religiosität Goethes nach, sie nehmen sein Wort, er sei der einzige wahre Christ seiner Zeit, ernst und versuchen — in oft mehr als gewagter Weise — seine übrigen Äußerungen zu Religion und Religiosität in diesem Sinne zu deuten, umzudeuten, man kann schon (wie es Ehrenberg selbst tut) sagen: zu „transsubstantiieren“. So wird Goethes „Natur“-Fragment zum „gläubigen Hymnus auf das Paradies in der gefallenen Schöpfung“ (und war doch wohl Hingabe an das irrationale All-Eine). So wird die „Faust“-Dichtung zu einem „Heilsdrama“, in dem (sehr inkognito) die Vorsehung den „lebensunfähigen“ Menschen Faust, stufenweise von der „Schockheilung“ (durch Erdgeist und Osterglocken) über die Heilung zur Lebenstüchtigkeit (durch die Elfen) und die „Geistheilung“ (durch Helena) zur endgültigen Heilung „für das ewige Licht“ (durch seine Erblindung) führe. Immerhin weiß Ehrenberg auch, daß es eine „Verlegenheit“ bleiben werde, zu sagen, „ob und wie wir Goethe als Christen oder als Unchristen zu nehmen haben“; daß Goethes „Partikularreligion“ nur die des ersten Glaubensartikels geblieben sei, des Schöpfungsartikels — er habe sich (nach dem Wort an F. H. Jacobi) durchaus „mit der Physik“ allein „gesegnet“ gewußt. Er nennt Goethes Theologie trotz allem „unglückselig“ und seine Christologie „grauslich“. Er verhehlt sich nicht die Grundtatsache, Goethe sei „sein ganzes Leben lang ausgewichen“. Goethe erscheint ihm schließlich als „ein in tiefen Wassern versinkender Jünger Jesu“, als „ein Schwacher, ein Bedürftiger“ — auch Fl. Chr. Rang hatte Goethe schießlich so gesehen: das Gegenbild zu dem des „Olympiers“. Er zitiert das Schlußwort von Flitner („Goethe im Spätwerk“): „Wie sich die christliche Gemeinde dieses häretischen und doch in ihrem Schöße gediehenen Erbes als eines Im Kern wahren bemächtigen soll, das ist für uns ein noch unaufgelöstes Problem.“ Die vorgespielten „Variationen“ waren ein Versuch solcher Bemächtigung.

Unterdessen sind die letzten Bände der Badener Goethe-Ausgabe erschienen: Goethe. Ausgewählte Werke. Herausgegeben und mit Einleitungen versehen von Ph. Hedbavny. Buchgemeinschaft der klassischen Verlagsgesellschaft Baden-Wien. Band 8 bis 12: „Dichtung und Wahrheit“, die „Italienische Reise“, die „Kampagne in Frankreich“ mit der „Belagerung von Mainz“ und zwischen diesen selbstbiographischen und zeitgeschichtlichen Werken der „Westöstliche Divan“ — dieser wie schon früher die Gedichte nach der „Ausgabe letzter Hand“. (Das' Gedicht „Wiederfinden“ ist noch einmal abgedruckt.) Jeder Band bringt wieder je ein Bild. Der Text scheint, nach den Proben, sorgsam redigiert zu sein. Diese reiche Auswahl wird manchem jungen Studenten oder Arbeiter eine Freude sein und manchem älteren ein willkommener Ersatz für die im Krieg verlorengegangene eigene Ausgabe.

Ludwig Hansel

Die fremden Götter. Von Hermann K e-s t e n. Roman. Querido-Verlag, Amsterdam — Bermann-Fischer. 241 Seiten.

Die Eltern einer polnisch-jüdischen Familie, die Zuflucht im französisdien Süden fand, werden von der einrückenden Gestapo verschleppt. Wie durch ein Wunder überlebend, finden sie ihre halbwüchsigen Töchter im Asyl einer Klosterschule; das jüngere Kind stirbt. Und nun stehen sich der durch das Erlebte streng orthodox gewordene Vater und die siebzehnjährige, katholisch gläubige, eben zur Liebe erwachende Luise gegenüber, starrköpfig, ausweglos. Das packende, ergiebige Thema könnte man ebenso von Gides ernstem, eindringendem Suchergeit entwickelt denken, wie mit der skeptisch-satirischen Anmut eines Anatole France. Kesten scheitert, indem er beides vereinen will und keines vermag. Einige Plastik gewinnt der Vater; alles andere wird Quiproquo von Ernst und Unernst, ohne Charme. Man weiß nie, ob der nächste Schritt weich oder hart auftreten wird. Bezeichnend ist ein unbeherrschter Stil, die ungepflegte Sprachbehandlung. Hat der Autor die große Chance des Vorwurfs überhaupt erkannt? H. Menningen

„Balzac“. Von Stefan Zweig. Bermann-Fischer-Verlag. 523 Seiten.

Dieses Werk, an dem der Autor zehn Jahre gearbeitet hat, bezeichnete er selbst als sein „magnum opus“ und nannte es den „großen Balzac“, zum Unterschied zu der Studie in dem Triptychon Balzac-Dickens-Dostojewski („Drei Meister“). Während des Krieges wurde das Werk vollendet. Aber es war kein endgültiger Abschluß: wie der Meister der „Comedie humaine“ wurde auch der Autor des Balzac-Romans von der Materie überwältigt, und Freunde Zweigs berichten, daß sein Arbeitszimmer in Bath in der letzten Zeit einem Balzac-Museum, einem Balzac-Archiv geglichen habe, wo sich Manuskripte, Zettel und Nachschlagewerke türmten. — Das Resultat dieser jahrelangen philologischen Arbeit ist fast auf jeder Seite des Buches sichtbar. Gegenüber anderen Monographien von Zweig hat dieses Buch den Vorteil, daß es weniger eine Ausdeutung im Stil des „Romans eines Künstlerlebens“, sondern eine geschickte, geistreiche Interpretation des riesigen Materials darstellt. — Der Herausgeber benützte für die Veröffentlichung eine dritte Fassung, le'diglich die letzten Kapitel mußten umgeschrieben werden, vermutlich weil an dieser Stelle bereits Fäden gesponnen waren für einen letzten Teil, welcher das

Schicksal von Balzacs Witwe und deren Familie schildern sollte. — In einigen Partien hat Zweigs Buch die Dramatik und Dichte Balzacscher Romane. Als Beispiel dafür sei eine Stelle herausgehoben, die einen Tag im Leben dieses unermüdlichen, wütenden Arbeiters schildert, den\ alles, was er im Leben angriff, unter den Händen zerrann und der nur im tausendköpfigen Kreis seiner erdichteten Gestalten wirklich bei sich und zu Hause war (S. 178—194).

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