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KUNST ALS KOMMUNIKATION

Diese Galerie, die vor zwölf Jahren — nicht ganz zufällig — mit einer Ausstellung von Herbert Boeckl, und zwar mit seinen aus Spanien mitgebrachten Aquarellen und dem einen Ölbild der kleinen Therese von Lisieux, begonnen wurde, hat immer die Meinung dokumentiert, daß Kunst mehr als ein Amüsement und eine Dekoration des Lebens ist. Ich habe die Kunst immer in eine Reihe mit den großen geistigen Leistungen, den denkerischen Leistungen des Menschen gestellt. Und im Gegensatz zur Meinung Hegels, der die Kunst und die Religion eine Etage tiefer als die Philosophie placierte, und der meinte, daß die sinnliche Verhaftetheit von beiden eben noch nicht die Reinheit des Denkens und der Erkenntnis ermögliche, bin ich immer der Meinung gewesen, daß Kunst mit Theologie und mit Philosophie zusammen zu den höchsten geistigen und damit auch menschlichen Leistungen des Menschen gehört. Zu seinen Spezifica, zu dem, worin er sich selbst erkennt, und sich selbst definiert.

Es ist leicht, vielleicht leicht, eine Galerie zu beginnen, es Ist hart, eine Galerie Jahre durchzuhalten. Zunächst einmal aus rein finanziellen Gründen. Es ist nicht leicht für jemand, der an und für sich ein unabhängiger Mensch ist und es gerne bleiben möchte, sozusagen Deckung zu geben und das Geld für ein solches Unternehmen zusammenzubringen. Die Galerie ist nie ein Geschäftsunternehmen, nie ein Verkaufshaus gewesen, sondern immer das, was man mit einem vielleicht trivial gewordenen Ausdruck ein idealistisches Unternehmen nennt. Und sie hat trotzdem im Laufe dieser Jahre eine zureichende Unterstützung, wenn auch unterbrochen von vielen Krisen, in finanzieller Hinsicht gefunden. Das danke ich vor allem dem österreichischen Unterrichtsministerium, und ich danke das auch dem Institut zur Förderung der Künste in Österreich, vor allem diesen beiden Institutionen. Vielleicht ist die Galerie heute in dieser Hinsicht etwas krisenfester geworden und hat sich das Wohlwollen verdichtet.

Allerdings ist ein Zweites noch schwieriger, nämlich, Charakter zu behalten und all den Versuchungen zu widerstehen, das auszustellen, was entweder das Publikum sehr gerne sieht und was von ihm akzeptiert würde oder das zu zeigen, was die vielen Maler oder Bildhauer bekämpfen wollen, die eine Galerie mit ihren Mappen besuchen und mit ihren Gegenständen, und die meinen, sie müssen es durchsetzen, ausgestellt zu werden. Wenn man gegenüber diesen Menschen, die man oft persönlich sehr bemitleidet, weil sie in einer unangenehmen finanziellen Situation sind oder weil sie bisher nichts an die Öffentlichkeit bringen konnten, wenn man ihnen dann „nein“ sagen muß, so ist das unangenehm, sehr unangenehm. Und ich habe mir immer den Kopf zerbrochen, wie sich das vereinbaren läßt; unbestechlicher Leiter eines Unternehmens zu sein, das der Wahrheit des Geistes dient, und auf der anderen Seite sozusagen ein Seelsorger sein zu sollen, der sich mit den Menschen in das Gespräch einläßt. Aber es scheint mir, daß diese beiden Dinge zum Schluß doch vereinbar sind. Wenn es einem nämlich gelingt, den Menschen klarzumachen, warum man sie nicht oder vielleicht besser noch nicht akzeptiert.

Die Galerie hat auch immer eine gewisse Willkürlichkeit gezeigt, ich möchte nicht sagen Laune, sie hat auch vieles nicht gezeigt, was durchaus Wert hat und Sinn hat und Rang hat, sondern sie hat verschiedene Tendenzen besonders favorisiert und ich glaube, wenn man von Freiheit der Kunst spricht, so muß man es einer Galerie auch zubilligen, daß sie die Freiheit des Ausstellens, die Freiheit des Zeigens und Operierens für sich in Anspruch nimmt. Es ist im Grunde genommen dieselbe Freiheit, und es ist sehr schön, ich tue mir etwas darauf zugute, daß ich von kirchlicher Seite nie einen einzigen Groschen bekommen habe für diese Galerie und niemals einen irgendwie gearteten Auftrag für diese Sache, sondern daß ich von einigen kompetenten Stellen geduldet wurde und von der wichtigsten, mir wichtigsten und höchsten Stelle, mit Wohlwollen auf Distanz betrachtet werde, mit dem, was ich in der Galerie tue.

Uund das genügt. Das genügt, um das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, die dann doch das berechtigte Gefühl haben können, daß hier mit ihnen nicht manipuliert wird.

Und daß man nicht irgend etwas anderes sucht, als eben das, was vorgegeben und vorgestellt wird: die Kunst Ich bin immer der Meinung gewesen, daß man die Kunst gar nicht für kirchliche Zwecke zu adaptieren und in Dienst zu stellen braucht, damit sie für einen Theologen, wie ich es bin, eine Bedeutung besitzt, oder für einen Kirchenmann eine Bedeutung besitzt. Ich bin der Meinung, daß die Kunst selbst als Kunst ohne jeden sakralen Verwendungszweck so sehr in metaphysische Bereiche reicht, und so sehr das im Menschen mobilisiert, was man in einigen Sprachen mit Recht das Spirituelle nennt, nämlich dieses Unscheidbare von Geistigem, Intellektuellem und dem Geistlichen. In der deutschen Sprache sind diese beiden Worte auseinandergefallen, seit ungefähr zwei Jahrhunderten, und weil also Kunst per se und per deflnitionem diesen Charakter hat, habe ich nie die Absicht gehabt, hier in einer praktischen oder gar aufdringlichen Weise etwa sakrale Kunst herauszustellen. Eine solche Ausstellung hat in der Galerie noch nie stattgefunden. Man weiß, was hier gezeigt wurde und was teilweise immer wieder gezeigt werden wird, und worüber hier, in den internationalen Kunstgesprächen, diskutiert wurde, war etwa das Problem des zeitgenössischen Kirchenbaus, der so sehr im Argen liegt und einer geistigen und einer theologischen Orientierung bedarf.

Ich glaube, daß es völlig berechtigt ist, diese Galerie weiterzuführen, als einen Ort der Zukunft, als einen Ort der Diskussion, der Interpretation, als Ort der Auseinandersetzung zwischen den Künstlern und zwischen dem Publikum, den Interessierten. Als einen Ort, wie er eben ein geistiges Zentrum, ein Strahlungspunkt ist, als ein Ort vieler Begegnungen aus vielen Richtungen her. Ich glaube, daß diese Galerie auch viele Freunde im Ausland gewonnen hat, und auch das, damit möchte ich schließen, ist ein Zeichen dafür, wie Kunst hier gesehen wird. Der Schlachtruf „Ottakring den Ottakrin-gern“ oder „Stinkenbrunn“ der betreffenden Bevölkerung, das kann nicht die Parole in diesem Land Österreich sein. Dieses Land, das im mindesten zwei Achsen von Nord nach Süd, von Ost nach West hat, dieses Land, das ein Durchzugsland, das ein Kommunikationspunkt ist, dieses Land, das nur leben, existieren und geistig atmen kann, wenn es nach allen Richtungen hin Einzugsgebiet ist, aber auch Ausstrahlungsgebiet ist: die Kunst kann in diesem Land nur in internationalen Zusammenhängen existieren. Sind wir doch endlich, Gott sei's gedankt, in jenem Zeitalter angelangt, in dem die Kunst nicht durch lokale Sonderheiten in ihrer Art bestimmt wird, nicht durch ethnische Gegebenheiten, nicht einmal so sehr durch zeitliche, am allerwenigsten durch geographische Gegebenheiten, sondern die Kunst dadurch bestimmt wird, daß die Facettierung des menschlichen Geistes immer reicher wird, daß die Aufgliederung seiner Möglichkeiten immer deutlicher wird, daß die Unerschöpflichkeit des menschlichen Denkens und des menschlichen Schaffens immer sinnenfälliger wird.

Kunst ist etwas, was wesensgemäß nur mondial betrieben werden kann. Ein großer Atem, der die Völker durchweht, eine Kommunikation von Geist zu Geist So wird ja dann die Kunst, die keiner Sprache bedarf und die durch keine Sprache getrennt wird, in einer kommenden Welt eines der wesentlichsten Kommunikationsmittel sein und das realisieren, was wir schon seit langem erwarten: Eine Menschheit, die sich dessen bewußt ist, daß das Menschheitliche, das familiäre Menschheitliche und das Gesamtmenschheitliche und das fundamental Menschliche wichtiger ist als alles, was Menschen trennen kann.

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