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Literatur

Krieg, von oben und von unten

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Andechs, 1633: Die Soldaten schlugen im Dorf Öfen und Fenster ein. Denn sie litten nicht weniger Hunger als die Bauern.

Für die Menschen des 17. Jahrhunderts hingen irdisches und himmlisches Geschehen zusammen. Der Himmel gab Fingerzeige, wie das, was auf Erden geschah, zu deuten war.

Dass mit dem Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618 ein Krieg begann, der wegen seiner Dauer als "Dreißigjähriger" in die Geschichte eingehen sollte, konnten die Zeitgenossen dieses Ereignisses nicht wissen. Aber dass Schreckliches in der Luft lag, wurde wachsamen Beobachtern spätestens Anfang Dezember desselben Jahres klar. In diesen Tagen registrierten Astronomen wie Johannes Kepler in Linz oder der Jesuit Johann Baptist Cysat in Ingolstadt am Himmel einen Kometen von spektakulärer Helligkeit, der einen langen Schweif hinter sich herzog. Bis weit in den Januar hinein war dieser "Winterkomet" mit bloßem Auge zu sehen, sodass auch Tagebuchschreiber und Chronisten von ihm Notiz nahmen, ja für manche wurde die ungewöhnliche Himmelserscheinung sogar zum Motiv, überhaupt erst zur Feder zu greifen.

Ein Komet, "so schröcklich und wunderlich"

Als der Ulmer Schuhmacher Hans Heberle den "commet" sah, so "schröcklich und wunderlich", begriff er auf Anhieb, dass er "etwas gross bedeüten und mit sich bringen" müsse. Um der Bedeutung auf die Spur zu kommen, begann Heberle ein "Zeytregister" zu führen, das sich am Ende über mehr als 50 Jahre und 350 Seiten erstrecken sollte. Auch dem gräflichen Landrat Volkmar Happe in Schwarzburg-Sondershausen war sogleich klar, dass der Schweifstern Bedeutsames verhieß, und zwar nichts Gutes: "Kein schrecklichen Comet man spürt, der nicht groß Unglück mit sich führt", zitierte Happe einen antiken Dichter, und tatsächlich bestätigten die in seiner Thüringer Chronik vermerkten Ereignisse schon bald diese Deutung: "Was auf diesen Cometen für schreckliche Aufruhr, Krieg, Mord, Theurung, Pestilenz, Verenderung, Fürstenthümer und Herrschaften erfolget, die evangelische Religion verfolget, an vielen Orten ausgetilget und dargegen der päbstische Greuel wiederumb eingeführet worden, das ist aus folgenden beschriebenen actitatis zu vernehmen."

400 Jahre nach den "beschriebenen actitatis" sind nicht nur die Historiker klüger. Wir alle wissen, dass Kometen keine Kriege ankündigen, geschweige denn auslösen. So etwas tun nur Menschen. Für die Menschen des 17. Jahrhunderts hingen jedoch irdisches und himmlisches Geschehen zusammen, denn beide, Himmel und Erde, hatte Gott geschaffen. Daher gab der Himmel dem Verständigen nicht nur Fingerzeige, wie das, was auf Erden geschah, zu deuten war, sondern er konnte auch zum rechten Handeln anleiten. Der spannungsreiche Zusammenhang zwischen "Himmelszeichen und Weltgeschehen" ist Thema von Andreas Bährs lesenswerter Studie "Der grausame Komet". Anstatt den Dreißigjährigen Krieg mit der nachträglichen - und daher wohlfeilen - Klugheit des Historikers abzuhandeln, der behauptet erklären zu können, warum das Unbegreifliche geschehen ist, begibt sich Bähr auf die Ebene der zeitgenössischen Beobachter und entwirft von dort aus neue Perspektiven auf eine vermeintlich alte Geschichte.

Einen Blickwinkel "von unten" nimmt auch das sonst ganz andere Buch "Der Dreißigjährige Krieg" von Christian Pantle ein. Es beruht auf zwei zeitgenössischen Tagebüchern, dem des Söldners Peter Hagendorf und dem des Abtes von Andechs am Ammersee, Maurus Friesenegger. Pantle hat die beiden Ego-Dokumente so montiert und durch ausführliche Überleitungen verbunden, dass eine umfassende Schilderung des Krieges aus Sicht der Betroffenen entstanden ist. Hagendorf trat 1625 in Pappenheims Armee ein, wurde schwer verwundet, genas aber und zog bis 1648 mit Kind und Kegel im Tross verschiedener Feldherren kreuz und quer über die Schlachtfelder. Er kann als Prototyp des unbekannten Soldaten gelten, von dessen Alltag die lakonischen Einträge seines Tagebuchs Zeugnis ablegen: "Was wir in der Altmark gefressen haben, haben wir redlich müssen wieder kotzen vor Leipzig", kommentierte Hagendorf die desaströse Niederlage der Kaiserlichen, in deren Reihen er kämpfte, gegen die Truppen Gustav Adolfs bei Breitenfeld 1631.

Wie Hunger und Not aussehen

Friesenegger hingegen musste als Abt von Andechs wiederholt die Durchzüge der Armeen über sich und sein Kloster ergehen lassen. Nicht immer gelang es ihm, seine Mönche und Bauern vor Marodeuren zu schützen, wobei es einerlei war, ob Freund oder Feind, Spanier oder Schwede anrückte. Als das kaiserlich-katholische Heer Ende 1633 durch Andechs marschierte, betrugen sich die Soldaten "im Dorf sehr übel, wo sie Öfen und Fenster einschlugen, weil sie Herr im Hause waren und der Herr im Hause nichts zu essen fand". Denn die Soldaten litten nicht weniger Hunger als die Bauern: "Mehrere, nur halb volle Kompanien, schwarze und gelbe Gesichter, ausgemergelte Körper, halb bedeckte oder mit Lumpen umhängte oder in Frauenkleidern einmaskierte Figuren, eben so wie Hunger und Not aussehen." Wie Pantle klarstellt, führt uns Friesenegger mit seinem Tagebuch "in aller Deutlichkeit vor Augen, dass es im Krieg kein Gut und Böse gibt, sondern der Krieg an sich das Übel ist".