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Literatur

Knapp verfehlt

1945 1960 1980 2000 2020
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Gerhard Falkners Erzähler sucht Bruno, den Bären, und sich selbst.

Am Coverbild von Gerhard Falkners Novelle "Bruno" sind alle drei zu sehen: die Alpen, der Bär und der einsame Wanderer; majestätisch unberührt, unbekümmert stark und geduckt tastend, so ist die Rollenverteilung, wie sie die Bildmontage suggeriert. In Leuk im Wallis treffen sie zusammen und werden einander doch verfehlen. Der Erzähler ist nicht in der besten Verfassung, das ist von Anfang an klar.

"Ich aber war schon immer ein Spitzenreiter im Rennen um die aberwitzigsten Schicksalsschläge. … Kurz bevor ich in die Schweiz reiste, hatte das Schicksal einen neuen Anlauf genommen, mich aus der Bahn zu werfen." In dieser Stimmung zieht sich der Berliner Schriftsteller in die Berge zurück; dass gleichzeitig Bruno, der Bär, in der Nähe gesichtet wurde, kann kein Zufall sein, zumal einmal eine Bekannte behauptet hat, der Bär sei sein Totemtier.

Also streift der Erzähler tagelang durch die Täler, quert Almen und Pässe, denn zum Unterschied vom Wolf, so belehrt ihn ein kundiger Einheimischer, geht der Bär nicht über den Grat. Dass die Problemmenschen unverzüglich um die Abschussgenehmigung einkommen, ist ihm klar, die Zeit drängt also.

Rastlos, dämmerungsaktiv

Rastlos und mit Vorliebe dämmerungsaktiv durch die Bergwelt wandernd, versucht er in gleicher Weise sich dem Bär zu nähern wie sich selbst. Für den Bären legt er Pflaumen aus, sucht nach Tatzenabdrücken - und dann sieht er ihn leibhaftig. Blitzschnell erinnert er sich an die Bildungslektüre seiner Kindheit, wie sich Karl Mays Hadschi Halef Omar einmal vor einem Bärenüberfall rettet, und er beginnt zu brüllen und zu toben - da trottet ein reichlich verstörtes Almrind eilig davon.

Es ist ein Vergnügen, wie Gerhard Falkner in seiner duftigen Novelle alles demoliert: das Ego des Erzählers, die Schweizer Alpen, sogar den "Höllensturz" in der Dorfkirche zerlegt er gnadenlos in seine Versatzstücke, und nichts bleibt über, zumindest nichts zum Fürchten. Wenn sich ein verstörtes männliches Ich sucht, braucht es die große Geste des Abenteuers oder doch die Lebensaufgabe oder die gewaltige Kulisse. Und alle drei redimensionieren sich im Lauf der wenigen Tage.

Wo der Erzähler einsam und unter Lebensgefahr - er war an einer kritischen Stelle ausgerutscht und fast abgestürzt - ein Plateau erklomm, wird ein paar Tage später tatsächlich der Bär gesichtet und gleich erlegt. Als der Erzähler mit einem Einheimischen am Tatort eintrifft, merkt er erst nach einer Schrecksekunde, dass er und alle anderen Problemmenschen mit Autos angefahren sind. Damit ist sein nächtliches Abenteuer futsch, der Bär sowieso und die Erhabenheit der Bergwelt gleich mit.

Hemingway und Stifter

"Ich spürte, welche existentielle Müdigkeit uns alle erfasst hat, und wie grotesk uns das macht", heißt es einmal, und die Folie dieses Gedankens ist "Der alte Mann und das Meer"; wer kann sich heute schon noch im Kampf auf Leben und Tod mit einem Riesenschwertfisch wiederfinden? Die andere erzählerische Referenz ergeht an Adalbert Stifters "Granit" - beide Bücher finden sich bei der Rückkehr nach Berlin noch aufgeschlagen auf dem Schreibtisch.

In puncto Naturbeobachtung ist Falkners Buch tatsächlich oft sehr fein. "Anders als die Tannen, die kerzengerade wie Spargel in die Höhe schießen, wölben die Lärchen den Ansatz ihrer Stämme knollenartig wie Pilze, und damit fast eine inbrünstige Bewegung ausdrückend, aus dem Gefälle des Bergwalds heraus, bevor sie in ihrem mächtigen und gedrungenen Wuchs in die Höhe steigen." Hat das schon einmal jemand beobachtet?

Auch sprachlich lässt Falkners Geschichte immer wieder aufhorchen. Manchmal will man voreilig den Rotstift zücken und einen Grammatikfehler ausbessern - da hilft nur ein zweites Mal lesen und mit mehr Atem, dann stimmt's plötzlich und man gewinnt Freude daran.

Die Welt der Schickeria, die er bei einem Besuch der Art Basel und mit einem manischen Markenfetischismus hereinholt, wirkt dagegen eigenartig im luftleeren Raum hängend. Schließlich: "Ich sah hinauf zu den Sternen und bemerkte, dass es zwei mehr waren als sonst." Was soll da noch einer von Mercedes; außerdem fährt er aktuell einen roten Porsche - einmal auch fast zuschanden; psychische und sexuelle Probleme drücken sich bekanntlich häufig im Konsumverhalten aus, wie der Erzähler - in Bezug auf die Kaufsucht der Frauen - selbst formuliert. Das ist übrigens just jene Stelle, die wohl dank "cut and paste" unvermutet zweimal stehen geblieben ist.

Bruno

Novelle von Gerhard Falkner

Berlin Verlag, Berlin 2008

110 Seiten, geb., € 16,50

Gerhard Falkners Erzähler sucht Bruno, den Bären, und sich selbst.

Am Coverbild von Gerhard Falkners Novelle "Bruno" sind alle drei zu sehen: die Alpen, der Bär und der einsame Wanderer; majestätisch unberührt, unbekümmert stark und geduckt tastend, so ist die Rollenverteilung, wie sie die Bildmontage suggeriert. In Leuk im Wallis treffen sie zusammen und werden einander doch verfehlen. Der Erzähler ist nicht in der besten Verfassung, das ist von Anfang an klar.

"Ich aber war schon immer ein Spitzenreiter im Rennen um die aberwitzigsten Schicksalsschläge. … Kurz bevor ich in die Schweiz reiste, hatte das Schicksal einen neuen Anlauf genommen, mich aus der Bahn zu werfen." In dieser Stimmung zieht sich der Berliner Schriftsteller in die Berge zurück; dass gleichzeitig Bruno, der Bär, in der Nähe gesichtet wurde, kann kein Zufall sein, zumal einmal eine Bekannte behauptet hat, der Bär sei sein Totemtier.

Also streift der Erzähler tagelang durch die Täler, quert Almen und Pässe, denn zum Unterschied vom Wolf, so belehrt ihn ein kundiger Einheimischer, geht der Bär nicht über den Grat. Dass die Problemmenschen unverzüglich um die Abschussgenehmigung einkommen, ist ihm klar, die Zeit drängt also.

Rastlos, dämmerungsaktiv

Rastlos und mit Vorliebe dämmerungsaktiv durch die Bergwelt wandernd, versucht er in gleicher Weise sich dem Bär zu nähern wie sich selbst. Für den Bären legt er Pflaumen aus, sucht nach Tatzenabdrücken - und dann sieht er ihn leibhaftig. Blitzschnell erinnert er sich an die Bildungslektüre seiner Kindheit, wie sich Karl Mays Hadschi Halef Omar einmal vor einem Bärenüberfall rettet, und er beginnt zu brüllen und zu toben - da trottet ein reichlich verstörtes Almrind eilig davon.

Es ist ein Vergnügen, wie Gerhard Falkner in seiner duftigen Novelle alles demoliert: das Ego des Erzählers, die Schweizer Alpen, sogar den "Höllensturz" in der Dorfkirche zerlegt er gnadenlos in seine Versatzstücke, und nichts bleibt über, zumindest nichts zum Fürchten. Wenn sich ein verstörtes männliches Ich sucht, braucht es die große Geste des Abenteuers oder doch die Lebensaufgabe oder die gewaltige Kulisse. Und alle drei redimensionieren sich im Lauf der wenigen Tage.

Wo der Erzähler einsam und unter Lebensgefahr - er war an einer kritischen Stelle ausgerutscht und fast abgestürzt - ein Plateau erklomm, wird ein paar Tage später tatsächlich der Bär gesichtet und gleich erlegt. Als der Erzähler mit einem Einheimischen am Tatort eintrifft, merkt er erst nach einer Schrecksekunde, dass er und alle anderen Problemmenschen mit Autos angefahren sind. Damit ist sein nächtliches Abenteuer futsch, der Bär sowieso und die Erhabenheit der Bergwelt gleich mit.

Hemingway und Stifter

"Ich spürte, welche existentielle Müdigkeit uns alle erfasst hat, und wie grotesk uns das macht", heißt es einmal, und die Folie dieses Gedankens ist "Der alte Mann und das Meer"; wer kann sich heute schon noch im Kampf auf Leben und Tod mit einem Riesenschwertfisch wiederfinden? Die andere erzählerische Referenz ergeht an Adalbert Stifters "Granit" - beide Bücher finden sich bei der Rückkehr nach Berlin noch aufgeschlagen auf dem Schreibtisch.

In puncto Naturbeobachtung ist Falkners Buch tatsächlich oft sehr fein. "Anders als die Tannen, die kerzengerade wie Spargel in die Höhe schießen, wölben die Lärchen den Ansatz ihrer Stämme knollenartig wie Pilze, und damit fast eine inbrünstige Bewegung ausdrückend, aus dem Gefälle des Bergwalds heraus, bevor sie in ihrem mächtigen und gedrungenen Wuchs in die Höhe steigen." Hat das schon einmal jemand beobachtet?

Auch sprachlich lässt Falkners Geschichte immer wieder aufhorchen. Manchmal will man voreilig den Rotstift zücken und einen Grammatikfehler ausbessern - da hilft nur ein zweites Mal lesen und mit mehr Atem, dann stimmt's plötzlich und man gewinnt Freude daran.

Die Welt der Schickeria, die er bei einem Besuch der Art Basel und mit einem manischen Markenfetischismus hereinholt, wirkt dagegen eigenartig im luftleeren Raum hängend. Schließlich: "Ich sah hinauf zu den Sternen und bemerkte, dass es zwei mehr waren als sonst." Was soll da noch einer von Mercedes; außerdem fährt er aktuell einen roten Porsche - einmal auch fast zuschanden; psychische und sexuelle Probleme drücken sich bekanntlich häufig im Konsumverhalten aus, wie der Erzähler - in Bezug auf die Kaufsucht der Frauen - selbst formuliert. Das ist übrigens just jene Stelle, die wohl dank "cut and paste" unvermutet zweimal stehen geblieben ist.

Bruno

Novelle von Gerhard Falkner

Berlin Verlag, Berlin 2008

110 Seiten, geb., € 16,50